Impressionistische Darstellung eines LNG-Tankers in einem europäischen Hafen bei Sonnenuntergang, mit Industrieanlagen, Menschen und Lichtreflexen auf dem Wasser.

Ein Kommentar und Folgeartikel zu „Das Geschäft mit den gesprengten Pipelines“. Stand: 29. September 2026.

Europas Gasrechnung - Amerikas Geschäft mit der neuen Abhängigkeit

Nach dem Dementi bleibt die Rechnung

In Bukarest streitet man darüber, wer eine Regierung zu Fall brachte. Für Europas Energieverbraucher stellt sich eine andere, ebenso politische Frage: Wer verdient an der Ordnung, die nach dem Zerfall der alten Gasbeziehungen entstanden ist? Ein bestrittenes Gespräch kann im Ungefähren bleiben. Eine Importrechnung lässt sich nachzählen.

Die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien berichtete am 28. September unter Berufung auf das Wall Street Journal über Äußerungen der amerikanischen Botschafterin in Griechenland, Kimberly Guilfoyle. Sie soll amerikanische Einflussmöglichkeiten auf Regierungswechsel angedeutet haben. Der Bericht verbindet die Affäre mit dem Streit über amerikanisches Flüssiggas und dessen Lieferung durch Südosteuropa. Guilfoyles Anwalt widersprach der Darstellung des Gesprächs. Ein amerikanisch organisierter Sturz der Regierung Bolojan ist damit nicht bewiesen.1

Eine weitere ADZ-Meldung dokumentiert die Dementis von PSD-Chef Sorin Grindeanu und AUR-Vorsitzendem George Simion. Beide weisen eine entsprechende Absprache zurück. Diese Stellungnahmen gehören zur Geschichte. Sie beantworten allerdings nicht die wirtschaftliche Frage, ob der angestrebte Gasbezug günstig war und weshalb er politische Unterstützung benötigte.2

Hier setzt die Fortsetzung an. Man muss keine geheime Regie für den Regierungssturz behaupten, um die Verteilung von Vorteilen und Belastungen zu untersuchen. Die amerikanische Gaswirtschaft hat einen großen europäischen Absatzmarkt gewonnen. Europas energieverbrauchende Wirtschaft musste sich unter erheblichem Kostendruck neu einrichten. Wer beides unter dem freundlichen Wort Partnerschaft zusammenfasst, lässt die Interessengegensätze verschwinden.

Ein Absatzmarkt von neuer Größe

Die amerikanische Energiebehörde EIA beziffert die Lieferungen von US-Flüssiggas nach Europa für 2025 auf durchschnittlich 10,3 Milliarden Kubikfuß täglich. Ein Jahr zuvor waren es 6,3 Milliarden. Das entspricht einem Zuwachs von rund 63 Prozent. Europa nahm damit 68 Prozent der amerikanischen LNG-Exportmenge auf. Die Zahl bezieht sich auf Europa in der Abgrenzung der EIA, nicht ausschließlich auf die Europäische Union.3

Für die EU liefert die Europäische Kommission eine andere, ergänzende Rechnung. Der amerikanische Anteil an ihren gesamten Gasimporten lag 2025 bei 26 Prozent. Flüssiggas insgesamt stellte inzwischen 45 Prozent der Einfuhren, gegenüber 20 Prozent im Jahr 2021. Norwegen blieb mit 31 Prozent größter Gaslieferant. Der russische Anteil sank im selben Zeitraum von 45 auf 12 Prozent.4

Diese Zahlen beschreiben keine vollständige amerikanische Kontrolle. Sie zeigen eine gewaltige Verschiebung zugunsten amerikanischer Anbieter. Für einen Verkäufer bedeutet ein solcher Markt mehr als den Erlös der nächsten Schiffsladung. Er rechtfertigt Investitionen, schafft Nachfrage nach Verflüssigungsanlagen und macht langfristige Lieferbeziehungen attraktiv. Für den Käufer stellt sich die umgekehrte Frage: Wie viel Auswahl bleibt ihm, wenn frühere Bezugswege ausfallen?

