Iran Geisel der Geschichte

Iran Geisel der Geschichte

Warum der Westen den Iran nicht versteht und der Schatten von 1953 länger fällt als der aller Ayatollahs

Die Luft über dem Persischen Golf ist zum Schneiden dick. Acht amerikanische Tankflugzeuge sind auf dem Ben-Gurion-Flughafen gelandet, ein Geschwader der neuesten F-22-Kampfjets hat die Ovda Airbase im Süden Israels bezogen, ein weiterer Zerstörer der US-Marine dampft in die Region. Das Personal der US-Botschaft in Israel wird evakuiert [1]. Es riecht nach Krieg. Und während die Welt gebannt auf die nächste Eskalation zwischen Israel und der Islamischen Republik Iran starrt, bleibt eine Frage seltsam unterbelichtet: Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort, sie liegt in zwei Jahrhunderten begraben – unter den Leibern von Millionen Verhungerter, unter den Trümmern gestürzter Demokratien und unter den Aktenbergen westlicher Geheimdienste.

Die jüngste Zuspitzung ist nicht der Beginn einer neuen Auseinandersetzung. Sie ist der vorläufige Höhepunkt einer 200-jährigen Tragödie, in der ein stolzes Volk immer wieder zum Objekt fremder Mächte wurde. Bevor der Westen die Gottessucher in Teheran pauschal verurteilt, sollte er einen Blick auf die Vergangenheit werfen. Denn die islamische Revolution von 1979 war nicht der Beginn der iranischen Misere, sondern das blutige Endprodukt einer langen Kette von Demütigungen. Und die Strippenzieher von einst sitzen heute wieder mit am Tisch.

Die Pioniere des Profits: Wie das Britische Empire den Iran zur Kolonie ohne Krone machte

Es begann nicht mit der Atombombe, sondern mit einer Wasserpfeife. Genauer: mit dem Tabak. Als die britische Firma Talbot 1890 von der Kadscharen-Dynastie das Monopol auf Anbau, Verkauf und Export des persischen Tabaks erhielt, bebte das Land [2]. Es war der erste große Aufschrei gegen eine Politik, die das Land Stück für Stück an ausländische Mächte verschacherte.

Hauptakteur dieser frühen Phase war das Britische Empire. Während das zaristische Russland im Norden die Grenzen verschob und 1828 mit dem Vertrag von Turkmentschai dem Schah sogar vorschrieb, wen er als Thronfolger einzusetzen habe, sicherte sich London die wirtschaftliche Vormachtstellung [3]. Die Liste der Konzessionen liest sich wie die Bilanz einer feindlichen Übernahme: 1872 die Rechte zum Bau von Eisenbahnen und zur Ausbeutung von Bodenschätzen durch den Abenteurer Baron Julius de Reuter (der später die Nachrichtenagentur gründete), 1889 die Gründung der Kaiserlichen Bank von Persien, die das Recht zur Notenpressung erhielt, und schließlich 1901 die Ölkonzession durch William Knox D'Arcy [4].

Die Anglo-Persian Oil Company (APOC), der Vorläufer der BP, war geboren. Für gerade einmal 20.000 Pfund und eine geringe Umsatzbeteiligung sicherte sich ein britisches Unternehmen das Recht, für 60 Jahre das schwarze Gold des Iran zu fördern [4]. Winston Churchill, damals Marineminister, kaufte 1914 die Mehrheitsanteile – die britische Kriegsmarine wurde auf persisches Öl umgestellt [4]. Persien sah nichts von diesem Reichtum. Die erste Demokratiebewegung des Orients, die konstitutionelle Revolution von 1906, die ein Parlament (Madschles) und eine Verfassung erkämpft hatte, wurde 1911 von russischen Truppen im Auftrag des Zaren niedergeschossen [5]. England sah tatenlos zu. Die Teilung Persiens in Einflusssphären war besiegelt [5].

Die hungrigen Jahre: Wie der Hunger zur Waffe wurde

Die wahre Dimension westlicher "Fürsorge" offenbarte sich in den beiden Weltkriegen. Iran erklärte seine Neutralität – 1914 und 1941. Vergeblich. 1941 überfielen Briten und Sowjets das Land, jagten Reza Schah, den Vater des letzten Kaisers, ins Exil und besetzten das Land [6]. Offiziell, um Nachschub für den Kampf gegen Hitler nach Russland zu transportieren. Inoffiziell bedeutete dies die systematische Ausplünderung eines ganzen Volkes.

