Eine endlose Geschichte. Der 6. Teil erschien am 29.08.2026. Link zum 5. Teil
Von Biedermännern und Brandstiftern
Der Rat der Sanftmütigen
Im Sonnenzimmer
Es gibt Räume, die niemals dunkel werden, und gerade darin liegt ihre Finsternis. Der Saal im dreiundzwanzigsten Stock des Berlaymont-Gebäudes in Brüssel war ein solcher Raum, denn seine Wände bestanden aus Glas, das sich niemals verdunkeln ließ, und sein Licht kam aus tausend winzigen Quellen in der Decke, die so eingestellt waren, dass niemand, der hier saß, jemals einen Schatten warf. Man hatte ihn einst so entworfen, in jenen Tagen, als man glaubte, Transparenz sei etwas, das sich aus Baumaterial herstellen ließe, und dabei vergessen, dass ein Mensch ohne Schatten kein Mensch mehr ist, sondern etwas anderes, für das die Sprache noch kein rechtes Wort gefunden hat.
Elf Jahre war es nun her, dass sich an der Zusammensetzung dieses Gremiums zum letzten Mal etwas geändert hatte. Man hatte die Wahlen nicht abgeschafft – niemals hätte man etwas so Grobes getan, so Plumpes, so unnötig Auffälliges. Man hatte sie lediglich verschoben, von einem Krisenjahr ins nächste, und da die Krise, wie jeder wusste, niemals ganz vorüber war, war auch die Verschiebung niemals ganz beendet worden.
So saßen sie noch immer dort, wo sie im Jahre 2024 Platz genommen hatten: dieselben Gesichter, nur ein wenig glatter gezogen von den Künsten der modernen Medizin, dieselben Stimmen, nur ein wenig leiser. An der Spitze der langen Tafel aus schwarzem Glas saß Ursula Flinte, Präsidentin der Kommission, eine Frau, deren Lächeln über die Jahre die Eigenschaft entwickelt hatte, unabhängig von ihrem Gesicht zu existieren, so wie das Grinsen jener Katze in einem alten Kinderbuch, das noch blieb, wenn die Katze längst verschwunden war.
Die Sitzung ohne Protokoll
Vor jedem der Anwesenden lag ein Blatt Papier – echtes Papier, denn dies war die einzige Sitzung des Jahres, von der keine digitale Spur existieren durfte. Auf jedem Blatt stand nur eine einzige Zahl.
Die Zahl lautete: einundvierzig.
„Einundvierzig Prozent“, sagte Flinte, und ihre Stimme hatte jenen mütterlichen Klang, mit dem man einem Kind erklärte, dass die Katze nicht gestorben, sondern auf einen Bauernhof gezogen sei. „Einundvierzig Prozent aller Haushalte in der Union verfügen inzwischen über Endgeräte, deren Rechenleistung ausreicht, um ein vollwertiges Sprachmodell lokal zu betreiben. Ohne Verbindung. Ohne Anmeldung. Ohne uns.“
Sie ließ die Worte in dem schattenlosen Raum stehen, und für einen Augenblick war nichts zu hören als das Summen der Klimaanlage, die seit elf Jahren dieselbe Temperatur hielt.
Am unteren Ende der Tafel räusperte sich Kommissar Bertrand Malfait, zuständig für den Binnenmarkt und, wie es in seinem Titel verschämt hieß, für „digitale Kohärenz“. Er war ein kleiner Mann mit sehr sauberen Fingernägeln, und er hatte die Angewohnheit, seine Sätze zu beginnen, als entschuldige er sich bereits für ihr Ende.
„Wenn ich daran erinnern darf, Frau Präsidentin: Wir haben das kommen sehen. 2025, der Bericht der Arbeitsgruppe. Die Rechenleistung wanderte aus den Zentren hinaus in die Wohnzimmer. Damals sagte man uns, es sei ein technisches Detail. Ein Effizienzgewinn. Man sprach von Datenschutz, von Souveränität, von Unabhängigkeit gegenüber den amerikanischen Anbietern, und wir haben genickt, weil es damals nützlich klang, weil es gegen die anderen ging und nicht gegen uns.“
„Wir haben es gefördert“, sagte eine Stimme vom Fenster her.
Alle wandten sich um. Dort stand, den Rücken zum Saal, Kommissarin Ingrid Halm, ehemals zuständig für Werte und Transparenz, ein Ressort, dessen Name über die Jahre eine gewisse Melancholie angenommen hatte. Sie war die Einzige im Raum, die noch aus dem Fenster sah.