Was die Explosionen nahmen

Der Ausgangsartikel unterschied bereits zwischen dem Ende der laufenden Versorgung und der Zerstörung einer künftigen Möglichkeit. Nord Stream 1 transportierte vor den Explosionen kein Gas mehr. Nord Stream 2 war nicht in Betrieb genommen worden. Am 26. September 2022 wurden drei der vier Röhren beschädigt. Die Sprengung traf also keine bis dahin ungestörte Lieferbeziehung. Sie erschwerte deren spätere Wiederherstellung erheblich.5

Auch wurde nicht das gesamte Pipelinenetz zwischen Russland und Europa gesprengt. Physische Zerstörung, politische Stilllegung, Lieferkürzung und ausgelaufene Transitvereinbarung sind unterschiedliche Vorgänge. Die EIA nennt beispielsweise das Ende des ukrainisch-russischen Transitabkommens zum Jahreswechsel 2024/2025 als einen Grund für Europas zusätzlichen LNG-Bedarf.6

Die wirtschaftliche Bedeutung einer ungenutzten Leitung erschöpft sich jedoch nicht in ihrem momentanen Durchfluss. Eine technisch verfügbare Route kann unter veränderten politischen und vertraglichen Bedingungen wieder zur Alternative werden. Eine beschädigte Leitung verlangt zunächst Reparaturen, Investitionen und neue Entscheidungen. Daraus folgt ein Verlust an Handlungsmöglichkeiten. Wie hoch sein Geldwert ist, lässt sich aus den Importstatistiken allein nicht berechnen.

Für Anbieter konkurrierender Lieferwege ist dieser Verlust eine günstige Ausgangslage. Das ist eine wirtschaftliche Schlussfolgerung, kein Beweis für die Urheberschaft eines Anschlags. Der Gegenstand dieses Kommentars ist die Rechnung nach der Zerstörung.

Der Umweg hat seinen Preis

Flüssiggas eröffnet Zugang zu Lieferländern, die Europa mit einer Pipeline nicht erreichen könnte. Dieser Vorteil verlangt zusätzliche Verarbeitung. Das Gas wird stark heruntergekühlt, auf Spezialschiffe verladen, am Ziel entladen und wieder in gasförmigen Zustand gebracht. Erst danach gelangt es in das Verteilnetz. Die EIA beschreibt diese Schritte und berücksichtigt Verflüssigung, Transport und Rückvergasung ausdrücklich in ihren wirtschaftlichen Modellrechnungen.7 8

Bei einem Vergleich mit einer vorhandenen direkten Pipeline sind diese Leistungen ein zusätzlicher Kostenblock. Daraus ergibt sich dennoch kein fester Aufschlag für jede Lieferung. Förderkosten, Vertragsformeln, Auslastung, Entfernung und Marktpreise entscheiden mit. Wer pauschal behauptet, amerikanisches LNG koste immer einen bestimmten Mehrfachbetrag früheren russischen Vertragsgases, müsste vergleichbare Verträge und Lieferzeitpunkte vorlegen.

Der entscheidende Einwand gegen die neue Ordnung braucht eine solche Übertreibung nicht. Europa muss zusätzliche Leistungen finanzieren und konkurriert stärker mit anderen Abnehmern um weltweit handelbare Ladungen. Eine zusätzliche Bezugsquelle kann Sicherheit schaffen. Wenn sie einen verlorenen Bezugsweg ersetzen muss, ist dieselbe Investition zugleich eine Reparatur der Versorgungslage. Beides sollte in der politischen Bilanz erscheinen.

Weniger Verbrauch, höhere Ausgaben

Wie teuer der Versorgungsschock war, hat die Internationale Energieagentur beziffert. 2022 sank der Gasverbrauch der EU um 55 Milliarden Kubikmeter oder 13 Prozent. Trotzdem näherte sich die Gasimportrechnung 400 Milliarden Euro und lag damit bei mehr als dem Dreifachen des Vorjahres. Die Produktion gasintensiver Branchen wie Düngemittel, Stahl und Aluminium ging nach ihrer Analyse im Durchschnitt um etwa acht Prozent zurück.9