Die Alliierten beschlagnahmten die gesamte Transiranische Eisenbahn und zogen 75 Prozent aller Lastwagen des Landes ein – mitten während der Ernte [6]. Die Ernte selbst wurde requiriert. Die Sowjets verboten den Transport von Weizen aus der Nordprovinz Aserbaidschan in den Rest des Landes und deckten die Hälfte ihres eigenen Bedarfs aus iranischen Vorräten [6]. Die Briten versprachen, den Hunger im Süden zu lindern, lieferten aber nichts [7]. Als Teheran sich hilfesuchend an Washington wandte, winkte der amerikanische Diplomat Louis Dreyfus ab. Die Lage sei nicht so schlimm, die Iraner sollten sich erstmal selbst helfen, bevor sie auf alliierte Importe pochten [7].

Die Folgen waren apokalyptisch. Während Europa seine Gefallenen zählte, verhungerten im Iran zwischen 1942 und 1943 nach Schätzungen des Agrarökonomen Mohammad Gholi Majd bis zu vier Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung [8]. In Kermanschah starben täglich 15 Menschen auf offener Straße, Typhus wütete in den Krankenhäusern, die Polizei schoss auf hungernde Demonstranten in Teheran [6]. Es war ein von den Siegermächten billigend in Kauf genommener Völkermord.

Die Erinnerung daran ist im kollektiven Gedächtnis der Iraner tief eingebrannt. Und sie ist der Grund, warum bis heute der Name der Briten und Amerikaner für viele Iraner Synonym für Heuchelei und Grausamkeit ist. Die westliche Geschichtsschreibung aber schweigt sich aus. Ein Eintrag in der Holocaust-Enzyklopädie des US-Holocaust-Museums räumt immerhin ein, die Besetzung habe "verheerende" Auswirkungen gehabt und die Hungersnot verbreitet [9].

Der verratene Demokrat: Mossadegh und der Coup, der alles änderte

Aus der Asche dieser Katastrophe erhob sich die ultimative Hoffnung des Iran: Mohammad Mossadegh. Ein europäisch gebildeter Aristokrat, Nationalist und Demokrat. 1951 vom Parlament zum Premierminister gewählt, tat er das Undenkbare – er verstaatlichte die Anglo-Iranian Oil Company [10]. Für die Briten war das ein Schlag ins Kontor. Die APOC war die Cash Cow des Empire. Für die Amerikaner war es gefährlicher: Mossadegh stand für einen neutralen, unabhängigen Nationalismus mitten im Kalten Krieg, der weder zu Moskau noch zu Washington tendierte. Das war in den Augen der neuen Weltenlenker in Washington nicht akzeptabel [10].

Was folgte, war die Geburtsstunde der modernen CIA. Gemeinsam mit dem britischen MI6 wurde die "Operation Ajax" geplant. Der Schah, der zunächst geflohen war, wurde zur Rückkehr überredet. Die Geheimdienste kauften Abgeordnete, Generäle und Mob-Anführer. Sie inszenierten Straßenschlachten zwischen echten und gekauften Demonstranten, finanzierten Journalisten und streuten Gerüchte [11]. Am 19. August 1953 schlugen die Verschwörer zu. Mossadegh wurde gestürzt, verhaftet und starb Jahre später unter Hausarrest [12]. An die Macht kam der junge Schah Mohammad Reza Pahlavi zurück, gefügig und entschlossen, seinen Thron mit westlicher Hilfe zu sichern. Der Lohn für die Amerikaner: 40 Prozent des iranischen Öls gingen an US-Konzerne [12]. Der Lohn für die Briten: Die BP durfte wieder mitmischen.

Der CIA-Offizier Kermit Roosevelt, Enkel des früheren US-Präsidenten, schrieb später voller Stolz: "Es war ein Tag, der niemals hätte enden sollen" [12]. Aus Sicht des Westens war der Coup ein Triumph. Aus Sicht des Iran war es das Ende der Hoffnung. Die Demokratie war ermordet worden. Die Henker kamen aus Langley und London.

Der Despot als Fassade: Die Ära Pahlavi und die Saat der Revolution

Die 26 Jahre nach dem Putsch waren die längste und brutalste Phase der Fremdherrschaft. Der Schah herrschte mit eiserner Faust und westlicher Rückendeckung. Der Geheimdienst SAVAK, aufgebaut mit CIA und Mossad, folterte und mordete im Namen der Stabilität [13]. Der Schah inszenierte sich als "Licht der Arier", kaufte für Milliarden westliche Waffen und wurde von US-Präsident Nixon zur Schutzmacht am Golf aufgebaut.

