Die Geschäfte des Herrn Gates

Der Artikel erschien am 25.11.2025

Die Geschäfte des Herrn Gates – Wie Microsoft die Welt eroberte

Die frühen Jahre: Code, Kalkül und die BIOS-Falle

William Henry Gates III. machte sich in der Tech-Welt nicht nur durch seine Programmierfähigkeiten einen Namen, sondern vor allem durch ein kompromissloses Geschäftskalkül. Die entscheidenden Weichen für die spätere Weltmachtstellung von Microsoft wurden 1980 und 1981 gestellt – durch Manöver, die weniger mit genialem Code als mit Vertragsgestaltung zu tun hatten.

Als im Juli 1980 eine Delegation des Computergiganten IBM bei Microsoft vorstellig wurde, um ein Betriebssystem für den ersten IBM PC zu finden, versprach Gates die Lieferung, obwohl er ein solches System zu diesem Zeitpunkt gar nicht besaß [2]. Kurz darauf kaufte Microsoft QDOS (Quick and Dirty Operating System) von der kleinen Firma Seattle Computer Products (SCP) für insgesamt nur rund 60.000 US‑Dollar [4] und machte daraus PC‑DOS/MS‑DOS. Der eigentliche Geniestreich lag aber im Vertrag mit IBM: Gates sicherte sich das Recht, das Betriebssystem unter dem Namen MS‑DOS auch an alle anderen PC‑Hersteller lizenzieren zu dürfen [5].

Allein mit der Lizenzierung von MS‑DOS war die Machtfrage auf dem entstehenden PC‑Markt allerdings noch nicht entschieden. Die eigentliche Schlüsselkomponente war eine unscheinbare Firmware: das BIOS (Basic Input/Output System).

Die BIOS-Strategie: Wie Microsoft zwischen alle Stühle rückte

Um zu verstehen, wie Microsoft den PC‑Markt unter seine Kontrolle brachte, muss man ein unscheinbares Stück Software kennen: das BIOS, das „Basic Input/Output System“. Vereinfacht gesagt ist das BIOS ein kleines Programm, das in einem Chip auf dem Mainboard sitzt. Es startet den Computer, prüft den Arbeitsspeicher, initialisiert Tastatur, Festplatte und Bildschirm und übergibt dann an das eigentliche Betriebssystem. Ohne ein passendes BIOS läuft gar nichts.
IBM hatte für seinen ersten PC ein eigenes, urheberrechtlich geschütztes BIOS entwickelt. Andere Hersteller wollten diesen erfolgreichen IBM‑PC nachbauen, möglichst so, dass er mit denselben Mocrosoft Programmen funktioniert. Solche Nachbauten nannte man PC‑Clones: Rechner, die sich technisch wie ein IBM‑PC verhalten, aber nicht von IBM stammen.

Hier lag das Problem: Diese PC‑Clone‑Hersteller konnten zwar bei Microsoft das Betriebssystem MS‑DOS lizenzieren, aber sie durften das IBM‑BIOS nicht einfach kopieren. Hätten sie es dennoch getan, wären sie von IBM wegen Urheberrechtsverletzung verklagt worden [5]. Die einzige rechtssichere Lösung war ein sogenanntes „Clean‑Room‑Design“ [6]: Ein erstes Entwicklerteam untersucht das IBM‑BIOS – es beobachtet von außen, wie sich der Rechner verhält, und kann zusätzlich den Maschinencode im BIOS‑Chip analysieren. Dieses Team erstellt daraus nur eine technische Beschreibung: Welche Funktionen gibt es? Welche Eingaben führen zu welchen Ausgaben? Wie sehen die Schnittstellen aus?

Ein zweites, getrenntes Team, das den Original‑Code von IBM nie zu Gesicht bekommt, schreibt allein auf Basis dieser Beschreibung ein neues BIOS. Funktion und Verhalten sollen möglichst gleich sein, der Programmcode selbst stammt aber vollständig von diesem zweiten Team. So kann man im Streitfall vor Gericht argumentieren, dass zwar die Funktionsweise kompatibel ist, der neue Code aber als eigenständiges Werk gilt und nicht einfach eine Kopie des IBM‑BIOS ist. An dieser Stelle trat Microsoft als zentraler Partner auf. Die Firma lieferte nicht nur MS‑DOS, sondern arbeitete eng mit BIOS‑Herstellern wie Phoenix Technologies und Award Software zusammen. So stellte Microsoft sicher, dass diese neu entwickelten, nicht von IBM stammenden BIOS‑Versionen zuverlässig mit MS‑DOS zusammenspielten [7].

ür die PC‑Clone‑Hersteller ergab sich daraus eine klare Abhängigkeit: Wer MS‑DOS nutzen wollte, brauchte ein BIOS, das mit MS‑DOS getestet und freigegeben war. Wer ein solches „zertifiziertes“ BIOS verwendete, bekam einen Rechner, der als „IBM‑kompatibel“ galt – also die damals wichtigen Programme ausführen konnte. Wer versuchte, auf eigene Faust ein BIOS zu bauen oder ein anderes Betriebssystem einzusetzen, riskierte Inkompatibilitäten, Abstürze und damit den geschäftlichen Ruin.
Genau hier entstand der sogenannte Lock‑in‑Effekt: Einmal in dieses Ökosystem eingestiegen, kamen die Hersteller praktisch nicht mehr von Microsoft los. Betriebssystem und BIOS bildeten ein Paket, dessen technisches und wirtschaftliches Zentrum Microsoft war [8].Auf diese Weise wurde der gesamte Markt der IBM‑PC‑Nachbauten – die PC‑Clones – direkt oder indirekt von Microsoft abhängig. Die Kombination aus MS‑DOS‑Lizenzen und der faktischen Kontrolle über die BIOS‑Schnittstellen zementierte die Systemherrschaft von Gates’ jungem Unternehmen und ebnete den Weg zur späteren Monopolstellung.

Das Diktat der Standards: Herrschaft durch Inkompatibilität

Mit Windows 95 verfestigte sich Microsofts Kontrolle über den Desktop-Markt. Dass dieses System zur globalen Plattform wurde, lag nicht nur an technischer Überlegenheit, sondern auch an Geschäftspraktiken, die Kritiker als rücksichtslos und wettbewerbswidrig einstuften – und die Kartellbehörden in Washington und Brüssel über Jahre beschäftigten.