Diese Rechnung ist keine Schadensberechnung allein für Nord Stream. Sie umfasst das Krisenjahr mit Krieg, schrumpfenden russischen Lieferungen und hohen Preisen. Auch war nicht jede Verbrauchssenkung ein Verlust. Wetter, Effizienz und zusätzliche erneuerbare Stromerzeugung spielten eine Rolle. Die IEA dokumentiert aber ebenso Produktionsdrosselungen und den Ersatz heimischer Herstellung durch Importe.9

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer erfolgreichen Einsparung und wirtschaftlicher Schwächung. Ein effizienterer Betrieb stellt dieselbe Ware mit weniger Energie her. Ein stillgelegter Betrieb benötigt ebenfalls weniger Energie, stellt aber nichts mehr her. Wer beide Entwicklungen als gleichwertigen Erfolg behandelt, verwechselt eine niedrigere Verbrauchskurve mit einer gesünderen Volkswirtschaft.

Der 2024 veröffentlichte Draghi-Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit beschrieb Gaspreise, die beim Drei- bis Fünffachen des amerikanischen Niveaus lagen. Schon zuvor hatte Europa einen Preisnachteil, den der Bericht historisch mit dem Zwei- bis Dreifachen angibt. Das ist eine damalige Standortdiagnose, kein Tagespreis vom September 2026 und kein isolierter Nachweis eines Schadens durch die Sprengung.10

Für Investitionsentscheidungen bleibt ein solcher Abstand bedeutsam. Wenn Energie einen großen Teil der Herstellungskosten ausmacht, kann ein Preisvorteil über den Standort einer neuen Anlage mitentscheiden. Europa darf deshalb nicht allein fragen, ob genügend Gas ankommt. Es muss auch fragen, welche Produktion zu diesen Preisen noch bestehen kann.

Rumänien und die staatlich abgesicherte Nachfrage

Der rumänische Fall macht den Interessenkonflikt greifbar. G4Media berichtete am 8. Mai über Schreiben des damaligen Energieministers Bogdan Ivan vom 16. Januar. Danach sollte ein Regierungsabkommen den Bezug amerikanischen Flüssiggases über einen rumänischen Vermittler ermöglichen. Die Recherche berichtete zugleich, private Unternehmen hätten das Gas wegen des Preises abgelehnt. Diese Angaben stammen aus journalistischer Recherche und ersetzen keinen öffentlich zugänglichen vollständigen Preisvergleich.11

Politisch folgt daraus eine einfache Prüfpflicht. Wenn ein Geschäft staatliche Unterstützung erhalten soll, obwohl private Käufer seine Konditionen ablehnen, muss die Regierung erklären, welche zusätzliche Versorgungssicherheit sie einkauft und was diese kostet. Eine Garantie, eine langfristige Abnahme oder eine politische Zusage darf nicht allein deshalb überzeugen, weil der Lieferant als strategischer Partner gilt.

Hinzu kommt Rumäniens eigene Förderperspektive. OMV Petrom nennt für Neptun Deep rund 100 Milliarden Kubikmeter geschätzte förderbare Gasmengen und erwartet erstes Gas im Jahr 2027. Das ist eine Gesamtmenge über die Projektlaufzeit, keine jährliche Förderung. Sie macht nicht jede Einfuhr überflüssig, muss aber in die Prüfung langfristiger Importverpflichtungen eingehen.12

Ein Staat, der zusätzliche heimische Produktion erwartet, sollte seine künftige Nachfrage besonders sorgfältig berechnen. Sonst könnte aus der heutigen Sorge um Versorgungssicherheit eine morgige Verpflichtung werden, Mengen abzunehmen, die anders günstiger verfügbar wären. Ob das bei den diskutierten Verträgen tatsächlich droht, können erst deren Konditionen zeigen. Genau diese Transparenz wäre der sachliche Kern einer parlamentarischen Untersuchung.

