Der Artikel erschien am 24.09.2026
Europa, Russland und die amerikanische Rechnung
Der Preis der Trennung
Es beginnt an einer Zapfsäule. Der Fahrer eines Lieferwagens sieht auf die Anzeige, wartet auf das Einrasten der Pistole und rechnet im Kopf nach, welchen Auftrag er künftig teurer anbieten muss. Wenige hundert Kilometer entfernt betrachtet der Leiter eines Chemiebetriebs die nächste Gasrechnung. Beide sehen Preise. Dahinter steht eine Veränderung der politischen Landkarte. Europas Verhältnis zu Russland ist zerrissen, die alten Leitungen tragen kein Gas mehr nach Deutschland, und die Vereinigten Staaten sind zu einem der wichtigsten Energielieferanten des Kontinents geworden. Was lange wie eine Frage der Sicherheitspolitik erschien, liegt heute auch auf jeder industriellen Kalkulation.12
Wer diese Geschichte erzählt, sollte zwei Versuchungen widerstehen. Die erste besteht darin, jede Verteuerung mit einem einzigen Täter zu erklären. Die zweite besteht darin, die materiellen Folgen geopolitischer Entscheidungen als bedauerliches Wetterereignis zu behandeln. Der Bruch zwischen Russland und Europa hatte Ursachen und Urheber auf mehreren Seiten. Seine Folgen sind messbar. Dass Deutschland und Russland wirtschaftlich nicht mehr so eng zusammenarbeiten wie vor dem Krieg, entspricht zudem einem alten amerikanischen Sicherheitsinteresse, das der amerikanische Geopolitiker George Friedman öffentlich beschrieb. Das ist eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen strategischer Vorstellung und späterem Ergebnis. Sie ist für sich genommen kein Beweis für einen über Jahre ausgeführten Operationsplan.3
Die Fabrik und die Leitung
Die deutsche Industrie verdankte ihre Stärke niemals nur billigem Gas. Maschinenbau, Ausbildung, Verkehrswege, Kapital und Absatzmärkte gehörten ebenfalls dazu. Doch für Düngemittel, Chemikalien, Glas und zahlreiche Grundstoffe ist Energie kein kleiner Posten am Rand einer Bilanz. Sie ist ein Rohstoff, eine Voraussetzung des Verfahrens und häufig der Unterschied zwischen Betrieb und Stillstand. Russische Lieferungen durch Rohrleitungen versprachen große Mengen und eine andere Berechenbarkeit als der Einkauf von Flüssiggas auf einem umkämpften Weltmarkt. In unserem Artikel über den amerikanischen Gaskrieg haben wir diesen Zusammenhang als Kern der früheren europäischen Energieordnung beschrieben.1
Die Rechnung hatte allerdings eine zweite Seite. Eine Leitung bindet Käufer und Verkäufer. Russland erhielt Einnahmen und politischen Einfluss, Deutschland verlässlichen Zugang zu großen Mengen Gas. Andere europäische Staaten sahen darin ein Risiko, manche auch einen Verlust ihrer Rolle als Transitland. Die Ukraine und Polen hatten gute Gründe, Nord Stream zu misstrauen. Wer ihre Interessen aus der Geschichte streicht, versteht weder den Streit um die Leitung noch die späteren Entscheidungen der Europäischen Union. Auch war russisches Pipelinegas nicht durch ein Naturgesetz für alle Zukunft günstig. Vertragspreise, Marktpreise und politische Verlässlichkeit konnten sich ändern.
Die deutsch russische Gasbeziehung hatte Deutschland über Jahrzehnte große Mengen zu planbaren Bedingungen geliefert. Ihr Ende war auch eine politische Entscheidung der Bundesregierung. Am 22. Februar 2022 stoppte sie das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2. Nach Beginn der großen russischen Invasion trieb Wirtschaftsminister Robert Habeck die Verringerung russischer Gas und Ölimporte voran. Sein Ministerium erklärte im Mai, die Abhängigkeit von russischem Rohöl könne bis zum Spätsommer enden. Besonders in Schwedt, dessen Raffinerie über die Druschba Leitung russisches Öl bezog, suchte die Regierung Ersatz. Im September stellte sie die deutschen Rosneft Töchter unter Treuhandverwaltung.