Die zentrale Linie der Kritik durch die 1990er-Jahre: Microsoft nutzte seine dominierende Stellung systematisch zur Verdrängung von Konkurrenten [6]. Intern kursierte die Strategieformel „Embrace, Extend, Extinguish“ (EEE) [7]. Das Muster: Zunächst wurde ein offener, verbreiteter Standard umarmt (Embrace) – etwa Java oder einschlägige Internetprotokolle. Dann ergänzte Microsoft ihn um proprietäre Erweiterungen (Extend), die gezielt mit der ursprünglichen Spezifikation brachen. Ergebnis: Wer auf Microsofts Variante setzte, entfernte sich automatisch vom offenen Standard, und konkurrierende Anbieter wurden durch die erzwungene Inkompatibilität aus dem Markt gedrängt (Extinguish).

Am sichtbarsten wurde diese Strategie im Browserkrieg gegen Netscape. Ende der 1990er-Jahre lief Windows auf über 90 Prozent aller Desktop-Rechner [8]. Microsoft nutzte diese Dominanz, um den Internet Explorer kostenlos und untrennbar mit dem Betriebssystem zu bündeln. Für PC‑Hersteller war der Browser damit vorinstalliert und für Anwender scheinbar „gratis“ – ein Schritt, der Netscape von Millionen potenzieller Neukunden abschnitt und bis heute als Paradebeispiel für den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung gilt [9].

Der daraus resultierende Kartellprozess, United States v. Microsoft Corp., begann 1998 und endete 1999 mit dem Urteil von Richter Thomas Penfield Jackson, der Microsoft des wettbewerbswidrigen Verhaltens für schuldig befand [9]. Zwar hob das Berufungsgericht die angeordnete Zerschlagung Microsofts später auf, doch der Kernvorwurf – illegaler Monopolmissbrauch – wurde bestätigt [10].

Weniger spektakulär, aber für den Alltag von Behörden und Unternehmen mindestens genauso folgenreich war Microsofts Kampf um die Vorherrschaft im Bereich der Dokumentenformate. Die proprietären Office-Formate (DOC, XLS, PPT) wurden zum De‑facto‑Standard – nicht, weil sie technisch alternativlos gewesen wären, sondern weil ihre Verbreitung eine gewaltige Lock‑in‑Wirkung erzeugte [11]. Wer solche Dateien austauschte, brauchte faktisch Microsoft Office, denn freie Alternativen wie LibreOffice oder das Open Document Format (ODF) hatten Mühe, vollständige Kompatibilität sicherzustellen.

Microsoft investierte massiv in Lobbyarbeit, um die Standardisierung von ODF zu behindern und stattdessen das eigene Format Office Open XML (OOXML) durch internationale Gremien zu drücken [12]. Der erbitterte Streit um OOXML wird bis heute als Beispiel dafür gewertet, wie ein privater Konzern mit politischer und wirtschaftlicher Macht versucht, technische Standards zu definieren – und damit die digitale Souveränität von Staaten auszuhöhlen.

Digitale Souveränität, Closed Source und der Lock-in-Mechanismus

Die Geschichte von Windows endet nicht beim PC unter dem Schreibtisch. Die strategische Nutzung proprietärer Software in Verwaltungen, Schulen und anderen öffentlichen Institutionen ist in Deutschland und Europa zu einer Grundsatzfrage geworden: Wie viel Abhängigkeit von einem einzelnen US‑Konzern ist mit demokratischer Selbstbestimmung vereinbar?

Das Kernproblem liegt in der Intransparenz des Quellcodes [13]. Windows und Microsoft 365 sind Black Boxes: Außenstehende können nicht unabhängig prüfen, welche Telemetriedaten – Nutzungs-, Inhalts- oder Systeminformationen – an Microsoft‑Server gesendet werden. Spätestens seit dem US Cloud Act und dem Schrems‑II‑Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das die Sicherheit von Datentransfers in die USA grundsätzlich in Frage stellte, kollidiert diese Intransparenz frontal mit den Anforderungen der DSGVO [14]. Verschiedene deutsche Bundesländer haben darauf mit Verboten oder massiven Einschränkungen des Einsatzes von Microsoft‑Software an Schulen reagiert.

Gleichzeitig wächst um Windows ein riesiger Service‑Markt. Die hohe Verbreitung des Systems, seine Komplexität und die dauerhafte Bedrohung durch Schadsoftware bilden die Grundlage eines Ökosystems aus IT‑Dienstleistern und Systemhäusern, die Wartung, Support und Sicherheitslösungen verkaufen [15]. Diese Unternehmen sind in Partnerprogramme eingebunden, haben ihr Geschäftsmodell und ihre Expertise auf Microsoft‑Technologien aufgebaut – und fungieren damit als Multiplikatoren der Microsoft‑Strategie [16]. Je komplexer und sicherheitskritischer die proprietäre Umgebung, desto größer der Bedarf an kostenpflichtigem Service – und desto unattraktiver der Umstieg auf offene Alternativen. Lock‑in wird so zur Geschäftsgrundlage.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist das LiMux‑Projekt in München. Die Stadt hatte ab 2003 schrittweise ihre IT‑Infrastruktur auf Linux und LibreOffice umgestellt und konnte nachweislich Millionen an Lizenzkosten einsparen [17]. International wurde München als Vorzeigeprojekt für digitale Souveränität gefeiert. Doch 2017, nach einem politischen Wechsel im Stadtrat (SPD/CSU‑Koalition), wurde LiMux beerdigt und die Rückkehr zu Windows und Microsoft Office beschlossen – flankiert von der in den Medien diskutierten Nähe zur damaligen Deutschland‑Zentrale von Microsoft in München.

Der „Verrat von LiMux“ ist zu einem Lehrstück geworden: Nicht technische Gründe gaben den Ausschlag, sondern politische und wirtschaftliche Einflussnahme. Die Stadt opferte ihre gewonnene Unabhängigkeit, um die vermeintliche Bequemlichkeit proprietärer Standardlösungen zurückzugewinnen – und kehrte damit in denselben Lock‑in‑Mechanismus zurück, den sie eigentlich schon überwunden hatte.

