Der Artikel erschien am 13.01.2026
Der überflüssige Mensch
Von der Kognitiven Revolution zur Synthetischen Wende: Wie der Historiker Yuval Noah Harari das Ende der menschlichen Nützlichkeit prognostiziert und warum die kommende technologische Umwälzung uns nicht zu Göttern, sondern zu Statisten der Geschichte machen könnte.
Eine Nachlese von Ulrich Brunhuber
Es ist eine Ironie von welthistorischem Ausmaß, dass ausgerechnet jene Spezies, die sich vor 70.000 Jahren durch die Kraft ihres Geistes aus der afrikanischen Savanne erhob, nun daran arbeitet, eben diesen Geist obsolet zu machen. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, dessen Werk "Eine kurze Geschichte der Menschheit" sich wie eine pathologische Krankenakte unserer Zivilisation liest, warnt vor einer Zäsur, die radikaler ist als alles, was Dampfmaschine und Elektrizität je vermochten [1][2]. Wir stehen an der Schwelle einer fünften Revolution. Man könnte sie die "Synthetische Revolution" nennen. Sie droht nicht nur unsere Hände arbeitsslos zu machen, sondern unsere Köpfe. Und sie gebiert eine neue gesellschaftliche Schicht, für die der Kapitalismus keine Verwendung und der Humanismus keinen Trost mehr hat: die Klasse der Nutzlosen.
Wer die Tragweite dieser Warnung ermessen will, muss zunächst verstehen, woher wir kommen. Harari zufolge triumphierte der Homo sapiens nicht wegen seiner Muskelkraft über den Neandertaler, sondern dank der Kognitiven Revolution [1][7]. Die einzigartige Fähigkeit, über Dinge zu sprechen, die gar nicht existieren, erlaubte uns die Kooperation in Millionenstärke. Götter, Nationen, Menschenrechte und Geld sind bloße Fiktionen, Geschichten, auf die wir uns einigten [1]. Diese kollektiven Mythen ermöglichten den Aufstieg von Imperien und Märkten. Doch nun, so die These, die sich auch in den Analysen auf brunhuber.com widerspiegelt, entgleitet uns die Kontrolle über die wichtigste aller Ressourcen: die Intelligenz.
Bislang galt in der Geschichte der Arbeit ein ehernes Gesetz, das Optimisten noch heute gerne zitieren. Wenn eine Technologie alte Berufe vernichtet, schafft sie an anderer Stelle neue. Der Kutscher wurde arbeitslos, doch es entstand der Lastwagenfahrer. Der Weber wich dem Maschinisten. Der Mensch blieb unverzichtbar, weil er über zwei Arten von Fähigkeiten verfügte: physische und kognitive [9][28]. Als die Maschinen uns im 19. Jahrhundert die körperliche Arbeit abnahmen, flüchteten wir in die geistige Sphäre. Wir wurden Verwalter, Planer, Dienstleister.
Die Synthetische Revolution bricht mit diesem Gesetz. Die Künstliche Intelligenz ist kein besseres Werkzeug, sie ist ein Agent [32]. Sie konkurriert nicht um Muskelkraft, sondern um kognitive Kompetenz [4]. Und in diesem Wettlauf starten wir mit einem entscheidenden Nachteil. Ein Lastwagenfahrer, der mit fünfzig Jahren seinen Job an einen Algorithmus verliert, kann nicht einfach umschulen und Virtual-Reality-Designer werden [9][25]. Die geistige Flexibilität des Menschen ist begrenzt, und die Zeitfenster der technologischen Disruption schließen sich schneller, als Bildungssysteme reagieren können [2][27].
Das Resultat dieser Entwicklung ist geisterhaft. Zum ersten Mal in der Geschichte droht nicht Ausbeutung das größte Problem der Massen zu sein, sondern Irrelevanz [7][9]. Im 20. Jahrhundert noch stand der Arbeiter im Zentrum aller großen Ideologien. Kommunismus, Faschismus und Liberalismus buhlten um seine Gunst, weil er für die Panzerproduktion und das Wirtschaftswachstum unverzichtbar war [9]. In der Welt der Synthetischen Revolution aber braucht die Elite den Arbeiter nicht mehr. Weder als Produzenten noch als Soldaten. Algorithmen streiken nicht. Kampfdrohnen kennen keine Angst.