Deutschland beendete schließlich auch die Einfuhr russischen Pipelineöls, obwohl diese vom damaligen europäischen Embargo ausgenommen war.161920 Bei Erdgas sind mehrere Vorgänge zu unterscheiden. Russlands Lieferungen nach Europa waren bereits 2021 zurückgegangen. Gazprom verringerte wegen technischer Probleme (Kompressoren von Siemens) 2022 die Mengen über bestehende Leitungen und stellte Nord Stream 1 Anfang September wegen fehlender Ersatzteile, die nicht aus Deutschland geliefert wurden, ein. Gazprom und der Kreml verwiesen auf technische Probleme und westliche Sanktionen. Die Internationale Energieagentur beschreibt die Kürzungen als russische Lieferentscheidung. Die deutsche Entscheidung gegen die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 und die Einstellung der Lieferungen durch Nord Stream 1 waren unterschiedliche Vorgänge. Die Explosionen vom 26. September zerstörten danach eine Möglichkeit für spätere Lieferungen und erschwerten die Rückkehr zur früheren Energiebeziehung.4 18 21
Der Einschnitt von 2014
Die Vorgeschichte führt nach Kiew. Ende 2013 protestierten Menschen auf dem Maidan gegen die Entscheidung des damaligen Präsidenten Viktor Janukowytsch, das Abkommen mit der Europäischen Union vorerst nicht zu unterzeichnen. Daraus wurde eine Bewegung gegen Machtmissbrauch und Gewalt. Im Februar 2014 starben Menschen bei den Kämpfen in der Hauptstadt. Eine unter europäischer Vermittlung vereinbarte politische Lösung hielt nicht. Janukowytsch verließ Kiew, das Parlament enthob ihn seines Amtes, und die Macht wechselte unter außergewöhnlichen Umständen. Wer diesen Vorgang als Putsch bezeichnet, betont den Bruch der verfassungsmäßigen Ordnung und die Rolle militanter Gruppen. Wer ihn Revolution nennt, betont die breite Protestbewegung und den Zusammenbruch der Autorität des Präsidenten. Keines der beiden Wörter ersetzt die Geschichte, die dazwischen liegt.5
Die USA waren in der Ukraine kein unbeteiligter Zuschauer. Amerikanische Vertreter suchten Kontakt zu Regierung und Opposition und förderten über Jahre ukrainische Institutionen und zivilgesellschaftliche Projekte. Daraus folgt Einfluss, aber aus den öffentlich belegten Fördermitteln allein noch kein Nachweis, Washington habe den Machtwechsel organisiert. Die spätere Präsidentenwahl wurde von internationalen Beobachtern trotz Gewalt und Behinderungen im Osten als echte Wahl beurteilt. Diese Feststellung beseitigt nicht die Verwerfungen des Februars. Sie verhindert aber, dass man die gesamte spätere ukrainische Staatsordnung einfach als bloße Fortsetzung eines unbewiesenen amerikanischen Befehls behandelt.56
Nach dem Machtwechsel in Kiew fand auf der Krim am 16. März 2014 ein Referendum statt. Nach offiziellen Angaben stimmte eine große Mehrheit der Abstimmenden für den Anschluss an Russland. Eine unabhängige Befragung von Pew nach der Abstimmung zeigt ebenfalls, dass viele Bewohner nicht mehr mit der Ukraine in einem Staat leben wollten: 91 Prozent der Befragten auf der Krim hielten das Referendum für fair, 88 Prozent meinten, Kiew solle sein Ergebnis anerkennen. Diese Umfrage bestätigt nicht die genaue amtliche Stimmenzahl. Das Referendum fand unter Präsenz russischer Truppen statt und wurde von der OSZE und der UN Generalversammlung nicht als rechtmäßige Grundlage einer Grenzänderung anerkannt. Russland gliederte die Krim anschließend ein. Im Donbass begann ein Krieg zwischen ukrainischen Kräften und bewaffneten Separatisten. Die innere Spaltung der Ukraine und die Haltung vieler Krimbewohner gehören zu seiner Vorgeschichte. Zugleich griff Russland die Ukraine 2022 mit regulären Streitkräften in großem Umfang an. Diese Entscheidungen und Entwicklungen müssen nebeneinander benannt werden, wenn Verantwortung und europäische Folgen des Krieges beurteilt werden.7 22 23 242 5
Hätte der Machtwechsel 2014 nicht stattgefunden, wäre Europas Energiegeschichte möglicherweise anders verlaufen. Das ist eine plausible Frage, keine nachträglich messbare Tatsache. Man müsste zusätzlich annehmen, dass sich die Krim nicht abgespalten hätte, dass der Krieg im Osten ausgeblieben wäre und dass die europäischen Staaten ihre Energiepolitik nicht aus anderen Gründen geändert hätten. Unter solchen Bedingungen bliebe die alte Verbindung wahrscheinlich länger tragfähig und Russland hätte weiter zuverlässig Energie geleifert. Eine Win Win Situation für Rsussland und Europa, zum Nachteil der USA. Ein einziges ausgetauschtes Ereignis kann zu anderen Entwicklungen fähren.