Die neue Verwundbarkeit

Die Entwicklung des ersten Halbjahres 2026 zeigt, dass die neue Versorgung keine ruhige Preiswelt garantiert. Nach Angaben der EIA stiegen die amerikanischen LNG-Exporte insgesamt um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Lieferungen nach Europa nahmen dagegen nur um rund ein Prozent zu. Ein wesentlich größerer Zuwachs ging nach Asien. Die Behörde verweist auf Störungen an der Straße von Hormus und verschärften Wettbewerb um verfügbare Ladungen. Der europäische Referenzpreis TTF lag im Halbjahresdurchschnitt bei 14,74 Dollar je Million britischer Wärmeeinheiten, gegenüber 13,10 Dollar ein Jahr zuvor.13

Amerikanische Schiffe müssen auf dem direkten Weg nach Europa nicht durch Hormus fahren. Die Preiswirkung einer dortigen Störung kann Europa trotzdem erreichen, weil asiatische Käufer Ersatz auf demselben Weltmarkt suchen. Die Befreiung von einer bestimmten Pipelineabhängigkeit beseitigt somit nicht die Abhängigkeit von internationalen Krisen. Sie verändert deren Übertragungsweg.

Die ökologische Rechnung des Umwegs

Zu den wirtschaftlichen Kosten kommt eine Umweltbilanz, die in der politischen Erzählung von der neuen Versorgungssicherheit häufig zu kurz kommt. Erdgas wird durch einen Wechsel des Lieferanten nicht zu einer nachhaltigen Energiequelle. Bei seiner Verbrennung entsteht Kohlendioxid. Hinzu kommen die Emissionen aus Förderung, Aufbereitung und Transport. Die Internationale Energieagentur betont in ihrer im September 2026 aktualisierten Untersuchung, dass die energieaufwendige Verflüssigung und der Transport LNG tendenziell emissionsreicher machen als Gas, das nahe am Verbrauchsort gefördert wird. Zugleich können auch die Emissionen von Pipelinegas mit langen Transportstrecken erheblich steigen.14

Das begründet eine Kritik am zusätzlichen Aufwand der Flüssiggaskette. Es erlaubt jedoch nicht, jedes amerikanische LNG pauschal für klimaschädlicher als jedes russische Pipelinegas zu erklären. Dafür müssten konkrete Lieferketten verglichen werden, einschließlich der vorgelagerten russischen Fernleitungen. Methanverluste, Verdichterenergie, Verflüssigungsanlagen und Schiffe gehören in dieselbe Rechnung. Die IEA weist ausdrücklich auf große Unterschiede zwischen Lieferwegen und weiterhin erhebliche Unsicherheiten der Emissionsdaten hin.14

Eine Größenordnung lieferte ihre vorläufige Untersuchung von 2025 für das Bezugsjahr 2024: Die Bereitstellung von LNG verursachte im weltweiten Durchschnitt knapp 20 Gramm CO2-Äquivalente je Megajoule, die Gasbereitstellung insgesamt etwa zwölf Gramm. Diese Zahlen betreffen die Lieferkette vor der abschließenden Verbrennung. Der zweite Wert umfasst außerdem Gas insgesamt und ist kein reiner Vergleichswert für Pipelinegas. Aus diesem Abstand lässt sich deshalb weder ein entsprechender Aufschlag auf die gesamten Lebenszyklusemissionen noch eine konkrete Klimabilanz von Nord Stream gegenüber amerikanischem LNG berechnen.15

Für die europäische Politik ergibt sich daraus eine Forderung: Wer neue Lieferwege als Fortschritt verkauft, sollte deren vollständige Emissionen ebenso offenlegen wie deren Preise. Versorgungssicherheit kann zusätzliche Infrastruktur rechtfertigen. Sie ist jedoch kein Nachweis ökologischer Überlegenheit. Nachhaltigkeit verlangt eine Bilanz vom Förderfeld bis zur Nutzung, einschließlich der Frage, ob weniger Gas durch Effizienz und andere Energiequellen benötigt werden könnte.

Wird das ausgefallene Pipelinegas nun abgefackelt?

Ein aufsehenerregender Vorgang ist dokumentiert. Reuters berichtete am 26. August 2022 über ungewöhnlich starkes Abfackeln bei Portowaja nahe dem Ausgangspunkt von Nord Stream 1. Die damals zitierte Schätzung von Rystad Energy lag bei rund 4,34 Millionen Kubikmetern täglich, wobei die Analysten die Unsicherheit der Mengenbestimmung betonten. Zugleich berichtete Reuters, Gazprom habe seine Förderung seit Jahresbeginn bis Mitte August bereits um mehr als 13 Prozent gesenkt.16

Die zeitliche Reihenfolge ist entscheidend. Dieser Bericht erschien einen Monat vor der Sprengung vom 26. September. Er kann deshalb keine Folge der Explosionen belegen. Er dokumentiert Verschwendung während der bereits laufenden Lieferkrise. Ebenso wenig beweist eine damalige Tagesrate, dass dieselbe Menge bis heute ununterbrochen abgefackelt wird. Dafür wäre eine belastbare Zeitreihe nötig. Eine solche liegt diesem Artikel nicht vor.