Der Wandel zum Philanthropen: Stiftungsmacht und „legale Korruption“

Nach seinem Rückzug aus der operativen Microsoft‑Führung im Jahr 2000 verlagerte Bill Gates seinen Schwerpunkt auf die globale Philanthropie. Über die Bill & Melinda Gates Foundation (B&MGF) wurde er zum mächtigsten privaten Akteur im Bereich globale Gesundheit und Entwicklung. Die Debatte entzündet sich dabei weniger an den erklärten Zielen als an der Methode des Philanthrokapitalismus [18]: Wohltätigkeit wird mit den Instrumenten des Marktes betrieben – samt Renditeerwartung, Steueroptimierung und strategischer Steuerung von Politik.

Mit einem Stiftungsvermögen von über 50 Milliarden US‑Dollar [19] kann die B&MGF heute Forschungsagenden, Förderprioritäten und Programme in einem Ausmaß beeinflussen, das viele Staaten übertrifft. Sie ist zu einem „Super‑Akteur“ geworden, der etwa die Agenda der WHO oder von Initiativen wie GAVI stark mitbestimmt [20]. Entscheidungen fallen dabei in Stiftungsgremien, nicht in Parlamenten. Die vorgeschlagenen Lösungen folgen oft einem technokratischen, marktfreundlichen Weltbild – demokratische Kontrolle findet nur indirekt statt.

Hinzu kommt eine auffällige Doppelrolle als Geber und Investor. Die Stiftung finanzierte Programme zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten, hielt zugleich aber Beteiligungen an Konzernen, deren Umwelt- oder Preispolitik gerade in ärmeren Ländern massiv kritisiert wurde [21]. Solche Widersprüche werden von Befürwortern als notwendiger Pragmatismus, von Kritikern als zynische Rationalisierung gelesen: Der Zweck – mehr Mittel für philanthropische Projekte – heiligt die Mittel – Gewinnmaximierung und steuerlich privilegierte Anlagen.

Die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) macht diese Spannung besonders deutlich. Seit 2006 flossen über eine Milliarde US‑Dollar von der Gates‑Stiftung in dieses Programm, das die landwirtschaftliche Produktivität in Afrika mit industriellen Methoden steigern sollte [22]. Evaluierungen, etwa von Brot für die Welt und der Rosa‑Luxemburg‑Stiftung, zeichnen ein ernüchterndes Bild: Die Erträge stiegen vielerorts kaum, die Zahl der Hungernden sank nicht oder nahm sogar zu [23]. Gleichzeitig wurden Kleinbauern in Abhängigkeit von kommerziellem Saatgut und Agrochemie geführt – ein Modell, das vor allem großen Agrarkonzernen nützt. Die „gute Idee“ des Philanthrokapitalismus kulminiert hier in einer strukturellen Verschiebung von Macht und Abhängigkeit.

Die Mechanismen, die dabei zum Einsatz kommen, sind formal legal. Gerade das macht sie zu einem Musterfall dessen, was der Jurist Lawrence Lessig als „systemische, legale Korruption“ beschreibt [24]. Kapital und Expertenwissen werden genutzt, um nationale und internationale Regelwerke so zu formen, dass sie den eigenen Investitions- und Strategiezielen dienen – sei es in der globalen Gesundheitspolitik, bei Impfstoffallianzen oder in der Agrarförderung [25]. Es entsteht eine private, technokratische Weltpolitik, die sich auf das Gemeinwohl beruft, ohne ihm tatsächlich rechenschaftspflichtig zu sein.

Pharmamacht, Philanthropie und die deutsche Verbindung

Wer über Bill Gates spricht, kommt um Impfstoffe nicht herum. Was in der öffentlichen Erzählung als selbstlose „Gesundheitsmission“ erscheint, ist zugleich ein fein abgestimmtes Geflecht aus Beteiligungen, Stiftungsmilliarden und politischen Partnerschaften – ein privates Gesundheitsministerium im Maßstab eines mittelgroßen Staates.Die Bill & Melinda Gates Foundation ist heute einer der wichtigsten privaten Akteure in der globalen Impfstoffpolitik. Sie gehört zu den zentralen Finanziers von Impf-Allianzen wie Gavi, der Impfallianz, einem öffentlich‑privaten Bündnis mit WHO, Weltbank, Regierungen und der Impfstoffindustrie, das die Verteilung von Vakzinen in ärmeren Ländern organisiert.[15] Deutschland ist hier zu einem der sichtbarsten Geber aufgestiegen und hat sich mit mehrjährigen Zusagen in dreistelliger Millionenhöhe positioniert.[32] Über CEPI, die „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations“, fördert die Stiftung die Entwicklung neuer Impfstoffe, und über Partnerschaften wie den japanischen GHIT‑Fonds sitzt sie gemeinsam mit einer Phalanx großer Pharmakonzerne in denselben Governance‑Strukturen.[18]

Neben diesen Multi‑Milliarden‑Programmen agiert Gates auch ganz klassisch als Investor. In Deutschland wurde das spätestens mit CureVac sichtbar: 2015 stieg die Gates‑Stiftung beim Tübinger mRNA‑Unternehmen ein – ein strategisches Investment in eine Schlüsseltechnologie, Jahre bevor mRNA‑Impfstoffe in der Pandemie zum globalen Politikum wurden.[29] Philanthropie und Beteiligungskapital fallen hier nicht auseinander, sie sind zwei Seiten derselben Architektur: Die Stiftung finanziert die Plattformen, Programme und Allianzen, von denen wiederum jene Branchen profitieren, in die Gates parallel investiert.

Um diese technische und finanzielle Macht in politische Hebel zu übersetzen, braucht es Netzwerke – und Zugang zu Regierungen. 2018 eröffnete die Gates‑Stiftung ein eigenes Europabüro in Berlin.[18] Offiziell, um die Partnerschaften mit der Bundesregierung und „anderen Institutionen“ in Europa zu vertiefen. De facto verschiebt sich damit der institutionelle Ort der Gesundheitspolitik: An Runden Tischen, Panels und „Public‑Private Partnerships“ sitzt ein privater Stiftungsakteur gleichberechtigt neben Ministerien und internationalen Organisationen.

Auch auf der operativen Ebene verzahnt sich die Stiftung mit deutschen Behörden. Gegenüber der bundeseigenen Entwicklungsagentur GIZ tritt sie als Auftraggeberin und Kofinanzier auf; Projekte aus dem Bereich globale Gesundheit und Ernährungssicherung werden gemeinsam geplant und umgesetzt. [19] Staatsnahe Institutionen werden damit zu Dienstleistern eines privaten Akteurs – die Grenzlinie zwischen öffentlicher Politik und privat gesetzten Prioritäten wird unscharf.

