Der Artikel erschien am 28.09.2026
Das Geschäft mit den gesprengten Pipelines
Am 5. Mai 2026 fiel in Bukarest eine Regierung. In Washington wurde kein Kabinettsbeschluss darüber veröffentlicht. In Athen lag kein Befehl zum Sturz des rumänischen Ministerpräsidenten auf dem Tisch. Das rumänische Parlament stimmte ab, und Ilie Bolojan verlor. Dennoch führte die Nachricht vom Ende seines Kabinetts wenige Monate später zurück zu einem Abendessen in der griechischen Hauptstadt. Dort soll die amerikanische Botschafterin Kimberly Guilfoyle im März über den bevorstehenden Zusammenbruch der rumänischen Regierung gesprochen haben. Die Vereinigten Staaten könnten so etwas mit jedem Land tun, habe sie sinngemäß erklärt. Ihr Anwalt bestreitet die Darstellung des Gesprächs.1
Was an jenem Tisch gesagt wurde, ist eine Frage für Zeugen und Reporter. Was auf dem europäischen Gasmarkt geschehen ist, lässt sich dagegen zählen. Die direkten Gasverbindungen zwischen Russland und Deutschland sind seit den Explosionen an Nord Stream weitgehend unbrauchbar. Russische Lieferungen in die Europäische Union brachen ein. Amerikanisches Flüssigerdgas fand einen erheblich größeren Markt. Die Vereinigten Staaten gewannen als Lieferant, als politischer Gesprächspartner und als Gestalter neuer Transportwege an Gewicht.2 3
Die Bukarester Affäre erlaubt deshalb zwei Untersuchungen. Die erste lautet, ob Washington beim Sturz Bolojans seine Finger im Spiel hatte. Dafür fehlen bislang öffentliche Beweise. Die zweite fragt, wem die neue europäische Energieordnung nützt und wie amerikanische Diplomatie an ihrer Ausgestaltung mitarbeitet. Auf diese Frage fällt die Antwort weit weniger geheimnisvoll aus.
Der Satz von Athen
Die amerikanische Zeitung Wall Street Journal veröffentlichte am 25. September eine Recherche über die US-Botschafterin in Griechenland, Kimberly Guilfoyle, und den Geschäftsmann Christos Marafatsos.und den Geschäftsmann Christos Marafatsos. Er stand der Botschafterin nach Darstellung der Zeitung auffallend nahe und vertrat zugleich Interessen des griechischen Konzerns Aktor. Dieser engagiert sich im Handel mit amerikanischem Flüssigerdgas. Rumänien bildet nur einen Teil der größeren Geschichte. Doch gerade dieser Teil löste in Bukarest die heftigsten Reaktionen aus.1
Nach Darstellung des Blattes geriet Guilfoyle bei einem Abendessen im März mit dem griechischen Energieminister Stavros Papastavrou aneinander. Das Gespräch berührte den erwarteten Sturz der Regierung Bolojan. Die Botschafterin soll dabei den Eindruck erweckt haben, die Vereinigten Staaten könnten auch anderswo einen Regierungswechsel herbeiführen. Papastavrou habe erwidert, eine gewählte griechische Regierung könne nicht von Washington ersetzt werden. Die Zeitung beruft sich auf eine anwesende Person sowie auf weitere Personen, denen das Gespräch geschildert worden sei. Eine Tonaufnahme oder ein Schriftstück, das eine amerikanische Operation gegen Bolojan belegt, veröffentlichte sie nicht.1
Auch die Überlieferung des Berichts verdient Beachtung. Das rumänische Portal Aktual24 verglich die im Netz erschienene Fassung mit der gedruckten Wochenendausgabe des Wall Street Journal. Der Absatz über Rumänien fehle im Druck, berichtete das Portal. Weshalb, blieb offen. Daraus lässt sich weder schließen, die Äußerung sei erfunden, noch, sie sei bestätigt. Es zeigt nur, wie schmal die Grundlage ist, auf der eine weitreichende politische Anklage errichtet wird.4
Die rumänischen Medien reagierten entsprechend verschieden. Einige rückten die Möglichkeit amerikanischer Einflussnahme in den Mittelpunkt. Andere verlangten eine strengere Trennung zwischen einem berichteten Satz, nachweisbaren Gasgeschäften und der parlamentarischen Entscheidung vom Mai. Auch alternative Portale griffen den Vorgang auf. Sie verstärkten teils den Verdacht, teils warnten sie davor, aus einem einzelnen Absatz die vollständige Erklärung eines Regierungssturzes zu machen. Gerade diese Uneinigkeit macht den Fall berichtenswert. Sie zwingt dazu, die Akten der Gaswirtschaft neben die Akten der Politik zu legen, ohne beide vorschnell für dasselbe Dokument zu halten.5
Ein Markt sucht seine Straßen
