Die Sicht jüdischer Minderheiten auf Zionismus und Nahostkonflikt

Die Sicht jüdischer Minderheiten auf Zionismus und Nahostkonflikt

Im Grunde ist Wahrheit nicht addierbar. Gerade in Glaubensfragen stoßen die Meinungen oft so hart aufeinander, dass sie sich nicht zu einer gemeinsamen Summe fügen lassen. Das zeigt sich besonders deutlich bei einer kleinen, aber beharrlichen Minderheit innerhalb des jüdischen Volkes. Während die große Mehrheit der Juden weltweit im Staat Israel eine notwendige Heimstatt nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts sieht, geben diese Gruppen eine radikal andere Deutung. Sie verurteilen den Zionismus als religiöse Verfehlung oder als politische Ideologie, die dem göttlichen Willen widerspricht, und betrachten den Konflikt mit Arabern und Persern nicht als unvermeidlichen Kampf zwischen Juden und Muslimen, sondern als Folge einer menschlichen Anmaßung. Ihre Stimmen kommen aus Teheran ebenso wie aus den Straßen New Yorks, aus Jerusalemer Vierteln und aus progressiven Kreisen in den Vereinigten Staaten und Europa. Sie mahnen zur Besinnung auf die Torah als einzige Richtschnur oder auf jüdische Werte von Gerechtigkeit und Gleichheit.

Die Juden Irans und ihre Treue zum eigenen Land

In der Islamischen Republik Iran lebt eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt. Ihre Wurzeln reichen mehr als zweieinhalbtausend Jahre zurück, bis in die Zeit des persischen Königs Kyros, der den Juden nach dem babylonischen Exil die Rückkehr erlaubte. Heute zählt die Gemeinde nach Schätzungen unabhängiger Beobachter nur noch zwischen achttausend und fünfzehntausend Menschen, vor allem in Teheran, mit kleineren Gruppen in Isfahan und Schiras.

Trotz der dramatischen Schrumpfung seit der Revolution von 1979 betonen ihre offiziellen Vertreter immer wieder die tiefe Verbundenheit mit dem iranischen Staat. Das Teheraner Jüdische Komitee veröffentlicht regelmäßig Berichte, in denen es die Sicherheit der Gemeinde unter der Führung der Islamischen Republik hervorhebt. In seinem Jahresbericht vom Juni 2025 heißt es ausdrücklich, die Juden lebten in vollständiger Sicherheit und führten ein religiöses Leben mit Synagogen, koscheren Einrichtungen und eigenen Schulen, solange alles im Rahmen der Gesetze bleibe.

Diese Loyalität äußert sich besonders deutlich in politischen Stellungnahmen. Nach den militärischen Auseinandersetzungen zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten im Jahr 2025 und Anfang 2026 verurteilte das Komitee die Angriffe auf iranisches Gebiet scharf. Der Rabbiner Younes Hamami Lalehzar sprach von einem Verrat und forderte eine entschiedene Antwort der iranischen Streitkräfte. Der einzige jüdische Abgeordnete im iranischen Parlament, Homayoun Sameyah Najafabadi, betonte die Trauer der jüdischen Gemeinde über die Opfer und stellte klar, dass die Juden Irans sich als Teil der großen iranischen Nation fühlten.

Sie unterscheiden streng zwischen Judentum und Zionismus. Der Zionismus gilt ihnen als fremde politische Bewegung, die nichts mit dem wahren Glauben zu tun habe. In öffentlichen Erklärungen distanzieren sie sich von Israel und betonen, dass sie keinerlei Verbindungen zu dem zionistischen Regime unterhielten. Diese Haltung dient nicht nur dem Schutz der Gemeinde. Sie wurzelt auch in einer langen persisch-jüdischen Tradition, die den Iran als Heimat sieht und nicht als Feindesland.

Die theologische Ablehnung des Zionismus durch ultraorthodoxe Gruppen

Auf der anderen Seite des Atlantiks, in den orthodoxen Vierteln Brooklyns und Monseys, finden sich ähnliche Stimmen. Die bekannteste Gruppe ist Neturei Karta, eine kleine ultraorthodoxe Bewegung, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1938 gegen jede Form des Zionismus wendet. Ihre Mitglieder, die oft in traditioneller Kleidung mit schwarzen Hüten und Schläfenlocken auftreten, sehen im Staat Israel keine Erfüllung biblischer Verheißungen, sondern eine schwere Sünde. Nach ihrer Überzeugung verbietet die Torah den Juden in der Verbannung, eigene Souveränität zu errichten. Nur der Messias dürfe das Exil beenden und das Volk Israel in das Gelobte Land zurückführen. Jede menschliche Anstrengung zuvor sei ein Aufstand gegen Gott.

