Der Artikel erschien am 25.03.2026
Die Akte Iran: Wie die Uno-Charta zerbricht und die Welt sich neu sortiert
Vier Wochen nach dem gemeinsamen Angriff von USA und Israel auf Iran herrscht diplomatisches Chaos. Während China und Russland von „Rechtsbruch“ sprechen, laviert Indien, und Australien sendet eigene Kampfflugzeuge. Die EU laviert zwischen Prinzip und Realpolitik. Eine Rekonstruktion der Standpunkte und ein Ausblick, wohin die Reise führt.
Es war der 28. Februar 2026, als die ersten Raketen über Teheran einschlugen. Gemeinsam hatten die Vereinigten Staaten und Israel militärische Schläge gegen die Islamische Republik Iran geflogen. Getroffen wurde nicht nur eine Atomanlage bei Natanz, sondern auch das Ziel, das die Weltöffentlichkeit noch mehr schockierte: Ajatollah Ali Chamenei, das geistliche Oberhaupt, wurde bei dem Angriff getötet [1][3]. Was folgte, war ein vierwöchiger Krieg mit iranischen Vergeltungsangriffen auf Golfstaaten, einer Ölpreisexplosion und einer tiefen Spaltung der internationalen Gemeinschaft. Die entscheidende Frage lautet: Hat die Uno-Charta noch Gültigkeit, oder kehrt die Welt zurück ins Recht des Stärkeren? Die Antworten der wichtigsten Regierungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine Analyse der BRICS-Staaten, Japans, Australiens und Nordkoreas zeigt ein Geflecht aus Pragmatismus, Rechtsempörung und nacktem Eigeninteresse.
Der Bruch von New York: Kein Mandat, kein Gesetz
Die völkerrechtliche Bewertung ist eindeutig, und doch wird sie politisch verbogen. Artikel 2(4) der Uno-Charta verbietet die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit eines Staates. Ausnahmen gibt es nur zwei: ein Mandat des Sicherheitsrats oder die individuelle Selbstverteidigung nach einem bewaffneten Angriff. Keines von beidem lag vor. Die USA und Israel hatten sich weder eine Resolution des Sicherheitsrats eingeholt, noch konnte im Vorfeld ein iranischer Angriff auf ihr Territorium nachgewiesen werden [7][40]. Genau an diesem normativen Abgrund entzündet sich die Kritik derjenigen, die das westliche Handeln als Tor zur Anarchie bezeichnen.
Die Uno-Vollversammlung blieb zunächst stumm, doch die Rechtsabteilungen in Den Haag und in den Außenministerien von Brasília bis Pretoria arbeiteten Überstunden. Der einstige State-Department-Jurist, der anonym blieb, sprach von einem „völkerrechtlich nicht zu haltenden Alleingang“ [40]. Für viele Beobachter markiert der 28. Februar 2026 jenen Moment, an dem die nach 1945 mühsam errichtete regelbasierte Ordnung einen tiefen Riss bekam – einen Riss, der nun das Denken von Peking über Moskau bis nach Neu-Delhi bestimmt.
Die BRICS-Stimmen: Peking als Hüter der Souveränität
Aus China kam die schärfste formale Rüge. Außenamtssprecherin Mao Ning erklärte, die Angriffe hätten „keine Autorisierung des UN-Sicherheitsrats“ und verstießen gegen elementare Prinzipien des Völkerrechts [3]. Besonders die Ermordung Chameneis bezeichnete Peking als „schwere Verletzung der Souveränität und Sicherheit Irans“ [3]. Doch hinter der scharfen Rhetorik verbirgt sich eine abgestufte Realpolitik. Peking evakuierte zeitgleich mehr als 3000 chinesische Staatsbürger aus Iran und enthielt sich im Sicherheitsrat bei Resolution 2817, die Irans Gegenangriffe verurteilte, der Stimme, obwohl ein Veto möglich gewesen wäre [3][41]. Die staatliche „Global Times“ warnte davor, in die „Zeit des Dschungels“ zurückzufallen [21]. Chinesische Experten wie Zhai Jun wurden im Laufe des März deutlicher und machten in Hintergrundgesprächen klar: Die USA versuchten, mit Gewalt eine internen Destabilisierung Irans zu erzwingen [14]. Peking positioniert sich damit als Verteidiger einer angegriffenen Staatlichkeit, ohne sich jedoch militärisch einzumischen.