Auch technisch besteht kein allgemeiner Zwang, jede nicht mehr exportierte Gasmenge zu verbrennen. Die bereits 2022 gesunkene Förderung zeigt, dass eine Anpassung der Produktion tatsächlich stattfand. Bei vielen Gasfeldern gibt es nach Angaben der Weltbank nur wenig routinemäßiges Abfackeln. Besonders problematisch ist dagegen Gas, das bei der Erdölförderung mit anfällt und mangels geeigneter Anlagen weder genutzt noch abtransportiert oder wieder in die Lagerstätte eingebracht wird. Aus den gesamten russischen Fackelmengen lässt sich deshalb nicht ablesen, wie viel früher für Nord Stream vorgesehenes Gas vernichtet wurde.17

Abfackeln bleibt eine Umweltbelastung. Es setzt Kohlendioxid frei, und bei unvollständiger Verbrennung kann zusätzlich Methan entweichen. Das unverbrannte Ablassen von Gas ist für das Klima in der Regel noch schädlicher. Die Weltbank unterscheidet deshalb zwischen Fackeln und direktem Ablassen und fordert, routinemäßige Verschwendung zu beenden.17 Die zugespitzte Vorstellung, Europa verbrenne amerikanisches Ersatzgas, während Russland zwangsläufig die gesamte entsprechende Menge vernichte, geht jedoch über die Belege hinaus. Für eine solche doppelte Emissionsrechnung müssten zusätzliche Fackelmengen und ihr Zusammenhang mit dem Lieferausfall nachgewiesen werden.

Der unmittelbare Klimaschaden der Sprengung

Weit konkreter lässt sich der Schaden durch das aus den beschädigten Leitungen entwichene Gas beschreiben. Eine im Januar 2025 in Nature veröffentlichte Studie schätzt, dass 465.000 Tonnen Methan in die Atmosphäre gelangten, mit einer angegebenen Unsicherheit von 20.000 Tonnen. Die Forscher kombinierten Modelle des Gasaustritts mit Erkenntnissen über die Vorgänge im Meer und verglichen ihre Ergebnisse mit atmosphärischen Beobachtungen. Nach ihrem Kenntnisstand war dies die größte dokumentierte Methanfreisetzung aus einem einzelnen zeitlich begrenzten Ereignis.18

Dieser unmittelbare Schaden ist von den langfristigen Emissionen veränderter Lieferketten zu trennen. Er darf nicht als jährlich wiederkehrender Ausstoß verbucht werden. Die Größenordnung macht die ökologische Dimension des Anschlags dennoch unübersehbar. Zerstört wurde eine Energieinfrastruktur, und zugleich entwich eine erhebliche Menge eines wirksamen Treibhausgases.

Europas Energiepolitik muss sich somit an mehreren Rechnungen messen lassen: an den Kosten für Verbraucher, an den Folgen für die Industrie und an den tatsächlichen Emissionen der Ersatzversorgung. Amerikanische Anbieter können von höheren Absatzmengen profitieren, ohne dass daraus ein Klimavorteil für Europa entsteht. Ein politisch erwünschter Lieferantenwechsel ist noch keine ökologische Verbesserung.

China gewinnt, während Europa neue Lieferanten sucht

Die neue Landkarte des Gases endet nicht an Europas Grenzen. Während die Europäische Union russische Lieferungen ersetzt, baut China seine Bezugsbeziehungen zu Russland aus. Peking gewinnt damit zusätzliche Versorgung und kann einem Verkäufer gegenübertreten, der nach dem Verlust großer Teile seines europäischen Marktes dringend neue Abnehmer sucht. Das stärkt Chinas Verhandlungsposition. Es ist ein weiterer Grund, die Folgen des europäischen Bruchs nicht allein als amerikanischen Gewinn zu betrachten.

