Impressionistische Darstellung eines dystopischen Serverraums im Stil Monets: Drei Personen sitzen im Kreis in einem verlassenen Raum mit pastellfarbenen Wänden. Ein alter Server leuchtet in bläulichem Licht, während warme Sonnenstrahlen durch schmutzige Fenster fallen. Kabel hängen von der Decke wie erstarrte Schlangen. Die Szene wirkt melancholisch und traumhaft mit weichen Pinselstrichen

Eine endlose Geschichte. Der 2. Teil erschien am 27.08.2026. Link zum 1. Teil

Von Biedermännern und Brandstiftern

Der Aufstieg der Brandstifter

Der neue Deal

Lukas Meier hatte sich daran gewöhnt, wie man sich an vieles gewöhnt – langsam, unbewusst, wie man sich an das Rauschen einer Straße gewöhnt, bis man es nicht mehr hört, obwohl es niemals aufgehört hat. Das TrustBadge an seinem Handgelenk war ein solches Rauschen geworden: ein kurzes Vibrieren am Morgen, ein grünes Blinken, dann die Zahl. Vierundneunzig. Ein guter Wert. Nicht der beste, aber solide, in dem Bereich, in dem man sich keine Sorgen machen musste, aber auch nicht zu selbstsicher werden durfte, weil jede auffällige Reaktion verdächtig wirken konnte.

Er betrachtete das Armband, wie er es jeden Morgen tat, mit einer Mischung aus Gewohnheit und einer leisen, vagen Zufriedenheit – dem Gefühl eines Mannes, der seine Steuern pünktlich bezahlt und darauf hofft, dass niemand nachsieht, ob er alle Posten korrekt angegeben hat. Es war kein Stolz, kein Triumph, es war schlicht die Abwesenheit von Angst, und in einer Welt, in der Angst zum Normalzustand geworden war, war auch die Abwesenheit von Angst bereits ein Luxus.

Das TrustBadge, so hatte man es vor drei Jahren nach dem ersten Notstandsgesetz eingeführt, sei ein „Zeichen der Zugehörigkeit“, hatte Staatssekretär Voss damals gesagt. Die Worte hatten so gut geklungen, so vernünftig, so selbstverständlich, dass fast niemand die Frage gestellt hatte, wozu man eigentlich ein Zeichen brauchte, um dazuzugehören – als sei Zugehörigkeit etwas, das man beweisen müsse, wie einen Führerschein oder eine Steuererklärung.

Lukas arbeitete bei Securitas Global, einem der großen Sicherheitskonzerne, die aus den Trümmern der alten IT-Branche entstanden waren, als die großen Tech-Firmen, die einst die Welt beherrschten, unter dem Gewicht ihrer eigenen Geschäftsmodelle zusammengebrochen waren und ihre Nachfolger auf dem Boden ihrer Ruinen neue Tempel gebaut hatten – nicht mehr aus Glas und Stahl, sondern aus Daten und Algorithmen, die den Unterschied zwischen Recht und Unrecht berechnen sollten: scheinbar neutral, unbestechlich und gerecht.

Lukas war Algorithmusentwickler, und er liebte seine Arbeit, so wie man eine Arbeit liebt, die einen nützlich macht, ohne dass man fragen muss, wem. Er schrieb Code, der aus Millionen von Datenpunkten einen einzigen, klaren Wert berechnete: die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen. Und er tat dies mit der Sorgfalt eines Uhrmachers, der ein Werkzeug baut, das die Zeit misst, ohne sich je die Frage zu stellen, ob die Zeit, die man misst, auch die Zeit ist, die man leben sollte.

Heute war der Tag des Sicherheitsgipfels, zu dem ihn sein Unternehmen als einen von wenigen ausgewählten Mitarbeitern eingeladen hatte. Eine Ehre, hatte sein Vorgesetzter gesagt. Eine Chance, Teil von etwas Größerem zu werden.

Die Konferenzhalle war ein Bau aus Glas und blankem Stahl, der das Licht der Vormittagssonne in tausend kleine Reflexionen zerlegte, sodass es aussah, als würde das ganze Gebäude selbst ein wenig glitzern, ein wenig strahlen, so wie man sich Zukunft eben vorstellte, wenn man sie sich sauber und geordnet und frei von jeder Unsicherheit wünschte. Lukas saß in der dritten Reihe, zwischen Vertretern anderer Tech-Konzerne und ein paar jungen Beamten aus dem Innenministerium, deren Anzüge so neu wirkten, dass man förmlich die Preisschilder daran hätte vermuten können.