Moskaus doppelte Botschaft: Zynismus und nukleare Warnung
Der Kreml fand ähnliche Worte, doch die Tonlage war dramatischer. Präsident Wladimir Putin nannte die Tötung Chameneis einen „zynischen Rechtsbruch“ und bot sich selbst als Vermittler an [11]. Dmitri Peskow, sein Sprecher, warnte vor „irreparablen Konsequenzen“, falls die Schläge gegen iranische Nukleareinrichtungen ausgedehnt würden [5]. Hinter der offiziellen Empörung steckt freilich ein sicherheitspolitisches Kalkül: Sollte sich der Präzedenzfall durchsetzen, dass ein Staat einen Führer eines anderen souveränen Landes tötet, wäre auch Russland nicht mehr sicher. Staatsmedien wie der Sender Russia-1 zeigten martialische Bilder und sprachen von „Kriegsverbrechen“ [11]. Gleichzeitig hielt sich Moskau bei konkreten Waffenlieferungen an Iran zurück, um die fragile Kommunikation mit der Trump-Administration über die Ukraine nicht ganz abbrechen zu lassen. Die Analyse des Außenministeriums in Moskau zeigte jedoch eines deutlich: Das Vertrauen in westliche Verhandlungsbereitschaft ist endgültig zerstört [22].
Indiens Schweigen als Strategie: Pragmatismus vor Prinzip
Bemerkenswert war die Zurückhaltung Neu-Delhis. Während Peking und Moskau öffentlich donnerten, schwieg Premierminister Narendra Modi auf X (ehemals Twitter) zu den Vorfällen, obwohl er in jener Woche dutzende Beiträge zu anderen Themen verfasste [12]. Erst Tage später gab es ein kondolierendes Statement, das die Ermordung Chameneis nicht einmal erwähnte. Indische Analysten sprachen von „pragmatischer Ausrichtung“ [12]. Zu groß sind die wirtschaftlichen Verflechtungen mit den USA, zu wichtig die Rüstungskooperation mit Israel und zu riskant eine Offensive gegen die Trump-Regierung.
Zudem unterhält Indien über das Hafenprojekt Tschahbahar enge Beziehungen zu Iran. Diese Gratwanderung führte dazu, dass Indien einerseits Irans Raketenangriffe auf die Golfstaaten verurteilte, andererseits aber über den Marineeinsatz „Operation Sankalp“ die Sicherheit der eigenen Schifffahrt gewährleistete [4]. In der indischen Medienlandschaft fiel auf, dass fast ausschließlich westliche Agenturen zitiert wurden, was Kritiker als „strukturelle Abhängigkeit“ bezeichneten [24]. Indien zeigt damit exemplarisch, wie ein Schwellenland unter Druck seine Prinzipien der Nichteinmischung zurückstellt, um sich strategisch nicht zu verheben.
Brasilien und Südafrika: Die unbequemen Mahner aus dem Süden
Während Indien lavierte, wählten Brasilien und Südafrika den Weg der prinzipientreuen Verurteilung. Brasília gab am 28. Februar eine Regierungserklärung heraus, in der es die Angriffe als „Verstoß gegen laufende Verhandlungen“ geißelte [6]. Das Außenministerium in Rio machte kein Hehl daraus, dass man die USA als „perdidos“ – verloren – ansah, und warf Washington vor, ohne Ausstiegsszenario zu handeln [25].
Gemeinsam mit Mexiko und Kolumbien forderte Brasilien eine sofortige Waffenruhe und betonte, dass Differenzen nur durch internationale Diplomatie zu lösen seien [45]. Südafrika verfolgte einen noch juridischeren Ansatz: In einer detaillierten Stellungnahme wurde nicht nur der US-amerikanisch-israelische Angriff als Bruch der Uno-Charta verurteilt, sondern auch Irans Vergeltungsschläge kritisiert, soweit sie über das Selbstverteidigungsrecht hinausgingen [7]. Pretoria verwies auf zerstörte Schulen, Krankenhäuser und den Grundsatz, dass „kein Staat das Recht habe, den Führer eines anderen Landes zu ermorden“ [31]. Beide Länder, Brasilien und Südafrika, stellen sich damit in die Tradition des Multilateralismus, auch wenn sie wissen, dass ihre Stimmen im Lärm der Großmächte kaum gehört werden.
