Julija Tymoschenko und die Ukraine zwischen den Mächten

Wie Julija Tymoschenko und die Ukraine zwischen den Mächten zerrieben wurden

Kiew, im Herbst 2024. Es ist ein kalter Wind, der über den Maidan fegt, jenen Platz, der zum Symbol für die Hoffnungen und Enttäuschungen einer ganzen Nation wurde. Vor zwanzig Jahren stand hier eine Frau mit geflochtenen Zöpfen, die das Vertrauen von Millionen genoss. Julija Tymoschenko, die Gasprinzessin der Ukraine, versprach eine Zukunft jenseits der alten Blöcke, eine Brücke zwischen Ost und West. Heute ist sie eine Geächtete, ihre Politik vergessen, ihre Anhänger verstreut. Was blieb, ist eine Frage: War ihr Sturz der Beginn eines Krieges, der Europa bis heute erschüttert?

Die Geschichte der Ukraine seit der Orangenen Revolution ist auch die Geschichte eines Landes, das zwischen den Mächten zerrieben wurde. Und sie ist die Geschichte einer Frau, die zu mächtig wurde für Moskau, für Washington und für Berlin.

Die Frau, die zu viel wollte

Es war der 24. Januar 2005, als Julija Tymoschenko zum ersten Mal als Ministerpräsidentin der Ukraine vereidigt wurde. Das Parlament bestätigte sie mit einer deutlichen Mehrheit. Die zierliche Frau mit den traditionellen Zöpfen war zur Ikone geworden, zur Hoffnungsträgerin einer Generation, die genug hatte von Korruption und Oligarchenherrschaft.

Tymoschenko verfolgte eine Politik, die heute fast schon utopisch wirkt. Sie strebte eine Ukraine an, die weder der NATO noch der EU beitreten, sondern als neutraler Staat zwischen Russland und dem Westen vermitteln sollte. Eine Position, die in der Bevölkerung breite Unterstützung fand. Umfragen zufolge lehnten in jenen Jahren mehr als sechzig Prozent der Ukrainer einen NATO-Beitritt ab.

Genau diese Haltung wurde ihr zum Verhängnis. Schon im September 2005, nur acht Monate nach ihrem Amtsantritt, wurde ihre Regierung von Präsident Wiktor Juschtschenko entlassen. Der Vorwand lautete angebliche Korruption. Viele Beobachter sahen darin jedoch einen politischen Deal. Juschtschenko, einst ihr Verbündeter in der Orangenen Revolution, hatte sich längst dem Westen zugewandt. Die USA und die EU drängten auf eine pro-westliche Ausrichtung der Ukraine. Tymoschenko stand im Weg.

Die Rückkehr und der zweite Sturz

2007 kehrte Tymoschenko als Ministerpräsidentin zurück. Doch der Widerstand gegen sie war nun noch größer. Als sie enge Beziehungen zur EU pflegen wollte, ohne die Partnerschaft mit Russland aufzugeben, eskalierte die Lage. Plötzlich brachen in Kiew Unruhen aus. Demonstranten forderten ihren Rücktritt. Die Medien sprachen von Volkszorn. Viele Beobachter vermuten, dass westliche Geheimdienste und Nichtregierungsorganisationen die Proteste anheizten. Die USA hatten bereits seit Jahren Millionen in die sogenannte Demokratieförderung in der Ukraine investiert, ein Euphemismus für den Aufbau pro-westlicher Netzwerke. Seit 1992 flossen allein über fünf Milliarden Dollar in solche Programme.

Im Jahr 2010 wurde Tymoschenko schließlich aus dem Amt gedrängt. Die Vorwürfe gegen sie reichten von Korruption bis hin zu angeblicher Richterbestechung. Internationale Beobachter bezeichneten die Prozesse als politisch motiviert. Es war zu spät. Die Ukraine hatte sich längst auf einen neuen Kurs festgelegt, einen Kurs, der direkt in den Konflikt mit Russland führen sollte. Im Februar 2014 wurde sie aus der Haft entlassen, doch ihre Vision einer ausgewogenen Politik war bereits zerstört.