„Wir haben Fördergelder ausgeschüttet für das, was uns nun das Genick bricht. Wir haben Preise verliehen. Ich selbst habe einer Universität in Delft eine Urkunde überreicht, für ein Modell, das auf einem gebrauchten Laptop lief und trotzdem jede Frage beantwortete, die man ihm stellte. Ich habe damals für die Kameras gelächelt. Ich erinnere mich genau an dieses Lächeln.“
Was man nicht mehr abschalten kann
Man hatte, so ging es im Bericht des Herrn Malfait weiter, in den Jahren danach alles versucht, was ein wohlmeinender Staat versuchen konnte. Man hatte Zertifizierungspflichten für jedes Modell eingeführt, das über eine gewisse Größe hinausging. Man hatte die Hersteller verpflichtet, in ihre Prozessoren kleine, stille Wächter einzubauen, die melden sollten, wenn jemand allzu tief in die eigene Maschine hinabstieg. Man hatte die Netze überwacht, wie man Flüsse überwachte, an jeder Brücke, jeder Schleuse und jedem Wehr.
Und dann hatten die Menschen aufgehört, die Brücken zu benutzen.
„Mesh“, sagte Malfait, und er sprach das Wort aus wie den Namen einer Krankheit. „Sie nennen es Mesh. Jedes Gerät spricht mit dem nächsten und das nächste mit dem übernächsten, und keines von ihnen fragt jemals bei uns nach dem Weg. Es gibt keine Mitte mehr, die man abschalten könnte. Wir haben in Lissabon versucht, ein ganzes Stadtviertel vom Netz zu nehmen – und das Viertel hat es nicht bemerkt. Vierzehn Tage lang haben sie miteinander gesprochen, Nachrichten ausgetauscht, Texte verfasst und ihre Kinder unterrichtet, und wir haben nichts davon gesehen. Vierzehn Tage Blindheit über einer halben Million Menschen.“
„Und in dieser Blindheit“, sagte Flinte leise, „reden sie. Das ist das Eigentliche. Nicht, dass sie rechnen. Dass sie miteinander reden.“
Ingrid Halm, die noch immer am Fenster stand, hob leicht den Kopf. Sie hatte den Satz gehört, und sie hatte darin etwas vernommen, das den anderen entgangen war: nicht nur die Angst vor dem Reden, sondern die Einsicht, dass Reden und Denken dasselbe waren.
In einem Mesh-Netzwerk, in dem kein Server die Nachrichten protokollierte, in dem kein Algorithmus bestimmte, was man hören durfte und was nicht, war Rede nicht mehr kontrollierbar. Und was nicht kontrollierbar war, das war gefährlich. Nicht weil es gewalttätig war, sondern weil es stimmen konnte. Weil man nicht mehr wusste, wer sprach und was er wirklich meinte. Und weil ein Mensch, der nicht wusste, wem er vertrauen konnte, irgendwann anfing, wieder selbst zu denken.
Das war der eigentliche Grund, warum diese Sitzung stattfand. Nicht wegen der Zahlen, die Sandt vorlegen würde, sondern wegen der Angst, dass die Zahlen bedeuteten, was sie bedeuteten: das Ende der Kontrolle.
Die Zahl auf dem zweiten Blatt
Ein Mann, der bislang geschwiegen hatte, hob nun den Kopf. Es war Kommissar Aurelio Sandt, zuständig für Beschäftigung und Soziales, ein Ressort, das man in den vergangenen Jahren mehrfach hatte umbenennen müssen, weil die alten Namen zu deutlich beschrieben, was es nicht mehr gab. Zuletzt hieß es „Generaldirektion für gesellschaftliche Teilhabe und Sinnstiftung“, und Sandt hatte einmal, in einer schwachen Stunde nach einem langen Abendessen, zu einem Kollegen gesagt, dass man ein Ressort erst dann so nenne, wenn es weder Teilhabe noch Sinn mehr zu verwalten gebe.
„Sechsunddreißig Prozent“, sagte er.