Besonders umstritten ist die finanzielle Verflechtung über sogenannte Kombifinanzierungen. In Antworten auf parlamentarische Anfragen räumt die Bundesregierung ein, dass das Entwicklungsministerium BMZ im Zeitraum der 2020er‑Jahre Mittel in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro für Projekte bereitstellt, an denen die Gates‑Stiftung als Kofinanzier beteiligt ist.[20]. Die Summe von rund 630 Millionen Euro, die zeitweise als „Zuwendung an die Gates‑Stiftung“ kursierte, wurde später präzisiert: Es handelt sich um den deutschen Anteil an gemeinsamen Vorhaben, in die auch die Stiftung einzahlt. [21]

Offiziell betont das BMZ deshalb, man „überweise der Gates‑Stiftung kein Geld“; vielmehr bringe Deutschland Haushaltsmittel in Fonds und Programme ein, in die auch die Stiftung einzahlt.[22] Politisch ändert diese semantische Trennlinie wenig: Deutsche Steuermittel landen in denselben Strukturen – Impfprogramme, Agrar‑ und Digitalprojekte –, deren Architektur Gates’ Stiftung maßgeblich mitgestaltet. Deutschland fungiert nicht nur als Geber klassischer multilateraler Organisationen wie WHO oder Weltbank, sondern auch als Ankerdonor jener öffentlich‑privaten Konstruktionen, die den Einfluss privater Stiftungen in der globalen Gesundheitspolitik verfestigen. [23]

Ein zweiter Hebel führt in die Redaktionen. In den vergangenen Jahren hat die Gates‑Stiftung systematisch Programme zur Förderung von „Global Health“‑ und „Entwicklungs“-Journalismus in Europa aufgebaut. Über Stipendien, Recherchereisen und Projektgelder werden Journalistinnen und Journalisten unterstützt, regelmäßig über globale Gesundheits‑ und Entwicklungsthemen zu berichten – mit dem erklärten Ziel, diese Themen auf die mediale Agenda zu setzen.[35]

Noch konkreter wird der Einfluss am Beispiel Spiegel. Das Online‑Projekt „Globale Gesellschaft“, in dem Reporterinnen und Reporter über Ungerechtigkeiten, Entwicklungspolitik und globale Gesundheit berichten, wird seit Ende 2018 maßgeblich von der Gates‑Stiftung mitfinanziert – mit einer jährlichen Fördersumme im mittleren sechsstelligen Bereich.[36] Der Spiegel betont, die Förderung sei strikt projektgebunden, redaktionelle Inhalte entstünden „ohne jeden Einfluss“ der Stiftung.

Gleichwohl zeigte die Debatte rund um die Kooperation, wie sensibel das Publikum auf mögliche Interessenkonflikte reagiert, etwa wenn über Firmen berichtet wird, an denen Gates privat beteiligt ist.Wie diese Verflechtung von Stiftungsmacht, Staat und Medien wirkt, ließ sich exemplarisch in der Frühphase der Corona‑Pandemie beobachten. Am 12. April 2020 räumten die ARD‑„Tagesthemen“ Bill Gates ein ausführliches Interview von rund neun Minuten ein – zur Primetime, im Flaggschiff der öffentlich‑rechtlichen Nachrichten.[38] Der Moderator befragte ihn nicht wie einen Lobbyisten mit milliardenschweren Impf‑Investments, sondern eher wie eine Art ungekrönten „Weltgesundheitspräsidenten“, dem man vertrauen könne: Gates erklärte, wie lange die Pandemie dauern werde, wie viele Menschen geimpft werden müssten, welche Reise‑ und Freiheitsrechte künftig an Impf‑ oder Immunitätsnachweise geknüpft sein könnten.

Kritische Nachfragen zu seinen wirtschaftlichen Interessen, zu Patenten, Haftungsfragen oder zur Rolle seiner Stiftung in Gremien von WHO und Impf‑Allianzen blieben weitgehend aus. Kritiker sahen darin weniger ein Interview als eine Werbeschalte – ein mediales Setting, das Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern das Bild eines wohlmeinenden Technokraten vermittelte, der gewissermaßen über der Politik steht.[38]

Damit sind wir bei der eigentlichen Pointe: Es braucht keinen direkten Anruf in der Chefredaktion, keinen Zensurakt, damit sich Agenden verschieben. Wer Themen definiert, Recherchereisen, Dossiers und Schwerpunkte finanziert, setzt einen Rahmen – was gilt als wichtig, dringlich, „global relevant“? Wenn dieselbe Stiftung, die Milliarden in Impfstoffallianzen, Biotech‑Firmen und globale Gesundheitsprogramme lenkt, zugleich Journalistenausbildung, Reportagen und Think‑Tank‑Projekte fördert und über lange Interviews in den Hauptnachrichten quasi als überstaatliche Autorität inszeniert wird, verschieben sich die Koordinaten der öffentlichen Debatte leise, aber wirksam.

Deutschland ist in dieser Architektur kein zufälliger Standort, sondern Knotenpunkt: wichtiger Geber von Gavi und anderen Impf‑Allianzen, Gastgeber des Berliner Gates‑Büros, Empfänger von Stiftungsmitteln in Ministeriennähe, Hochschulen und Redaktionen – und zugleich staatlicher Mitfinanzier jener Programme, in denen Gates’ Stiftung als zentraler privater Akteur auftritt. So entsteht ein Netz aus Projekten, Gremien und Programmen, in dem der moderne Technokrat Bill Gates nicht mehr bloß Software verkauft, sondern Prioritäten in der öffentlichen Gesundheit, der Forschung und der Berichterstattung mitsetzt – formal als Wohltäter, materiell als Akteur mit sehr klaren technologischen und ökonomischen Interessen.

