Impressionistische Illustration: drei Menschen versammelt sich im Laternenlicht einer verlassenen U-Bahn-Station, während in der Ferne der Feuerschein einer brennenden Stadt durch den Tunnel scheint – Symbolbild zu Teil 5 von "Biedermann und Brandstifter"

Eine endlose Geschichte. Der 5. Teil erschien am 28.08.2026. Link zum 4. Teil

Von Biedermännern und Brandstiftern

Die Antwort aus dem Dunkel

Schweigen

Die ersten zehn Minuten nach dem Senden waren die längsten seines Lebens.

Lukas saß da, den Laptop wie ein Wundmal auf den Knien, und starrte auf den blinkenden Cursor unter seiner gesendeten Nachricht. Kein Häkchen, das eine Zustellung bestätigte. Kein „Gelesen“. Nur die stumme Gewissheit, dass er soeben etwas getan hatte, das sich nicht rückgängig machen ließ – ein Wort war in die Welt hinausgetreten, und Worte, das wusste er nun, waren die gefährlichsten Waffen, die es in dieser neuen Zeit noch gab.

Draußen heulten die Sirenen weiter, in unregelmäßigen Abständen, wie das Atmen eines kranken Tieres. Er stand auf, ging zum Fenster, ohne das Licht anzuschalten, und sah, wie der orangefarbene Schein am Horizont langsam heller wurde und dann wieder verblasste, als hätte jemand mit einem riesigen Blasebalg in die Glut geblasen und sie danach wieder ersticken lassen. Irgendwo brannte ein Gebäude. Vielleicht ein Supermarkt, dessen Besitzer sich geweigert hatte, die neuen Zugangskontrollen zu installieren. Vielleicht eine Schule. Man wusste es nie genau, bis der nächste Tag kam und die staatlichen Nachrichtenkanäle eine Version der Ereignisse servierten, die so glatt poliert war, dass sie keine Kanten mehr hatte, an denen sich der Zweifel hätte festhalten können.

Sophie schlief nicht. Er hörte es an ihrem Atem, als er ins Schlafzimmer zurückkam, an der Art, wie sie zu regungslos dalag, zu bewusst gleichmäßig atmete, um wirklich zu schlafen.

„Du warst lange wach“, sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.

„Ich konnte nicht schlafen.“

„Das habe ich gemerkt.“ Eine Pause, in der nur die Sirenen sprachen. „Was hast du getan, Lukas?“

Er setzte sich auf die Bettkante, die Hände zwischen den Knien gefaltet, und für einen Moment erwog er, zu lügen, ihr zu sagen, er sei nur aufgestanden, um Wasser zu trinken, um nach dem Feuer zu sehen, um sich zu vergewissern, dass die Tür abgeschlossen war. Aber er war es leid, sich selbst zu belügen, und er war es leid, sie zu belügen. Vielleicht – das war der Gedanke, der sich in dieser Nacht zum ersten Mal in ihm festsetzte – war genau das der Anfang von allem gewesen: dass Menschen wie er es sich zur Gewohnheit gemacht hatten, kleine, bequeme Lügen zu erzählen, bis die großen Lügen der anderen keinen Widerstand mehr fanden.

„Ich habe Kontakt aufgenommen“, sagte er. „Zu der Gruppe. Zu ‚Die Glut‘.“

Sophie setzte sich auf. Im schwachen Licht, das durch die Vorhänge fiel, konnte er ihr Gesicht nur als Umriss erkennen, aber er spürte, wie sich ihr Körper versteifte.

