Der Artikel erschien am 13. Oktober 2025
Drohnenhysterie in Europa
In den letzten Wochen wurde Europa von einer Serie unbemannter Flugobjekte erschüttert, angebliche Drohnen, die Flughäfen lahmlegten, Kraftwerke bedrohten und Politiker in Alarmbereitschaft versetzten.
Während Bundeskanzler Friedrich Merz Russland als Drahtzieher anklagt, ohne Beweise vorzulegen, fließen Milliarden in neue Rüstungssysteme. Das Muster ist bekannt: Eine diffuse Bedrohung wird medial vergrößert, politische Maßnahmen folgen – und am Ende profitieren dieselben Industriekreise, die schon in früheren Krisen die Ängste der Öffentlichkeit in Geld verwandelt haben.
Die Chronologie der Sichtungen – Mehr Rauch als Feuer
Die sogenannte Drohnenkrise begann Anfang September. In Polen meldete die Regierung am 10. September 2025 eine „Verletzung des Luftraums durch bewaffnete russische Drohnen“. Vier Objekte sollen abgeschossen, andere abgestürzt sein. Eine NATO-Alarmierung wurde vorbereitet, doch forensische Beweise blieben aus.
Die Bundesregierung übernahm die Darstellung ungeprüft. Regierungssprecherin Mareike Krause sprach von einer „neuen Dimension hybrider Aggression“. Kanzler Merz sekundierte, Russland teste „gezielt die Verteidigungsbereitschaft des Westens“.
Trotz dieser klaren Worte legte weder Polen noch Deutschland Fotos, Seriennummern oder Funkdaten vor.
Ähnliche Meldungen folgten aus Rumänien. Dort starteten am 13. und 14. September F-16-Jets, um ein unbekanntes Objekt zu verfolgen, das den Luftraum kurzzeitig verletzte. Auch hier: keine Bergung, keine Daten, kein Bericht.
In Dänemark und Norwegen spitzte sich die Lage am 22. und 23. September zu. Der Kopenhagener Flughafen wurde für vier Stunden gesperrt, der norwegische Militärstützpunkt Ørland ging in Alarmzustand. „Zwei bis drei große Drohnen“, hieß es, „geführt von einem erfahrenen Operator“.
Doch bis heute gibt es keine öffentlich bekannten Funde, keine Telemetrie und keine Zuordnung.
Am 25. September erreichte die Welle Deutschland. In Schleswig-Holstein meldeten Anwohner Drohnen über einem Kraftwerk, einer Uniklinik und einer Werft. Der spektakulärste Fall folgte am 3. Oktober: Flughafen München. Siebzehn Flüge wurden gestrichen, fünfzehn umgeleitet. Die Polizei erklärte, die Objekte seien „im Dunkeln nicht verifizierbar“.
Auch hier: kein Wrack, keine Signatur, kein Täter.
Was bleibt, ist eine Serie von Sichtungen, deren Ursachen ungeklärt sind. Die mediale Verarbeitung aber ist eindeutig – sie folgt einem bekannten Muster: Unsicherheit erzeugt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit erzeugt politische Energie.
Politische Rhetorik – Von Vermutungen zu Gewissheiten
Bereits am 5. Oktober erklärte Merz in der ARD-Sendung Caren Miosga:
„Unsere Annahme ist, dass Russland hinter den meisten dieser Drohnenflüge steckt. Wahrscheinlich wird jedenfalls ein wesentlicher Teil davon aus Russland gesteuert. Wir wissen, dass Putin uns testen will.“
(ARD Mediathek, 05.10.2025)
Aus dieser Annahme wurde binnen Stunden ein vermeintlicher Fakt. Der Deutschlandfunk titelte: „Merz: Russland steckt hinter Drohnenvorfällen“, während Euronews von einer „russischen Provokation“ sprach. Keine Redaktion stellte die Frage nach Belegen.
Am 8. Oktober verabschiedete das Bundeskabinett den Entwurf eines Drohnenabwehrgesetzes. Es erlaubt Polizei und Bundeswehr, Flugobjekte elektronisch zu stören oder abzuschießen. Die Begründung: 172 drohnenbedingte Störungen im Luftverkehr seit Jahresbeginn. Herkunft unklar, Quelle nicht veröffentlicht.