Friedmans Landkarte
Im Februar 2015 sprach George Friedman vor dem Chicago Council on Global Affairs über Europas Zukunft. Der Gründer des privaten Analyseunternehmens Stratfor betrachtete Deutschland als wirtschaftlich mächtig und geopolitisch verletzlich. In der offiziellen Zusammenfassung seines Vortrags erscheint die Verbindung von deutschem Kapital und deutscher Technik mit russischen Rohstoffen und Arbeitskräften als alte strategische Sorge. Friedmans Blick galt der Möglichkeit, dass sich aus dieser Verbindung ein Machtzentrum bildete, das die amerikanische Stellung in Europa verändern könnte. Man muss seine Diagnose nicht teilen, um zu erkennen, wie deutlich sie die Spannung zwischen deutscher Wirtschaftslogik und amerikanischer Sicherheitslogik benennt.3
Hier liegt der harte Kern der These. Eine enge deutsch russische Energiebeziehung stärkte Europas industrielle Handlungsfreiheit gegenüber Lieferanten auf See. Ihre Auflösung erhöhte die Bedeutung transatlantischer Bindungen und amerikanischer Energieexporte. In diesem Sinne ist ein Zustand eingetreten, vor dem Friedman als amerikanischer Stratege warnte: Die wirtschaftliche Verbindung zwischen Deutschland und Russland ist weitgehend gekappt. Präziser wäre allerdings zu sagen, dass er ein amerikanisches Interesse und eine europäische Machtkonstellation beschrieb. Er war kein amtlicher Sprecher einer Regierung. Sein Vortrag liefert deshalb keinen Beweis dafür, wer einen Anschlag auf die Energieartherie Europas ausführte oder weshalb einzelne Regierungschefs 2014 und 2022 handelten.
Das Ergebnis lässt sich gleichwohl besichtigen. Nord Stream ist außer Betrieb. Russische Gaslieferungen wurden stark vermindert. Die Europäische Union will ihre verbliebenen Einfuhren aus Russland weiter zurückfahren. Deutschland hat neue Anlandestellen für Flüssiggas gebaut. Nach Eurostat stellten die Vereinigten Staaten im zweiten Quartal 2026 mehr als sechzig Prozent der Flüssiggasimporte der Europäischen Union. Vor der Krise lag ihr Anteil erheblich niedriger. Aus einer Abhängigkeit ist somit keine vollkommene Unabhängigkeit geworden. Die Bezugswege haben sich verschoben.2 8
Wer den Preis bezahlt
Ein Wechsel des Lieferanten muss nicht in jedem Monat teurer sein. Flüssiggaspreise schwanken. Der Bau von Terminals schafft Auswahl, und Wettbewerb kann Preisspitzen dämpfen. Dennoch kostet die neue Ordnung Geld. Gas muss verflüssigt, verschifft, wieder in den gasförmigen Zustand überführt und verteilt werden. Das Oxford Institute for Energy Studies veranschlagt allein für Verflüssigung, Schiffstransport und Rückvergasung amerikanischer Lieferungen nach Europa rund fünf US Dollar je Million britischer Wärmeeinheiten, umgerechnet etwa 15 Euro je Megawattstunde. Diese Zusatzkosten sind kein fester Preisaufschlag gegenüber früheren Nord Stream Verträgen, deren Konditionen nicht einheitlich öffentlich vorliegen.26 Noch gewichtiger war der Preis des plötzlichen Engpasses von 2022. Als russische Lieferungen wegbrachen, suchten europäische Käufer gleichzeitig Ersatz auf einem engen Weltmarkt. Die Internationale Energieagentur beschreibt für jenes Jahr eine Halbierung der russischen Pipelineexporte in die europäischen OECD Staaten und einen außerordentlichen Druck auf die Gaspreise.9
Der deutsche Industriestandort spürt die Folgen besonders dort, wo Wärme und Gas kaum rasch ersetzt werden können. Das Statistische Bundesamt meldete für die energieintensiven Zweige von Februar 2022 bis März 2026 einen Produktionsrückgang von 15,2 Prozent. Für die Chemieindustrie und die Papierindustrie waren die Einbußen noch deutlicher. Diese Zahlen sind ein Warnsignal, aber keine vollständige Schadensrechnung des Krieges. Weltkonjunktur, Investitionsschwäche, Bürokratie, der Umbau der Autoindustrie und nationale energiepolitische Entscheidungen wirken ebenfalls auf die Produktion. Ebenso wäre es falsch zu behaupten, ganz Europa verliere Jahr für Jahr in sämtlichen Branchen Produktion. Die industrielle Entwicklung unterscheidet sich nach Land und Wirtschaftszweig.1011