„Bist du wahnsinnig geworden?“

„Vielleicht“, sagte er. „Oder vielleicht bin ich zum ersten Mal seit Jahren bei klarem Verstand.“

Sie schwieg lange. Dann fragte sie leiser: „Was hast du ihnen geschrieben?“

„Dass ich die Codes für die Loyalitäts-KI habe. Dass ich weiß, wie man sie manipuliert.“

„Das ist Verrat“, flüsterte sie, aber es klang nicht wie ein Vorwurf, eher wie eine Feststellung, die sie selbst noch zu begreifen versuchte. „Das ist Hochverrat, Lukas. Wenn sie das herausfinden …“

„Ich weiß.“

„Weber ist noch immer verschwunden. Niemand bekommt Antworten. Und du willst …“

„Ich will nicht mehr zusehen“, sagte er, und die Worte kamen jetzt schneller, als hätten sie sich seit Wochen in ihm gestaut, hinter einem Damm aus Vorsicht und Selbsttäuschung, der nun endlich brach. „Ich habe zugesehen, wie sie Weber geholt haben. Ich habe zugesehen, wie sie das Sozialpunktesystem eingeführt haben, und ich habe mir gesagt, das sei doch vernünftig, das schaffe doch nur Ordnung. Ich habe an der Loyalitäts-KI mitgearbeitet, Sophie. Ich. Mit diesen Händen.“ Er hielt sie ihr entgegen, im Dunkeln, als könnte sie dort die Schuld sehen wie einen Fleck, der sich nicht mehr abwaschen ließ. „Ich habe gedacht, wenn ich nur ruhig bleibe, wenn ich nur meine Punktzahl halte, dann bin ich sicher. Dann sind wir sicher. Aber es gibt keine Sicherheit mehr, es gibt nur noch die Frage, auf welcher Seite man steht, wenn das Feuer kommt.“

Sophie sagte lange nichts. Draußen erstarb eine Sirene, eine andere begann.

„Und wenn sie nicht antworten?“, fragte sie schließlich. „Wenn es eine Falle ist? Wenn ‚Die Glut‘ längst infiltriert ist, so wie alles andere auch?“

Es war die Frage, die er sich selbst gestellt hatte, in den Minuten vor dem Senden, und auf die er keine Antwort gefunden hatte, außer der einen: dass es keinen anderen Weg mehr gab.

„Dann verbrenne ich eben“, sagte er leise. „Aber ich verbrenne nicht mehr im Stillen.“

Sophie bleibt

Es gab einen Moment, in dem Sophie hätte gehen können. Sie hatte es in Teil 4 angedroht, sie hatte die Tasche gepackt, sie hatte die Worte ausgesprochen, die man nur einmal aussprechen kann, ohne dass sie ihre Bedeutung verlieren: Das macht dich zum Komplizen. Aber draußen hatten die Ausgangssperren bereits begonnen, und mit ihnen kam die Erkenntnis, dass eine Frau, deren TrustBadge denselben Schwellenwert unterschritten hatte wie das ihres Freundes, nicht einfach verschwinden konnte, ohne sofort als Gefährderin erkannt zu werden.

Und es gab einen anderen Grund, den sie nicht aussprach, den sie aber in den Tagen nach dem Blackout in sich trug wie einen Stein, den man nicht loswird, weil man vergessen hat, dass man ihn in der Tasche hat: Sie hatte die Petition unterschrieben. Ihr Name stand in derselben Datenbank wie Webers Name, in derselben Liste wie die Namen der Verschwundenen. Sie war nicht sicherer als Lukas. Sie war nicht einmal so anders als Lukas. Und als sie eines Morgens aufwachte und sah, wie er im Wohnzimmer vor dem alten Laptop saß, den Kopf in den Händen, während draußen das rote Licht einer öffentlichen Kamera blinkte wie ein Auge, das nie schlief, da wusste sie, dass ihre Drohung leer gewesen war – nicht weil sie es nicht ernst gemeint hatte, sondern weil ihr Fortgehen nichts geändert hätte. Das System unterschied nicht zwischen denen, die blieben, und denen, die gingen. Es unterschied nur zwischen denen, die es kontrollierte, und denen, die es noch nicht kontrollierte.

Und so blieb sie. Nicht nur aus Liebe, auch wenn Liebe im Spiel war, sondern aus einer Art bitterer Logik, die sie sich nicht hätte erklären können, wenn man sie gefragt hätte: Wenn du schon brennst, brenne wenigstens dort, wo du entscheiden kannst, wofür.

