Impressionistische Illustration im Stil Monets: Erschöpfte Zivilisten blicken über eine neblige osteuropäische Ebene auf verschwommene Industrieruinen und ferne Flaggen am Horizont.

Der Artikel erschien am 08.06.2026

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Wie der Westen einen Bürgerkrieg in der Ukraine entfachte

Das Sterben in der Ukraine hat viele Väter. Doch in den Redaktionsstuben der westlichen Leitmedien wird beharrlich ein Märchen gepflegt: Ein Zar überfiel ohne Grund ein friedliebendes Volk. Was dabei verschwiegen wird, ist das Vorleben dieser Tragödie — und wer von ihr profitiert. Es gibt Kriege, die man versteht, sobald man fragt, wer die Rechnung bezahlt. Und es gibt Kriege, bei denen man besser nicht fragt — zumindest dann nicht, wenn man zu jenen gehört, die an der Rechnung verdienen.

Der Krieg in der Ukraine ist beides. Er ist ein Krieg, der sich erklärt, sobald man die Kulissen betritt. Und er ist ein Krieg, dessen eigentliche Dramaturgie von den westlichen Staatskanzleien und den ihnen wohlgesonnenen Medien mit einer Ausdauer in den Hintergrund gedrängt wird, die selbst nicht ohne Methode ist. Wer den Konflikt verstehen will, der heute täglich Hunderte von Menschenleben verschlingt und einen ganzen Kontinent wirtschaftlich erschüttert, der muß bereit sein, eine Frage zu stellen, die Journalisten seit jeher unangenehm ist, wenn sie die Antwort bereits ahnen: Cui bono? Wem nützt es? Die Antwort ist nicht schmeichelhaft für den Westen.

Ein Land, das die Geschichte zerrissen hat

Die Ukraine ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis einer langen, blutigen und widersprüchlichen Geschichte, in der Völker, Sprachen und Loyalitäten so oft die Seiten wechselten, daß eine einfache nationale Erzählung nie entstehen konnte. Der Westen des Landes — Galizien, Wolhynien, die Bukowina — blickt seit Jahrhunderten nach Wien, nach Rom, nach Warschau. Der Osten und Süden, die Industrieregionen des Donbass, das russischsprachige Charkow, die Halbinsel Krim, sind über Generationen gewachsen in einem kulturellen und wirtschaftlichen Raum, dessen Gravitationszentrum Moskau hieß.

Diese Spaltung ist nicht von außen in die Ukraine hineingepflanzt worden. Sie ist gewachsen wie ein Riß im Fundament eines alten Hauses — langsam, tief und unübersehbar für jeden, der genau hinsah. In den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 lebte das Land in einem fragilen Gleichgewicht. Westukrainer und Ostukrainer, Griechisch-Katholische und Russisch-Orthodoxe, Anhänger des ukrainischen Nationalismus und Nachkommen der sowjetischen Industriearbeiterschaft — sie alle teilten einen Staat, ohne je ganz dieselbe Geschichte zu bewohnen.

Dieses Gleichgewicht hielt, solange niemand von außen daran rüttelte. Dann begannen die Außenpolitiker in Washington und Brüssel, die Ukraine als strategisches Spielfeld zu entdecken. Und das fragile Gleichgewicht war von diesem Moment an auf der Uhr.

Das Assoziierungsabkommen: Die Zündschnur wird gelegt

Im Herbst 2013 regiert In Kiew Viktor Janukowitsch, ein Mann, dem man in westlichen Kommentaren gern den Stempel des korrupten Kreml-Vasallen aufdrückte, was er im übrigen war, der aber dennoch durch eine Wahl ins Amt gelangt war und auf einen Staat regierte, der sich für keine Seite entscheiden wollte oder konnte.