Seit dem der ukrainischen Kriegseskalation im Februar 2022 hat Europa seine Gasversorgung tiefgreifend verändert. Im September desselben Jahres wurden drei der vier Röhren der Nord Stream Leitungen durch Explosionen einen Tag vor der Inbetriebnahme von Baltic Pipe nach Polen beschädigt. Die Sabotage vernichtete eine unmittelbare Transportmöglichkeit zwischen Russland und Deutschland. Sie schuf die europäische Abkehr von russischem Gas nicht allein. Nord Stream 1 lieferte bereits vor den Explosionen kein Gas mehr, und die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 war von Deutschland gestoppt worden. Aber die Sprengungen nahmen einer künftigen Wiederaufnahme über diese Route einen großen Teil ihrer technischen Grundlage.2 6
Für einen Gasexporteur jenseits des Atlantiks war das eine außerordentlich günstige Entwicklung. Wer Gas durch eine bestehende Leitung erhält, benötigt für dieselbe Menge weder Tankschiff noch Verflüssigungsanlage noch europäisches Terminal. Wer diese Leitung verliert, muss andere Bezugswege sichern. Die amerikanische Energiebehörde verzeichnete schon 2022 einen starken Anstieg der Flüssiggaslieferungen nach Europa. Sie nannte sowohl die schrumpfenden russischen Pipelineexporte als auch die hohen europäischen Gaspreise als Gründe. 2023 stammten nach ihren Angaben 48 Prozent der europäischen Flüssiggasimporte aus den Vereinigten Staaten.3
Die Zahlen der Europäischen Kommission zeichnen das längerfristige Bild. Der Anteil von Flüssiggas an sämtlichen Gasimporten der Union stieg von 20 Prozent im Jahr 2021 auf 45 Prozent im Jahr 2025. Im Jahr 2025 bezog die Union nach Angaben der Kommission 26 Prozent ihrer gesamten Gasimporte aus den Vereinigten Staaten. Norwegen lag mit 31 Prozent noch davor. Wer aus dem amerikanischen Marktanteil eine vollständige Kontrolle Washingtons über Europas Gasversorgung ableitet, geht also über die Statistik hinaus. Wer bestreitet, dass amerikanische Anbieter zu den großen Gewinnern der Umstellung gehören, ignoriert sie.7
Auf brunhuber.com wurde diese Verschiebung bereits in „Der US Gaskrieg“ als Machtfrage beschrieben: Eine Leitung verbindet zwei Fördergebiete auf einer festen Strecke, Flüssiggas dagegen durchläuft Häfen, Schiffe, Terminals und Handelsplätze. Der frühere Beitrag „Der Energiekrieg der USA gegen die Welt“ ordnete den Wandel in eine umfassendere Betrachtung amerikanischer Rohstoffpolitik ein. Die Ereignisse in Rumänien liefern nun einen konkreten Schauplatz, an dem sich prüfen lässt, was an dieser These Geschäft, was Diplomatie und was bisher bloßer Verdacht ist.8 9
Die Unterscheidung ist notwendig. Dass Washington wirtschaftlich von einer zerstörten Leitung profitiert, sagt nichts darüber aus, wer die Sprengung verübte. Ein Nutznießer ist kein überführter Täter. Ebenso wenig beweist ein amerikanisches Interesse an rumänischen Gasverträgen eine amerikanische Regieanweisung für die Abgeordneten in Bukarest. Gerade weil der wirtschaftliche Vorteil sichtbar ist, muss die Frage nach der politischen Verantwortung mit besonderer Sorgfalt behandelt werden.
Der Weg nach Norden
In Griechenland beginnt eine zweite Geschichte der europäischen Gasversorgung. Dort kann Flüssigerdgas entladen und wieder in gasförmigen Zustand versetzt werden. Von dort aus sollen vorhandene und auszubauende Verbindungen Gas über Südosteuropa nach Norden bringen. Die Beteiligten nennen dieses Netz den Vertikalen Korridor. Der Begriff klingt wie der Name einer einzigen Pipeline. Tatsächlich beschreibt er eine Route durch mehrere Staaten und Infrastrukturen, mit Betreibern, Kapazitätsrechten und Handelsverträgen.10
Für amerikanische Exporteure ist diese Route attraktiv, weil sie einen Markt erschließt, der nicht an der griechischen Küste endet. Für griechische Unternehmen und rumänische Zwischenhändler verspricht sie Gebühren und Umsätze. Für Staaten östlich der alten westeuropäischen Lieferzentren kann sie eine zusätzliche Bezugsquelle bedeuten. Zugleich schafft jeder neue Transportweg neue Abhängigkeiten. Über die politische Wirkung entscheidet nicht die Herkunft eines einzelnen Tankers, sondern wer Mengen verkaufen kann, wer die Infrastruktur betreibt und wer für Lieferungen lange Verpflichtungen eingeht.