Der Kontakt

Es war Jonas Friedmann, der am fünften Tag den Kontakt herstellte – nicht „Die Glut“ in Gestalt eines Unbekannten, sondern Jonas selbst, der plötzlich vor Lukas’ Wohnungstür stand, in einer abgetragenen Jacke, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, als käme er nicht von einem Spaziergang, sondern von einer Flucht.

„Wir müssen reden“, sagte er, noch bevor Lukas etwas sagen konnte. „Nicht hier.“

Sie gingen durch die Straßen, in denen die Kameras an jeder Ecke wie stumme Wächter von den Fassaden blickten, kleine rote Lichter, die niemals schliefen. Jonas führte ihn durch einen Hinterhof, dann durch einen zweiten, in eine Gasse, die so eng war, dass sie im Gänsemarsch gehen mussten, bis sie zu einem toten Winkel gelangten, den – wie Jonas mit einem knappen Kopfnicken andeutete – keine Kamera erfasste.

„Deine Nachricht ist angekommen“, sagte Jonas leise, und es klang nicht wie eine gute Nachricht, sondern wie ein Urteil, das man freundlich zu formulieren versuchte. „Und sie ist nicht an Fremde gegangen. Sie ist bei uns angekommen.“

„Bei uns?“, fragte Lukas.

„Die Stille Glut existiert nicht mehr, Lukas. Als das Magazin abgeschaltet wurde – offiziell ‚im Interesse der öffentlichen Ordnung‘ – und die ersten Kollegen verschwanden, haben wir beschlossen, das Schweigen abzulegen wie einen Mantel, der nicht mehr wärmt. Aus der Redaktion wurde ein Netz. Aus dem Netz eine Bewegung. Wir nennen uns nur noch ‚Die Glut‘. Das ‚Stille‘ haben wir gestrichen, als wir begriffen, dass Stillsein uns nicht schützt – es macht uns nur unsichtbar für die, die uns auslöschen wollen.“

Lukas sah ihn an, und für einen Moment sah er in Jonas nicht mehr den alten Freund aus dem Studentenwohnheim, den Verfasser vollmundiger Essays, sondern das, was aus Menschen wird, wenn ihnen das Schreiben allein nicht mehr genügt.

„Und mein Urteil wird geprüft“, fuhr Jonas fort, „weil sie wissen, dass wir einst Freunde waren. Sie wollten von mir wissen, ob man dir trauen kann.“

„Und?“, fragte Lukas.

„Ich habe gesagt, ich weiß es nicht.“ Jonas sah ihn an, und in seinem Blick lag etwas, das zwischen Misstrauen und Hoffnung schwankte, wie eine Waage, die sich noch nicht entschieden hatte, auf welche Seite sie kippen sollte. „Du hast für die Firma gearbeitet, die die Maschine gebaut hat, die Menschen wie Weber verschwinden lässt, Lukas. Verstehst du, warum sie vorsichtig sind?“

„Ich verstehe es besser, als du denkst.“

„Also gut.“ Jonas atmete tief durch, als würde er sich selbst zu einem Sprung überreden müssen, den er nirgendwo in Worte fassen konnte. „Sie sind bereit, dich zu treffen. Aber nicht hier, nicht in der Stadt, wo jede Kamera, jedes Mikrofon und jeder Sensor dich erfassen könnte. Es gibt einen Ort. Eine alte U-Bahn-Station, seit Jahren stillgelegt, aus der Zeit vor den ‚Renovierungen‘, wie die Regierung es nennt. Die Nordbahnstation.“

Lukas kannte den Namen nur aus alten Stadtplänen, aus einer Zeit, in der die U-Bahn noch mehr Linien gehabt hatte, bevor „Effizienzsteigerungen“ und „Sicherheitsbedenken“ das halbe Netz stillgelegt hatten.

„Wann?“, fragte er.