Event 201: Pandemie-Planspiel zwischen Vorbereitung und Verschwörungsmythos

Im Rückblick auf die Jahre vor Covid‑19 sticht ein Datum immer wieder heraus: der 18. Oktober 2019. An diesem Tag fand im New Yorker Hotel „The Pierre“ eine groß angelegte Pandemie‑Übung mit dem Titel Event 201 statt. Organisiert wurde sie vom Johns Hopkins Center for Health Security (CHS) in Zusammenarbeit mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) und der Bill & Melinda Gates Foundation als Partner und Mit-Finanzier.[39][40] Simuliert wurde der Ausbruch eines neuartigen, hochgefährlichen Coronavirus, das sich weltweit ausbreitet, Lieferketten zusammenbrechen lässt und in der Planspiel-Logik innerhalb von 18 Monaten viele Millionen Todesopfer fordert.[39]

Das Format folgte dem Drehbuch klassischer „tabletop exercises“: Rund 15 hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Regierungen, internationalen Organisationen und dem Gesundheitssektor übernahmen im Planspiel die Rolle eines globalen Krisenstabs.[39][40] Voraufgezeichnete Nachrichtenvideos, fiktive Lageberichte und Moderationsimpulse strukturierten die Diskussionen. Die Teilnehmenden mussten Entscheidungen zu Reisebeschränkungen, Impfstoffentwicklung, Finanzhilfen, staatlicher Kommunikation und zur Rolle sozialer Medien im Umgang mit Gerüchten und Falschinformationen treffen – alles mit Blick auf eine „realistische“ schwere Pandemie.[39]

Wichtig für die Einordnung: Federführend für Konzept und Durchführung von Event 201 war das Johns Hopkins Center for Health Security; auf operativer Ebene traten benannte Projektleiter des CHS, des WEF und ein Mitarbeiter der Gates‑Stiftung als „exercise leads“ auf.[39] Bill Gates selbst taucht in den öffentlich verfügbaren Unterlagen nicht als Teilnehmer, Moderator oder Leiter der Übung auf. Seine Stiftung war wesentliche Partnerin und Mitfinanzierin – aber nicht der alleinige oder persönliche Drahtzieher.

Kurz nach dem Ausbruch von Covid‑19 sah sich das Johns Hopkins Center veranlasst, eine öffentliche Erklärung zu Event 201 zu veröffentlichen. Hintergrund waren zahlreiche Vorwürfe und Spekulationen, das Planspiel habe die reale Pandemie „vorhergesagt“ oder gar als Blaupause für konkrete Maßnahmen gedient. Das Center stellte klar, dass es sich um ein fiktives Szenario gehandelt habe, das zwar auf einem neuartigen Coronavirus basierte, aber keine Prognose für den tatsächlichen Ausbruch von SARS‑CoV‑2 sei; die im Planspiel verwendeten Annahmen zur Ausbreitung und Sterblichkeit unterschieden sich deutlich von den realen Daten.[41] Ziel sei es gewesen, generelle Schwachstellen der globalen Pandemievorbereitung sichtbar zu machen, nicht, ein konkretes Ereignis zeitlich oder sachlich zu „treffen“.[41]

Dennoch ist die zeitliche Nähe auffällig: Nur wenige Wochen nach Event 201 wurden in China erste Fälle einer ungewöhnlichen Lungenentzündung bekannt, die sich im Winter 2019/2020 zur globalen Covid‑19‑Pandemie auswuchs. Für Kritiker war dies ein Steilpass, um die Rolle der Gates‑Stiftung erneut zu problematisieren: Eine Stiftung, die massiv in Impfstoffallianzen, Biotech‑Firmen und globale Gesundheitspolitik investiert ist, hilft bei der Organisation eines Pandemie‑Planspiels mit Coronavirus-Szenario – und kurz darauf wird ein solches Virus zur Realität. In manchen Deutungen wurde daraus der Verdacht, hier habe eine Art „Generalprobe“ für eine von Eliten gesteuerte, geplante Pandemie stattgefunden.

Eine nüchternere Einordnung verweist darauf, dass Fachleute seit Jahren vor der statistisch wahrscheinlichen Rückkehr großer Pandemien warnen. Pandemie‑Übungen wie „Clade X“ (2018) oder Event 201 seien eher Ausdruck dieser Sorge als deren Ursache; sie illustrieren, wo Gesundheitssysteme, internationale Kooperation und politische Entscheidungsprozesse im Ernstfall versagen könnten.[40][42] Auch unabhängige Pandemie‑Forscherinnen und ‑Forscher verweisen darauf, dass Übungen durchaus hilfreiche Lerneffekte erzeugt haben, etwa bei der Sensibilisierung für Lieferkettenrisiken und die Notwendigkeit klarer staatlicher Kommunikation.[42]

Für die Frage nach der Macht der Gates‑Stiftung ist jedoch weniger entscheidend, ob Event 201 eine „Vorhersage“ war, als vielmehr, welche Denkweisen und Prioritäten in solchen Planspielen normalisiert werden. Die Übung stellte öffentlich-private Partnerschaften, schnellen Einsatz privater Logistikkapazitäten, eine enge Kooperation mit großen Technologie‑ und Medienkonzernen sowie die Sicherung von Impfstoffproduktion und ‑verteilung durch multinationale Unternehmen ins Zentrum.[39] Wer solche Übungen mit vorbereitet, finanziert und mitgestaltet, setzt damit implizit Standards dafür, welche Antworten in einer Krise als „vernünftig“ und „alternativlos“ gelten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Event 201 als weiteres Beispiel für den Philanthrokapitalismus lesen, der sich bereits in den globalen Impf‑ und Ernährungsprogrammen der Gates‑Stiftung zeigte: Unter dem Anspruch, die Welt auf den nächsten Notfall vorzubereiten, wird ein bestimmtes Lösungsrepertoire eingeübt, technologie‑, markt- und konzernfreundlich, mit starker Rolle privat finanzierter Akteure. Dass die Person Bill Gates am Tisch von Event 201 nicht präsent war, ändert wenig daran, dass seine Stiftung über Agenda, Partnerwahl und Problemdefinition maßgeblich mitbestimmt, wie sich Staaten, Unternehmen und internationale Organisationen eine „gute“ Pandemie‑Antwort vorstellen sollen.