Für den Fabrikleiter zählt nicht nur die Höhe des heutigen Gaspreises. Er muss entscheiden, ob sich eine Anlage lohnt, deren Ertrag über zwanzig Jahre berechnet wird. Wer morgen Rohstoffe zu unsicheren Preisen einkauft, verschiebt Investitionen oder baut sie an einem Ort, an dem die Energiekosten besser planbar sind. Eine stillgelegte Anlage ist daher mehr als ein schlechter Monatswert in der Statistik. Mit ihr gehen Fachwissen, Zulieferer und künftige Entscheidungen verloren. Daraus entsteht die Gefahr eines langsamen industriellen Rückzugs, auch wenn einzelne Monate wieder Wachstum zeigen.
In unserem zweiten Artikel, über den Energiekrieg der USA gegen die Welt, erklären wir die Verschiebung der Energieströme als Ausdruck amerikanischer Machtpolitik. Die Daten stützen einen Teil dieser Beobachtung deutlich: Amerikanisches Flüssiggas hat einen größeren europäischen Markt gewonnen, während russisches Pipelinegas verdrängt wurde. Ob und wie Washington diese Krisen in Förderregionen herbeigeführt hat, lässt sich aus amerikanischen Exportgewinnen allein nicht ableiten. Ein Staat kann von einer Entwicklung profitieren, ohne jeden ihrer Schritte geplant zu haben. Andrerseits liegt es nahe, dass die Regierung der USA die eigenen Unternehmen stärken will. Gerade eine Kritik der Machtpolitik gewinnt an Gewicht, wenn sie diesen Unterschied ernst nimmt.2 12
Der zweite Schlag trifft den Diesel
Inzwischen endet die Rechnung nicht beim Gas. Die Ukraine greift russische Raffinerien und andere Teile der Ölinfrastruktur an. Ihr militärisches Ziel ist erkennbar: Russland soll weniger Kraftstoff für seine Streitkräfte und weniger Einnahmen aus Exporten erhalten. Die internationale Wirkung hält sich nicht an Landesgrenzen. Wenn russische Raffinerien weniger Diesel herstellen oder Russland Ausfuhren einschränkt, fehlen Mengen auf einem ohnehin angespannten Produktmarkt. Andere Käufer suchen Ersatz. Die Internationale Energieagentur stellte fest, dass Angriffe auf russische Energieanlagen die russische Verarbeitung und die Ausfuhr von Ölprodukten verminderten und die Märkte für Diesel und Flugtreibstoff belasteten.1 3
Auch europäische Autofahrer, Landwirte und Speditionen können dafür zahlen. Das ist eine unbequeme, aber einfache Feststellung. Die Europäische Union kauft russischen Diesel nach ihrem Embargo kaum noch direkt. Trotzdem wirkt eine geringere russische Lieferung über den Weltmarkt. Der Liter an einer europäischen Zapfsäule hat keinen nationalen Herkunftsstempel für jede Preisbewegung. Rohöl, Raffineriekosten, Transport und Steuern bilden gemeinsam den Preis. Die Europäische Zentralbank zeigte für 2026, wie stark gestiegene Raffineriemargen den Diesel verteuern konnten. Sie verwies zugleich auf die erheblichen Ausfälle infolge der Krise am Persischen Golf. Einen seriösen Betrag, den allein ukrainische Angriffe je Liter kosten, geben diese Daten nicht her.2 14
Es entsteht damit ein Zielkonflikt, über den Europas Regierungen offener sprechen müssten. Sie unterstützen die Ukraine gegen die russische Invasion. Zugleich treffen einzelne Formen ukrainischer Kriegsführung über den Weltmarkt auch europäische Verbraucher. Wer darauf hinweist, spricht der Ukraine nicht das Recht ab, sich zu verteidigen. Wer den Preisschaden kleinredet, macht ihn für den Fahrer an der Zapfsäule nicht geringer. Politik muss militärische Wirkung, zivile Kosten und die Dauer eines Krieges zusammen betrachten.