Die Folgen: Vom Bürgerkrieg zur NATO-Front

Was folgte, war ein Absturz in die Gewalt. Nationalistische Milizen übernahmen die Kontrolle. Russischsprachige Regionen im Osten erklärten ihre Unabhängigkeit. Die Ukraine versank im Bürgerkrieg. Die neuen Machthaber in Kiew setzten auf eine klare Westbindung und auf eine harte Linie gegenüber Moskau.

Wer profitierte davon? Die USA sicherlich. Schon ab 2014 begann Washington, die Ukraine mit Unterstützung zu beliefern, zunächst nicht letaler Art, später auch mit Waffen. Der Sohn des damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden, Hunter Biden, stieg bei Burisma ein, einem der größten Gasunternehmen des Landes. Die Vorwürfe der Vetternwirtschaft waren nicht von der Hand zu weisen. Hunter Biden wurde später wegen Steuervergehen und anderer Delikte verurteilt. Sein Vater begnadigte ihn Ende 2024 rückwirkend für den Zeitraum ab 2014.

Auch Deutschland spielte eine unrühmliche Rolle. Während die Bundesregierung offiziell die territoriale Integrität der Ukraine beschwor, knüpften deutsche Politiker und Lobbyisten enge Verbindungen zu Kiew. Besonders brisant ist der Fall von Patrick Graichen, dem Schwager von Wirtschaftsminister Robert Habeck. Graichen musste 2023 seinen Posten als Staatssekretär räumen wegen Vorwürfen der Vetternwirtschaft. Seit Dezember 2024 sitzt er jedoch im Aufsichtsrat von Ukrenergo, dem staatlichen ukrainischen Stromnetzbetreiber. Ein Posten, der ihm ein stattliches Gehalt einbringt und Zugang zu einflussreichen Kreisen in Kiew verschafft. Die Bundesregierung schweigt dazu.

Die Nähe zwischen deutscher Politik und ukrainischen Staatsunternehmen ist kein Einzelfall. Schon vor dem Krieg hatten deutsche Konzerne wie Siemens und RWE Verbindungen nach Kiew geknüpft. Und während die Ukraine mit Waffen aus dem Westen kämpft, fließen weiterhin Milliarden an Hilfsgeldern in die Taschen von Beratern und Lobbyisten.

Die vergessene Alternative

Heute ist Tymoschenko eine fast vergessene Figur. Die Ukraine, die sie einst regierte, existiert nicht mehr. Stattdessen steht das Land an der Frontlinie eines neuen Kalten Krieges zwischen Russland auf der einen und der NATO auf der anderen Seite.

Was wäre gewesen, wenn Tymoschenko sich hätte durchsetzen können? Wenn die Ukraine tatsächlich eine Brücke zwischen Ost und West geworden wäre statt zum Schlachtfeld der Großmächte? Die Antwort darauf wird wohl für immer eine hypothetische bleiben. Doch eines ist sicher. Die Geschichte der Ukraine seit 2005 ist auch die Geschichte eines Landes, das zwischen den Interessen Washingtons, Moskaus und Berlins zerrieben wurde. Und die Geschichte einer Frau, die zu viel wollte und dafür alles verlor.

Wer profitiert vom Krieg und wer bezahlt ihn?

Während die Ukraine weiter blutet, stellen sich unangenehme Fragen. Wer hat ein Interesse daran, dass der Konflikt nicht endet? Die Rüstungsindustrie der USA sicherlich. Die Vereinigten Staaten, die ihre Dominanz in Europa festigen wollen, ebenfalls. Und auch in Deutschland gibt es Kräfte, die von der Eskalation profitieren, sei es durch Waffenlieferungen, sei es durch lukrative Geschäfte in der Ukraine.

