Der Beobachter aus Tel Aviv

Der Beobachter aus Tel Aviv

Yoav Shamirs unerschrockene Erkundungen israelischer Wirklichkeit

Der Mann, der mit der Kamera durch die Kontrollposten des Westjordanlands fuhr und später das heiligste Tabu des Weltjudentums berührte, wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Unruhestifter. Yoav Shamir, Jahrgang 1970, in Tel Aviv als Sohn zweier Volksschullehrer geboren und selbst neunte Generation dieser Stadt, hat das freundliche, leicht zerstreute Auftreten des Intellektuellen, der lieber beobachtet als urteilt. [1] [2] Seine Filme aber haben ihm Feinde eingetragen, wo immer man die Dinge eindeutig sehen will.

Die einen nennen ihn einen Verharmloser des Antisemitismus, die anderen einen Nestbeschmutzer, und nach seinem Film "Checkpoint" über den Alltag an den israelischen Militärsperren verglichen amerikanische Journalisten ihn gar mit Mel Gibson, dem durch judenfeindliche Ausfälle bekannt gewordenen Schauspieler. [2] [3] Shamir selbst nannte diesen Vergleich später "totalen Unsinn und eine sehr beleidigende Bezeichnung". [3] Es war der Moment, der seine Arbeitsweise vielleicht am besten charakterisiert: Statt sich zu verteidigen, begann er zu filmen. Heraus kam "Defamation", einer der umstrittensten Dokumentarfilme der letzten Jahre, eine Suche nach dem Wesen des Antisemitismus, die mehr Fragen aufwarf als beantwortete. [2] [3] [4]

Shamirs Werdegang ist der eines israelischen Intellektuellen, der die Widersprüche seines Landes nicht aus der Distanz betrachtet, sondern aus der Nähe des Miterlebenden. Er studierte Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv, später Film mit Auszeichnung, und er absolvierte seinen Militärdienst als Soldat in den besetzten Gebieten. [1] [3] Diese Erfahrung prägte sein Verständnis von Besatzung nicht als abstraktem politischen Begriff, sondern als gelebter Wirklichkeit, in der israelische Jugendliche und palästinensische Zivilisten aufeinandertreffen, oft auf eine Weise, die niemandem gerecht wird. "Jeder ist irgendwie ein Opfer, die Soldaten, die Palästinenser", sagte er einmal über die Intention seiner Arbeit, "ich will zeigen, was die Besatzung bei den Palästinensern anrichtet, aber noch mehr, welche Wirkung sie auf die Gesellschaft hat". [4] Es ist diese Haltung der gleichschwebenden Aufmerksamkeit, die seinen Stil bestimmt: das reine Beobachten ohne erklärenden Kommentar, die Methode des Cinema Vérité, die dem Zuschauer die Urteilsbildung nicht abnimmt, sondern zumutet. [4] [5]

Sein internationaler Durchbruch gelang ihm 2003 mit "Checkpoint". Shamir fuhr damals in einem gepanzerten Jeep durch das Westjordanland und den Gazastreifen, ausgerüstet nur mit einer Kamera, deren Bedienung er selbst übernahm, ohne Tonassistenten, ohne Crew. [4] [5] Er suchte nach den Kontrollposten, die auf keiner offiziellen Karte verzeichnet waren, nach jenen improvisierten Sperren, an denen sich das Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten im Kleinen zeigt. [4] Das Ergebnis war ein Film von bedrückender Lakonie: israelische Soldaten, oft nicht älter als zwanzig, die mal großzügig, mal willkürlich entscheiden, ob ein alter Mann oder eine schwangere Frau passieren darf, Palästinenser, die in der Hitze warten, weil irgendein Formular nicht stimmt oder ein Offizier schlecht gelaunt ist. [4] Die israelische Armee tat etwas damals beinahe Unerhörtes: Sie nahm den Film in ihr Ausbildungsprogramm auf, weil die Führung erkannte, dass hier die psychologischen und sozialen Folgen des Dienstes an den Sperren sichtbar wurden, wie es kein Lehrbuch vermitteln konnte. [1] [4] Es war ein Triumph der Beobachtung über die Ideologie, aber auch der Moment, in dem Shamir sich die erste Welle von Anfeindungen einhandelte.

