Die Entbehrlichen

Der Artikel erschien am 20.01.2026

Die Entbehrlichen

Droht nach der Kognitiven Revolution nun die Obsoleszenz des Menschen? Ein Essay über Hararis Prognose der „Klasse der Nutzlosen“, die Arroganz der Silicon-Valley-Elite und die notwendige Verteidigung der menschlichen Würde.

Eine kritische Nachlese von Ulrich Brunhuber

Es geht das Gespenst um in den Konferenzsälen von Davos und den verglasten Palästen des Silicon Valley. Es ist nicht mehr das Gespenst des Kommunismus, das einst die Proletarier aller Länder vereinigen wollte. Das neue Schreckbild ist subtiler und zugleich grausamer. Yuval Noah Harari, der zumeist als brillanter Historiker gefeierte Haus- und Hofphilosoph der Tech-Oligarchie, hat ihm einen Namen gegeben. Er spricht von der „Useless Class“. Der Klasse der Nutzlosen. Nach der agrarischen und der industriellen Revolution stehen wir nun am Beginn der fünften, der künstlichen Revolution. In dieser Ära droht der Mensch nicht mehr ausgebeutet zu werden. Er droht irrelevant zu werden. Jene Elite, die sich gerne als Weltverbesserer inszeniert, bereitet sich klammheimlich darauf vor, den Großteil der Menschheit wie einen veralteten Algorithmus zu archivieren (1).

Die These klingt bestechend logisch und wird von Harari mit einer Nüchternheit vorgetragen, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Bislang ersetzten Maschinen vornehmlich Muskelkraft. Der Dampfhammer war stärker als der Schmied, das Auto schneller als der Kutscher. Doch der Geist, die kognitive Fähigkeit, blieb die letzte Bastion des Homo Sapiens. Diese Bastion ist gefallen. Künstliche Intelligenz komponiert Musik, schreibt Software und diagnostiziert Krankheiten präziser als jeder Arzt aus Fleisch und Blut (2). Wenn Intelligenz sich vom Bewusstsein entkoppelt, so die kalte Logik der Daten-Propheten, dann verliert der durchschnittliche Mensch seinen ökonomischen Mehrwert. Er wird schlichtweg nicht mehr gebraucht, um das Kapital zu vermehren.

Doch Vorsicht ist geboten, wenn Harari, der Liebling der Weltwirtschaftsforen, in fast schon alttestamentarischem Tonfall diesen Untergang des gewöhnlichen Arbeiters verkündet. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Historiker hier nicht vor dem Feuer warnt, sondern als Herold der Brandstifter fungiert. Es fehlt in seinen Analysen oftmals die kritische Distanz zu den transhumanistischen Visionen seiner Gönner. Vielmehr winkt er die Degradierung des Menschen zur bloßen Datenquelle als evolutionäre Notwendigkeit einfach durch (3). Harari sitzt bei den Banketten der Tech-Milliardäre und liefert ihnen die philosophische Rechtfertigung für ihre Disruption. Indem er die Entstehung der Nutzlosen als unausweichliches Schicksal beschreibt, entlässt er die Gestalter dieser Technik aus ihrer moralischen Verantwortung. Es ist ein fatalistischer Zynismus, der hier als Weitsicht verkauft wird. Wenn die Obsoleszenz des Menschen Naturgesetz ist, muss sich kein Konzernchef für Entlassungswellen rechtfertigen (4).

Dabei entlarvt sich der Begriff der Nutzlosigkeit bei genauerem Hinsehen als eine perfide Anmaßung ökonomischer Machbarkeitsfanatiker. Nützlich für wen, muss hier gefragt werden. Für den Shareholder-Value oder für die Effizienzstatistiken des Staates? Die Rede von der „Useless Class“ setzt voraus, dass menschliche Existenzberechtigung allein aus der ökonomischen Verwertbarkeit am Markt resultiert (5). Ein Mensch, der einen Angehörigen pflegt, ein Kind tröstet oder schlichtweg Muße genießt, produziert keine Datenströme, die Google verkaufen kann. Er ist im Kalkül der Algorithmen wertlos, da er keinen Profit generiert.
Doch es gibt keine legitime Instanz, außer vielleicht einer göttlichen, die das Recht hätte, einem Lebewesen den Wert abzusprechen, nur weil es nicht mehr in das Renditeschema des 21. Jahrhunderts passt.