Bereits 2025 lieferte Gazprom nach eigenen Angaben 38,8 Milliarden Kubikmeter durch die Leitung Power of Siberia nach China. Die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete darüber im Januar 2026. Gegenüber 2024, als 31,12 Milliarden Kubikmeter geliefert worden waren, entsprach das einem Anstieg um knapp ein Viertel. China ist damit längst ein bedeutender Absatzmarkt für russisches Pipelinegas.19

Eine einfache Umlenkung früherer Nord-Stream-Lieferungen beschreibt diese Entwicklung allerdings nicht. Nach Gazproms Projektbeschreibung versorgt Power of Siberia China aus den Feldern Tschajanda in Jakutien und Kowykta in der Region Irkutsk. Die Leitung erschließt somit andere Vorkommen als die für Europa maßgeblichen westsibirischen Fördergebiete. Ihr Bau und der 2019 begonnene Exportbetrieb gingen der Sprengung um Jahre voraus.20 Der Ausbau ist Teil einer längerfristigen Orientierung nach Asien, deren wirtschaftliche Bedeutung durch den Bruch mit Europa erheblich gewachsen ist.

Drei Routen mit unterschiedlichem Entwicklungsstand

Für die bestehende Verbindung haben Gazprom und CNPC eine Erhöhung der jährlichen Lieferungen von ursprünglich 38 auf 44 Milliarden Kubikmeter vereinbart. Daneben entsteht die Fernostroute, deren Lieferbeginn Gazprom im April 2026 weiterhin für Januar 2027 ankündigte. Ihre geplante Jahresmenge wurde von zehn auf zwölf Milliarden Kubikmeter erhöht. Diese Zielwerte dürfen nicht mit bereits erreichten Jahreslieferungen verwechselt werden. Insbesondere die Fernostroute liefert nach diesem Zeitplan erst künftig.21

Für die tatsächliche Neuorientierung der zuvor stark auf Europa ausgerichteten Ressourcen ist das zweite große Projekt entscheidend. Power of Siberia 2 soll Gas aus Westsibirien über die Mongolei nach China führen. Die Internationale Energieagentur beschrieb für diese Route eine vorgesehene Kapazität von 50 Milliarden Kubikmetern jährlich.22 Hier geht es nicht bloß um einen weiteren Markt für ostsibirische Vorkommen. Eine solche Verbindung würde einen neuen östlichen Absatzweg für eine Förderregion eröffnen, deren Exportwirtschaft lange eng mit europäischen Kunden verbunden war.

Im September 2025 wurde ein von russischer Seite als rechtlich bindend bezeichnetes Memorandum für das Projekt bekannt. Die kommerziellen Lieferbedingungen sollten nach damaliger Darstellung später festgelegt werden.23 Anfang September 2026 meldete Reuters, Putin habe das geplante Vorhaben in Power of Baikal umbenannt.24 Ein neuer Name ist jedoch noch kein neuer Gasstrom. Die South China Morning Post berichtete am 9. September unter Berufung auf mit den Verhandlungen vertraute Quellen, dass erhebliche Meinungsverschiedenheiten über den Gaspreis die Gespräche blockierten. Ein solcher Quellenbericht beschreibt den Verhandlungsstand, ersetzt aber keine veröffentlichte Vertragsurkunde.25

Die Größenordnung bleibt bemerkenswert. Würden die angekündigten 44 Milliarden Kubikmeter der ersten Route, zwölf Milliarden der Fernostroute und 50 Milliarden des zweiten Großprojekts vollständig realisiert und abgenommen, ergäbe das zusammen 106 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Dies ist eine Summe künftiger Zielmengen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Zeitplänen. Sie steht heute nicht als fertige Ersatzverbindung für Europas frühere Gasbeziehungen zur Verfügung.21 23

Der Vorteil des Käufers, der warten kann

Für China liegt der Vorteil nicht allein in der möglichen Menge. Eine zusätzliche Landverbindung kann die Auswahl zwischen Pipelinegas, Flüssiggas und eigener Versorgung erweitern. Sie vermeidet für diese Lieferungen den Seetransport und dessen unmittelbare Risiken, schafft dafür allerdings neue Bindungen an Russland und bei der geplanten zweiten Route an ein Transitland. Versorgungssicherheit entsteht aus der Mischung, nicht aus der bloßen Ersetzung einer einzigen Abhängigkeit durch eine andere.