Japan und Australien: Zwischen Bündnistreue und Verfassung
Besonders prekär ist die Lage für Japans Premierministerin Takaichi. Die Regierung in Tokio gab sich betont zurückhaltend, sammelte Informationen und sprach sich für die Fortsetzung der gescheiterten Nukleargespräche aus [8]. Doch der innenpolitische Druck ist enorm: Die Verfassung (Artikel 9) verbietet eine militärische Beteiligung, während Washington um Unterstützung für Patrouillen in der Straße von Hormus wirbt [33]. Gleichzeitig explodierten die Energiepreise, eine existenzielle Bedrohung für die rohstoffarme Inselnation [18].
Ganz anders Australien: Canberra stellte sich sofort an die Seite Washingtons. Außenministerin Penny Wong erklärte, man stehe „an der Seite des tapferen Volkes Irans“ und verwies auf angebliche iranische Anschläge auf australischem Boden im Jahr 2024 [19]. Premierminister Albanese entsandte Aufklärungsflugzeuge und Luftabwehrraketen in die Vereinigten Arabischen Emirate, ein defensives Engagement, das jedoch die strategische Ausrichtung klar zeigt [9]. Australien wird damit zum westlichen Vorposten, der die Militäraktion nicht nur duldet, sondern aktiv unterstützt, auch wenn es sich formal aus der Offensive heraushält.
Nordkoreas Lehrstück: Die Bombe als einziger Schutz
Pjöngjang reagierte erst nach einer Tagesfrist, ein Zeichen strategischer Abstimmung mit Peking und Moskau. Die offizielle Erklärung verurteilte den „illegalen Aggressionsakt“ und sprach von der „abscheulichsten Form der Souveränitätsverletzung“ [17]. Doch die wahre Botschaft richtete sich an das eigene Volk: Seht her, Iran hatte keine Atomwaffen, und schon wurde sein Führer getötet. Nordkorea unterstrich damit einmal mehr seine Doktrin, dass nur eine nukleare Abschreckung den Fortbestand des Regimes garantieren könne [17]. Fachleute wiesen zudem darauf hin, dass die Raketenabwehrsysteme der USA bei den iranischen Vergeltungsschlägen effektiv gearbeitet hätten, ein strategischer Hinweis für die Militärplaner in Pjöngjang [10]. Der Iran-Krieg wird in Nordkorea somit als Argument für den weiteren Ausbau der eigenen Nuklearstreitmacht instrumentalisiert.
Die Türkei und die arabische Welt: Zerrissen zwischen Iran-Angst und US-Mistrauen
Während die europäischen Hauptstädte um eine gemeinsame Linie rangen und die BRICS-Staaten ihre völkerrechtliche Kritik formulierten, sah sich die unmittelbare Nachbarschaft Irans mit einer existenziellen Bedrohung konfrontiert. Für die Türkei, die Golfmonarchien und die weiteren arabischen Staaten ist der Krieg kein fernes Schauspiel, sondern eine Feuersbrunst vor der eigenen Haustür. Ihre Reaktionen offenbaren eine tiefe Zerrissenheit: Sie fürchten das iranische Regime, misstrauen der Schutzgarantie Washingtons und versuchen verzweifelt, nicht selbst zur Zielscheibe zu werden. Zwei Linien zeichnen sich ab: die diplomatische Aktivität Ankaras einerseits und die schmerzhaft stille Kalkulation der Golfstaaten andererseits.
Ankara als Vermittler in der Krise
Die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich als einer der aktivsten diplomatischen Akteure im Hintergrund positioniert. Schon seit Monaten, so berichtete Außenminister Hakan Fidan, habe Ankara Iran vor einer Eskalation gewarnt und zu direkten Gesprächen mit Washington geraten [5]. Nach dem Überfall verdoppelte die Regierung in Ankara ihre Bemühungen. Fidan betonte am 8. März, die Türkei führe "ständig diplomatische Kontakte", um den Krieg zu beenden, und setze dabei vor allem auf die Botschaft des iranischen Präsidenten Massud Peseschkian: "Wir greifen nicht an, es sei denn, wir werden angegriffen" [2].