„Übermorgen Nacht. Und Lukas …“ Jonas legte ihm die Hand auf die Schulter, fest, fast schmerzhaft. „Wenn du das tust, gibt es kein Zurück mehr. Du wirst nicht einfach nur ein unzufriedener Bürger mit einem sinkenden Punktestand sein. Du wirst ein Feind des Staates sein. Bist du bereit dafür?“

Lukas dachte an Weber, an dessen leeres Fenster, in dem seit Wochen kein Licht mehr brannte. Er dachte an die Loyalitäts-KI, an die Zeilen Code, die er selbst geschrieben hatte, an die stille, effiziente Grausamkeit, mit der Menschen in Kategorien sortiert wurden wie Waren in einem Lager. Er dachte an sein eigenes Gesicht im Spiegel, an die verlorene Vierundneunzig auf seinem TrustBadge, an all die Male, die er sich gesagt hatte: Es ist doch nur vernünftig.

„Ich bin bereit“, sagte er, und zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich diese Aussage nicht wie eine Lüge an.

Jonas nickte, als hätte er nur auf dieses eine Wort gewartet, das nicht gezwungen und nicht herausgepresst klang. „Dich werde nicht ich empfangen“, fuhr er fort, und seine Stimme wurde noch leiser, obwohl hier niemand zuhören konnte. „Dich empfängt Mira Hoffmann. Ihre Verhaftung wurde gemeldet, aber es ist ihr gelungen, unterzutauchen. Sie hat früher bei uns unter ihrem eigenen Namen geschrieben, bis es gefährlich wurde, sich selbst zu besitzen. Heute führt sie die Bewegung, soweit man so etwas führen kann, bei Menschen, die nur noch mit dem Schatten ihres früheren Namens arbeiten. Sie wird dich prüfen, Lukas. Und was immer du ihr sagst – sie wird selbst entscheiden.“

Er wandte sich um, als hätte er bereits gesagt, was zu sagen war. Aber bevor er in den Hinterhof zurücktrat, hielt er noch einmal inne. „Noch eines: Wenn du dorthin gehst, gehst du nicht allein. Sag es ihr oder sag es mir später, aber sag es. Mira mag keine Überraschungen, Lukas. Nicht bei ihren Leuten.“

Dann war er verschwunden, so leise, wie er gekommen war, und ließ Lukas zurück mit dem Gefühl, dass das, was vor ihm lag, nicht mehr nur eine geheime Mission war, sondern der Anfang eines Weges, auf dem man die eigene Stimme verlor, um sie später ganz neu wiederzufinden.

Die Vorbereitung

Da Lukas als Gefährder eingestuft war, wurde er von seiner Firma freigestellt – nicht gekündigt, denn Kündigungen erforderten Gründe und Protokolle, und das System vermied es sorgfältig, Gründe zu liefern, wo es auch ohne sie auskam. Er erhielt eine formlose Mitteilung auf seinem Tablet: „Ihre Tätigkeit wurde bis auf Weiteres ausgesetzt. Bitte beachten Sie die geltenden Bewegungsbeschränkungen.“ Darunter stand in kleinerer Schrift der Hinweis, dass ihm von der staatlichen Arbeitsvermittlung ein neuer Arbeitsplatz zugewiesen werden würde, sobald eine „dem Gefährderstatus angemessene Position“ verfügbar sei – ein Versprechen, das so klang wie eine Einladung zu einem Fest, von dem jeder wusste, dass es nicht stattfinden würde. Die Alternative, die in einem beigefügten Merkblatt in noch kleinerer Schrift angedeutet wurde, war die „vorübergehende Einberufung zur militärischen Sicherungsreserve“, was in der Sprache des Gesetzes so viel hieß wie: Frontsoldat im Russlandkrieg.

Die zwei Tage bis zum Treffen waren erfüllt von einer nervösen, fast unwirklichen Geschäftigkeit. Lukas kopierte mit seinem alten Laptop Teile des Quellcodes, die er entgegen den Regeln seiner Firma als Sicherungskopie seiner Arbeit auf einer SSD zu Hause aufbewahrt hatte.