Eine weitaus größere Strömung mit vergleichbarer theologischer Ablehnung bilden die Satmar-Hasidim. Mit über einhundertfünfzigtausend Anhängern weltweit, vor allem in New York, Antwerpen, London und Jerusalemer Vierteln, zählen sie zu den bedeutendsten ultraorthodoxen Gemeinschaften, die den Zionismus grundsätzlich zurückweisen. Ihr verstorbener Rebbe Yoel Teitelbaum legte in seinem Werk Vayoel Moshe dar, dass der Zionismus eine Rebellion gegen den göttlichen Plan darstelle.

Die Satmar-Hasidim beteiligen sich nicht an israelischen Wahlen, lehnen den Militärdienst ab und erkennen den säkularen Staat nicht als legitime jüdische Souveränität an. Im Unterschied zu Neturei Karta treten sie jedoch meist zurückhaltender auf und distanzieren sich von allzu provokativen öffentlichen Aktionen. Dennoch teilen sie die Überzeugung, dass Juden in der Diaspora oder im Heiligen Land in Frieden mit den umgebenden Völkern leben und auf den Messias warten sollten.

Diese theologische Haltung führt bei beiden Gruppen zu konkreten politischen Positionen. Nach den Angriffen auf Iran im März 2026 veröffentlichte Neturei Karta International eine Erklärung, in der sie den Zionismus und seine Provokationen für den tragischen Krieg verantwortlich machten. Die Gruppe trauerte mit großem Schmerz über die Opfer und rief dazu auf, die Hände von Iran zu lassen. Bei Demonstrationen in New York marschierten ihre Mitglieder mit Schildern, die den Zionismus als Ursache allen Übels brandmarkten. Rabbi Dovid Feldman betonte bei einer Kundgebung, dass Palästina und Iran niemals Feinde des jüdischen Volkes gewesen seien. Die Juden hätten in muslimischen Ländern in Frieden gelebt, bis der Zionismus dazwischengekommen sei.

Progressive jüdische Stimmen und ihre politische Kritik

Neben den ultraorthodoxen Gruppen gibt es auch progressive und linke jüdische Organisationen, die den Zionismus aus einer anderen Perspektive ablehnen. Jewish Voice for Peace, eine der größten solchen Gruppen in den Vereinigten Staaten mit internationalen Verbindungen, sieht im modernen Zionismus eine Form des Siedlerkolonialismus. Nach den militärischen Auseinandersetzungen mit Iran im Jahr 2026 verurteilte die Organisation den Krieg als „immoral“ und „illegal“ und solidarisierte sich mit dem iranischen Volk gegen das „imperial warmongering“ der Vereinigten Staaten und Israels. Solche Gruppen betonen, dass ihre Haltung aus jüdischen Werten von Gerechtigkeit und Gleichheit erwachse und dass Kritik am Zionismus nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen sei. Sie arbeiten oft mit palästinensischen und muslimischen Aktivisten zusammen und fordern eine grundlegende Veränderung der Politik im Nahen Osten.

Auch das International Jewish Anti-Zionist Network und ähnliche Zusammenschlüsse in Europa und anderen Ländern vertreten vergleichbare Positionen. Diese progressiven Stimmen ergänzen das Bild der Minderheit. Während die ultraorthodoxen Gruppen ihre Ablehnung primär theologisch begründen, sehen die progressiven Organisationen den Konflikt vor allem als politisches und menschenrechtliches Problem.

Der Konflikt mit Arabern und Persern aus der Sicht der Minderheit

Aus der Perspektive dieser kleinen Minderheit stellt sich der jahrzehntelange Konflikt im Nahen Osten völlig anders dar als in den gängigen Medienberichten. Die Auseinandersetzung zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn oder mit dem persischen Iran ist für sie kein unvermeidlicher Zusammenstoß zwischen Judentum und Islam. Vielmehr sehen sie darin die Folgen einer zionistischen Politik, die fremde Länder und Völker bedrohe und damit den göttlichen Plan oder grundlegende Prinzipien der Gerechtigkeit störe.

Die Juden Irans betonen immer wieder, dass sie mit den Muslimen des Landes seit Jahrhunderten friedlich zusammenlebten. Die persische Kultur habe sie geprägt, und sie fühlten sich als loyale Bürger, die bereit seien, das Vaterland zu verteidigen. Ähnlich argumentieren die Aktivisten von Neturei Karta und die Satmar-Hasidim. Sie verweisen auf die gemeinsame Geschichte von Juden und Muslimen in Palästina und Iran, wo beide Gruppen lange Zeit ohne größere Spannungen nebeneinander existierten. Der Zionismus habe diese Harmonie zerstört, indem er einen säkularen Staat errichtet habe, der sich über göttliche Gebote hinwegsetze.