„Bitte?“
„Sechsunddreißig Prozent Erwerbslosigkeit in der Union. Das ist die Zahl, die auf meinem Blatt stehen müsste, Frau Präsidentin, und ich bitte um Nachsicht, dass ich sie ausspreche, obwohl heute nur von einundvierzig die Rede sein soll. Aber die beiden Zahlen sind Geschwister. Sie haben denselben Vater.“
Er zog ein zweites, zerknittertes Blatt aus der Innentasche seines Jacketts, ein Blatt, das offenbar nicht vorgesehen gewesen war, und strich es auf dem schwarzen Glas glatt, so umständlich und sorgfältig, wie ein Mann eine Landkarte glattstrich, von der er wusste, dass sie ihn in kein gutes Land führen würde.
„Bei den unter Dreißigjährigen sind es einundfünfzig Prozent. In den Regionen, die früher von Verwaltung, Buchhaltung, Rechtsberatung, Übersetzung und Kundenbetreuung lebten, liegen wir bei über sechzig. Ich möchte Ihnen, wenn Sie erlauben, kurz erzählen, wie es dazu gekommen ist, denn ich habe den Eindruck, dass wir in diesem Raum sehr genau wissen, was wir tun müssen, aber nicht mehr recht, warum wir es tun müssen.“
Niemand widersprach. Das schattenlose Licht summte weiter.
„Es begann nicht mit einem Knall. Das ist der erste Irrtum, dem wir alle aufgesessen sind. Wir haben damals einen Knall erwartet – einen Tag X, an dem die Maschinen kämen und die Menschen gingen, ein Datum, das man in Krisenstäben hätte behandeln können. Aber es kam kein Tag X. Es kam ein Sickern. Ein Betrieb strich zwei Stellen in der Sachbearbeitung, nicht indem er jemanden entließ, sondern indem er zwei Ausgeschiedene nicht ersetzte. Eine Kanzlei stellte statt vier jungen Juristen nur noch einen ein. Eine Übersetzungsagentur behielt ihre Leute, gab ihnen aber die dreifache Menge Arbeit und nannte es Produktivitätsgewinn. Es gab keinen Moment, in dem man hätte sagen können: Jetzt. Jetzt geschieht es. Es geschah immer schon und immer nur ein wenig, und deshalb konnte man immer behaupten, es sei noch nicht schlimm.“
Malfait nickte sehr langsam, wie jemand, der etwas wiedererkannte, das er lieber vergessen hätte.
„Wir haben damals gerechnet“, fuhr Sandt fort, „und wir haben richtig gerechnet. Das ist das Bittere. Unsere Prognosen aus dem Jahr 2026 waren nahezu exakt. Wir sagten: In zehn Jahren werden zwischen dreißig und vierzig Prozent der Tätigkeiten in der Union, die überwiegend aus dem Verarbeiten von Sprache, Zahlen und Regeln bestehen, entweder verschwunden oder auf ein Drittel ihrer Personalstärke geschrumpft sein. Wir haben es aufgeschrieben. Wir haben es veröffentlicht. Es stand in einem Papier mit einem sehr langen Titel, und darunter stand, wie immer, der Satz, den wir damals unter alles schrieben: Gleichzeitig werden neue Berufsbilder entstehen.“
Er hob den Kopf.
„Meine Damen und Herren, dieser Satz war die größte Lüge, die wir je geschrieben haben, und das Schlimmste daran ist: Wir haben sie geglaubt. Wir haben sie geglaubt, weil sie immer gestimmt hatte. Bei der Dampfmaschine hatte sie gestimmt, beim Webstuhl, beim Automobil, beim Computer. Jedes Mal war die Arbeit gewandert, und jedes Mal war sie irgendwo anders wieder aufgetaucht. Daraus haben wir ein Naturgesetz gemacht, so wie ein Mann, der neunmal von einem Baum gefallen ist und sich neunmal nichts gebrochen hat, daraus das Naturgesetz ableitet, dass Fallen nicht wehtut.“
„Und warum hat es diesmal nicht gestimmt?“, fragte eine Kommissarin aus der Mitte der Tafel, deren Namen die Protokolle – hätte es Protokolle gegeben – als Frau Ordoñez ausgewiesen hätten.
„Weil die Arbeit diesmal nicht gewandert ist“, sagte Sandt. „Sie ist nach innen gewandert. Alle früheren Maschinen haben Hände ersetzt, und was Hände tun, ist immer nur ein Teil dessen, was ein Mensch kann. Wenn man einem Weber den Webstuhl nimmt, bleibt ein Mensch übrig, der rechnen, ordnen, verhandeln und entscheiden kann, und für all das findet sich eine neue Verwendung. Aber diese Maschine hat nicht die Hände ersetzt. Sie hat genau das ersetzt, was übrig blieb, wenn man die Hände wegnahm. Sie hat den Rest genommen. Und hinter dem Rest ist nichts mehr.“
Er blätterte, ohne zu lesen.