Digitale Identität: Unsichtbare Infrastruktur statt Mikrochip im Arm

Wenn man den öffentlichen Debatten glaubt, besteht Bill Gates’ angebliche Obsession mit „elektronischen IDs“ vor allem aus dystopischen Bildern: implantierte Mikrochips, totale Überwachung, Impfzwang. Diese Fantasien sagen mehr über die Ängste ihrer Urheber als über die wirkliche Strategie der Gates‑Stiftung. Das eigentliche Projekt ist nüchterner – und gerade deshalb politisch brisant: der Aufbau einer globalen, digitalen Infrastruktur, in der Identität, Zahlungen und Datenflüsse verschmelzen.
Ein früher Kristallisationspunkt dieser Agenda war die Initiative ID2020. Das 2017 in New York gegründete Gemeinnützigen‑Konsortium wirbt damit, den über 800 Millionen Menschen ohne offizielle Papiere Zugang zu einer digitalen Identität zu verschaffen – zunächst für Flüchtlinge, Slumbewohner, Menschen ohne Geburtsurkunde.[43] Partner sind IT‑Konzerne wie Microsoft, Beratungsfirmen, NGOs – und Organisationen aus dem Orbit der Gates‑Stiftung, etwa die Impf‑Allianz Gavi.[44] 2019 startete ID2020 gemeinsam mit der Regierung von Bangladesch und Gavi ein Pilotprojekt, das Impfprogramme nutzt, um Kindern eine digitale Identität zuzuweisen: Biometrische Daten und Impfverläufe werden in einer zentralen Datenbank verknüpft, um „Impflücken“ zu schließen und zugleich eine dauerhafte, staatlich anschlussfähige ID zu erzeugen.[44]

Gerade diese Kopplung von Impfungen und Identität befeuerte während der Corona‑Pandemie den Mythos, Gates wolle Menschen im Zuge von Impfkampagnen RFID‑Chips implantieren. Recherchen und Faktenchecks kommen jedoch übereinstimmend zu einem anderen Befund: ID2020 entwickelt selbst keine implantierbare Hardware; es geht um digitale Einträge in Registern, nicht um Mikrochips im Körper.[45] Die reale Konfliktlinie verläuft nicht zwischen „Chip im Arm“ oder nicht – sondern zwischen dezentraler, zweckgebundener Identitätsverwaltung und immer umfassenderen, biometrischen Allzwecknummern, die sich für staatliche und privatwirtschaftliche Zwecke gleichermaßen nutzen lassen.

Seit Mitte der 2020er‑Jahre bündelt die Gates‑Stiftung ihre Aktivitäten rund um elektronische Identität unter dem Schlagwort Digital Public Infrastructure (DPI). Gemeint ist eine Art „unsichtbares Betriebssystem“ für Staaten, aufgebaut aus drei miteinander verknüpften Basisschichten: digitale Identität, interoperable Zahlungssysteme und Datenaustausch‑Plattformen.[46][47] 2022 kündigte die Stiftung an, 200 Millionen US‑Dollar in die Ausweitung solcher digitalen Infrastrukturen in Ländern des globalen Südens zu investieren – als Teil eines Pakets von 1,27 Milliarden US‑Dollar für globale Gesundheits‑ und Entwicklungsprogramme.[46] Offiziell geht es darum, Sozialleistungen zielgenauer auszuzahlen, Frauen finanziell zu „inkludieren“ und Staaten krisenfester zu machen; digitale IDs gelten dabei als notwendige Voraussetzung, um Bürger eindeutig zuordenbar zu machen.[47]

Parallel dazu finanziert die Gates‑Stiftung technische Basisbausteine für staatliche ID‑Systeme. Ein zentrales Projekt ist die Modular Open Source Identity Platform (MOSIP), eine in Indien entwickelte, frei verfügbare Architektur für biometrische Ausweisdatenbanken. MOSIP ermöglicht es Staaten, mit vergleichsweise geringem Aufwand eigene Aadhaar‑ähnliche Systeme aufzubauen – inklusive Fingerabdruck‑ und Gesichtserkennung, Schnittstellen zu Melderegistern und Zahlungsplattformen.[47] Nach internen Evaluierungen der Stiftung leben inzwischen Hunderte Millionen Menschen in Ländern, die MOSIP pilotieren oder ausrollen; mit nur rund 20 Millionen US‑Dollar Anschubfinanzierung der Gates‑Stiftung wurden Weltbank‑Mittel in Milliardenhöhe mobilisiert, um nationale ID‑Programme zu finanzieren.[49]

Auch auf der Wissens‑ und Normenseite baut Gates an dieser Infrastruktur mit. Das von der Stiftung geförderte Alan Turing Institute in Großbritannien erhält seit 2020 Millionenbeträge, um Leitlinien für „vertrauenswürdige“ Identitätssysteme zu entwickeln – inklusive eines „Digital Identity Cyber Threats Observatory“, das Bedrohungen für nationale eID‑Systeme untersucht.[48] Auf UN‑Konferenzen und in Multi‑Stakeholder‑Foren wie dem UN‑Entwicklungsprogramm (UNDP) tritt Gates als prominenter Fürsprecher sicherer, interoperabler Digital‑Identität auf; Kampagnen wie „50‑in‑5“ verfolgen offen das Ziel, bis 2028 in Dutzenden Staaten Komponenten dieser Infrastruktur – ID, Zahlungen, Daten‑Busse – zu etablieren.[46][47][50]

Damit verschränkt sich das Thema digitale Identität mit der bereits beschriebenen Philanthrokapitalismus‑Logik der Gates‑Stiftung. Die offiziellen Narrative betonen Teilhabe, Effizienz und Armutsbekämpfung. Kritiker – darunter Ökonomen wie Norbert Häring – warnen hingegen vor der Herausbildung einer globalen Allzweck‑ID, die als Schlüssel für nahezu alle Lebensbereiche dient: von der Kontoeröffnung über Gesundheitsdienste und Reisen bis hin zu Wahlen.[45] Je mehr Funktionen sich um eine solche Kennung gruppieren, desto größer wird die strukturelle Macht jener Akteure, die die technischen Standards, die Softwareplattformen und die zentralen Register kontrollieren – und desto schwerer wird es für Individuen und Staaten, sich dieser Logik zu entziehen.

Im Lichte der „Geschäfte des Herrn Gates“ lässt sich die elektronische ID daher als nächster Evolutionsschritt seines alten Geschäftsmodells lesen. Wo Microsoft einst mit proprietären Dateiformaten und Betriebssystemen Lock‑in‑Effekte im Softwaremarkt erzeugte, entstehen nun neue Abhängigkeiten rund um digitale Identitäten, Zahlungsinfrastrukturen und Datenräume. Es geht weniger um den spektakulären Mythos des implantierten Chips als um etwas viel Langweiligeres – und womöglich Gefährlicheres: eine schleichende Standardisierung der Bedingungen, unter denen Menschen überhaupt noch sichtbar, zahlungsfähig und rechtsfähig sind.