In ihren Augen trägt nicht das jüdische Volk die Schuld an Kriegen und Spannungen, sondern die zionistische Ideologie, die Expansion und Macht anstrebe. Deshalb solidarisieren sie sich mit den Palästinensern und den Iranern. Bei Protesten in New York verbrannten Mitglieder von Neturei Karta israelische Flaggen und forderten die Rückkehr Palästinas unter arabische Souveränität. Sie sehen darin keine Illoyalität gegenüber dem Judentum, sondern die einzig wahre Treue zur Torah. Die drei Eide, die Gott dem Volk Israel in der Verbannung auferlegt habe, verböten es nämlich, den Völkern der Welt Leid zuzufügen oder die Rückkehr mit Gewalt zu erzwingen. Wer dennoch handle, verletze nicht nur menschliches Recht, sondern den Bund mit dem Schöpfer. Diese Deutung macht den Konflikt für sie lösbar. Wenn der Zionismus aufgegeben werde, könnten Juden, Araber und Perser wieder in Frieden miteinander leben, wie in früheren Jahrhunderten.

Eine nicht addierbare Wahrheit in Zeiten des Streits

Die Ansichten dieser kleinen Minderheit bleiben in der jüdischen Welt umstritten. Die große Mehrheit der Juden, vor allem in Israel und den Vereinigten Staaten, sieht im Zionismus die Erfüllung eines historischen Traums und in Israel die einzige Garantie für jüdische Sicherheit nach dem Holocaust. Dennoch haben die Stimmen aus Teheran, aus Brooklyn, aus Jerusalemer Vierteln und aus progressiven Kreisen eine eigene Berechtigung. Sie erinnern daran, dass das Judentum kein monolithischer Block ist, sondern eine Vielfalt von Überzeugungen kennt, die sich nicht einfach addieren lassen.

Wahrheit in Glaubensfragen entsteht nicht durch Mehrheitsbeschlüsse. Sie wurzelt in der Auslegung heiliger Texte, in der persönlichen Beziehung zu Gott oder in ethischen Prinzipien von Gerechtigkeit. Neturei Karta, die Satmar-Hasidim und die iranischen Juden vertreten Positionen, die auf jahrhundertealter Torah-Tradition fußen. Progressive Gruppen wie Jewish Voice for Peace ergänzen dies mit einer politischen Kritik. Alle fordern Demut statt politischer Macht und Frieden statt Konfrontation. Ob man ihre Sicht teilt oder ablehnt, bleibt jedem Leser überlassen. Fest steht jedoch, dass ihre Existenz die Komplexität des jüdischen Denkens unterstreicht und zur Besinnung mahnt, in einer Zeit, da der Nahostkonflikt erneut eskaliert. Vielleicht liegt gerade in dieser Nicht-Addierbarkeit der Wahrheit die Chance auf ein tieferes Verständnis jenseits aller politischen Fronten.

Der Artikel wirft damit Fragen auf, die weit über die aktuelle Lage hinausgehen. Wie viel Raum darf eine Minderheit in Glaubensdingen beanspruchen, wenn ihre Überzeugung dem Mainstream widerspricht? Und welche Rolle spielt die Religion in einem Konflikt, der oft als rein politisch dargestellt wird? Die Antworten darauf bleiben offen. Doch die Stimmen dieser jüdischen Minderheiten verdienen es, gehört zu werden, denn sie erinnern an eine alte Weisheit: Wahrheit lässt sich nicht einfach zusammenzählen. Sie muss in jedem Herzen neu gefunden werden.

Quellen

1. Statement by Neturei Karta International condemning Israel’s war on Iran. nkusa.org März 2026.

2. Tehran Jewish Committee says Iran Jews live in 'complete security'. Jerusalem Post Juni 2025.

3. Iran's Jewish community condemns US-Israeli aggression. Tehrantimes.com März 2026.

4. Iran's sole Jewish MP denounces Israel. Jerusalem Post Juni 2025.

5. Neturei Karta theological reasons against Zionism. Wikipedia und nkusa.org.

6. Rabbi Dovid Feldman addresses peaceful coexistence with Iran. Instagram Neturei Karta März 2026.

7. Solidarity with Iran on Qudsday in NYC. Facebook Neturei Karta März 2026.

8. Visiting the Ayatollahs: Neturei Karta and Iran. United Against Nuclear Iran Blog 2024.

9. Why do Jews still live in Iran. JNS.org Februar 2025.

10. Neturei Karta: an Orthodox Jewish sect that doesn't believe in the concept of a Jewish state. The World März 2024.

11. Satmar Hasidim and opposition to Zionism. Various sources including Tablet Magazine und Wikipedia.

12. Jewish Voice for Peace statement on war with Iran. jvp.org Februar 2026.

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