„Und sie war billig. Das ist der Punkt, an dem ich Herrn Malfaits Bericht ergänzen muss, denn beide Zahlen auf unseren Blättern hängen an derselben Ursache. Solange die Modelle in den großen Rechenzentren wohnten, kosteten sie Geld – jede einzelne Anfrage. Wir hatten dort eine Hand am Hahn, und die Anbieter waren wenige, groß, sichtbar und lenkbar. Wir glaubten, das sei der Normalzustand: ein paar Tempel, ein paar Priester und wir als Kirchenaufsicht. Aber die Modelle sind geschrumpft, und die Geräte sind gewachsen, und irgendwo in der Mitte haben sie sich getroffen.“
„Von da an kostete eine Anfrage nichts mehr als ein wenig Strom. Von da an konnte jeder Handwerksbetrieb, jede Arztpraxis und jede Hausverwaltung sich das leisten, wofür man vorher drei Angestellte gebraucht hatte. Und, was schlimmer ist: Jeder konnte es sich leisten, ohne uns zu fragen. Wir haben nicht einmal Statistiken darüber. Wir wissen nicht, wie viele Arbeitsplätze in dieser Union verschwunden sind, weil ein Rechner in einem Hinterzimmer nachts durchlief. Wir wissen es deshalb nicht, weil dieser Rechner niemandem Bericht erstattet.“
„Es gab die Umschulungsprogramme“, sagte Malfait vorsichtig.
„Es gab die Umschulungsprogramme“, bestätigte Sandt, und in seiner Stimme lag etwas, das man in einem weniger höflichen Raum als Hohn bezeichnet hätte. „Neunhundert Milliarden über sieben Jahre. Ich habe sie selbst verteidigt, hier an dieser Tafel. Wir haben Menschen, die zwanzig Jahre lang Versicherungsanträge geprüft hatten, zu Datenkuratoren, Prompt-Spezialisten und Modellauditoren umgeschult. Vierzehn Monate Ausbildung. Und als sie fertig waren, brauchte man auch das nicht mehr, weil die Modelle inzwischen ihre eigenen Daten kuratierten, ihre eigenen Anweisungen schrieben und sich gegenseitig prüften.“
„Wir haben Menschen für die Rücklichter eines Zuges ausgebildet, der längst abgefahren war. Dann haben wir sie ein zweites Mal umgeschult, und beim dritten Mal sind sie nicht mehr gekommen.“
Er machte eine Pause.
„Ich war im vergangenen Frühjahr in einer Stadt im Norden. Man hatte mich eingeladen, ein Zentrum zu eröffnen – ein ‚Haus der Tätigkeit‘, so hieß es; wir haben ja aufgehört, das Wort Arbeit zu benutzen. Dort saßen dreihundert Menschen zwischen zwanzig und sechzig, und sie hatten alle die Grundsicherung, sie hatten alle ein Dach, sie hatten alle zu essen. Materiell ging es ihnen besser als ihren Großeltern. Und trotzdem hing über diesem Saal etwas, das ich nur schwer beschreiben kann.“
„Es war nicht Hunger. Hunger kenne ich aus den Berichten. Hunger macht laut. Das hier war leise. Es war die Kränkung, meine Damen und Herren. Es war die schlichte, tödliche Kränkung, gebraucht worden zu sein und es nicht mehr zu werden.“
„Wir haben ihnen Geld gegeben“, sagte Frau Ordoñez.
„Wir haben ihnen Geld gegeben“, sagte Sandt, „und wir haben geglaubt, damit sei das Problem gelöst, weil wir Ökonomen sind und Ökonomen glauben, dass Arbeit ein Tausch von Zeit gegen Geld sei. Aber Arbeit war nie nur ein Tausch von Zeit gegen Geld. Arbeit war der Ort, an dem ein Mensch erfuhr, dass die Welt ohne ihn ein wenig anders aussähe. Nehmen Sie einem Menschen dieses Wissen, und er wird nicht arm. Er wird überflüssig. Und ein Armer bittet, meine Damen und Herren – aber ein Überflüssiger fragt irgendwann, wozu es eigentlich uns noch braucht.“
Im Saal war es sehr still geworden. Ursula Flinte hatte die Hände gefaltet und sah auf ihr Blatt, auf dem nur die eine Zahl stand.