Die EU griff den Vorgang auf: Kommissionspräsidentin von der Leyen kündigte eine „europäische Drohnenabwehrarchitektur“ an, die bis 2030 realisiert werden soll. Wieder keine Fakten, nur Absichtserklärungen – aber ein klares Ziel: neue Beschaffungsprogramme.
So werden Vermutungen zu politischer Währung. Ein Phänomen, das weniger über Drohnen als über die Funktionsweise moderner Medienpolitik verrät.
Gegenstimmen aus Moskau – „Phantomdebatte des Westens“
Moskau reagierte prompt. Am 6. Oktober erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow gegenüber der Nachrichtenagentur TASS:
„Diese Berichte sind haltlos. Russland hat keinerlei Interesse, zivile oder militärische Ziele in EU-Staaten mit Drohnen zu verletzen. Es handelt sich offenbar um eine Phantomdebatte des Westens, die innenpolitisch motiviert ist.“
(tass.com/politics/1809515)
Auch die Regierungszeitung Rossiyskaya Gazeta bezeichnete die Drohnenhysterie als „mediales Echo von NATO-Provokationen“. Der Westen wolle durch künstlich erzeugte Bedrohungen neue Verteidigungsprogramme rechtfertigen.
Ex-Präsident Dmitri Medwedew schrieb auf Telegram:
„Europa wird von Angst regiert. Politiker wie Merz oder Macron leben davon, Feindbilder zu pflegen, weil sie keine Antworten auf ihre eigenen Krisen haben.“
Unterstützung kam aus Ankara: Die türkische Zeitung Yeni Safak titelte am 7. Oktober:
„Kreml slams EU claims linking drone flights to Moscow.“ Der Artikel sprach von einer „nachweislosen Behauptungskette“, die vor allem der Aufrüstungspolitik diene.
(en.yenisafak.com/world/kremlin-slams-eu-claims-linking-drone-flights-to-moscow-3708929)
Russische wie neutrale Beobachter sehen die europäische Reaktion daher weniger als Sicherheitsmaßnahme, sondern als innenpolitisch motiviertes Signal.
Technischer Hintergrund und alternative Szenarien
Was wissen wir technisch? Die meisten Vorfälle wurden visuell oder über Radarechos gemeldet. Doch Radardaten allein erlauben keine Zuordnung. Kleine UAVs aus Kunststoff und Carbon sind auf vielen Frequenzen kaum erfassbar, besonders bei Nacht oder schlechtem Wetter.
In Europa existiert zudem eine lebhafte Maker- und FPV-Szene. Mit frei verfügbarer Open-Source-Firmware wie Betaflight oder PX4, GPS-Modulen und Lithium-Akkus lassen sich leistungsfähige Drohnen mit Reichweiten über zehn Kilometer und Nutzlasten bis zu fünf Kilogramm bauen. Solche Geräte sind unregistriert, nicht rückverfolgbar und leicht zu modifizieren.
Agrardrohnen, etwa aus chinesischer Produktion, sind noch größer und stärker. Sie können Flüssigkeiten oder Feststoffe ausbringen, werden aber zunehmend zweckentfremdet – etwa für Filmproduktionen oder Experimente.
Technisch ließe sich damit vieles simulieren, was wie ein Angriff aussieht.
Ein weiteres Indiz spricht gegen militärische Steuerung: die fehlende Telemetrie. Russische oder ukrainische Systeme dieser Größe senden permanent Daten, um verlustfrei navigieren zu können. Keine der europäischen Ermittlungsstellen hat solche Signale registriert.
Auch wurden bislang keine elektronischen Signaturen, keine Seriennummern, keine Trümmer veröffentlicht. Die Lücke zwischen Beobachtung und Beweis ist also fundamental – und sie wird politisch genutzt.
Projekt Maut – Sicherheit als Geschäftsmodell
Was sich nun abzeichnet, erinnert frappierend an frühere staatlich-industrielle Großprojekte. Die geplante Drohnenabwehr soll bundesweit eingerichtet werden – ein Netzwerk aus Radarsensoren, Kameras, Jamming-Stationen und Rechenzentren.