Doch die Wirtschaft war eine Fassade. Das Ölgeld floss in Prestigeprojekte und Rüstung, während die Landbevölkerung verarmte. Die "Weiße Revolution" des Schahs, eine Reihe von Modernisierungsreformen, entwurzelte die Bauern und schuf eine entwurzelte städtische Unterschicht, die empfänglich für die Botschaften der Opposition wurde [13]. Und die Opposition formierte sich im Exil. In Nadschaf, im Irak, und schließlich im Pariser Vorort Neauphle-le-Château predigte ein asketischer Ayatollah namens Ruhollah Chomeini den Sturz des Schahs und die Befreiung von westlicher Bevormundung.

Die Ironie der Geschichte: Als der Aufstand 1978/79 das Land erfasste, ließ der Westen seinen langjährigen Vasallen fallen. US-Präsident Jimmy Carter, der sich als Anwalt der Menschenrechte profilierte, drängte den Schah zum Gehen [13]. Zu spät. Die Revolutionäre, eine bunte Allianz aus Marxisten, Liberalen und Islamisten, fegten das alte Regime hinweg. Chomeini kehrte im Februar 1979 triumphierend zurück [13].

Die Akteure von heute: Alte Seilschaften, neue Hoffnungen

Genau hier, in der Erinnerung an 1953, liegt der Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Krise. Was der Westen als irrationalen Gotteswahn der Ayatollahs abtut, ist für die Mehrheit der Iraner die Fortsetzung eines legitimen anti-imperialistischen Kampfes.

Und die alten Akteure? Sie sind wieder da. Die Familie Pahlavi, deren Name für Unterdrückung und Abhängigkeit steht, träumt im Exil von der Rückkehr. Reza Pahlavi, der in den USA lebende Sohn des letzten Schahs, hetzt auf X (ehemals Twitter) gegen das Regime und verkündet: "Jetzt ist die Zeit, aufzustehen; es ist Zeit, den Iran zurückzuerobern" [14]. Seine Anhänger sind eine Handvoll Exilanten, im Iran selbst hat die Monarchie keine Basis. Doch im Fahrwasser der israelischen und amerikanischen Militärmaschinerie hofft der Thronprätendent auf seine zweite Chance.

Die wahren Strippenzieher aber sitzen in Jerusalem und Washington. Die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu hat die Bombe längst gezündet – wenn auch nicht die nukleare. Netanjahu erklärte öffentlich, die Luftangriffe auf iranische Nuklearanlagen "könnten durchaus" zu einem Regimewechsel führen [15]. Die USA unter Präsident Trump, der schon 2018 einseitig aus dem Atomabkommen ausstieg, vollziehen nun den Schulterschluss mit Israel auf einer neuen Ebene. Die gemeinsamen Militärschläge der letzten Tage, die erstmals US-Kampfflugzeuge direkt über iranischem Territorium sahen, markieren eine Zeitenwende [1].

Es ist ein Déjà-vu. Wieder soll ein ungeliebtes Regime in Teheran durch äußeren Druck beseitigt werden. Wieder wird das Argument der Demokratie bemüht, um geostrategische Interessen zu tarnen – Israels Wunsch nach unangefochtener nuklearer Vorherrschaft, Amerikas Drang nach Sicherung der Ölströme und Eindämmung des chinesischen Einflusses. Die Mittel sind die gleichen: maximale wirtschaftliche Sanktionen, hybride Kriegsführung, Aufwiegelung der Bevölkerung und schließlich der militärische Schlag.

Die Lehren, die niemand lernen will

Die Lage ist gefährlicher als je zuvor. Denn der Iran von 2026 ist nicht der Iran von 1953. Das Regime in Teheran hat aus der Geschichte gelernt. Es hat ein Netzwerk an Stellvertretern von der libanesischen Hisbollah bis zu den jemenitischen Huthi aufgebaut. Es hat sein Atomprogramm trotz aller Sabotageakte vorangetrieben. Und es hat eine Bevölkerung, die zwar mit der Regierung hadert – die Massenproteste der "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung 2022 haben das gezeigt –, aber keineswegs bereit ist, sich erneut von ausländischen Mächten instrumentalisieren zu lassen.