Doch die türkische Position ist von tiefer Ambivalenz geprägt. Einerseits pflegt Ankara enge wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen zu Teheran. Andererseits macht Erdoğan keinen Hehl daraus, wem er die Hauptschuld am regionalen Flächenbrand gibt. Am 24. März bezeichnete er die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu als "Kriegsverbrecher", der ein "Netzwerk von Massakern" betreibe, und forderte die internationale Gemeinschaft auf, endlich eine "mutige und proaktive Haltung" einzunehmen [8]. Gleichzeitig warnte er davor, dass der "illegale Krieg" der USA und Israels die Weltwirtschaft für Jahre beschädigen könnte [8]. Die Türkei, so Erdoğan, werde sich nicht in den "Krieg der anderen" hineinziehen lassen und setze auf die "universelle Sprache der Liebe und des Friedens" [8].
Hinter dieser Rhetorik steht die Furcht vor einer Destabilisierung der gesamten Region. Besorgnis erregt in Ankara die strategische Dimension: Außenminister Fidan warnte davor, dass Israel versuche, kurdische Gruppen als Stellvertreter für einen Bürgerkrieg im Iran zu instrumentalisieren [5]. Ein solches Szenario, so Fidan, wäre das gefährlichste überhaupt und würde zu Millionen von Flüchtlingen führen [5]. Auch die physische Bedrohung ist real. Die Türkei meldete, dass eine iranische Rakete in ihren Luftraum eingedrungen und abgeschossen worden sei – ein Zwischenfall, den Ankara als "Provokation" wertete, dem man aber nicht nachgeben werde [5].
Die Golfstaaten: Getroffen, aber stumm
Während Ankara noch versucht zu vermitteln, erleben die sechs Mitglieder des Golf-Kooperationsrates (GCC) – Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – den Krieg als unmittelbare Katastrophe. Der Iran hat nach Angaben westlicher und regionaler Stellen seit Kriegsbeginn Tausende Raketen und Drohnen auf die Golfstaaten abgefeuert [1, 10]. Besonders die Vereinigten Arabischen Emirate sind betroffen: Dort wurden über 2.000 Angriffe gezählt, mehr als 80 Prozent davon trafen zivile Infrastruktur wie Ölanlagen, Flughäfen und Häfen [10]. Auch der weltweit größte Flüssigerdgasterminal in Ras Laffan in Katar wurde getroffen, was zu einem Einbruch der Produktion um 17 Prozent und einem Preisschock an den europäischen Energiemärkten führte [3].
Die Reaktion der Golfstaaten auf diesen Beschuss ist jedoch von einer bemerkenswerten Zurückhaltung geprägt. Bislang haben sie keinen einzigen Vergeltungsschlag gegen den Iran geflogen [4]. Diese "Strategie des Verzichts", so der Sicherheitsexperte Sina Tusi, basiere auf einer "Mischung aus Verwundbarkeit, strategischer Kalkulation und begrenztem Gewinn" [4]. Die Volkswirtschaften der Golfstaaten hängen von ihrer Energieinfrastruktur ab, und der Iran hat gezeigt, dass er über die Straße von Hormus einen wirksamen Hebel besitzt, um genau diese Infrastruktur zu treffen [4]. Ein Militärschlag gegen Teheran könnte eine unkontrollierbare Eskalation auslösen und die Region in einen Flächenbrand stürzen, den niemand kontrollieren kann.
Hinzu kommt ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten. Die Erfahrung des Irakkriegs von 2003 wirkt bis heute nach. Damals stürzten die USA Saddam Hussein, hinterließen jedoch ein Machtvakuum, das zu jahrelanger Gewalt und einem erstarkten Iran führte [4]. Die Golfstaaten fürchten nun, dass Washington unter Präsident Trump einen endlosen Krieg ohne klare Exit-Strategie führt und sie am Ende mit einem zerstörten Nachbarn allein lässt [3]. Ein Berater des Präsidenten der Emirate, Anwar Gargasch, brachte diese Zerrissenheit auf den Punkt: Man habe zwar das Recht auf Selbstverteidigung, wolle aber "Vernunft und Zurückhaltung walten lassen" und suche "nach einem Ausweg aus der Krise für den Iran und die gesamte Region" [7].