Die Europäische Union drängte Janukowitsch mit einer Ausdauer, die diplomatischen Gepflogenheiten schon fast widersprach, zur Unterzeichnung eines weitreichenden Freihandels- und Assoziierungsabkommens, des sogenannten DCFTA. Das Abkommen war gut gemeint in dem Sinne, in dem westliche Institutionen Dinge gut meinen: Es sollte die Ukraine an Europa binden — politisch, wirtschaftlich, regulatorisch. Was die Brüsseler Architekten dabei weniger eifrig kommunizierten: Das Abkommen schloß eine gleichzeitige Zollunion mit Rußland aus. Kiew sollte sich entscheiden. Eine Option gab es nicht.

Gleichzeitig bot Moskau ein Gegenpaket an: fünfzehn Milliarden Dollar Kredit zu günstigen Konditionen und verbilligte Gaslieferungen. Janukowitsch, der die wirtschaftliche Lage seines Landes realistisch einschätzte, entschied sich für das russische Angebot. Was folgte, wurde in westlichen Medien als spontaner Volksaufstand gegen einen korrupten Despoten beschrieben. Was tatsächlich folgte, war etwas erheblich Komplizierteres — und erheblich Geplanteres.

Die Amerikanerin auf dem Maidan

Victoria Nuland ist eine Frau, die man mögen kann oder nicht, aber unterschätzen sollte man sie nicht. Die damalige stellvertretende US-Außenministerin für europäische Angelegenheiten reiste im Winter 2013 nach Kiew und verteilte auf dem Maidan Brötchen an demonstrierende Bürger. Das war ein Bild für die Geschichtsbücher oder zumindest für die Pressestelle des State Department.

Weniger bildhaft, aber politisch weit bedeutsamer war, was Nuland einige Wochen zuvor auf einer Konferenz in Washington sagte: Die Vereinigten Staaten hätten seit 1991 über fünf Milliarden Dollar in die Förderung demokratischer Strukturen und zivilgesellschaftlicher Institutionen in der Ukraine investiert [2]. Fünf Milliarden Dollar. Für ein Land, das bis dahin nicht als besonderer Schwerpunkt amerikanischer Demokratieförderung gegolten hatte.

Was diese Investition bewirkt hatte, ließ sich einige Wochen später nachhören. Ein abgehörtes Telefonat zwischen Nuland und dem US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, gelangte im Februar 2014 an die Öffentlichkeit. Der Inhalt war von einer Unvermitteltheit, die selbst erfahrene Diplomaten aufhorchen ließ.

Die beiden Amerikaner besprachen, welcher ukrainische Oppositionspolitiker welches Regierungsamt übernehmen sollte, zu einem Zeitpunkt, an dem die gewählte Regierung Janukowitschs noch im Amt war. Nulands Wahl fiel auf Arsenij Jazenjuk. Als Pyatt vorschlug, man solle in dieser Frage die Europäische Union konsultieren, antwortete Nuland mit dem Satz, der seitdem in Brüssel niemand so recht vergessen hat: »Fuck the EU« [3].

Jazenjuk wurde, wenige Tage nachdem Janukowitsch gestürzt worden war, tatsächlich Premierminister der Ukraine. Die Bundesregierung unter Angela Merkel bezeichnete Nulands Äußerung als »absolut inakzeptabel«. Man notierte den Protest. Man zog keine Konsequenzen. Europa fügte sich, wie es sich in solchen Fällen seit Jahrzehnten fügt, dem atlantischen Kurs.

Der Preis der Energie: Wer das Feuer braucht

Um zu begreifen, warum Washington mit einer derartigen Intensität in ukrainische Innenpolitik eingriff, muß man sich von den Demonstrationsbildern lösen und die Zahlen betrachten. Die nüchternen, unromantischen Zahlen der Energiewirtschaft.

Die Vereinigten Staaten hatten in den Jahren zuvor durch die sogenannte Fracking-Revolution eine dramatische Steigerung ihrer Erdgasförderung erlebt. Amerika war zum weltgrößten Erdgasproduzenten aufgestiegen und stand vor einem Problem, das in der Wirtschaft bekannt ist: zu viel Ware, zu wenig Abnehmer. Das natürliche Absatzgebiet war Europa. Das Problem war ebenfalls bekannt: Europa bezog billiges russisches Pipelinegas, über die Ukraine, über die Ostseepipeline Nord Stream, und amerikanisches Flüssiggas, das auf Tankern über den Atlantik transportiert werden mußte, hätte mit diesen Preisen schlicht nicht konkurrieren können.