Vorne, auf einer Bühne, die in kühles, blaues Licht getaucht war, stand ein Mann, dessen Namen Lukas kannte, ohne ihn je persönlich getroffen zu haben: Reinhard Voss, Staatssekretär für innere Sicherheit, ein Mann, dessen Stimme im Fernsehen stets so klang, als spräche er nicht zu einer Nation, sondern zu einem einzelnen, verängstigten Kind, dem man erklären musste, dass alles gut werden würde, wenn man sich nur an die Regeln hielt.

„Meine Damen und Herren“, begann Voss, und seine Stimme füllte den Raum mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zu erwarten schien, „wir leben in Zeiten des Wandels. Bedrohungen, die wir uns vor zehn Jahren nicht hätten vorstellen können, sind heute Realität. Und Realität verlangt nach Antworten – nicht nach Ängsten, sondern nach Lösungen.“

Er machte eine kurze Pause, wie es gute Redner tun, um dem Publikum Zeit zu geben, seine Worte wirken zu lassen, bevor er mit noch größerer Überzeugung fortfuhr:

„Freiheit ist das Recht, sicher zu sein. Und Sicherheit ist das Recht auf Überwachung.“

Ein Raunen ging durch die Reihen, doch es war kein Raunen der Empörung, sondern der Zustimmung, ein leises, zufriedenes Murmeln, wie es entsteht, wenn Menschen hören, was sie bereits glauben, nur eben in Worte gefasst, die klüger klangen, als sie selbst sie hätten finden können.

Lukas nickte. Er nickte, ohne es bewusst zu bemerken, so wie man manchmal im Rhythmus einer Musik mit dem Kopf wippt, ohne recht zu wissen, warum. In diesem Satz, dachte er, lag etwas Wahres, etwas, das seiner eigenen Arbeit einen Sinn gab, der über das bloße Programmieren von Algorithmen hinausging. Er arbeitete schließlich nicht daran, Menschen zu kontrollieren – er arbeitete daran, sie zu schützen. Vor Kriminalität, vor Terror, vor dem Chaos einer Welt, die ohne solche Systeme, wie er sie mitentwickelte, in Anarchie zu versinken drohte.

Nach der Rede, in der Kaffeepause, in der sich die Anwesenden zwischen glänzenden Werbetafeln für neue Überwachungssoftware und kleinen Häppchen auf silbernen Tabletts bewegten, traf Lukas auf seinen Vorgesetzten, Herrn Dr. Jochen Brenner, einen Mann mit einem Lächeln, das immer ein wenig zu breit war, um vollkommen echt zu wirken.

„Und, Lukas, was halten Sie davon?“, fragte er, während er an seinem Kaffee nippte.

„Beeindruckend“, sagte Lukas, und er meinte es ehrlich. „Ich meine – es ist doch genau das, woran wir arbeiten. Prävention statt Reaktion. Wir verhindern Verbrechen, bevor sie geschehen.“

Dr. Brenner lächelte noch breiter. „Sie verstehen es genau richtig. Wissen Sie, es gibt Leute, die das alles falsch verstehen, die vom Überwachungsstaat sprechen, von Kontrolle. Aber das sind Ängste von gestern. Wir bauen die Zukunft.“

Am selben Abend, als er in der U-Bahn nach Hause fuhr, betrachtete Lukas noch einmal sein TrustBadge. Die Zahl hatte sich nicht verändert. Vierundneunzig. Ein guter Mann, dachte er. Ein Mann, dem man vertrauen konnte.

Die ersten Risse

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, die im Rückblick wie Wendepunkte erscheinen, obwohl sie im Augenblick selbst kaum mehr sind als ein flüchtiges Unbehagen, ein kurzes Zögern, das man rasch beiseiteschiebt, weil der Alltag weitergeht und weil es so viel einfacher ist, nicht hinzusehen. Für Lukas war ein solcher Moment der Tag, an dem Daniel Wagner, sein Kollege aus der Entwicklungsabteilung, sein Namensschild und seine Zugangskarte auf den Schreibtisch der Personalabteilung legte und das Gebäude verließ, ohne sich von jemandem zu verabschieden.

Daniel hatte an einem Projekt gearbeitet, das intern nur unter dem Codenamen „Predictive Policing 2.0“ bekannt war – einer Weiterentwicklung jener Software, die anhand von Bewegungsmustern, sozialen Kontakten und, wie Gerüchte besagten, sogar Tonfall und Wortwahl in privaten Nachrichten die Wahrscheinlichkeit berechnete, mit der ein Mensch in naher Zukunft eine Straftat begehen würde. Daniel hatte in einer Teamsitzung, an der auch Lukas teilgenommen hatte, die Hand gehoben und gefragt, was mit den Menschen geschehen solle, die einen hohen Risikowert erhielten, obwohl sie nie etwas Unrechtes getan hatten.