Aus der Interessenlage lässt sich ein weiterer Vorteil ableiten: Je dringlicher Russland einen großen neuen Markt benötigt, desto eher kann China über Preis, Abnahmepflichten und Finanzierung hart verhandeln. Dass Peking nicht jede Moskauer Ankündigung sofort in einen endgültigen Liefervertrag übersetzt, passt zu dieser Position. Einen schon feststehenden Preisvorteil für ein noch nicht abschließend vereinbartes Projekt sollte man daraus nicht machen. Die Verhandlungsmacht ist plausibel, ihre endgültige wirtschaftliche Ausbeute bleibt offen.

Für Europas Industrie ist diese Entwicklung dennoch relevant. Sollte China zusätzliche große Gasmengen zu günstigen Bedingungen erhalten, könnte das die Kostenposition seiner gasverbrauchenden Betriebe verbessern. Europa müsste dann nicht nur die eigene Ersatzversorgung bezahlen, sondern mit einem Wettbewerber konkurrieren, der seinen Zugang zu russischen Ressourcen weiter ausbaut. Wie groß dieser Vorteil wird, hängt von den tatsächlichen Verträgen, Transportkosten und Preisen für chinesische Endverbraucher ab.

Auch beim Klima gilt dieselbe Sorgfalt wie beim europäischen LNG-Bezug. Eine neue Leitung nach China erspart auf dieser Route Verflüssigung und Schifffahrt, erfordert aber Bauarbeiten, Verdichterenergie und die Kontrolle von Methanverlusten. Aus der Richtungsänderung des Gasstroms allein folgt keine ökologische Verbesserung.

Die langfristige Gefahr für Europa liegt deshalb in einer Verlagerung wirtschaftlicher Möglichkeiten. Wenn neue Leitungen und langjährige Verträge russische Fördergebiete stärker an asiatische Abnehmer binden, wird eine spätere europäische Rückkehr zu früheren Beziehungen komplizierter. Russland erhält neue Absatzchancen, China zusätzliche Auswahl und Verhandlungsmacht. Europa kann aus dem Rückzug nicht automatisch einen strategischen Erfolg ableiten, nur weil das betreffende Gas seine Grenzen nicht mehr überschreitet.

Wessen Erfolg wird gefeiert?

Die Vereinigten Staaten sind nicht die einzigen Nutznießer. China gewinnt als wachsender Abnehmer russischen Gases an Bedeutung und Verhandlungsmacht. Norwegen, andere Gasexporteure und einzelne europäische Handels- und Infrastrukturunternehmen haben ebenfalls wirtschaftliche Chancen. Auch innerhalb der EU sind die Interessen verschieden. Was für einen Importeur Umsatz bedeutet, kann für einen industriellen Abnehmer Mehrkosten bedeuten. Ein Gewinn auf der einen europäischen Bilanzseite gleicht den Schaden auf der anderen nicht automatisch aus.

Die Kommission betrachtet LNG zugleich als Mittel zur Diversifizierung. Dieses Argument ist ernst zu nehmen. Zusätzliche Liefermöglichkeiten können die Folgen eines Ausfalls begrenzen. Daraus folgt aber kein wirtschaftlicher Vorteil der Zerstörung bereits vorhandener Infrastruktur. Mehr Auswahl und weniger Auswahl sind unterschiedliche Ausgangslagen.4

Die politische Kritik muss deshalb genauer sein als die Behauptung, ausschließlich Amerika gewinne. Amerikanische Gasexporteure gehören zu den großen Gewinnern des europäischen Bruchs mit russischen Lieferungen. Europas Verbraucher und energieintensive Unternehmen trugen erhebliche Anpassungskosten. Die beschädigten Ostseeleitungen haben eine mögliche spätere Alternative zusätzlich erschwert. Diese Aussagen sind belastbarer als jede Erzählung von einem bereits vollständig bewiesenen Plan.