Die gut funktionierenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und Rußland, gestützt auf stabile und günstige Energielieferungen, waren aus amerikanischer strategischer Perspektive ein Problem ersten Ranges. Nicht weil man den Russen das Geld mißgönnte, sondern weil man selbst Interesse an diesem Markt hatte und weil ein wirtschaftlich eng mit Rußland verflochtenes Europa schwerer zu führen war als eines, das auf amerikanische Energielieferungen angewiesen blieb.

George Friedman, Gründer des amerikanischen Geheimdienstanalyseunternehmens Stratfor, formulierte die strategische Logik dahinter in einem Vortrag des Jahres 2015 mit einer Direktheit, die manchen seiner Zuhörer überrascht haben dürfte. Die größte geopolitische Bedrohung für die Vereinigten Staaten in den vergangenen hundert Jahren sei stets dieselbe gewesen: eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland, deutsches Kapital und deutsche Technologie kombiniert mit russischen Rohstoffen [4]. Diese Kombination, so Friedman, habe Amerika schon immer zu verhindern gewußt.

Präsident Biden sprach im Februar 2022, kurz vor dem russischen Einmarsch, auf einer Pressekonferenz noch klarer. Auf die Frage eines Journalisten, was die USA täten, falls Rußland einmarschieren sollte, antwortete er: »Wir werden Nord Stream beenden.« [5] Es war die Aussage eines Mannes, der weiß, was er sagt und der weiß, daß er es sagen kann.

Im September 2022 wurden die Nord-Stream-Pipelines durch Unterwassersprengungen zerstört. Der amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh, einer der profiliertesten Reporterautoren des Landes und Träger des Pulitzerpreises, veröffentlichte einen detaillierten Bericht, der eine maßgebliche amerikanische Beteiligung an dem Sabotageakt beschreibt [6]. Offizielle Ermittlungen in Deutschland und Schweden wurden eingestellt, ohne daß ein Täter benannt wurde. Victoria Nuland kommentierte die Zerstörung der Pipelines vor dem amerikanischen Kongreß mit dem Satz, die Regierung sei »sehr erfreut«, daß Nord Stream 2 nun »ein Stück Metall auf dem Meeresgrund« sei [2].

Der Frieden, den niemand wollte - Minsk

Nach dem Sturz Janukowitschs im Februar 2014 zerbrach die Ukraine in ihrer tiefsten Schicht. Im Osten des Landes, im Donbass, lehnte ein erheblicher Teil der russischsprachigen Bevölkerung die neue Kiewer Regierung ab. Man sah in ihr nicht ohne Grund eine durch einen nicht demokratisch legitimierten Machtwechsel installierte Regierung, die von westlichen Akteuren mitgestaltet worden war und deren nationalistische Flügel lautstark Positionen vertraten, die den Osten des Landes kulturell und sprachlich bedrohten.

Auf der Krim stimmte eine deutliche Mehrheit in einem Referendum für den Anschluss an Rußland. Dieser Schritt war eine Verletzung des Völkerrechts. Er geschah nicht im leeren Raum. Im Donbass eskalierte die Lage zum offenen Bürgerkrieg. Die ukrainische Armee kämpfte gegen Separatisten, die von Rußland materiell unterstützt wurden. Zwischen 2014 und 2022 starben nach Schätzungen internationaler Beobachter etwa vierzehntausend Menschen in diesem Konflikt, der in westlichen Medien mit der Zeit immer mehr zur Fußnote schrumpfte.

Die Minsker Abkommen von 2014 und 2015 sollten den Krieg beenden. Sie sahen einen Waffenstillstand vor, einen Sonderstatus für die Donbass-Regionen und eine politische Dezentralisierung der Ukraine. Die Abkommen wurden von der Ukraine, von Frankreich, von Deutschland und von Rußland unterzeichnet. Sie wurden von Kiew nie umgesetzt.