Das Erbe: Dominanz, Ethik und der Epstein-Schatten

Bill Gates verkörpert den Typus des modernen Technokraten, der mit analytischer Brillanz eine Branche revolutioniert und zugleich mit einer Härte agiert, die die Grenze zwischen legitimer Einflussnahme und problematischer Dominanz beständig austestet. Der öffentliche Wandel vom aggressiven Software‑Magnaten zum globalen Wohltäter ändert wenig daran, dass die Logik seiner Macht dieselbe bleibt: Kontrolle über Standards, über Infrastrukturen, über Agenden.

Auch im Privaten blieb Gates von Kontroversen nicht verschont. Seine wiederholten Treffen mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein – teils nach dessen Verurteilung – wurden von seiner Ex‑Frau Melinda French Gates als ein wesentlicher Grund für die Trennung genannt und von vielen Beobachtern als gravierender Fehlgriff im moralischen Urteil gewertet [27]. Die Affäre trug dazu bei, dass Gates 2020 aus den Verwaltungsräten von Microsoft und Berkshire Hathaway zurücktrat [28]. Der Schatten dieser Verbindungen wirft Fragen nach der Glaubwürdigkeit eines Mannes auf, der Milliarden unter dem Banner des „globalen Guten“ bewegt.

So bleibt als Erbe das Bild eines Akteurs, der dieselben Methoden, mit denen er den Softwaremarkt dominierte, nun auf die globalen Herausforderungen von Gesundheit, Ernährung und Klima anwendet. Der Unterschied: Früher war er an Wettbewerb und – zumindest theoretisch – an staatliche Regulierung gebunden. Heute operiert er weitgehend in selbst geschaffenen Strukturen, finanziell unangreifbar und politisch kaum kontrolliert.

Quellenangaben

1] Wallace, J. & Erickson, J., *Hard Drive: Bill Gates and the Making of the Microsoft Empire*. HarperBusiness, 1992.

[2] Manes, S. & Andrews, P., *Gates: How Microsoft's Mogul Reinvented an Industry – and Made Himself the Richest Man in America*. Simon & Schuster, 1993.

[3] Freiberger, P. & Swaine, M., *Fire in the Valley: The Making of the Personal Computer*. McGraw-Hill, 1984.

[4] Rechnungen und Dokumente von Seattle Computer Products (SCP) zum Verkauf von QDOS, Juli 1981, publiziert in diversen Tech-Historien.

[5] Cusumano, M. A. & Yoffie, D. B., *Competing on Internet Time: Lessons from Netscape and Its Battle with Microsoft*. Free Press, 1998.

[6] Auletta, K., *World War 3.0: Microsoft and Its Enemies*. W. W. Norton & Company, 2001.

[7] Berichte des US-Justizministeriums zur „Embrace, Extend, Extinguish“-Strategie, 1998.

[8] StatCounter und Net Applications, Marktanteilsdaten für Desktop-Betriebssysteme, 1998.

[9] Jackson, T. P., *Findings of Fact*, *United States v. Microsoft Corp.*, 1999.

[10] *United States v. Microsoft Corp.*, Berufungsgerichtsentscheidung, 2001.

[11] Moody, G., *Rebel Code: Linux and the Open Source Revolution*. Perseus Publishing, 2001.

[12] Dokumentation des EU-Standardisierungsprozesses (ISO/IEC JTC 1) zur OOXML-Abstimmung, 2007.

[13] Pistor, K., *The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality*. Princeton University Press, 2019.

[14] Schrems-II-Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), C‑311/18, 2020; Entscheidungen deutscher Datenschutzbehörden (seit 2020).

[15] Global Policy Forum, *The Gates Foundation's Influence on Global Health*, 2013.

[16] Interviews mit IT-Systemhausbetreibern und Channel-Partner-Programmdokumenten.

[17] Presseberichte zur LiMux-Entscheidung des Münchner Stadtrates, 2017.

[18] Stern, K., *The Philanthrocapitalism of Bill Gates and its Implications for Global Health*. University of Pittsburgh, 2017.

[19] Bill & Melinda Gates Foundation, Finanzberichte, Stand 2024.

[20] *The Lancet*, Editorial zur Macht der Stiftung, 2012.

[21] *The Seattle Times*, investigative Berichte über die widersprüchlichen Investments der Stiftung, 2007.

[22] Bill & Melinda Gates Foundation, AGRA-Förderdaten, 2024.

[23] Brot für die Welt und Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berichte zur AGRA-Evaluierung, 2020.

[24] Lessig, L., *Republic, Lost: How Money Corrupts Congress – and a Plan to Stop It*. Twelve, 2011.

[25] Global Policy Forum, Analysen zur Rolle privater Stiftungen in internationalen Organisationen (seit 2010).

[26] Isaacson, W., *The Innovators: How a Group of Hackers, Geniuses, and Geeks Created the Digital Revolution*. Simon & Schuster, 2014.

[27] *The Wall Street Journal*, Berichte über die Trennung von Gates und die Epstein-Verbindungen, 2021.

[28] Gates, B., *How to Avoid a Climate Disaster: The Solutions We Have and the Breakthroughs We Need*. Knopf, 2021.

[29] Bill & Melinda Gates Foundation / CureVac, „The Bill & Melinda Gates Foundation and CureVac Collaborate to Accelerate the Development of Transformative Vaccine Technology“, gemeinsame Pressemitteilung, 5. März 2015 (Equity-Investment von 52 Mio. US‑$ bzw. 46 Mio. € in CureVac und Förderung mRNA-basierter Impfstoffentwicklung).

[30] Herper, M., „Bill And Melinda Gates Foundation Makes Its Largest Ever Equity Investment In A Biotech Company“, Forbes, 5. März 2015 (Hintergrundbericht zum CureVac-Deal und zur neuen Investitionsstrategie der Gates-Stiftung in Biotech-Unternehmen).

[31] Bill & Melinda Gates Foundation, „Bill & Melinda Gates Foundation opens new European office in Berlin“, Pressemitteilung, 16. Oktober 2018; sowie: Bill & Melinda Gates Foundation, Standortbeschreibung „Berlin, Germany“ (Onlineauftritt der Stiftung, seit 2018), zu Aufgaben und Zielsetzung des Berliner Europa-Büros.

[32] Gavi, the Vaccine Alliance, „Germany – Donor profile“, Geberprofil Deutschlands als „visible actor“ und „anchor donor“ von Gavi mit mehrjährigen Zusagen in dreistelliger Millionenhöhe, fortlaufend aktualisiert (Abruf 2024).