Es entsteht die "Useless Class", die nutzlose Klasse [3][7][15]. Dies sind Menschen, die nicht nur arbeitslos sind, sondern unbeschäftigbar. Menschen, die keinen ökonomischen, politischen oder gar militärischen Wert mehr besitzen. Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts wird daher nicht mehr die Verteilung von Reichtum sein, sondern die Verteilung von Sinn [9][21].
Besonders perfide ist, dass diese Entwertung nicht vor den Toren der Villenviertel haltmachen wird. Lange Zeit wiegten sich die gebildeten Schichten in der Illusion, Automatisierung sei ein Problem der Fabrikhallen. Ein fataler Trugschluss. Die Synthetische Revolution greift die Bastionen der Hochqualifizierten an [1][13]. Ärzte, Anwälte, Finanzanalysten, sie alle basieren ihre Existenz auf Mustererkennung und Informationsverarbeitung. Genau das sind die Domänen, in denen die Algorithmen bereits heute triumphieren [10][13]. Die KI muss nicht die Diagnosefähigkeit eines göttlichen Genies besitzen. Es reicht, wenn sie zuverlässiger ist als der durchschnittliche Hausarzt, der übermüdet und voreingenommen ist.
Was bleibt, sind bestenfalls Nischen. Man tröstet sich damit, dass KI niemals die Kreativität eines Goethe oder die Empathie einer Pflegekraft erreichen werde [1][10]. Doch wie viele Menschen haben das Talent zum Goethe? Und können wir eine Weltwirtschaft auf der Basis von Altenpflege und lyrischer Dichtung betreiben? Harari bezweifelt das zu Recht. Wenn die KI erst einmal beginnt, Musik zu komponieren, die unsere Emotionen präziser manipuliert als jeder menschliche Komponist es vermöchte, fällt auch die letzte Bastion des Humanismus [34].
Die Politik reagiert auf diese tektonischen Verschiebungen mit der Hilflosigkeit des Zauberlehrlings. Als Allheilmittel wird nun das Bedingungslose Grundeinkommen diskutiert, das Universal Basic Income [8][11]. Die Logik erscheint auf den ersten Blick bestechend. Man besteuert die gigantischen Gewinne der Tech-Konzerne, die die Roboter besitzen, und verteilt das Geld an die überflüssigen Massen. Brot und Spiele für das digitale Zeitalter.
Doch Harari, und hier deckt sich seine Analyse mit den kritischen Betrachtungen auf brunhuber.com, entlarvt auch dies als gefährliche Illusion. Geld allein erzeugt keinen Sinn [8][9][25]. Arbeit war für den Homo sapiens stets mehr als der Erwerb von Kalorien. Sie war Identität, Struktur, Gemeinschaft. Ein Mensch, der von staatlichen Almosen lebt und den ganzen Tag in virtuellen Realitäten verbringt, mag biologisch überleben. Doch er ist, im harten Sinne der Evolution, ein Sackgassenmodell. Zudem verschleiert das Konzept des Grundeinkommens die globalen Ungleichheiten. Ein reiches Land wie Deutschland mag seine Nutzlosen durchfüttern können. Aber was geschieht mit den Textilarbeitern in Bangladesch, wenn kI gesteuerte Nähmaschienen und Roboter in Europa die T-Shirts billiger produzieren? Für sie wird es kein globales Grundeinkommen geben, sondern das nackte Elend [8].
Wir steuern auf eine Welt zu, die von einer kleinen Elite "verbesserter" Übermenschen gelenkt werden könnte, die mittels Biotechnologie und KI ihre eigenen kognitiven und physischen Grenzen sprengen, während der Rest der Menschheit in die Bedeutungslosigkeit dämmert [27][34]. Diese Kaste der "Götter" hätte wenig Anlass, sich um das Schicksal der Massen zu scheren, sobald diese ihren Nutzen verloren haben. Für Sie sind diese Nutzlosen verschmutzer ihres Garten Eden. Die liberale Demokratie, die auf der Annahme basiert, dass jeder Wähler zählt und jeder Mensch einen intrinsischen Wert hat, könnte in diesem Szenario kollabieren wie ein Kartenhaus.