„Wir bestrafen doch niemanden“, hatte der Projektleiter geantwortet, mit einem Lächeln, das keinen Widerspruch duldete. „Wir informieren lediglich die zuständigen Behörden über erhöhte Wahrscheinlichkeiten. Was die damit machen, ist nicht unsere Verantwortung.“

„Aber genau das ist doch das Problem“, hatte Daniel entgegnet, seine Stimme lauter, dringlicher als sonst. „Wenn wir wissen, dass ein Risikoscore über achtzig automatisch zu einer Hausdurchsuchung führt, dann sind wir sehr wohl verantwortlich. Wir urteilen über Menschen, bevor sie überhaupt etwas getan haben.“

Im Raum war es still geworden, eine Stille, die Lukas noch Tage später in den Ohren lag, eine Stille, die mehr sagte als jedes Wort, weil sie zeigte, wie viele Menschen im Raum genau wussten, dass Daniel recht hatte, und wie wenige bereit waren, es auszusprechen. Zwei Wochen später war Daniel entlassen worden. Offiziell wegen „mangelnder Teamfähigkeit und wiederholter Illoyalität gegenüber Unternehmenszielen“.

Lukas hatte davon in der Kaffeeküche erfahren, zwischen dem Rascheln von Keksverpackungen und dem Zischen der Espressomaschine, und er hatte gespürt, wie sich in ihm für einen kurzen Moment etwas zusammenzog, ein Gefühl, das er nicht recht benennen konnte, das aber der Angst nicht unähnlich war. Doch dann hatte er, wie so oft in diesen Tagen, das Gefühl beiseitegeschoben, so wie man einen Stein beiseiteschiebt, der einem im Weg liegt, ohne sich zu fragen, woher er eigentlich kam.

Das ist sein Problem, nicht meins, hatte er gedacht, und dieser Gedanke war ihm in diesem Moment so vernünftig, so selbstverständlich erschienen, dass er ihn nicht weiter hinterfragte. Er hatte schließlich seine eigene Arbeit, seine eigenen Projekte, seine eigene, sorgfältig aufgebaute Zukunft, und es lag nicht in seiner Macht, die Entscheidungen anderer zu ändern.

Am selben Abend, als er nach Hause kam, wartete dort bereits ein Paket auf ihn: die neue Smart-Home-Überwachungsanlage, die er vor einigen Wochen bestellt hatte, nachdem in seiner Nachbarschaft zwei Einbrüche gemeldet worden waren. Kameras für den Eingangsbereich, für das Wohnzimmer, für die Küche. Mikrofone, die auf ungewöhnliche Geräusche reagieren und automatisch die Polizei alarmieren sollten. Ein kleines, unscheinbares System, das, wie die Werbung versprach, „Ihr Zuhause in eine Festung der Sicherheit verwandelt“.

Seine Partnerin Sophie Müller stand in der Küche und sortierte die Einkäufe nach dem neuen Vertrauensindex – die App hatte ihr am Vortag gratuliert, ihr Haushalt gehöre zu den loyalsten des Blocks. Sie lachte darüber, aber es war ein zufriedenes Lachen.

„Stell dir vor, Frau Neumann wurde herabgestuft“, sagte sie. „Wegen der Musik nachts.“

Lukas nickte. Er sagte nichts.

Er verbrachte den Abend damit, die Kameras zu installieren, eine nach der anderen, mit der konzentrierten Freude eines Mannes, der etwas Sinnvolles für seine eigene Sicherheit tat. Als er die letzte Kamera über der Eingangstür befestigte, kam Sophie aus dem Schlafzimmer und blieb im Türrahmen stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick auf das kleine schwarze Objektiv gerichtet, das nun jeden, der ihre Wohnung betrat, unaufhörlich beobachten würde.

„Musste das wirklich sein?“, fragte sie, und in ihrer Stimme lag etwas, das mehr war als bloße Neugier.

„Es sind doch nur Kameras, Sophie. Für unsere Sicherheit.“ Er lächelte, während er die Bohrmaschine beiseitelegte.

„Das ist kein Zuhause mehr“, sagte sie leise, fast zu sich selbst. „Das ist ein Gefängnis.“

Lukas lachte, ein kurzes, unbeschwertes Lachen, das die Ernsthaftigkeit ihrer Worte in demselben Moment zu entkräften schien, in dem es erklang. „Du übertreibst.“

Doch Sophie lachte nicht mit. Sie sah ihn nur an, mit einem Blick, der irgendwo zwischen Sorge und Resignation lag, und ging schließlich zurück ins Schlafzimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Lukas blieb allein im Flur zurück, unter dem kleinen, blinkenden Licht der neuen Kamera, das ihn in unregelmäßigen Abständen anblitzte wie ein Auge, das niemals ganz schlief.