Im November 2025 meldete der rumänische Gasnetzbetreiber Transgaz eine Kooperationsvereinbarung mit Nova Power & Gas und Atlantic SEE LNG Trade. Gegenstand war die Zusammenarbeit beim Bezug von Flüssiggas aus den Vereinigten Staaten. Atlantic SEE verbindet Interessen des griechischen Konzerns Aktor mit denen des griechischen Unternehmens DEPA. Die Mitteilung belegt, dass die wirtschaftlichen Pläne kein Gerücht aus dem September 2026 sind. Sie belegt aber noch keinen endgültigen rumänischen Staatsvertrag und keinen vereinbarten Kaufpreis. Eine Vereinbarung über Zusammenarbeit und eine bindende Pflicht zum Kauf sind zwei verschiedene Dinge.10
Genau an dieser Grenze setzte der innenpolitische Streit ein. Nach einer Recherche von G4Media schrieb Energieminister Bogdan Ivan am 16. Januar 2026 an Präsident Nicușor Dan und Ministerpräsident Bolojan. Er warb für ein Regierungsabkommen mit den Vereinigten Staaten, damit Rumänien amerikanisches Flüssiggas über einen rumänischen Vermittler beziehen könne. Die Reporter berichteten, private Unternehmen hätten Lieferungen über die geplante Route wegen nicht wettbewerbsfähiger Preise abgelehnt. Ivan stellte später die pauschale Behauptung in Frage, das Gas sei notwendig zu teuer. Die Öffentlichkeit kennt nach den vorliegenden Berichten jedoch keinen vollständigen Satz vergleichbarer Angebote, aus dem sich ein endgültiges Preisurteil ableiten ließe.11
Für Bolojan stand damit eine Regierungsentscheidung im Raum, die über die Frage einer zusätzlichen Gasquelle hinausging. Sollte der Staat ein Geschäft politisch absichern, das private Käufer nicht zu denselben Bedingungen eingehen wollten? Und sollte er dies tun, bevor ein großes heimisches Förderprojekt anlief? Wer diese Fragen stellte, verweigerte nicht zwangsläufig die Zusammenarbeit mit Amerika. Er verlangte zunächst Rechenschaft über Kosten und Nutzen.
Das Gas vor der eigenen Küste
Rumänien besitzt einen Vorteil, den viele europäische Staaten nicht haben. Vor seiner Schwarzmeerküste wird das Feld Neptun Deep erschlossen. Die beteiligten Unternehmen OMV Petrom und Romgaz beziffern die geschätzten förderbaren Mengen auf rund 100 Milliarden Kubikmeter und erwarten erstes Gas im Jahr 2027. Diese Menge bezeichnet den erwarteten Ertrag des Projekts über seine Laufzeit. Sie ist keine jährliche Produktion, die ab dem ersten Tag in voller Höhe zur Verfügung stünde.12
Gerade deshalb verlangt der Vergleich mit amerikanischem Flüssiggas Genauigkeit. Eigenes Gas aus dem Schwarzen Meer kann Rumäniens Verhandlungsmacht stärken. Es kann einen langen Importvertrag weniger dringlich machen. Trotzdem folgt daraus nicht, dass jede Einfuhr nutzlos wäre. Nachfrage schwankt, Förderung beginnt schrittweise, und Rumänien kann Gas für Nachbarn transportieren, ohne selbst der endgültige Käufer zu sein. Der vernünftige Einwand richtet sich nicht gegen jedes Schiff aus Amerika. Er richtet sich gegen die mögliche Verpflichtung des Staates, ein bestimmtes Geschäft ohne überzeugenden Preisvergleich zu tragen.
