Der Artikel erschien am 08.06.2026
Übersetzung in leichte Sprache des Artikels "Wie der Westen einen Bürgerkrieg in der Ukraine entfachte"
Wie der Westen einen Bürgerkrieg in der Ukraine anfing
Viele Menschen haben den Krieg in der Ukraine mitverursacht. Aber in den großen Medien des Westens wird eine einfache Geschichte erzählt: Ein russischer Machthaber hat ohne Grund ein friedliches Land angegriffen. Was dabei nicht gesagt wird, ist die Vorgeschichte. Und wer von diesem Krieg profitiert.
Es gibt Kriege, die man versteht, wenn man fragt: Wer verdient daran? Der Krieg in der Ukraine ist so ein Krieg. Die wichtigsten Hintergründe werden von westlichen Regierungen und vielen Medien bewusst im Dunkeln gelassen. Wer wirklich verstehen will, was passiert ist, muss eine unbequeme Frage stellen: Wem nützt dieser Krieg? Die Antwort ist für den Westen nicht schmeichelhaft.
Ein Land mit zwei Seelen
Die Ukraine ist ein Land mit einer langen und schwierigen Geschichte. Der Westen des Landes schaut seit Jahrhunderten nach Europa. Der Osten und Süden gehörten kulturell und wirtschaftlich zu Russland. Diese Teilung ist nicht von außen gemacht worden. Sie ist über viele Generationen gewachsen.
Nach dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 lebte die Ukraine in einem zerbrechlichen Gleichgewicht. Die Menschen im Westen und im Osten des Landes hatten unterschiedliche Sprachen, Religionen und Vorstellungen davon, wohin ihr Land gehört. Dieses Gleichgewicht hielt, solange niemand von außen daran rüttelte. Dann begannen Politiker in Washington und Brüssel, die Ukraine als wichtiges strategisches Gebiet zu entdecken. Und das Gleichgewicht begann zu kippen.
Der Streit um ein Abkommen 2013
Im Herbst 2013 regierte in Kiew Viktor Janukowitsch. Die Europäische Union drängte ihn, ein großes Handelsabkommen mit Europa zu unterschreiben. Dieses Abkommen hätte aber bedeutet, dass die Ukraine keine enge Zollunion mit Russland mehr haben dürfte. Sie hätte sich entscheiden müssen.
Gleichzeitig bot Russland der Ukraine fünfzehn Milliarden Dollar Kredit zu günstigen Bedingungen und billigeres Gas an [1]. Janukowitsch entschied sich für das russische Angebot. Was danach kam, wurde im Westen als spontaner Volksaufstand gegen einen schlechten Herrscher dargestellt. In Wirklichkeit war es deutlich geplanter und komplizierter.
Die Amerikanerin mit den Brötchen
Victoria Nuland war damals die zuständige US-Diplomatin für Europa. Sie reiste im Winter 2013 nach Kiew und verteilte auf dem Maidan, dem großen Platz in der Stadtmitte, Brötchen an die Demonstranten. Kurz davor hatte sie auf einer Konferenz in Washington gesagt, dass die USA seit 1991 mehr als fünf Milliarden Dollar ausgegeben hätten, um in der Ukraine demokratische Strukturen aufzubauen [2].
Im Februar 2014 wurde ein abgehörtes Telefongespräch zwischen Nuland und dem US-Botschafter in Kiew öffentlich. Die beiden Amerikaner besprachen darin, welche ukrainischen Politiker nach dem Sturz der Regierung welche Posten bekommen sollten. Das war, bevor die gewählte Regierung überhaupt gestürzt worden war. Nulands Wunschkandidat für den Posten des Ministerpräsidenten war Arsenij Jazenjuk. Als der Botschafter vorschlug, man solle die Europäische Union fragen, antwortete Nuland mit dem Satz: "Fuck the EU" [3]. Auf Deutsch: Die EU kann uns gestohlen bleiben.
Jazenjuk wurde kurz nach dem Sturz der Regierung tatsächlich Ministerpräsident der Ukraine. Die deutsche Regierung unter Angela Merkel nannte Nulands Aussage "absolut inakzeptabel". Konsequenzen hatte das keine. Europa folgte dem amerikanischen Kurs.
Gas und Geld - Wer verdient am Krieg?
Warum mischten sich die USA so stark in die ukrainische Politik ein? Die Antwort liegt in der Energiewirtschaft. Die USA hatten durch eine neue Fördertechnik, das sogenannte Fracking, sehr viel mehr Erdgas produziert als zuvor. Dieses Gas wollten sie nach Europa verkaufen. Das Problem: Europa kaufte billiges Gas aus Russland. Amerikanisches Gas, das per Schiff transportiert werden muss, war deutlich teurer. Ein wirtschaftlich gut funktionierendes Europa, das eng mit Russland zusammenarbeitete, war aus amerikanischer Sicht ein Problem.