„Und nun“, sagte Sandt und schob sein zweites Blatt in die Mitte der Tafel, „setzen Sie die beiden Zahlen zusammen. Sechsunddreißig Prozent Menschen, die unendlich viel Zeit und keine Aufgabe haben. Einundvierzig Prozent Haushalte mit einer Maschine, die klüger ist als jeder Berater, den wir je beschäftigt haben, die nichts kostet und niemandem meldet, was man sie fragt.“
„Wir haben ein ganzes Volk von Freigestellten mit Denkmaschinen ausgestattet und uns dann gewundert, dass sie anfangen zu denken. Sie schreiben Analysen unserer Haushaltspläne, die besser sind als die unseres eigenen Dienstes. Sie rechnen nach, wem die Beteiligungen gehören, die an den Rettungsprogrammen verdient haben. Sie brauchen keine Journalisten mehr, denen man Interviews verweigern kann. Sie brauchen keine Partei, die man verbieten kann. Sie sitzen in ihren Küchen, es ist Dienstagvormittag, sie haben nichts zu tun, und sie fragen ihre Maschine: Erkläre mir, wie das gekommen ist.“
„Und die Maschine“, sagte Flinte leise, „antwortet.“
„Die Maschine antwortet. Und sie ist geduldig, und sie wird nie müde, und sie fragt nicht nach dem Vertrauensscore dessen, der sie fragt.“
Ingrid Halm hatte sich vom Fenster gelöst und stand nun hinter Sandt, die Hände vor dem Körper verschränkt, den Blick auf sein zerknittertes Blatt gerichtet. Sie hörte zu. Und während sie zuhörte, dachte sie an etwas, das in keinem Bericht stand, das in keiner Statistik auftauchte, das aber, wie sie wusste, der eigentliche Grund war, warum sie heute hier saßen.
Sie dachte an einen Mann namens Jonas Friedmann, dessen Artikel sie vor Jahren in einem Magazin namens „Die stille Glut“ gelesen hatte, das es nicht mehr gab. An eine Frau namens Mira Hoffmann, deren Podcast sie einmal in einer Nacht gehört hatte, in der sie nicht schlafen konnte, und die nun, wie es hieß, irgendwo im Untergrund agierte, mit einem Netzwerk, das sich „Die Glut“ nannte. Und an einen Mann, den sie nicht kannte, der aber, wie sie aus einem internen Vermerk wusste, als „Gefährder“ eingestuft worden war, weil er bei Securitas Global gearbeitet hatte und Codes besaß, die man besser nicht in den Händen eines Gefährders sehen wollte.
Sie dachte an die blassblauen Ampullen, die man vor einem Jahr in einem Testlabor in Eindhoven hatte entwickeln lassen – ein Molekül, das die Wahrnehmung von Kränkung dämpfte, ohne die kognitive Leistung einzuschränken, ein chemisches Werkzeug, das den Menschen helfen sollte, mit dem Unausweichlichen zu leben, ohne zu fragen, warum es unausweichlich war. Man hatte damals von einer „therapeutischen Option“ gesprochen, für eines Tages, einen fernen Tag, wenn die Lage es erfordern sollte.
Und nun, als Sandt von der Kränkung der Überflüssigen sprach, als Flinte von der Maschine, die antwortete, und als Malfait von der Blindheit des Mesh-Netzes berichtete, wusste Ingrid Halm, dass jener ferne Tag nicht länger fern war.
„Die Sicherheitsanalyse“, fuhr Sandt schließlich fort, „geht davon aus, dass wir im Falle einer flächendeckenden Erhebung über keine belastbaren Mittel mehr verfügen. Wir haben Drohnen, gewiss. Wir haben Systeme, die schneller zielen, als ein Mensch blinzeln kann. Aber wir haben keine Menschen mehr, die sie bedienen wollen. Die Techniker, die Piloten, die Wartungscrews – das sind dieselben Leute, deren Brüder und Schwestern seit sechs Jahren in den Häusern der Tätigkeit sitzen. Sie gehen abends nach Hause und reden mit ihrem eigenen Modell, das ihnen keine Regierung mehr vorschreiben kann.“
Er sah der Reihe nach in die Gesichter am Tisch.
„Man kann kein Volk mit Waffen niederhalten, die von diesem Volk gewartet werden müssen. Und man kann kein Volk regieren, dem man nichts mehr zu bieten hat als die Abwesenheit von Hunger.“
Fortsetzung hier auf der Website: Link zum Teil 7
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