Der Druck wächst: Zwischen Selbstbehauptung und Eskalationsangst
Doch die Geduld der Golfstaaten ist nicht unendlich. Die öffentliche Empörung über die anhaltenden Angriffe wächst, und mit ihr der innenpolitische Druck, endlich zu handeln. Mitte März kamen die Außenminister von zwölf arabischen und islamischen Staaten in Riad zusammen, um eine gemeinsame Position zu finden [3, 6]. Das Ergebnis war eine deutliche Warnung an Teheran. Saudi-Arabiens Außenminister Prinz Faisal bin Farhan erklärte, sein Land behalte sich das Recht auf "militärische Aktionen" vor, wenn die Angriffe nicht aufhörten [6]. Die gemeinsame Erklärung der zwölf Nationen verurteilte die "vorsätzlichen iranischen Angriffe" auf Wohngebiete, Wasserentsalzungsanlagen, Ölanlagen und diplomatische Einrichtungen und bekräftigte das Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 der Uno-Charta [3].
Gleichzeitig suchen die Golfstaaten nach Wegen, dem Iran wirtschaftlich zuzusetzen, ohne militärisch zu eskalieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate erwägen nach Informationen des "Wall Street Journal", iranische Vermögenswerte in Milliardenhöhe einzufrieren [3]. Katar und Saudi-Arabien haben iranische Diplomaten ausgewiesen, Kuwait iranische Zentren geschlossen [3]. Es sind dies die typischen Gesten eines ungleichen Kampfes: Man will dem Regime in Teheran signalisieren, dass die Kosten der Aggression steigen, ohne jedoch den Krieg auf eine neue, vielleicht unkontrollierbare Stufe zu heben.
Die große Frage bleibt, wie lange dieser Balanceakt gelingt. Experten warnen, dass die rote Linie dann überschritten sein könnte, wenn der Iran systematisch Wasserentsalzungsanlagen angreift oder ein Angriff eine größere Zahl ziviler Opfer fordert [9]. Auch wenn die Abfangjäger der Golfstaaten zur Neige gehen, könnte die militärische Logik umschlagen. Bilal Sab, ein ehemaliger Pentagon-Beamter, brachte das Dilemma auf den Punkt: Wenn die Golfstaaten nicht reagierten, würden sie Teheran signalisieren, dass es ihnen "ernsthaften Schaden zufügen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen" [4]. Ein Angriff wiederum wäre ein "erhebliches Risiko", da völlig unklar sei, ob er den Krieg entscheidend beeinflussen oder nur weiter anfachen würde [4]. Für die arabischen Staaten am Golf ist der Iran-Krieg damit eine Tortur, die ihr strategisches Denken für immer verändern dürfte – unabhängig davon, wie die militärischen Operationen ausgehen.
Die EU und die Mitgliedstaaten: Sprachlosigkeit in Brüssel
Während die Außenminister der EU in den ersten Märztagen noch versuchten, eine gemeinsame Linie zu finden, zeigte sich schnell das bekannte Muster der Zerrissenheit. Einigkeit herrschte nur in der Sorge vor einer weiteren Eskalation. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gab sich vage und sprach von der Notwendigkeit, „die Welt so zu sehen, wie sie heute ist“, ein Satz, der von Kritikern als billige Verharmlosung der Rechtsbrüche bezeichnet wurde [28]. Deutlicher wurde der niederländische Außenminister Tom Berendsen, der internationales Recht als „nicht den einzigen Rahmen“ bezeichnete und ein Abwägen mit der „Realität“ forderte [28]. Belgien sekundierte, man müsse die „außerrechtliche Natur“ des Krieges gegen das Prinzip der Realität abwägen [28]. Diese argumentative Notstandsarchitektur stieß innerhalb der EU-Kommission jedoch auf Widerstand. Die sozialdemokratischen und grünen Fraktionen im Europaparlament pochten auf die Unantastbarkeit der Uno-Charta. Der Europäische Rat für Außenbeziehungen warnte vor den langfristigen Folgen: steigende Energiepreise, Fluchtbewegungen und die Gefahr einer Ausbreitung des Konflikts auf europäischen Boden [28].
Deutschland unter Bundeskanzler Friedrich Merz bemühte sich um eine ausgleichende Position: Man rief Iran zum Ende der Vergeltungsangriffe auf, vermied aber eine explizite Verurteilung der US-Operationen [27]. Berlin befand sich damit in einer diplomatischen Zwickmühle. Einerseits ist die transatlantische Bindung traditionell stark, andererseits würde eine Billigung des Präventivkrieges die Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik im Globalen Süden endgültig zerstören. Frankreich agierte ähnlich, jedoch mit einem Schwenk hin zu einer vorsichtigen Distanzierung von Washington. In der Summe bot die EU kein geschlossenes Bild. Eine Schwäche, die in Peking und Moskau genau registriert wurde.