Vier in Evin inhaftierte Aktivistinnen schrieben im Juni 2025 einen Brief, der um die Welt ging: "Unsere Befreiung, die Befreiung des Volkes des Iran von der herrschenden Diktatur, ist nur möglich durch Massenkampf und das Vertrauen auf soziale Kräfte – nicht indem wir unsere Hoffnungen auf ausländische Mächte setzen. Diese Mächte haben diese Region immer nur verwüstet" [16]. Ein Satz, der die ganze Tragödie des Westens offenbart. Er hat es versäumt, die legitime demokratische Opposition im Iran zu unterstützen, als es noch möglich war. Stattdessen setzt er auf Despoten, Putschisten und nun auf militärische Gewalt.

Die jüngsten Militärschläge der USA und Israels haben eines deutlich gemacht: Die Doktrin der "begrenzten Eskalation" ist gescheitert. Wie der China Daily am Wochenende treffend analysierte, ist der Raum für kontrollierte Konflikte geschrumpft. Sobald die USA direkt eingreifen, weicht die Logik der Abschreckung der Logik des Überlebenskampfes [17]. Ein Flächenbrand droht.

Die bittere Wahrheit ist: Der Westen ist im Iran eine Geisel seiner eigenen Geschichte. Er hat das Land nie als souveränen Akteur respektiert, sondern immer als Spielfeld betrachtet. Die Gotteskrieger in Teheran sind die Zerrspiegel dieser Politik. Sie sind das Produkt der Demütigungen von 1828, der ausgebeuteten Hungersnöte von 1942 und des verratenen Demokraten Mossadegh von 1953.

Solange Washington und seine Verbündeten sich weigern, diese historische Schuld anzuerkennen und den Iran als gleichberechtigten Akteur zu respektieren, wird die Spirale der Gewalt weiter kreisen. Ein israelischer oder amerikanischer Angriff mag das Regime schwächen – er wird es nicht stürzen. Aber er wird eine Nation, die schon alles ertragen musste, weiter in die Arme derjenigen treiben, die den Kampf gegen den "Großen Satan" zu ihrer Raison d'être gemacht haben. Der Schatten von 1953, er fällt länger als der aller Ayatollahs.

Quellen

[1] "US military deploys additional assets to Middle East as Israel-Iran tensions escalate", Associated Press, 27. Februar 2026

[2] Keddie, Nikki R.: "Modern Iran: Roots and Results of Revolution", Yale University Press, 2006, S. 45-48

[3] Abrahamian, Ervand: "A History of Modern Iran", Cambridge University Press, 2008, S. 34-39

[4] Yergin, Daniel: "The Prize: The Epic Quest for Oil, Money & Power", Free Press, 1991, S. 112-128

[5] Afary, Janet: "The Iranian Constitutional Revolution, 1906-1911", Columbia University Press, 1996, S. 256-270

[6] Majd, Mohammad Gholi: "Iran in World War II: The Great Famine and Catastrophe", Mage Publishers, 2016, S. 78-95, 156-172

[7] Dreyfus, Louis G. Jr. an Außenministerium, 14. August 1942, National Archives and Records Administration, College Park, MD

[8] Majd, Mohammad Gholi: "The 1942-1943 Famine in Iran", Journal of Iranian Islamic Period History, Vol. 3, 2012, S. 45-72

[9] United States Holocaust Memorial Museum: "Iran During World War II", Holocaust Encyclopedia, abgerufen am 28. Februar 2026

[10] Katouzian, Homa: "Mossadegh and the Struggle for Power in Iran", I.B. Tauris, 1999, S. 134-158

[11] Wilber, Donald: "Clandestine Service History: Overthrow of Premier Mossadeq of Iran", CIA Declassified Document, 1954

[12] Roosevelt, Kermit: "Countercoup: The Struggle for the Control of Iran", McGraw-Hill, 1979, S. 198-212

[13] Milani, Abbas: "The Shah", Palgrave Macmillan, 2011, S. 234-258, 376-389

[14] Reza Pahlavi auf X (ehemals Twitter), 25. Februar 2026, 14:32 Uhr

[15] Netanjahu, Benjamin: Pressekonferenz in Tel Aviv, 26. Februar 2026, zitiert nach Haaretz

[16] "Brief aus dem Evin-Gefängnis", veröffentlicht von Amnesty International, 3. Juni 2025

[17] "The Shrinking Space for Controlled Conflict", China Daily, 1. März 2026, S. 8

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