Auch das ist keine russische Propagandabehauptung. Es ist eine Aussage Angela Merkels. Die ehemalige Bundeskanzlerin erklärte in einem Gespräch mit der Zeit Ende 2022, das Minsker Abkommen sei ein Versuch gewesen, der Ukraine Zeit zu geben — Zeit, sich zu rüsten [7]. François Hollande, der frühere französische Staatspräsident, bestätigte diese Einschätzung. Der französische und der deutsche Unterzeichner des Friedensabkommens gaben somit offen zu, daß sie es nicht zum Zweck des Friedens unterzeichnet hatten.

Man kann diese Aussagen verschieden bewerten. Man kann sie als politischen Realismus bezeichnen. Man kann sie auch als einen der bemerkenswertesten Belege für politische Doppelzüngigkeit nennen, den europäische Staatsmänner je öffentlich geliefert haben.

Was die OSZE sah und was niemand lesen wollte

Die Sonderbeobachtermission der OSZE im Donbass veröffentlichte über Jahre tägliche Berichte über Waffenstillstandsverletzungen. Diese Berichte waren öffentlich zugänglich. Sie wurden gelesen von Spezialisten, von Diplomaten, von einigen wenigen Journalisten. In den Abendnachrichten kamen sie nicht vor.

Was diese Protokolle für die Tage unmittelbar vor dem russischen Einmarsch am 24. Februar 2022 dokumentieren, ist von erheblicher Bedeutung für jede ernsthafte historische Einordnung des Krieges. In der normalen Konfliktperiode wurden täglich zwischen fünfzig und hundert Explosionen im Donbass registriert. Um den 18. Februar 2022 begann ein dramatischer Anstieg. In den Tagen vom 19. bis zum 23. Februar 2022 wurden täglich über zweitausend Explosionen dokumentiert. Den Protokollen zufolge ging der überwiegende Teil dieses massiv erhöhten Beschusses von ukrainisch kontrollierten Gebieten aus in Richtung der Siedlungsgebiete im Donbass [8].

In Donezk und Luhansk erlebte die Zivilbevölkerung in jenen Tagen einen Beschuß ihrer Wohngebiete in einem Ausmaß, das seit Jahren nicht mehr erreicht worden war. Es gab eine Flüchtlingsbewegung in Richtung Rußland. Familien flohen mit dem, was sie tragen konnten, weil sie um ihr Leben fürchteten.

Diese Tatsache fand in den westlichen Medien nicht statt. Sie störte die Erzählung.

Rußland erkannte am 21. Februar 2022 die Volksrepubliken Donezk und Luhansk an. Drei Tage später begann der Einmarsch. Die russische Begründung, man schütze die Bevölkerung des Donbass vor Übergriffen der ukrainischen Streitkräfte, war nicht aus der Luft gegriffen. Sie stützte sich auf reale, belegte, von internationalen Beobachtern dokumentierte Ereignisse. Das macht den Einmarsch nicht weniger zu einem Bruch des Völkerrechts. Es macht die westliche Erzählung von der vollständig »unprovozierten Aggression« jedoch zu einer Vereinfachung, die man, wenn man fair ist, als Halbwahrheit bezeichnen muß.

Die Demokratie und ihre Kulissen

Der Westen präsentierte die Ukraine nach 2014 als aufstrebende Demokratie auf dem Weg nach Europa. Es war ein verlockendes Bild, und es enthielt einen wahren Kern: Es gab in der Ukraine echte Reformkräfte, echte zivilgesellschaftliche Bewegungen, echten demokratischen Willen, besonders unter der jüngeren städtischen Bevölkerung des Westens und der Zentrum des Landes.