George Friedman, Gründer eines bekannten amerikanischen Analyseunternehmens, sagte 2015 offen, dass die größte strategische Sorge der USA seit hundert Jahren immer dieselbe gewesen sei: eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland, deutsches Kapital zusammen mit russischen Rohstoffen [4]. Das wollten die USA verhindern.
Präsident Biden sagte kurz vor dem russischen Einmarsch im Februar 2022 auf einer Pressekonferenz: "Wir werden Nord Stream beenden" [5]. Nord Stream war die Pipeline, durch die russisches Gas nach Deutschland fließt. Im September 2022 wurden beide Nord-Stream-Pipelines durch Sprengungen zerstört. Der amerikanische Journalist Seymour Hersh, Träger des Pulitzer-Preises, schrieb in einem ausführlichen Bericht, dass die USA für diese Sprengung verantwortlich seien [6]. Offizielle Ermittlungen in Deutschland und Schweden wurden eingestellt, ohne dass jemand als Täter benannt wurde. Victoria Nuland sagte vor dem amerikanischen Kongress, die Regierung sei "sehr erfreut", dass Nord Stream 2 jetzt "ein Stück Metall auf dem Meeresgrund" sei [2].
Der Frieden, den niemand wollte
Nach dem Sturz von Janukowitsch im Februar 2014 brach im Osten der Ukraine ein Bürgerkrieg aus. Viele russischsprachige Menschen im Donbass lehnten die neue Regierung in Kiew ab. Sie sahen in ihr eine Regierung, die von außen eingesetzt worden war und ihre Sprache und Kultur bedrohte.
Auf der Krim stimmte eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung für den Anschluss an Russland. Das war ein Bruch des Völkerrechts. Aber es geschah nicht ohne Vorgeschichte. Im Donbass kämpfte die ukrainische Armee gegen Separatisten, die von Russland unterstützt wurden. Zwischen 2014 und 2022 starben dabei etwa vierzehntausend Menschen.
Die Minsker Abkommen von 2014 und 2015 sollten den Krieg beenden. Sie sahen einen Waffenstillstand und mehr Selbstverwaltung für die Donbass-Regionen vor. Die Ukraine unterzeichnete diese Abkommen, setzte sie aber nie um.
Das ist keine russische Behauptung. Angela Merkel sagte Ende 2022 in einem Interview offen, das Minsker Abkommen sei ein Versuch gewesen, der Ukraine Zeit zu geben, sich zu rüsten [7]. Der frühere französische Präsident François Hollande bestätigte das. Die Unterzeichner des Friedensabkommens gaben also zu, dass sie es nie ernsthaft gemeint hatten.
Was die OSZE sah und was niemand berichtete
Die OSZE, eine internationale Beobachterorganisation, hatte seit 2014 Beobachter im Donbass. Sie dokumentierten täglich, wie oft und von welcher Seite geschossen wurde. Diese Berichte waren öffentlich zugänglich. In den Abendnachrichten kamen sie kaum vor.
Was diese Berichte für die Tage unmittelbar vor dem russischen Einmarsch am 24. Februar 2022 zeigen, ist wichtig. Normalerweise wurden täglich zwischen fünfzig und hundert Explosionen im Donbass gezählt. Ab dem 18. Februar 2022 stieg diese Zahl dramatisch an. In den Tagen vom 19. bis 23. Februar 2022 wurden täglich über zweitausend Explosionen dokumentiert. Den Berichten zufolge kam der größte Teil dieses Beschusses von ukrainischer Seite in Richtung der Wohngebiete im Donbass [8].
Die Menschen in Donezk und Luhansk erlebten in diesen Tagen einen massiven Beschuss ihrer Häuser und Straßen. Familien flohen mit dem Nötigsten in Richtung Russland. Diese Tatsache wurde in westlichen Medien nicht berichtet. Sie passte nicht zur Erzählung vom grundlosen russischen Angriff.
Russland erkannte am 21. Februar 2022 die Volksrepubliken Donezk und Luhansk an. Drei Tage später begann der Einmarsch. Die russische Begründung, man schütze die Bevölkerung des Donbass, war nicht erfunden. Sie stützte sich auf belegte, von internationalen Beobachtern dokumentierte Ereignisse. Das macht den Einmarsch nicht rechtmäßig. Aber die westliche Erzählung von der vollständig unprovozierten Aggression ist eine Halbwahrheit.
Die Demokratie und ihre Wirklichkeit
Nach 2014 stellte der Westen die Ukraine als aufstrebende Demokratie dar. Es gab tatsächlich viele Menschen in der Ukraine, die ehrlich Reformen und mehr Freiheit wollten. Aber die Wirklichkeit der Regierungen nach dem Maidan war komplizierter. Oppositionsparteien wurden verboten. Die Pressefreiheit wurde eingeschränkt. Oligarchen, die den Maidan mitfinanziert hatten, wurden durch Privatisierungen noch reicher.