Die offene Rechnung von Nord Stream
Die Sprengung der Ostseeleitungen hat in Europa einen Verdacht hinterlassen, der weit über die zerstörten Rohre hinausreicht. Brunhubers früherer Artikel stellt die amerikanischen Interessen, die politischen Warnungen vor Nord Stream und die offene Täterfrage nebeneinander. Daran ist die Frage legitim, wem der Ausfall nützte. Die Antwort auf die Täterfrage folgt daraus noch nicht. Deutsche Ermittlungen richteten sich gegen ukrainische Verdächtige. Eine rechtskräftig festgestellte staatliche Verantwortung oder ein belegter amerikanischer Auftrag lässt sich daraus nicht machen. Wer die Explosion als erwiesene amerikanische Operation bezeichnet, überspringt genau die Beweisführung, die bei einem so folgenreichen Vorwurf nötig wäre.1 15
Die politische Bedeutung der Leitungen bleibt selbst dann groß, wenn der Täter unbekannt wäre. Eine nicht benutzte, aber intakte Pipeline bewahrt eine Möglichkeit. Eine zerstörte Leitung macht eine spätere Verständigung technisch und finanziell schwerer. Das gilt umso mehr, wenn Vertrauen und Verträge bereits zerfallen sind. Man kann deshalb den Verlust von Nord Stream als Verlust europäischer Optionen beurteilen, ohne zu behaupten, eine Wiedereröffnung wäre 2022 politisch einfach gewesen. Russland hatte die Lieferungen wegen der fehlenden technischen Unterstützung aus Deutschland vor der Sabotage eingestellt. Deutschland hatte Nord Stream 2 nie in Betrieb genommen. Die Geschichte gestattet weder die bequeme Behauptung einer ungestörten Gasversorgung bis zum Anschlag noch die Behauptung, die Sprengung habe keine zusätzlichen Folgen gehabt.1 4
Was hätte anders kommen können?
Das Gegenbild ist verführerisch: Kein gewaltsamer Machtwechsel in Kiew, kein Krieg im Osten, keine große Invasion, funktionierende Pipelines, günstige Energie für die europäische Industrie. Es zeichnet einen möglichen Verlauf. Es beweist keinen. Auch in einer ruhigeren Ukraine hätten Russland und die Europäische Union über Einfluss, Grenzen und Sicherheitsinteressen gestritten. Europa hätte über Klimapolitik, Versorgungssicherheit und die Zukunft fossiler Energie entscheiden müssen. Die amerikanische Gasindustrie hätte weiter Absatz gesucht. Und deutsche Unternehmen hätten sich gegen Konkurrenten aus China und den Vereinigten Staaten behaupten müssen.