Er kopierte den Code der Loyalitäts-KI auf einen physischen Datenträger – eine alte SD-Karte, die er in einer Schublade gefunden hatte, so unscheinbar, dass er hoffte, sie würde selbst gründlichen Durchsuchungen entgehen. Aber er wählte nicht nur die offensichtlichen Teile – die Klassifikationsalgorithmen und Entscheidungsbäume –, sondern auch etwas, das er in archivierten Versionen des Codes gefunden hatte, als er vor Wochen, in einer der schlaflosen Nächte nach Webers Verhaftung, alte Projekte durchforstet hatte, halb aus Neugier, halb aus dem diffusen Gefühl, dass er etwas suchen müsse, das er nicht benennen konnte.

Es war eine Unregelmäßigkeit im Code, eine Stelle, an der eine Bedingung fehlte, eine Hintertür, die er ursprünglich für ein Testwerkzeug gehalten hatte – eine Funktion, die den Entwicklern erlaubte, das System von innen zu prüfen, ohne dass die Prüfprotokolle eine Spur hinterließen. Er hatte an diesem Teil damals mitgearbeitet, ohne sich die Frage zu stellen, warum er so formuliert war, wie er war, und erst jetzt, im Rückblick, erkannte er, was er vielleicht von Anfang an gewesen war: nicht nur ein Werkzeug für Tests, sondern eine Möglichkeit, das System zu manipulieren. Ob jemand anderes die entscheidende Veränderung eingebaut hatte, ob es ein Zufall oder ein bewusstes Versteck war – er wusste es nicht. Aber er wusste, dass es funktionierte, und er wusste, dass er möglicherweise der Einzige war, der es kannte.

Sophie beobachtete ihn dabei aus der Küche, mit einer Mischung aus Angst und einer Art widerwilliger Bewunderung, die sie nicht auszusprechen wagte. Erst am Abend vor dem Treffen sagte sie:

„Ich komme mit.“

„Sophie …“

„Ich habe die Petition unterschrieben, Lukas. Mein Name steht bereits in irgendeiner Datenbank, neben Webers Fall. Ich bin nicht mehr sicherer als du, egal, was ich tue.“ Sie sah ihn an, und in ihren Augen lag eine Entschlossenheit, die er lange nicht gesehen hatte. „Wenn du brennst, brenne ich mit dir. Aber ich will wenigstens dabei sein, wenn wir entscheiden, wofür.“

Er nickte, unfähig, etwas zu erwidern, das ihrer Klarheit gerecht geworden wäre.

In jener letzten Nacht vor dem Treffen lag Lukas wach und dachte an all die kleinen Momente der vergangenen Monate – an Webers verzweifeltes Gesicht, an Jochen Brenners zu breites Lächeln, an die Zahl Vierundneunzig, die ihm einst wie ein Schutzschild erschienen war und die er nun als das erkannte, was sie immer gewesen war: eine Fessel, kunstvoll poliert, damit man ihr Gewicht nicht spürte.

Die Alte, die sich erinnerte

Bevor er ging, bevor die zwei Tage verstrichen waren, suchte Lukas noch einmal seine Großmutter auf, eine Frau, die neunzig Jahre alt war und deren Gedächtnis, wie ein löchriges Sieb, die meisten Namen und Daten der letzten Jahre längst verloren hatte – aber nicht die Erinnerungen an ihre Jugend, die in ihr so klar und scharf geblieben waren wie am ersten Tag.

„Weißt du, Junge“, sagte sie, während sie mit zittrigen Fingern eine Tasse Tee umschloss, die längst kalt geworden war, „ich habe das alles schon einmal gesehen. Nicht genauso, nein. Aber das Muster – das kenne ich. Zuerst kommt die Angst. Eine Krankheit, ein Krieg, irgendetwas, das echt ist, das jedem Angst macht, zu Recht. Und dann kommen die Gesetze, die diese Angst beruhigen sollen. Man nennt sie vorübergehend. Man sagt, sie würden verschwinden, sobald die Gefahr vorbei ist.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Aber die Gefahr ist niemals ganz vorbei, Junge. Es gibt immer eine neue. Und die Gesetze, die bleiben. Sie wachsen nur weiter, wie Efeu an einer Mauer, bis man die Mauer selbst nicht mehr sieht.“

Lukas saß da und lauschte, wie er es als Kind getan hatte, wenn sie ihm Geschichten erzählt hatte, nur dass diese Geschichte keine Geschichte war, sondern eine Warnung, die sie ihm mit auf den Weg gab, ohne selbst zu wissen, wie genau er sie in den kommenden Tagen brauchen würde.