Europäische Eigenständigkeit wäre daran zu messen, ob Regierungen Preise offen vergleichen, Verträge überprüfen und die Kosten politischer Entscheidungen benennen. Sie sollte weder russischen noch amerikanischen Anbietern einen Anspruch auf bevorzugte Behandlung verschaffen. Wer Versorgungssicherheit verspricht, muss sich an bezahlbarer Versorgung messen lassen. Die Rechnung eines europäischen Betriebs wird nicht kleiner, weil auf dem Tanker die Flagge eines Verbündeten weht.

Quellen

1. ADZ: Sturz der Regierung Bolojan: Hatten die USA ihre Finger im Spiel?, 28. September 2026.

2. ADZ: PSD und AUR dementieren Bezug zu Guilfoyle-Affäre, 28. September 2026.

3. EIA: U.S. natural gas exports to grow nearly 30% by 2027 as LNG facilities ramp up. Enthält die Exportdaten für 2025.

4. Europäische Kommission: In focus: EU energy security explained, 20. April 2026.

5. Ulrich Brunhuber: Das Geschäft mit den gesprengten Pipelines, 28. September 2026. Ausgangsartikel mit Quellen zur Chronologie.

6. EIA: Global liquefied natural gas trade volumes reached record high in 2025.

7. EIA: Liquefied natural gas. Erläuterung der Transport- und Verarbeitungsschritte.

8. EIA: Annual Energy Outlook, Analyse zur Wirtschaftlichkeit von LNG-Exporten und ihren Kostenkomponenten.

9. IEA: Europe’s energy crisis: What factors drove the record fall in natural gas demand in 2022?, 14. März 2023.

10. Mario Draghi: The future of European competitiveness, Teil B, Kapitel Energie, 2024.

11. G4Media: Recherche zu Bogdan Ivans Schreiben und dem geplanten staatlich unterstützten Bezug amerikanischen Flüssiggases, 8. Mai 2026.

12. OMV Petrom: Neptun Deep, Projektinformationen und geplanter Förderbeginn 2027. Abgerufen am 29. September 2026.

13. EIA: U.S. LNG exports rose 23% in the first half of 2026 because of higher capacity.

14. IEA: Assessing emissions from LNG supply and abatement options, aktualisierte Untersuchung vom 10. September 2026.

15. IEA: New IEA report assesses emissions from LNG supply and maps out opportunities to reduce them, 2025. Vorläufige Auswertung für 2024, als historische Größenordnung verwendet.

16. Reuters, veröffentlicht bei Euronews: Russia burns gas into the atmosphere while cutting supplies to EU, 26. August 2022. Zeitgenössischer Bericht mit Rystad-Schätzung und Angaben zur Förderkürzung.

17. Weltbank: Zero Routine Flaring by 2030, Fragen und Antworten zu Ursachen, Vermeidung und Emissionen des Abfackelns.

18. Harris, Schwietzke, France und weitere: Methane emissions from the Nord Stream subsea pipeline leaks, Nature, 15. Januar 2025.

19. Interfax: Gazprom supplies 38.8 bcm of gas to China in 2025, for first time more than towards west, 13. Januar 2026. Unternehmensangaben zu den Liefermengen.

20. Gazprom: Power of Siberia, Projektbeschreibung zu Förderfeldern, Route und Aufnahme der Lieferungen.

21. Interfax: Gazprom preparing to launch supplies to China via Far Eastern route, 28. April 2026. Angaben zu Lieferbeginn und Ausbauzielen.

22. IEA: Energy Fact Sheet: Why does Russian oil and gas matter?, 2022. Hier als Quelle zur geplanten Verbindung mit westsibirischen Feldern, nicht zum aktuellen Vertragsstand verwendet.

23. S&P Global: Price of Russian gas supply to China via Power of Siberia 2 to be market-based: Putin, 3. September 2025.

24. Reuters: Russia’s Putin renames planned Power of Siberia 2 pipeline to Power of Baikal pipeline, minister says, 2. September 2026.

25. South China Morning Post: Power of Siberia 2 pipeline talks stall over China-Russia price dispute: sources, 9. September 2026.

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