Hier liegt der politische Sprengstoff. Für einen Lieferanten ist ein Regierungsabkommen wertvoller als die bloße Hoffnung, irgendwann gegen andere Anbieter einen Kunden zu gewinnen. Für einen Vermittler kann staatliche Unterstützung den Unterschied zwischen einem Plan und einem gesicherten Geschäft ausmachen. Für einen Ministerpräsidenten wiederum kann die Weigerung, einen solchen Schritt zu gehen, einen weiteren Konflikt mit einem Koalitionspartner schaffen. Das ist eine plausible Beschreibung der Interessenlage. Ein Beweis für einen von Washington organisierten Sturz ist es nicht.
Der Tisch in Bukarest und die Stimmen im Parlament
Am 31. März traf Guilfoyle in Bukarest mit Sorin Grindeanu, dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten, Energieminister Ivan und dem Präsidialberater Florin Vlădică zusammen. Das Treffen fand also nach dem berichteten Abendessen in Athen und vor dem Ende des Kabinetts statt. Grindeanu bestätigte Gespräche über den Gaskorridor. Eine amerikanische Beteiligung am Sturz der Regierung wies er zurück. Seine Erklärung beweist die Unschuld aller Beteiligten so wenig, wie ein Foto des gemeinsamen Essens ihre Schuld beweist. Sie zeigt, dass über Gas gesprochen wurde. Mehr gibt das öffentlich bekannte Material über den Inhalt des Treffens nicht her.13
Der Sturz selbst vollzog sich offen. Die Sozialdemokraten verließen die Regierungskoalition. Gemeinsam mit anderen Parteien brachten sie einen Misstrauensantrag ein. Darin griffen sie die Wirtschafts und Privatisierungspolitik Bolojans an. Am 5. Mai votierten 281 Abgeordnete gegen seine Regierung. Das war ein parlamentarischer Vorgang mit öffentlich benannten innenpolitischen Gründen. Diese Gründe müssen nicht sämtliche privaten Absichten der Beteiligten offenlegen. Sie dürfen aber nicht aus der Geschichte gestrichen werden, nur weil ein anderer möglicher Beweggrund aufregender klingt.14
Zwischen einem amerikanischen Interesse und einer amerikanischen Operation liegt eine Strecke, die sich nicht durch Vermutungen überbrücken lässt. Für die stärkere Behauptung wären etwa belastbare Aufzeichnungen über Absprachen, nachprüfbare Anweisungen oder Aussagen unmittelbarer Beteiligter nötig. Auch konkrete Vertragsunterlagen könnten zeigen, welcher wirtschaftliche Vorteil auf dem Spiel stand. Solange solche Belege fehlen, bleibt die Frage des ADZ Berichts eine Frage. Sie darf nicht als Antwort gedruckt werden.
Die Landkarte der Nutznießer
Wer den Fall allein als rumänisches Regierungsdrama behandelt, übersieht dennoch seine größere Bedeutung. Die Vereinigten Staaten verkaufen nicht bloß Gas. Ihre Behörden und diplomatischen Vertreter fördern eine neue Anordnung von Lieferwegen. Die Europäische Union will sich aus der Abhängigkeit von russischen Rohstoffen lösen. Amerikanische Unternehmen wollen den frei werdenden Markt bedienen. Griechische und rumänische Firmen wollen an der Weiterleitung verdienen. Jeder handelt aus einem anderen Interesse. Zusammengenommen verschieben diese Interessen die wirtschaftliche Landkarte Europas.1 7 10
Die Zerstörung der Nord Stream Röhren war für diese Entwicklung ein gewaltiger Vorteil aus amerikanischer Sicht. Sie machte die alte direkte Verbindung nicht lediglich politisch unerwünscht, sondern zum großen Teil technisch unbrauchbar. Sie beseitigte damit eine mögliche Rückkehr zu einem früheren Lieferweg. Amerikanisches Flüssiggas erhielt bessere Absatzchancen. Washington gewann Einfluss in Gesprächen über Versorgungssicherheit. Ob die Explosionen durch diesen Vorteil erklärt werden können, ist eine andere Frage. Der Vorteil ist messbar, die Täterschaft damit nicht bewiesen.