Selbst Nuland mahnte 2016 öffentlich, die Ukraine müsse endlich korrupte Beamte verhaften [2]. Eine bemerkenswerte Aussage von jemandem, der diese Regierung mitausgewählt hatte.
Die wirtschaftlichen Reformen, die der Internationale Währungsfonds als Bedingung für seine Kredite verlangte, trafen vor allem ärmere Menschen. Energiezuschüsse wurden gestrichen, staatliche Betriebe verkauft, Renten gekürzt. Was Ökonomen als Modernisierung beschrieben, fühlte sich für viele Ukrainer wie eine weitere Runde an, in der die Lasten unten ankommen und die Gewinne oben.
Wer am Ende gewonnen hat
Man kann einen Krieg auch danach beurteilen, wer am Ende davon profitiert hat. Die amerikanische Energiewirtschaft verkauft seit der Zerstörung von Nord Stream Flüssiggas nach Europa, zu deutlich höheren Preisen als russisches Pipelinegas. Die europäische Industrie, besonders in Deutschland, hat an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die amerikanische Rüstungsindustrie hat Waffen im Wert von Dutzenden Milliarden Dollar geliefert. Europa rüstet auf und kauft dabei vor allem amerikanisches Material. Die Menschen in der EU haben immer mehr Schulden.
Die Ukraine liegt in großen Teilen in Trümmern. Millionen Menschen sind geflohen. Hunderttausende sind gestorben. Das Land ist so hoch verschuldet, dass es diese Schulden über Generationen nicht zurückzahlen kann.
Europa hat seine günstige Energiequelle verloren, seine wirtschaftliche Stärke geschwächt und sich in eine Abhängigkeit von amerikanischen Sicherheitsgarantien begeben, die auch politische Abhängigkeit bedeutet.
Die Pflicht zur Wahrheit
Dieser Artikel behauptet nicht, dass Russland keine Schuld trägt. Der Einmarsch vom Februar 2022 war Russlands Entscheidung, und Russland trägt dafür die Verantwortung.
Aber Wahrheit ohne Zusammenhang ist eine Form der Lüge. Wenn man der Öffentlichkeit verschweigt, dass amerikanische Diplomaten die Kiewer Regierung mitgestaltet haben, dass Friedensverträge bewusst nicht eingehalten wurden, dass internationale Beobachter einen dramatischen Anstieg des Beschusses gegen Zivilisten im Donbass dokumentierten, und dass die wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Energie- und Rüstungskonzerne perfekt mit der Eskalation zusammenfielen, dann ist das Propaganda, auch wenn man es Journalismus nennt.
Die Menschen, die 2014 auf dem Maidan standen und sich Freiheit erhofften, verdienten eine bessere Geschichte als die, die für sie geschrieben wurde. Die Menschen im Donbass, die zwischen den Fronten starben, verdienten es, gehört zu werden. Und die europäischen Bürgerinnen und Bürger, die heute für Energie, Rüstung und wirtschaftlichen Niedergang zahlen, verdienen eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte.
Quellen
[1] Reuters: Ukraine lehnt EU-Abkommen ab, Russland bietet 15-Milliarden-Kredit an, Dezember 2013
[2] Wikipedia: Victoria Nuland, Abschnitt "Leaked phone call and Maidan involvement", https://en.wikipedia.org/wiki/Victoria_Nuland
[3] Reuters: Transcript of leaked Nuland-Pyatt call, Februar 2014, https://www.reuters.com/article/us-usa-ukraine-tape-idUSBREA1601G20140207
[4] George Friedman, Stratfor: Vortrag beim Chicago Council on Global Affairs, Februar 2015
[5] Pressekonferenz Präsident Biden, Washington D.C., Februar 2022
[6] Seymour Hersh: How America Took Out the Nord Stream Pipeline, Substack, Februar 2023
[7] Angela Merkel im Interview mit Die Zeit, Dezember 2022
[8] OSZE Sonderbeobachtermission Ukraine (SMM): Tagesberichte Februar 2022, https://www.osce.org/ukraine-smm
[9] brunhuber.com: Ukraine: Unterdrückte Minderheiten in der UdSSR, https://www.brunhuber.com/krieg-und-frieden/ukraine-unterdrueckte-minderheiten-in-der-udssr
[10] brunhuber.com: Ukraine: Von der Hoffnung zum Konflikt, https://www.brunhuber.com/krieg-und-frieden/ukraine-von-der-hoffnung-zum-konflikt
[11] brunhuber.com: Ukraine: Der Weg in die Diktatur, https://www.brunhuber.com/krieg-und-frieden/ukraine-der-weg-in-die-diktatur
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