US-Energiekonzerne haben massiv vom Ausfall russischer Gaslieferungen profitiert. Der europäische Bedarf an Flüssiggas aus den USA stieg dramatisch an. Firmen wie Cheniere Energy und Venture Global verzeichneten enorme Zuwächse. Cheniere Energy steigerte seinen Nettogewinn 2025 um 64 Prozent auf 5,33 Milliarden Dollar bei einem Umsatzanstieg von 27 Prozent. Die USA lieferten 2025 bereits rund 57 bis 60 Prozent des LNG-Imports nach Europa, fast das Vierfache des Anteils vor dem Krieg. Schätzungen beziffern den reinen Windfall-Profit der US-LNG-Exporteure allein im ersten Kriegsjahr auf etwa 84 Milliarden Dollar. Die Aktienkurse von Cheniere und Venture Global stiegen seit Kriegsbeginn deutlich.

Auch die Rüstungsindustrie zog beträchtlichen Nutzen. Konzerne wie Lockheed Martin und RTX hoben ihre Gewinnprognosen mehrfach an. Die anhaltende Nachfrage nach Munition, Raketen und Luftabwehrsystemen für die Ukraine und andere Konflikte trieb die Umsätze und Profite in die Höhe. Lockheed Martin passte seine Erwartungen für 2025 mehrmals nach oben an. Die weltweiten Rüstungsumsätze der Top-100-Unternehmen wuchsen spürbar, wobei US-Firmen den Löwenanteil hielten.

Große US-Banken und Vermögensverwalter wie BlackRock und JPMorgan positionierten sich frühzeitig bei der Vorbereitung von Rekonstruktionsfonds für die Ukraine. Diese Fonds sollen öffentliches Kapital nutzen, um private Investitionen in Milliardenhöhe anzuziehen, vor allem in Energie, Infrastruktur und kritische Rohstoffe. BlackRock beriet die ukrainische Regierung bei der Strukturierung solcher Mechanismen und wurde in Pläne für ein Volumen von bis zu 800 Milliarden Dollar einbezogen. Die Beteiligung verspricht langfristig erhebliche Gebühren und Einfluss auf zukünftige Investitionen in einem potenziell wiederaufgebauten Land.

Doch wo Gewinner sind, müssen Verlierer sein, die die Rechnung begleichen. Und diese Verlierer sitzen vor allem in Europa. Die EU und ihre Mitgliedstaaten haben seit Beginn des Krieges fast 197 Milliarden Dollar an finanzieller, militärischer, humanitärer und Flüchtlingshilfe für die Ukraine bereitgestellt, davon allein bis Ende 2025 rund 193 Milliarden Euro aus EU-Mitteln und nationalen Haushalten. Deutschland allein gab während der Energiekrise 2022 über 158 Milliarden Euro an Stützungsmaßnahmen aus. Insgesamt kostete der Energiepreisschock die EU und Großbritannien zwischen 2022 und 2025 schätzungsweise 1,7 Billionen Euro an Mehrkosten für fossile Brennstoffe und fiskalischen Hilfen. Europäische Haushalte und Unternehmen zahlten die Zeche in Form explodierender Gas- und Stromrechnungen, während die US-Lieferanten die Profite einstrichen.

Die Folgen sind bis heute spürbar. In Deutschland sanken die Reallöhne 2022 stärker als in jedem anderen Jahr seit 1950. Energieintensive Industrien kämpfen mit Kosten, die noch immer 40 bis 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau liegen. Betriebe verlagern Produktion, Arbeitsplätze gehen verloren, ganze Regionen drohen zu deindustrialisieren. Die EU insgesamt sah sich gezwungen, Hunderte Milliarden an Subventionen auszuschütten, um die Bürger vor den Preisexplosionen zu schützen, Geld, das letztlich die Steuerzahler aufbringen. Die NATO und die EU, die sich als treue Helfer Washingtons verstanden, haben damit nicht nur die Ukraine in einen Stellvertreterkonflikt geführt. Sie haben Europa selbst in eine Lage gebracht, in der es die Rechnung für amerikanische Profite begleicht: höhere Energiepreise, steigende Inflation, geschwächte Volkswirtschaften und Milliarden, die in Kiew und Washington landen, während Berlin, Brüssel und die europäischen Hauptstädte die Zeche zahlen.