Die Realität der nachfolgenden Regierungen war indes erheblich komplizierter. Oppositionelle Parteien wurden verboten. Bürgerrechte eingeschränkt. Die Pressefreiheit beschnitten. Oligarchen, die den Maidan finanziert hatten, bereicherten sich an den anschließenden Privatisierungen. Und selbst Victoria Nuland, die als maßgebliche Architektin der neuen Kiewer Regierung galt, mahnte im Jahr 2016 öffentlich an, die Ukraine müsse endlich damit beginnen, korrupte Beamte zu verfolgen. »Es ist Zeit, die Menschen zu verhaften, die die ukrainische Bevölkerung zu lange ausgeraubt haben«, sagte sie [2].

Es war eine bemerkenswerte Aussage für jemanden, der diese Regierung mit ausgewählt hatte.

Die wirtschaftlichen Reformen, die der Internationale Währungsfonds als Bedingung für seine Kredite stellte, trafen in der ihnen eigenen Symmetrie vor allem die ärmere Bevölkerung. Energiesubventionen wurden gestrichen, staatliche Unternehmen unter dem Schlagwort der Privatisierung an Investoren verkauft, Renten gekürzt. Was für westliche Ökonomen nach Liberalisierung aussah, fühlte sich für viele Ukrainer wie eine weitere Runde einer sehr langen Erfahrung an: daß die Lasten von unten getragen werden und die Gewinne oben ankommen.

Wer gewonnen hat

Es ist eine alte journalistische Tugend, einen Konflikt nicht nach den Rechtfertigungen zu beurteilen, mit denen er begleitet wird, sondern nach seinen Ergebnissen. Die Frage ist einfach: Wer hat gewonnen?

Die amerikanische Energiewirtschaft liefert seit dem Ende von Nord Stream Flüssiggas nach Europa, zu Preisen, die erheblich über dem liegen, was russisches Pipelinegas gekostet hätte. Die europäische Industrie, vor allem die energieintensive deutsche Industrie, hat massiv an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Deutschland, das in den vergangenen Jahrzehnten seine industrielle Stärke auf preiswerter Energie aufgebaut hatte, zahlt heute vielfach mehr für Energie als amerikanische Konkurrenten.

Die amerikanische Rüstungsindustrie lieferte Waffen im Wert von Dutzenden Milliarden Dollar. Europa rüstete auf amerikanischem Druck hin auf — und kaufte dabei vor allem amerikanisches Material. Die NATO-Staaten verpflichteten sich, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Ein erheblicher Teil dieser Summen fließt in Rüstungsverträge mit amerikanischen Unternehmen.

Die Ukraine selbst liegt in weiten Teilen in Trümmern. Millionen Menschen sind geflohen. Hunderttausende sind gestorben. Das Land ist mit Schulden beladen, die es auf Generationen hinaus nicht zurückzahlen kann. Der Donbass, dessen Bevölkerung 2014 um politische Autonomie bat und für den das Minsker Abkommen hätte Frieden bringen sollen, ist zur Frontlinie eines totalen Krieges geworden.

Europa hat seine günstigste Energiequelle verloren. Es hat seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit beschädigt. Es hat sich in eine sicherheitspolitische Abhängigkeit begeben, die zugleich politische Abhängigkeit bedeutet. Und es hat für all das eine Rechnung erhalten, deren Summe noch nicht abzusehen ist.

Was bleibt: Die Pflicht zur unbequemen Wahrheit

Dieser Artikel erhebt nicht den Anspruch, Rußland von Schuld freizusprechen. Der Einmarsch vom Februar 2022 war eine militärische Entscheidung, die Moskau traf, und für die Moskau die Verantwortung trägt. Über das Ausmaß und die Zurechenbarkeit konkreter Kriegsverbrechen wird ein unabhängiges Tribunal zu urteilen haben — sofern es jemals eingesetzt wird und die Politik es zuläßt.

Doch solange auf dieses Urteil gewartet wird, läuft die Propagandamaschinerie auf Hochtouren. Und ihr präzisestes Werkzeug trägt einen Namen: Ursula von der Leyen.