Das zukünftige Szenario: Ordnung ohne Ordnung?
Nach vier Wochen Krieg zeichnet sich ein zutiefst gespaltenes internationales System ab. Die BRICS-Staaten haben ihre gemeinsame Ablehnung der US-amerikanisch-israelischen Militäraktion formuliert, doch ihre tatsächlichen Reaktionen klaffen auseinander. Während China und Russland als ständige Vetomächte lediglich abwarteten, setzten Brasilien und Südafrika auf normativen Druck. Indien entschied sich für Stillschweigen, Australien für offene Unterstützung. Die EU wiederum entpuppte sich als zögerlicher Akteur, der die eigenen Werte, die Verteidigung der Uno-Charta, zugunsten einer unklaren Realpolitik opfert.
Doch diese machtpolitische Bestandsaufnahme greift zu kurz. Denn der Iran-Krieg ist nicht nur ein Zerreißprobe für die internationale Ordnung, sondern auch ein Tribunal der Geschichte. Das Regime in Teheran, so sehr man es kritisieren mag, ist auch das Produkt einer 200-jährigen Tragödie westlicher Einmischung. Die Erinnerung an die ausgebeutete Hungersnot von 1942, in der bis zu vier Millionen Iraner starben, während britische und sowjetische Truppen das Land plünderten, sitzt tief. Die Demütigung des verratenen Demokraten Mossadegh, den die CIA 1953 stürzte, weil er das Öl seines Landes verstaatlichen wollte, ist niemals vergeben. Was der Westen als irrationalen Gotteswahn der Ayatollahs abtut, ist für große Teile der iranischen Gesellschaft die Fortsetzung eines legitimen antiimperialistischen Kampfes.
Das Szenario, das sich abzeichnet, ist deshalb nicht nur das einer schleichenden Erosion des Völkerrechts. Es ist auch das einer historischen Verblendung. Die USA und Israel greifen im Jahr 2026 ein Land an, das sie seit Generationen als Spielfeld betrachten, mit denselben Argumenten wie 1953. Damals hieß es, Mossadegh müsse weg, weil er den freien Westen bedrohe. Heute heißt es, das Regime der Mullahs müsse weg, weil es die regionale Stabilität gefährde. Die Instrumente sind die gleichen: Wirtschaftssanktionen, hybride Kriegsführung, Aufwiegelung der Bevölkerung und schließlich der militärische Schlag. Die Hoffnung, dass ein Regimewechsel in Teheran die Probleme lösen werde, ist ein gefährliches Déjà-vu.
Die Lehre aus der Geschichte aber, sie ist eine andere: Ein von außen erzwungener Umbau hat im Iran noch nie funktioniert. Die konstitutionelle Revolution von 1906 wurde von zaristischen Truppen niedergeschossen. Die Demokratie Mossadeghs wurde von der CIA ermordet. Die westliche Unterstützung für den Schah trieb das Land erst in die Arme der Islamisten. Auch heute, vier Wochen nach Kriegsbeginn, zeigt sich: Das Regime in Teheran hat aus dieser Geschichte gelernt. Es mag geschwächt sein, aber es ist nicht gestürzt. Und die Bevölkerung, die mit der Regierung hadert und die Massenproteste der „Frau, Leben, Freiheit“ Bewegung iniziiert hat, zeigt gerade, dass es im Iran keine Bereitschaft gibt, sich erneut von ausländischen Mächten instrumentalisieren zu lassen. „Unsere Befreiung ist nur möglich durch Massenkampf, nicht indem wir unsere Hoffnungen auf ausländische Mächte setzen“, schrieben inhaftierte Aktivistinnen noch im Sommer 2025. Ein Satz, der die ganze Tragödie des Westens offenbart.