Die Defamation-Kontroverse: Ein Film spaltet

Vier Jahre später, nach "5 Days" über die Räumung der Gaza-Siedlungen 2005 und "Flipping Out" über israelische Soldaten, die in Indien Drogen nahmen, um dem Druck des Militärdienstes zu entkommen, begann er mit der Arbeit an "Defamation". [4] [5] Der Ausgangspunkt war jener Mel-Gibson-Vergleich, aber auch eine persönliche Irritation: Shamir, in Israel aufgewachsen, war in seinem Leben nie mit Antisemitismus in Berührung gekommen, obwohl in den israelischen Medien ständig davon die Rede war. [2] [4] "Wenn man jung ist und reist, sagt man manchmal lieber, man komme aus Spanien, weil man Angst hat, in Schwierigkeiten zu geraten, wenn man sagt, man sei Israeli", erzählte er später. [4] Dieses Spannungsfeld zwischen der allgegenwärtigen Rede vom Judenhass und der eigenen Erfahrung wollte er erkunden, nicht als akademische Untersuchung, sondern als persönliche Suche, dokumentiert mit der Kamera.

Das Ergebnis war ein Film, der sich jeder einfachen Zuordnung verweigert. Shamir reiste mit einer Gruppe israelischer Gymnasiasten nach Polen, wo sie auf einer staatlich organisierten Reise die Konzentrationslager besuchten, begleitet von Geheimdienstmitarbeitern, die eindringlich vor den Gefahren in diesem "feindlichen" Land warnten. [4] [5] [6] Die Jugendlichen, die vor der Abreise noch albern und unbeschwert wirkten, kamen verstört zurück, eine von ihnen rief in der Gaskammer von Auschwitz, in die israelische Flagge gehüllt, unter Tränen: "Was habe ich getan?" [5] Shamir zeigte diese Szene ohne Kommentar, ließ sie stehen in ihrer ganzen Ambivalenz zwischen echter Erschütterung und ritueller Identitätsstiftung. [5] [6]

Parallel dazu bat er um Zugang zur Anti Defamation League in New York, der mächtigsten Organisation zur Bekämpfung des Antisemitismus weltweit. Deren langjähriger Direktor Abraham Foxman gewährte ihm Einblick in die tägliche Arbeit, ließ ihn an Sitzungen teilnehmen, öffnete die Archive. [2] [4] Was Shamir dort sah, irritierte: Von den 1500 Fällen, die die ADL jährlich als antisemitische Vorfälle meldete, erwiesen sich bei näherem Hinsehen viele als relativ harmlos, ein Beschwerdebrief eines Arbeitnehmers, dem Urlaub an jüdischen Feiertagen verweigert worden war, eine Website mit beleidigenden Äußerungen, ein Vorfall, bei dem afroamerikanische Kinder einen Schulbus mit jüdischen Kindern beworfen hatten. [2] [4] Zugleich interviewte Shamir Norman Finkelstein, den jüdischen Politikwissenschaftler, und John Mearsheimer. [2] [4] [6] Finkelstein argumentierte, ein Teil des jüdischen Establishments betreibe einen "zynischen Gebrauch des Holocaust" und etikettiere jede Kritik an Israel vorschnell als antisemitisch. [2] Foxman hingegen warf Shamir später vor, der Film verharmlose den Antisemitismus und verhöhne den Holocaust. [5] [6] Beide Seiten fühlten sich falsch dargestellt, und Shamir kommentierte das mit einer Genugtuung, die sein Selbstverständnis als Dokumentarist enthüllt: "Am Ende waren sowohl Finkelstein als auch Foxman sauer auf mich. Ich hatte das Gefühl, einen guten Job gemacht zu haben". [3]