Dasselbe Muster lässt sich nicht ohne Weiteres auf jedes Land übertragen. Venezuela liefert Öl, Rumänien handelt von Gas. Beide Rohstoffe haben verschiedene Märkte. Dennoch lohnt der Blick nach Südamerika, weil dort die amerikanische Regierung ihre Interessen an Energieressourcen ungewöhnlich offen beschreibt. Das Weiße Haus erklärte Anfang September 2026, eine Vereinbarung verschaffe amerikanischer Seite weitreichende wirtschaftliche Rechte und gesicherten Zugang zu venezolanischem Öl. Es sprach von amerikanischer Mehrheitseinwirkung auf mehr als 65 Milliarden Barrel nachgewiesener Reserven und stellte das Abkommen ausdrücklich als Erfolg einer Politik amerikanischer Energiedominanz dar.15
Auch diese Darstellung ist nicht das letzte Wort über Eigentum und Kontrolle. Venezuelas zuständige Ministerin erklärte, die Rohstoffe im Untergrund blieben Eigentum und unter Kontrolle ihres Landes. Washington wiederum betonte, sein Abkommen sei mit einem privaten Unternehmen geschlossen worden und nicht mit der venezolanischen Übergangsregierung. Daneben regeln amerikanische Sanktionslizenzen, unter welchen Bedingungen Geschäfte mit venezolanischem Öl und Gas zulässig sind. Gesichert ist somit ein weitreichender amerikanischer Anspruch auf Einfluss über Förderung, Handel und Abnahme. Nicht gesichert ist die vereinfachende Behauptung, die Vereinigten Staaten besäßen nun schlicht das gesamte venezolanische Öl.151617
Zwischen Bukarest und Caracas besteht folglich keine nachgewiesene gemeinsame geheime Schaltstelle. Es besteht aber eine erkennbare politische Denkweise. Rohstoffe sollen nicht nur gefördert und verkauft werden. Ihre Wege, Käufer und Verträge sollen dem eigenen Staat Handlungsspielraum verschaffen. In Venezuela verkündet Washington diesen Anspruch mit bemerkenswerter Offenheit. In Südosteuropa erscheint er in diplomatischer Werbung, Unternehmenstreffen und Plänen für neue Gasrouten.
Was offen bleibt
Am Ende führen die Spuren nicht zu einem einfachen Urteil über Bolojans Sturz. Der Satz, den das Wall Street Journal Guilfoyle zuschreibt, ist schwerwiegend und bestritten. Das Treffen mit Grindeanu und Ivan ist belegt, sein behaupteter verschwörerischer Inhalt nicht. Der Streit um amerikanisches Flüssiggas ist durch Unternehmensmeldungen und journalistisch erschlossene Schreiben greifbar. Ob er die Entscheidung der 281 Abgeordneten bestimmte, lässt sich aus den bisher veröffentlichten Unterlagen nicht feststellen.
Die größere Bilanz verlangt weniger Mut zur Spekulation als Bereitschaft zum Hinsehen. Europas Verlust russischer Pipelineverbindungen hat den Markt für amerikanisches Flüssiggas erheblich vergrößert. Aus dem Ostseerohr, das kein Gas mehr liefert, führt eine Linie zu neuen Terminals, Verträgen und Korridoren. Nicht als Beweiskette für eine Sabotage aus Washington, sondern als Beschreibung ihrer wirtschaftlichen Folgen. Rumänien zeigt, wie um die Verteilung dieses neuen Geschäfts gerungen wird. Venezuela zeigt, wie unverhüllt die amerikanische Regierung inzwischen von Kontrolle über fremde Energieressourcen spricht.
Die Regierung Bolojan fiel durch Stimmen im Parlament. Das ist der feststehende Befund. Dass die neue Ordnung der Energieversorgung für die Vereinigten Staaten eine außerordentlich günstige Entwicklung ist, steht auf einem anderen, solideren Blatt. Wer beides unterscheiden kann, erkennt mehr als in der Behauptung eines bereits bewiesenen Umsturzes: einen Machtgewinn, der auch dann besteht, wenn die Geschichte des Abendessens in Athen niemals vollständig aufgeklärt wird.
Quellen
6. Europäische Kommission, Arbeitsdokument zur Gasversorgung und zum Ausfall von Nord Stream, 2025.
7. Europäische Kommission, „EU energy security explained“, 20. April 2026.
8. Ulrich Brunhuber, „Der US Gaskrieg“, brunhuber.com.
9. Brunhuber.com, „Der Energiekrieg der USA gegen die Welt“, 9. April 2026. 10. Transgaz, Mitteilung über die Kooperationsvereinbarung mit Nova Power & Gas und Atlantic SEE LNG Trade, November 2025. 11. G4Media, Recherche zu den Schreiben Bogdan Ivans und zum geplanten Bezug amerikanischen Flüssiggases, 8. Mai 2026. 12. OMV Petrom, Projektinformationen zu Neptun Deep und zum geplanten Förderbeginn 2027.
13. HotNews, Sorin Grindeanus Erklärung zum Treffen mit Kimberly Guilfoyle, 28. September 2026.
15. Das Weiße Haus, Erklärung zur Vereinbarung über venezolanisches Öl, 2. September 2026.
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