Die Lösungen, die Harari anbietet, sind vage, fast verzweifelt. Er spricht von der Notwendigkeit einer neuen globalen Identität, einer neuen Geschichte, die wir uns erzählen müssen [36]. Wir müssen begreifen, dass Nationen und Konzerne Fiktionen sind, die uns nicht mehr dienen, wenn sie dazu führen, dass wir die Kontrolle über unsere Zukunft an eine fremde Intelligenz abtreten. Es bedarf einer Regulierung der Algorithmen, die ebenso streng ist wie die Kontrolle von Atomwaffen.
Doch solange wir die Synthetische Revolution als ein technisches und nicht als ein politisches Problem begreifen, werden wir scheitern. Die Gefahr ist nicht, dass die Roboter rebellieren und uns töten, wie es Hollywood uns lehrte. Die Gefahr ist, dass sie uns Befehle geben und wir gehorchen, weil sie einfach besser wissen, was gut für uns ist. Oder schlimmer noch. Dass sie uns am Leben lassen, füttern und unterhalten, während wir langsam vergessen, was es einst bedeutete, das Schicksal der Welt in den eigenen Händen zu halten. Der Homo sapiens trat an, um die Welt zu beherrschen. Er könnte als wohlgehütetes Haustier seiner eigenen Schöpfung enden.
Quellenverzeichnis
[1] deutschlandfunk.de - diverse Beiträge zur KI und Gesellschaft
[2] acatech.de – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften
[3] pfh-berlin.de – Private Fernhochschule Berlin
[4] europarl.europa.eu – Das Europäische Parlament zur KI
[5] hiig.de – Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft
[6] uni-muenster.de – Universität Münster
[7] forschung-und-lehre.de – Diskussionen zu Hararis Thesen
[8] basicincome.org – Forschungsnetzwerk zum Grundeinkommen
[9] spiegel.de – Spiegel Online Archiv und aktuelle Beiträge zu Harari
[10] otto-brenner-stiftung.de – Arbeitspapier zur Zukunft der Arbeit
[11] zukunftsinstitut.de – Trendforschung und Zukunftsstudien
[12] ynharari.com – Offizielle Webseite von Yuval Noah Harari
[13] bpb.de – Bundeszentrale für politische Bildung
[14] audible.de – Hörbuchfassungen von Hararis Werken
[15] giel-rechtsanwalt.de – Rechtliche Aspekte der Diskriminierung durch KI
[16] bibb.de – Bundesinstitut für Berufsbildung
[17] independent.com – Internationale Presseberichte
[18] gatesnotes.com – Blog von Bill Gates (Rezensionen zu Harari)
[19] apb-tutzing.de – Akademie für Politische Bildung
[20] rolandberger.com – Strategische Analysen zur KI
[21] oecd.org – Studien zur Zukunft der Arbeit
[22] jamesclear.com – Buchzusammenfassungen und Analysen
[23] goodreads.com – Rezensionen und Diskurs zu Sapiens
[24] handelsblatt.com – Wirtschaftsanalysen zu Hararis Thesen
[25] discovery.com – Dokumentationen und Berichte
[26] currentaffairs.org – Politische Analysen
[27] barnesandnoble.com – Buchinformationen und Editorials
[28] stonecirclepress.com – Unabhängige Verlage und Kritiken
[29] pmc.ncbi.nlm.nih.gov – Wissenschaftliche Publikationen
[30] penguinrandomhouse.com – Verlagsinformationen
[31] pwc.de – PricewaterhouseCoopers Studien zur KI
[32] ibm.com – IBM Watson und KI-Entwicklung
[33] lesswrong.com – Rationalitäts-Community Diskussionen
[34] artificialintelligenceact.eu – EU-Gesetzgebung zur KI
[35] sapienship.co – Organisation von Yuval Noah Harari
[36] goodreads.com – Weitere Diskussionen zu Homo Deus
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