Das entspricht strukturell der Architektur des Mautsystems Toll Collect: eine öffentlich-private Partnerschaft, betrieben von Konsortien aus Industrie und IT-Konzernen, mit langfristigen Serviceverträgen und unklaren Betriebskosten.
Während die Lkw-Maut Einnahmen nach Anfangsschwierigkeite rund 13 Milliarden Euro jährlich generiert (bmdv.bund.de), verursacht das neue C-UAS-System ausschließlich Ausgaben.
Der Unterschied liegt nur im Zweck – beide Systeme schaffen eine dauerhafte technische Infrastruktur, deren Betreiber über Jahre am Wartungs- und Erweiterungsbedarf verdienen.
Bereits jetzt positionieren sich Konzerne: Rheinmetall mit dem Skyranger, Hensoldt mit Xpeller, Diehl Defence mit HPEM-Effektoren, das australische DroneShield mit Sensorik und Jammern.
Allein das deutsche Programm könnte laut Verteidigungsministerium bis zu neun Milliarden Euro kosten – mehr als der gesamte Etat für Katastrophenschutz.
Hinter diesen Unternehmen stehen Finanzinstitute und Fonds, die an staatlich garantierten Verteidigungsaufträgen partizipieren. Aus Bedrohung wird ein Wachstumsmarkt – Sicherheit als Renditemodell.
Fazit – Zeit für Skepsis statt Panik
Die europäische Drohnenhysterie zeigt, wie gefährlich es wird, wenn Angst zur Währung der Politik wird.
Weder Polen, Rumänien, Dänemark noch Deutschland haben bislang Beweise für eine russische Urheberschaft vorgelegt. Dennoch entstehen daraus Gesetze, Programme und milliardenschwere Investitionen.
Transparenz wird durch Schlagworte ersetzt, Analyse durch Alarmismus. Die Rüstungsindustrie liefert die Technik, die Politik den Anlass, die Medien die Erzählung.
Was fehlt, ist die Öffentlichkeit, die kritisch nachfragt.
Solange keine unabhängigen forensischen Ergebnisse vorliegen, bleibt die Zuschreibung an Russland politische Fiktion. Die finanziellen Folgen hingegen sind real.
Europa braucht Aufklärung statt Aufrüstung, Diplomatie statt Kriegshetze und ernsthafte Politiker, die bereit sind, zwischen Gefahr und Geschäft zu unterscheiden.
Quellen (Auswahl, Stand 13.10.2025)
Bundesregierung – Pressemitteilungen 10., 12., 27. September 2025 – https://www.bundesregierung.de
ARD / Caren Miosga, Interview mit Friedrich Merz, 5. Oktober 2025 – https://www.ardmediathek.de
Deutschlandfunk – „Merz: Russland steckt hinter Drohnenvorfällen“, 6. Oktober 2025 – https://www.deutschlandfunk.de
Reuters, AP News, Euronews, Focus Online, Zeit Online – Berichterstattung September–Oktober 2025
TASS – „Peskov: Drone claims are baseless“, 6. Oktober 2025 – https://tass.com/politics/1809515
Rossiyskaya Gazeta – „Dronovaya isteriya v Evrope“, Oktober 2025 – https://rg.ru
Yeni Safak – „Kremlin slams EU claims linking drone flights to Moscow“, 7. Oktober 2025 – https://en.yenisafak.com/world/kremlin-slams-eu-claims-linking-drone-flights-to-moscow-3708929
Rheinmetall Defence, Hensoldt AG, Diehl Defence – Projektberichte 2024/25 – https://rheinmetall-defence.com | https://hensoldt.net | https://diehl.com
DroneShield Ltd – Pressemitteilung September 2025 – https://droneshield.com/media/press-releases
BMDV / Toll Collect – Jahresberichte 2023–2024 – https://bmdv.bund.de
#Drohnen #HybriderKrieg #Merz #NATO #Ruestungsindustrie #Medienkritik
Diskussion und Vertiefung: Sie können diesen Artikel mit meinem Brunhuber-Assistenten in ChatGPT weiter diskutieren.