[33] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), „Faktencheck: Häufig gestellte Fragen an das Entwicklungsministerium“, Abschnitt „Stimmt es, dass das BMZ der Gates-Stiftung Geld überweist?“, Online‑Publikation, laufend aktualisiert (u. a. Klarstellung, dass das BMZ der Gates-Stiftung keine direkten Mittel überweist, sondern in gemeinsame Fonds/Programme mit ihr einzahlt).

[34] Deutscher Bundestag, heute im bundestag 345/2025, „Korrektur: Zuwendungen an US-Stiftungen in Deutschland“, 13. August 2025 (Richtigstellung zur zuvor genannten Summe von rund 630 Mio. € und Einordnung als BMZ-Anteil an Kombifinanzierungen, an denen sich u. a. die Gates-Stiftung beteiligt).

[35] European Journalism Centre (EJC), „Global Health Journalism Grant Programme – Germany“, Programmbeschreibung und Ausschreibungsunterlagen, 2016–2020 (Global Health Journalism Grants for Germany, durch die Bill & Melinda Gates Foundation finanziertes Programm zur Förderung von Berichterstattung über globale Gesundheitsthemen in deutschen Medien).

[36] DER SPIEGEL, „Fragen und Antworten zur Förderung durch die Bill & Melinda Gates Stiftung“, Backstage‑Beitrag zur Kooperation im Online‑Projekt „Globale Gesellschaft“, Erstveröffentlichung 2019, aktualisiert 2020 (u. a. Angaben zu Fördersumme von ca. 2,3 Mio. € für 2019–2021 bzw. 760.000 € pro Jahr und Verlängerung bis 2025).

[37] Jamal, J., „Warum Bill Gates nicht alles entscheidet und trotzdem zuviel Einfluss hat!“, Etos.Media, 7. Mai 2020 (kritische Einordnung des Einflusses der Gates-Stiftung auf WHO und Medien, inkl. Zitaten von Brot für die Welt zur Zweckbindung der Gelder und zur Abhängigkeit internationaler Organisationen von privaten Großspendern).

[38] „Einschränkung der Grundrechte in der Corona-Krise – Öffentlich-rechtliches Werbefernsehen“, Sein.de, 2020, Abschnitt zum ARD-„Tagesthemen“-Interview mit Bill Gates vom 12. April 2020 (Beschreibung des rund neunminütigen Auftritts, der propagierten Idee einer weltweiten Durchimpfung und der Kopplung von Reisefreiheit an Immunitätsnachweise sowie Kritik an der fehlenden kritischen Befragung); ergänzt durch IFG-Anfragen zur Organisation des Interviews auf FragDenStaat (2020).

[39] Johns Hopkins Center for Health Security, „Event 201 – A Pandemic Tabletop Exercise“, offizielle Projektseite mit Szenariobeschreibung, Ablauf und Videos, 2019 ff.

[40] Johns Hopkins Center for Health Security, „Johns Hopkins Center for Health Security to host Event 201, a global pandemic exercise“, Pressemitteilung vom 21. August 2019 (Ankündigung von Event 201, Beschreibung der Ziele und Partner Johns Hopkins, World Economic Forum und Bill & Melinda Gates Foundation).

[41] Johns Hopkins Center for Health Security, „Statement about nCoV and our pandemic exercise“, Stellungnahme vom 24. Januar 2020 (Klarstellung, dass Event 201 keine Vorhersage der Covid‑19‑Pandemie war und sich die Modellannahmen deutlich von nCoV‑2019 unterscheiden).

[42] Axios, „What pandemic prep experts have learned from this coronavirus so far“, 23. April 2020 (Einordnung von Event 201 und ähnlichen Übungen im Lichte der Covid‑19‑Pandemie und der Lehren für die künftige globale Pandemievorbereitung).

[43] Wikipedia‑Eintrag „ID2020“ (en/de), Beschreibung der Organisation als gemeinnützige Initiative für digitale Identität, Gründung, Zielgruppen und Partnerstruktur, Stand 2024.

[44] Chris Burt, „ID2020 and partners launch program to provide digital ID with vaccines“, Biometric Update, 20. September 2019 (Bericht über das Pilotprojekt von ID2020, Gavi und der Regierung von Bangladesch zur Verknüpfung von Impfprogrammen mit digitaler Identität).

[45] Wikipedia‑Eintrag „ID2020“ (de), Abschnitt zur Kritik und zur Zurückweisung der Mikrochip‑Behauptungen (u. a. unter Bezug auf Norbert Häring, Endspiel Kapitalismus, sowie Faktenchecks zu RFID‑Gerüchten).

[46] Andy Nguyen, „Bill & Melinda Gates Foundation not spending 200millionondigitalIDs“,∗PolitiFact∗,26. Oktober 2022(Faktencheck zur 200‑Mio. US Zusage der Stiftung für „Digital Public Infrastructure“ und Einordnung von Zweck und Komponenten, inkl. digitaler IDs).

[47] Bill & Melinda Gates Foundation, „What is digital public infrastructure?“ / „Why Digital Public Infrastructure is a Tool to Reduce Poverty“, Online‑Artikel, 2023–2024 (Selbstdarstellung des DPI‑Konzepts, Dreiklang aus Identität, Zahlungen, Datenaustausch, Nennung von MOSIP und Mojaloop als geförderte digitale öffentliche Güter).

[48] Chris Burt, „Turing extends digital ID research to DPI with $ 4M Gates Foundation grant renewal“, Biometric Update, 11. Juni 2024 (Bericht über die Verlängerung der Gates‑Förderung für das Alan Turing Institute und das Programm „Trustworthy Digital Infrastructure for Identity Systems“).

[49] Scaling Community of Practice, „Mainstreaming Scaling at the Gates Foundation“, Fallstudie zu MOSIP, 2023 (Darstellung der Gates‑Investition in MOSIP, der Zahl der beteiligten Länder und der Hebelung von Weltbank‑Mitteln für nationale ID‑Programme).

[50] United Nations Development Programme (UNDP), „Global leaders usher in a new era of digital cooperation for a more sustainable, equitable world“, Pressemitteilung vom 22. September 2022 (Bericht über ein UN‑High‑Level‑Event zu digitaler öffentlicher Infrastruktur mit Beteiligung von Bill Gates und Ankündigung erhöhter DPI‑Investitionen).

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