Schon gar nicht haben EDV-Schnösel, IT-Milliardäre und Bestseller-Autoren darüber zu befinden, wann ein Menschenleben seinen Sinn verliert (6). Die Reduktion des Menschen auf eine biologische Maschine, die nun gegen eine effizientere synthetische ausgetauscht wird, ist der eigentliche Skandal. Harari beschreibt diesen zwar, markiert ihn aber nicht hinreichend als ideologischen Angriff auf die Menschenwürde. Wenn wir zulassen, dass Nützlichkeit nur noch in Rechenleistung und Umsatz gemessen wird, haben wir unsere Menschlichkeit bereits an die Maschinen verraten, noch bevor der erste Roboter die Weltherrschaft übernimmt.

Die politischen Antworten auf diese Herausforderung wirken indes so hilflos wie der Versuch, eine Sturmflut mit Sandsäcken aufzuhalten. Das Bedingungslose Grundeinkommen wird oft als Allheilmittel gepriesen. Doch in der Dystopie einer überflüssigen Klasse verkommt es zum Schweigegeld (7). Es ist die Alimentierung der Ausgemusterten, Brot und Spiele für die digital Abgehängten, damit sie in ihren virtuellen Realitäten ruhig bleiben und den Eliten nicht beim Regieren stören. Der Mensch würde vom Gestalter seines Lebens zum reinen Konsumenten degradiert, zum Haustier einer überlegenen künstlichen Intelligenz.

Vielleicht liegt die wirkliche Revolution nicht darin, dass wir den Wettlauf gegen die KI verlieren, sondern dass wir aufhören müssen, mit ihr um die Wette zu laufen. Wenn die Erwerbsarbeit als allein sinnstiftendes Element wegbricht, stehen wir vor der gigantischen, aber ureigenen Aufgabe, den Wert menschlicher Existenz neu zu definieren. Jenseits von Bruttosozialprodukt und Rentenversicherungsnummer gilt es, dem technokratischen Diktat ein humanistisches Trotzdem entgegenzusetzen. Würde lässt sich nicht algorithmisch berechnen und der Sinn des Lebens ist kein Output, den eine KI optimieren könnte. Wir sind nicht überflüssig. Wir sind nur für jene nutzlos geworden, die uns nur als Werkzeug benutzen wollten. Und das ist, bei Lichte betrachtet, keine Tragödie, sondern eine Befreiung (8).

Es ist an der Zeit, diese entwertenden Aussagen entschieden zurückzuweisen. Der Mensch leitet seine Würde aus seinem bloßen Geschöpf-Sein her und nicht aus seiner Funktion als Rädchen im Getriebe des Weltmarktes. Die 5. Revolution darf nicht den Sieg der Technik über den Menschen markieren, sondern muss der Moment sein, in dem sich der Mensch von der Tyrannei der Nützlichkeit emanzipiert.

Quellen:

Quellenverzeichnis
(1) Harari, Yuval Noah: „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“, C.H. Beck, 2017.
(2) Bostrom, Nick: „Superintelligenz: Szenarien einer kommenden Revolution“, Suhrkamp, 2014. Link zur Buchbesprechung
(3) Zuboff, Shoshana: „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, Campus Verlag, 2018.
(4) Acatech Studie: „Auswirkung der KI auf den Arbeitsmarkt“, 2023. Link zur Studie
(5) Graeber, David: „Bullshit Jobs: A Theory“, Simon & Schuster, 2018. Link zum Guardian-Artikel
(6) Rottenfußer, Roland: Kritik zur technokratischen Weltanschauung, Korrespondenz 2024.
(7) Precht, Richard David: „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“, Goldmann, 2018.
(8) Fromm, Erich: „Haben oder Sein“, dtv, 1976. Link zum Archiv

#Wertewandel #Statusverlust #NutzloseKlasse #ÜberflüssigerMensch #SozialeUngleichheit #Meritokratie #Elitenkrise #Geschlechterrollen #KulturellerWandel  #DigitaleModerne #SozialeMedien #RespektUndStatus #Gesellschaftsanalyse #Zeitdiagnose #Brunhuber

https://brunhuber.com/informations-und-kommunikationstechnologie/64-der-ueberfluessige-mensch

#Wertewandel #Statusverlust #NutzloseKlasse #ÜberflüssigerMensch #SozialeUngleichheit #Meritokratie #Elitenkrise #Geschlechterrollen #KulturellerWandel  #DigitaleModerne #SozialeMedien #RespektUndStatus #Gesellschaftsanalyse #Zeitdiagnose #Brunhuber

Diskussion und Vertiefung: Sie können diesen Artikel mit meinem Brunhuber-Assistenten in ChatGPT weiter diskutieren.