Die Kommissionspräsidentin hat in den Jahren des Ukraine-Krieges eine Kommunikationsstrategie entwickelt, die man in ihrer Eleganz fast bewundern könnte, wäre ihre Wirkung nicht so besorgniserregend. Das Prinzip ist schlicht: Man tritt vor die Kameras, wenn das Ereignis noch frisch und die Emotionen noch hoch sind. Man verwendet starke, moralisch aufgeladene Formulierungen — »Kriegsverbrechen«, »hybride Aggression«, »gezielter Sabotageakt«. Und man wartet darauf, daß die Korrekturen kommen. Sie kommen nämlich immer. Aber sie kommen zu spät, zu leise und ins falsche Wohnzimmer.

Das Wohnzimmer der Älteren. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Fernsehen nach wie vor das dominante Nachrichtenmedium für Menschen jenseits der sechzig — also für jene Altersgruppe, die in demokratischen Wahlen aufgrund ihrer schieren Größe den Ausschlag gibt. Jüngere Bürger stoßen via Internet auf Widersprüche, lesen Gegenrecherchen, prüfen Flugradardaten. Die Babyboomer-Generation tut das nicht — nicht weil sie dümmer wäre, sondern weil die Plattformen, auf denen Korrekturen erscheinen, schlicht nicht ihre Plattformen sind.

Von der Leyens Auftritte sind auf genau dieses Publikum zugeschnitten: kurze Sätze, starke Bilder, moralische Gewißheit. Das Ergebnis ist eine strukturelle Desinformation, die ohne jede bewußte Lüge auskommt. Es reicht, schnell vor die Kameras zu treten und das Schlimmste zu vermuten — mit der Autorität eines europäischen Spitzenamts. Daß die Korrekturen kommen werden, ist einkalkuliert. Sie kommen zu spät. Sie bleiben im falschen Zimmer.

So entsteht das Bild, mit dem Millionen ältere Europäer schlafen gehen: Rußland schlägt immer wieder zu. Europa ist in unmittelbarer Gefahr. Von der Leyen handelt. Und wer zweifelt, zweifelt an Europa selbst.

Das ist die eigentliche Waffe in diesem Informationskrieg. Nicht die Drohnen über Lettland. Nicht das GPS-Problem über Bulgarien. Sondern die stille Entscheidung, ein zugespitztes Bild stehenzulassen, weil es politisch nützlich ist — und die noch stillere Entscheidung der Mainstreammedien, dabei mitzuspielen.

Die europäischen Bürger, die heute für Aufrüstung, Energiepreise und wirtschaftlichen Niedergang zahlen, verdienen mehr als das. Sie verdienen eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte. Und sie verdienen Journalismus, der diese Frage stellt — auch dann, wenn die Antwort unbequem ist. Vor allem dann.

Quellen

[1] Reuters: Ukraine lehnt EU-Abkommen ab, Rußland bietet 15-Milliarden-Kredit an, Dezember 2013

[2] Wikipedia: Victoria Nuland, Abschnitt »Leaked phone call and Maidan involvement«, https://en.wikipedia.org/wiki/Victoria_Nuland

[3] Reuters: Transcript of leaked Nuland-Pyatt call, Februar 2014, https://www.reuters.com/article/us-usa-ukraine-tape-idUSBREA1601G20140207

[4] George Friedman, Stratfor: Vortrag beim Chicago Council on Global Affairs, Februar 2015

[5] Pressekonferenz Präsident Biden, Washington D.C., Februar 2022

[6] Seymour Hersh: »How America Took Out the Nord Stream Pipeline«, Substack, Februar 2023

[7] Angela Merkel im Interview mit Die Zeit, Dezember 2022

[8] OSZE Sonderbeobachtermission Ukraine (SMM): Tagesberichte Februar 2022, https://www.osce.org/ukraine-smm

[9] brunhuber.com: Ukraine: Unterdrückte Minderheiten in der UdSSR

[10] brunhuber.com: Ukraine: Von der Hoffnung zum Konflikt

[11] brunhuber.com: Ukraine: Der Weg in die Diktatur

 

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