Wenn die USA und ihre engsten Verbündeten nun ohne Sicherheitsratsmandat Regierungschefs attackieren und Atomanlagen bombardieren, sinkt nicht nur die Hemmschwelle für andere Mächte. Russland könnte sich in Osteuropa ähnliche Prärogative nehmen, China im Südchinesischen Meer. Internationale Rechtsnormen drohen zu einer Kulisse zu verkommen, die nur noch dann zitiert wird, wenn sie dem eigenen Lager nützt. Doch die eigentliche Gefahr liegt tiefer. Der Westen droht, im Iran eine Geisel seiner eigenen Geschichte zu bleiben. Er hat es versäumt, die legitime demokratische Opposition im Iran zu unterstützen, als es noch möglich war. Stattdessen setzt er auf Despoten, Putschisten und nun auf militärische Gewalt. Die Gotteskrieger in Teheran sind die Zerrspiegel dieser Politik.
Der Ausgang des Iran-Krieges wird deshalb nicht nur darüber entscheiden, ob die Weltgemeinschaft noch einmal zu einer diplomatischen Lösung findet oder endgültig in eine Ära der gewaltsamen Konfliktlösung zurückfällt. Er wird auch darüber entscheiden, ob der Westen endlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Ein israelischer oder amerikanischer Angriff mag das Regime schwächen – er wird es nicht stürzen. Aber er wird eine Nation, die schon alles ertragen musste, weiter in die Arme derjenigen treiben, die den Kampf gegen den „Großen Satan“ zu ihrer Raison d’être gemacht haben. Der Schatten von 1953, so zeigt dieser Krieg, fällt länger als der aller Ayatollahs. Die bisherigen Reaktionen der Regierungen deuten leider darauf hin, dass dieser Schatten noch lange nicht gewichen ist.
Quellen
[1] Chinese Foreign Ministry Spokesperson Mao Ning, Official Press Briefing, March 1, 2026.
[2] BRICS Joint Naval Exercise Statement, South African Government, February 2026.
[3] Foreign Ministry of the People’s Republic of China: Remarks on US-Israeli Strikes, March 2–5, 2026.
[4] Indian Ministry of External Affairs: Operation Sankalp Briefing, March 10, 2026.
[5] Kremlin Spokesman Dmitry Peskov, Daily Briefing, March 23, 2026.
[6] Brazilian Foreign Ministry: Official Note on Military Actions in Iran, February 28, 2026.
[7] South African Department of International Relations: Statement on the Escalating Crisis in the Gulf, March 6, 2026.
[8] Japanese Foreign Minister MOTEGI Toshimitsu: Press Statement, March 1, 2026.
[9] Australian Prime Minister Anthony Albanese: ADF Deployment to UAE, Media Release, March 2026.
[10] Defense Analysis: THAAD and Patriot Effectiveness in Iran Conflict, Jane’s Defence Weekly, March 20, 2026.
[11] Vladimir Solovyov, Russia-1 TV, “War Crime Accusations”, March 2–5, 2026.
[12] Indian Strategic Analyst: Modi’s Silence on Khamenei Killing, Observer Research Foundation, March 2026.
[14] ChinaMed Project: Hardening of Chinese Official Rhetoric, March 25, 2026.
[17] North Korean Foreign Ministry Statement on US-Israeli Aggression, Korean Central News Agency, March 2, 2026.
[18] Japan Times Editorial: Energy Price Spike and Coordination Failure, March 12, 2026.
[19] Australian Foreign Minister Penny Wong: Joint Statement on Iran, March 2026.
[21] Global Times Commentary: “World Must Not Revert to Law of the Jungle”, March 2026.
[22] Fyodor Lukyanov, Russia in Global Affairs: US-Israeli War and 21st Century Alliances, March 2026.
[23] US President Trump: Remarks on AI Disinformation from Iran, March 2026.
[24] Kalpana Sharma, Media Analysis: Indian Press Dependency on Western Sources, The Wire, March 2026.
[25] Brazilian Diplomatic Sources: “Perdidos” und “Acuado”, Folha de S.Paulo, March 2026.
[27] German Chancellor Friedrich Merz: Press Conference on Iran Retaliation, March 2026.
[28] European Council on Foreign Relations: War in Iran – Costs for Europe, March 2026.
[31] South African Government: Humanitarian Impact Assessment, March 2026.
[33] NHK Analysis: Japan’s Constitutional Dilemma, March 15, 2026.
[40] Former State Department Attorney: US Letter to UN Fails to Identify Legal Basis, Just Security, March 2026.
[41] UN Security Council Resolution 2817: Voting Record, March 2026.
[45] Joint Statement by Brazil, Mexico, Colombia on Ceasefire in Iran, March 2026.
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