Die Methode des Zweifels

Shamirs Arbeitsweise ist so konsequent wie eigenwillig. Er recherchiert nicht im Vorfeld, sondern lässt die Entdeckungen während des Drehens zu. [4] "Wenn ich etwas entdecke, das ich vorher nicht wusste, hat das eine bestimmte Authentizität", erklärt er. [4] Er dreht lange, oft mit nur einer Kamera, die er selbst bedient, und sucht nach Szenen, die sich im Moment entfalten. [4] Beim Schnitt vertraut er auf Editoren, die nichts über das Thema wissen, wie bei "Defamation" der Däne Morten Højbjerg, der nie in Israel war und kein Judentum kennt. [4] "Wenn er es versteht, dann verstehen es alle", lautet Shamirs Maxime. [4] Diese internationale Perspektive ist auch ökonomisch notwendig: Israelische Dokumentarfilme werden zwar von der öffentlichen Hand mit etwa 100.000 bis 200.000 Dollar gefördert, aber die eigentliche Finanzierung kommt von internationalen Sendern wie der BBC, Arte, dem Sundance Channel oder Canal+. [4] Shamir lebt davon, ständig in Produktion zu sein, ein anstrengendes Leben, wie er zugibt, aber eines, das ihm erlaubt, seine Themen selbst zu wählen. [4]

In seinen späteren Filmen weitete Shamir den Blick über die israelische Wirklichkeit hinaus. "10%: What Makes a Hero?" von 2013, den der amerikanische Dokumentarist Michael Moore produzierte, erkundete die Natur des Heldentums. [4] Es war eine Untersuchung der Frage, warum manche Menschen in Extremsituationen ihr Leben riskieren, während die Mehrheit wegschaut. [4] 2020 folgte "The Prophet and the Space Aliens" über die Rael-Bewegung. [4] [7] Wieder ging es um Glauben und seine Institutionalisierung, um die Frage, warum wir einem Propheten glauben, der mit einem brennenden Dornbusch sprach, aber nicht einem, der Botschaften von Außerirdischen empfing.

Vermächtnis eines Unbequemen

Die Widersprüche, die sein Werk durchziehen, bleiben unaufgelöst. Shamir ist Israeli und kritisiert Israels Politik, er ist Jude und hinterfragt jüdische Institutionen, er ist Dokumentarist und weigert sich zu urteilen. Seine Filme sind Dokumente des permanenten Zweifels, der Weigerung, sich den bequemen Gewissheiten einer jeden Seite zu beugen. Dass er damit immer wieder aneckt, ist unvermeidlich. Aber vielleicht ist genau das die Aufgabe des Dokumentarfilms in einer Zeit, in der jede Information sofort parteiisch vereinnahmt wird: die Komplexität auszuhalten und dem Zuschauer zuzumuten. Yoav Shamir tut dies mit einer Hartnäckigkeit und einem handwerklichen Können, die ihn zu einem der bedeutendsten Dokumentarfilmer seiner Generation machen. Dass er dabei manchmal auf dünnem Eis geht, nimmt er in Kauf. Die Alternative wäre, gar nicht erst loszugehen.

Hier geht es zu Zoav Shamirs Kanal auf youtube https://www.youtube.com/@theamazingtale .


[1] Baidu百科: 约阿夫·沙米尔 [online]
[2] IMDb: Nutzerbewertungen zu "Defamation" [online]
[3] Wikipedia: Yoav Shamir [online]
[4] Austrian Films: Interview mit Yoav Shamir zu "Defamation" [online]
[5] Filmdienst: Kritik zu "Defamation" von Josef Lederle [online]
[6] Kino-Zeit: Kritik zu "Defamation" von Joachim Kurz [online]
[7] Apple Podcasts: Parallax Views – Interview mit Yoav Shamir [online]
 
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