„Man hat mir einmal erzählt“, fuhr sie fort, „von einem Land, vor sehr langer Zeit, in dem ein einziges brennendes Gebäude genügte, um ein ganzes Volk seiner Freiheiten zu berauben – nicht auf einmal, sondern Stück für Stück, jedes Stück gerechtfertigt, jedes Stück vernünftig, bis am Ende nichts mehr übrig war außer der Angst selbst, die man am Anfang hatte bekämpfen wollen. Die Worte ändern sich, Junge. Aber das Muster – das bleibt immer gleich.“

Sie legte ihre Hand auf seine, so leicht wie ein Vogelflügel. „Wenn du gehst, um zu kämpfen, dann kämpfe nicht nur gegen die, die jetzt an der Macht sind. Kämpfe gegen das Muster selbst. Sonst kommt es wieder. Es kommt immer wieder.“

Er küsste ihre Stirn zum Abschied, und als er die Wohnung verließ, trug er ihre Worte wie einen zweiten, unsichtbaren Datenträger bei sich – einen, den kein Algorithmus je würde auslesen oder löschen können.

In den Katakomben der Nordbahnstation

Der Weg zur Nordbahnstation führte sie durch ein Viertel, das die Stadtplaner offiziell als „Sanierungsgebiet“ bezeichneten, was in der Praxis bedeutete, dass hier seit Jahren nichts mehr saniert, sondern nur noch vergessen wurde. Die Straßenlaternen waren auf der Hälfte der Strecke ausgefallen, und Lukas war dankbar für jede Dunkelheit, die sich zwischen sie und die Kameras schob, deren rote Augen an den wenigen intakten Masten noch immer wachten.

Sophie ging dicht neben ihm, ihre Hand fest um seine geschlossen, als hielten sie sich gegenseitig davon ab, wegzulaufen. Sie sprachen nicht. Es gab nichts mehr zu sagen, das die Stille nicht besser ausgedrückt hätte.

Als sie das verrostete Tor der Station erreichten, halb verborgen hinter wucherndem Efeu und den Überresten eines eingestürzten Vordachs, war es Sophie, die zuerst die Gestalt im Schatten bemerkte.

„Lukas“, flüsterte sie und drückte seine Hand fester.

Die Gestalt löste sich aus der Dunkelheit, geräuschlos, wie es nur jemand konnte, der lange geübt hatte, sich unsichtbar zu bewegen. Eine Frau, hochgewachsen, in einen dunklen Mantel gehüllt, dessen Kragen sie bis tief ins Gesicht hochgeschlagen hatte, sodass nur ihre Augen sichtbar blieben, wach und prüfend wie zwei kleine Feuer in der Nacht.

„Ihr seid pünktlich“, sagte sie, und ihre Stimme kam Lukas sofort vertraut vor. Er kannte sie aus ihrem Podcast, den er vor ihrer vermeintlichen Verhaftung gehört hatte – die Stimme einer Frau, die es gewohnt war, im Dunkeln das Vertrauen von Fremden zu gewinnen. „Das ist gut. Das bedeutet, ihr habt verstanden, was auf dem Spiel steht.“

„Mira?“, fragte Lukas, mehr eine Vermutung als eine wirkliche Frage.

Sie nickte knapp. Aber sie lächelte nicht. Ihre Augen blieben auf ihm, prüfend, als wolle sie in seinen Zügen etwas lesen, das er selbst nicht wusste.