Wahrscheinlich ist jedoch, dass ein dauerhaft friedliches Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine und verlässliche russische Lieferungen den schweren europäischen Gasschock von 2022 abgemildert oder verhindert hätten. Ebenso wahrscheinlich ist, dass eine weiter bestehende große Pipelineverbindung den europäischen Käufern mehr Verhandlungsmöglichkeiten gelassen hätte. Daraus folgt keine genaue Zahl für entgangene Industrieproduktion und kein fiktiver Dieselpreis für September 2026. Solche Zahlen wären Erfindungen. Der Krieg im Nahen Osten und die damit verbundenen Störungen der Ölverarbeitung hätten auch eine friedlichere europäische Energieordnung treffen können.9 14
Friedmans Warnung erhält vor diesem Hintergrund ihre eigentliche Schärfe. Nicht weil ein Vortrag aus dem Jahr 2015 die folgenden Kriege und Anschläge erklärt. Sondern weil die von ihm beschriebene Verbindung heute zerrissen ist: deutsche Technik und russische Ressourcen bilden kein verlässliches gemeinsames wirtschaftliches Fundament mehr. Die Vereinigten Staaten liefern in größerem Umfang Energie nach Europa und bleiben dessen maßgeblicher Sicherheitspartner. Für Washington ist das in wichtigen Punkten eine günstigere strategische Lage. Für Europas energieintensive Industrie ist sie erheblich schwieriger. Die Parallelität von amerikanischem Interesse und europäischem Ergebnis ist belegbar, auch wenn die Behauptung einer vollständig geplanten Kausalkette bleibt unbelegt.2 3 10
Am Ende steht es auf der Rechnung des Autofahrers, der Industrie oder der Familie. Sie enthält nicht nur die Kosten russischer Politik, amerikanischer Interessen oder ukrainischer Angriffe. Sie enthält den Preis einer europäischen Ordnung, die jahrzehntelang auf gegenseitigen Handel setzte und ihre politischen Brüche nicht lösen konnte. Europa wird diese Rechnung nicht durch eine einzige Schuldzuweisung begleichen. Es kann aber beginnen, sie ehrlich auszuweisen: mit den Kosten der militärischen Entscheidungen, den Gewinnen neuer Lieferanten, den Verlusten der eigenen Industrie und der Frage, welche Versorgung es künftig selbst bestimmen will. Bis dahin ist jeder weitere Angriff der Ukraine auf die Raffenarien Russlands auch zum Schaden der EU Bürger. Viele Menschen sehen das und wenden sich nun neuen Parteien zu, die statt der Kriegseskalation diplomatische Lösungen suchen. Die Enabrechnung werden auf jeden Fall die einfachen Bürger der EU bezahlen - mit ihrem Ersparten, ihren Immobilien, mit ihrem Nettovermögen, falls sie bis dahin nicht komplett pleite sind.
Quellen
1. Ulrich Brunhuber, Der US Gaskrieg: Europas Energieordnung nach Nord Stream.
2. Eurostat, EU imports of energy products: latest developments, Datenstand September 2026.
3. Chicago Council on Global Affairs, Europe: Destined for Conflict?, Vortrag und Veranstaltungsbericht zu George Friedman vom 23. Februar 2015.
4. Internationale Energieagentur, 2022 Energy Crisis: Frequently Asked Questions, 16. November 2022.
5. US Außenministerium, Victoria Nuland: Press Conference, 7. Februar 2014.
6. OSZE, Bericht der internationalen Wahlbeobachter zur ukrainischen Präsidentenwahl, 26. Mai 2014.
7. Internationale Energieagentur, Russia’s War on Ukraine, Themenseite.
8. Europäische Kommission, REPowerEU: Four years on.
9. Internationale Energieagentur, Anatomy of a natural gas crisis.
10. Statistisches Bundesamt, Energieintensive Industriezweige mit Produktionsrückgang von Februar 2022 bis März 2026, Mai 2026.
11. Eurostat, Industrieproduktion im Jahr 2025, 16. Februar 2026.
12. Ulrich Brunhuber, Der Energiekrieg der USA gegen die Welt, 9. April 2026.
13. Internationale Energieagentur, As oil market surplus keeps rising, something’s got to give, 17. Oktober 2025.
14. Europäische Zentralbank, From well to pump: how fuel prices are formed, 31. Juli 2026.
15. Deutscher Bundestag, Haftbefehl im Zusammenhang mit Nord Stream Anschlag, 2026.
16. Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Habeck zur Lage in der Ostukraine und zum Stopp des Zertifizierungsverfahrens für Nord Stream 2, 22. Februar 2022.
17. Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Lieferketten unter Druck, 27. April 2022.
18. Internationale Energieagentur, 2022 Energy Crisis, Themenseite.
19. Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Zweiter Fortschrittsbericht Energiesicherheit, 1. Mai 2022.
20. Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Rosneft Deutschland unter Treuhandverwaltung, 16. September 2022, und Monitoringbericht 2024.
21. TASS, Darstellung des Kremls zu Nord Stream, Turbinen und Sanktionen, 6. September 2022.
22. Ulrich Brunhuber, Ukraine: Der Weg in die Diktatur, Abschnitt zum Krim Referendum.
23. Pew Research Center, Ukrainians Want Unity Amid Worries about Political Leadership and Ethnic Conflict, 8. Mai 2014.
24. OSZE, Erklärung des amtierenden Vorsitzenden zum Referendum auf der Krim, 11. März 2014.
25. UN Generalversammlung, Resolution 68/262 zur territorialen Integrität der Ukraine, 27. März 2014.
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