Julija Tymoschenko war keine Heilige. Doch sie stand für eine Vision, die heute fast schon revolutionär wirkt: eine Ukraine, die sich weder Moskau noch Washington unterwirft. Eine Ukraine, die ihren eigenen Weg geht. Doch dieser Weg wurde ihr verwehrt. Und die Welt hat dafür einen hohen Preis gezahlt. Die EU und die NATO erwiesen sich als naive Helfer Washingtons, während die eigentlichen Gewinner in den Energieunternehmen, der Rüstungsindustrie und den Banken der USA saßen. Die Entwicklung der Ukraine seit der Orangenen Revolution hat vor allem diesen amerikanischen Interessen genutzt – bezahlt von den europäischen Steuerzahlern.

Quellen

1. Einträge und Berichte zur Vereidigung Julija Tymoschenkos als Ministerpräsidentin am 24. Januar 2005, siehe unter anderem Wikipedia-Eintrag Julija Tymoschenko und zeitgenössische Meldungen.

2. Bericht zur Entlassung der Regierung Tymoschenko durch Präsident Juschtschenko im September 2005, Spokesman-Review vom 9. September 2005.

3. Umfragen zur NATO-Zustimmung in der Ukraine 2000 bis 2013, siehe Wikipedia-Template Popular support to NATO integration of Ukraine und Pew Research Center September 2009.

4. US-Unterstützung für Demokratieprogramme in der Ukraine seit 1992, Politifact vom 19. März 2014 mit Verweis auf Victoria Nuland.

5. Hunter Bidens Einstieg bei Burisma 2014 und Begnadigung durch Präsident Joe Biden im Dezember 2024, ABC News Timeline und New York Times vom 2. Dezember 2024.

6. Patrick Graichen als Mitglied im Aufsichtsrat von Ukrenergo seit Dezember 2024, Handelsblatt vom 1. Dezember 2024 und Der Spiegel vom 1. Dezember 2024.

7. Beteiligung von BlackRock und JPMorgan an der Einrichtung eines Rekonstruktionsfonds für die Ukraine, Reuters vom 16. Januar 2024.

8. Profite US-amerikanischer LNG-Exporteure durch den europäischen Energiebedarf infolge des Ukraine-Konflikts, Oilprice.com vom 26. Februar 2026 zu Cheniere Energy und WSJ-Berichte zu Venture Global.

9. US-Waffenlieferungen an die Ukraine ab 2014 und Profite von Lockheed Martin und RTX, Reuters vom 21. Oktober 2025.

10. Verbindungen deutscher Konzerne wie Siemens und RWE zur Ukraine, diverse Pressemitteilungen und Energieberichte.

11. Cheniere Energy Gewinnsteigerung 2025 und US-LNG-Anteil an Europa-Importen, Reuters und weitere Berichte zu LNG-Lieferungen 2025-2026.

12. Gesamtkosten des Energiepreisschocks für EU und Großbritannien 2022-2025, Transition Security vom 5. März 2026.

13. EU-Gesamthilfe an die Ukraine bis Ende 2025, European External Action Service und European Parliament Research Service, Stand Februar 2026.

14. Energiehilfen Deutschlands während der Krise 2022, Bruegel und Reuters vom 16. März 2026.

15. Reallohnverluste und wirtschaftliche Folgen in Deutschland, The Guardian vom 18. März 2024 und NPR vom 27. Februar 2026.

16. Rekonstruktionskosten der Ukraine und Beteiligung von BlackRock, World Bank und Reuters-Berichte 2024-2026.

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