„Jonas sagt, du seist bereit. Jonas sagt vieles. Aber Jonas ist Journalist, kein Techniker. Er weiß nicht, was es bedeutet, den Code einer Maschine zu kennen, die Menschen sortiert wie Waren. Er weiß nicht, was es bedeutet, die Werkzeuge gebaut zu haben, mit denen diese Sortierung funktioniert.“

Sie trat einen Schritt näher, und im schwachen Licht der Taschenlampe sah er ihr Gesicht ganz, die Müdigkeit darin, aber auch etwas anderes – eine Art zähen, unerschütterlichen Willen.

„Sag mir, Lukas Meier: Wenn du morgen die Wahl hättest, den Code zurückzunehmen, den du geschrieben hast, den ganzen Code, jeden einzelnen Buchstaben – würdest du ihn zurücknehmen?“

Lukas schwieg. Es war keine Frage, auf die man lügen konnte, und es war keine Frage, auf die man schnell antworten konnte, ohne die Wahrheit zu verraten.

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich gesehen habe, was er angerichtet hat. Weil ich gesehen habe, was mit den Menschen geschieht, die er als ‚verdächtig‘ einstuft. Weil ich …“ Er stockte. „Weil ich Menschen in etwas übersetzt habe, in das man sie niemals hätte übersetzen dürfen. Ich habe Menschen in Zahlen verwandelt. Und als ich gesehen habe, welche Zahlen das waren, habe ich weggeschaut.“

Mira sah ihn lange an. Dann nickte sie, langsamer als zuvor, wie jemand, der ein Urteil fällt, das er nicht nach Belieben ändern kann.

„Gut“, sagte sie. „Das reicht mir. Nicht wegen der Reue – Reue ist billig, sie kostet nichts als Worte. Aber wegen des Wissens. Du weißt, was du getan hast. Das ist mehr, als die meisten zugeben können.“

Sie wandte sich ab und deutete auf das Tor.

„Kommt. Wir reden nicht hier draußen. Nicht einmal die toten Winkel bleiben für immer tot.“

Sie führte sie durch das Tor, das sich überraschend leicht öffnen ließ, als wäre es entgegen allem Anschein regelmäßig geölt worden, und dann eine schmale, abwärts führende Treppe hinab, die tiefer in die Erde führte, als Lukas erwartet hatte. Die Luft wurde kühler und feuchter, roch nach Stein und altem Eisen und, seltsam genug, nach dem schwachen Rest von Kaffee, als hätte hier vor nicht allzu langer Zeit jemand gesessen und eine Thermoskanne geöffnet.

Mira ging voran, ihre Schritte sicher in der fast vollständigen Dunkelheit, während sie eine kleine Taschenlampe entzündete, deren Licht sie mit der Hand halb abschirmte, sodass es nur den Boden vor ihren Füßen erhellte.

„Die alten Tunnel unter der Station“, erklärte sie, ohne sich umzudrehen, „wurden nie ganz stillgelegt, nur vergessen. Bürokratie hat ihre Vorteile, wisst ihr. Niemand löscht etwas aus den Akten, das niemandem mehr wichtig erscheint. Man vergisst es einfach. Und was vergessen ist, kann man sich zurückholen.“

Sophie sah sich um, die Augen weit geöffnet, als versuche sie, sich jedes Detail einzuprägen – die feuchten, moosbewachsenen Wände, die alten Fliesen, auf denen noch schwach der Name einer Haltestelle zu erkennen war, die seit Jahrzehnten aus dem öffentlichen Gedächtnis der Stadt getilgt war.

„Wie viele von euch gibt es?“, fragte Lukas leise.

Mira blieb stehen und drehte sich zu ihm um.

„Genug“, sagte sie nur. „Genug, um zu hoffen. Nicht genug, um sicher zu sein. Kommt jetzt. Die anderen warten.“

Mit diesen Worten führte sie sie tiefer hinein, dorthin, wo das schwache Licht von Kerzen und alten Lampen bereits durch einen Torbogen schimmerte und wo, wie Lukas mit einem plötzlichen, unerwarteten Herzklopfen erkannte, Stimmen zu hören waren – mehrere Stimmen, die leise miteinander sprachen, als warteten sie schon lange auf genau diesen Moment.

Fortsetzung hier auf der Website: Link zum Teil 6

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