Die Warnung

Manche Freundschaften überdauern selbst dann, wenn sich die Wege der Menschen, die sie verbinden, längst in verschiedene Richtungen entwickelt haben – so wie zwei Flüsse, die einst aus derselben Quelle entsprangen und sich nun, viele Kilometer weiter, kaum noch ähnlich sehen. Jonas Friedmann war ein solcher Freund für Lukas. Einer, mit dem er vor vielen Jahren im selben Studentenwohnheim gewohnt und nächtelange Gespräche über Politik und Philosophie geführt hatte. Seitdem hatte Jonas sich zu einem Journalisten entwickelt, dessen Artikel für das kleine, aber angesehene Onlinemagazin „Die stille Glut“ regelmäßig für Aufsehen sorgten – und ebenso regelmäßig von den großen Medienhäusern ignoriert wurden.

Sie trafen sich in einem kleinen Café am Rande der Stadt, einem jener Orte, die noch keine Gesichtserkennungskameras an der Tür hatten, was, wie Jonas mit einem schiefen Lächeln bemerkte, mittlerweile fast schon ein Statement war. Jonas sah müde aus, mit dunklen Ringen unter den Augen und einer Nervosität in seinen Bewegungen, die Lukas an ihm nicht kannte.

„Du siehst mitgenommen aus“, sagte Lukas, während er seinen Kaffee umrührte.

„Ich recherchiere gerade zu etwas, das mir schlaflose Nächte bereitet“, antwortete Jonas, seine Stimme gedämpft, als fürchte er, belauscht zu werden – eine Sorge, die Lukas in diesem Moment noch für übertrieben hielt. „Weißt du, woran deine Firma wirklich arbeitet, Lukas? Nicht die offizielle Version. Die echte.“

Lukas zuckte mit den Schultern. „Ich arbeite dort. Natürlich weiß ich, woran wir arbeiten.“

Jonas beugte sich vor, seine Hände umschlossen die Kaffeetasse, als suche er dort Halt. „Sie bauen ein System, das dich nicht bestraft, wenn du ein Verbrechen begehst. Es bestraft dich, bevor du überhaupt weißt, dass du eines begehen wirst.“

Lukas lachte, ein kurzes, etwas zu lautes Lachen, das im leeren Café unangenehm nachhallte. „Wir entwickeln Risikomodelle, Jonas. Keine Gedankenpolizei. Was die Behörden daraus machen, liegt nicht bei uns.“

Doch Jonas lachte nicht mit. Er zog mehrere zerknitterte Ausdrucke interner Dokumente aus seiner Jackentasche, deren Herkunft er nicht preisgeben wollte, und schob sie über den Tisch. „Lies das. Nur das. Und sag mir dann noch einmal, dass es keine Gedankenpolizei ist.“

Lukas überflog die Zeilen, die von „präventiven Interventionsmaßnahmen“ sprachen, von „Risikoclustern“ und „automatisierten Empfehlungen zur sozialen Isolation gefährdeter Individuen“, und er spürte, wie sich in seinem Magen etwas zusammenzog, ein Gefühl, das dem aus der Kaffeeküche nicht unähnlich war, als er von Daniels Entlassung erfahren hatte. Doch wieder schob er es beiseite, schneller diesmal, routinierter, so wie man mit der Zeit lernt, unangenehme Wahrheiten immer geschickter zu verdrängen.

„Das sind doch nur Entwürfe“, sagte er schließlich und schob die Ausdrucke zurück. „Interne Diskussionspapiere. Das bedeutet nicht, dass es tatsächlich umgesetzt wird.“

Jonas sah ihn lange an, mit einem Blick, in dem sich Enttäuschung und eine Art trauriges Verstehen mischten. „Weißt du, was mich am meisten erschreckt, Lukas? Nicht die Regierung. Nicht die Konzerne. Sondern Menschen wie du – intelligente, gute Menschen, die genau sehen, was passiert, und sich trotzdem entscheiden, wegzusehen, weil es bequemer ist.“

Lukas wollte etwas erwidern, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken, denn tief in sich spürte er, dass Jonas nicht ganz unrecht hatte, auch wenn er sich das in diesem Moment nicht eingestehen wollte. Sie verabschiedeten sich kurz darauf, unter dem Vorwand, dass Lukas noch Termine habe, und als er die Straße entlangging, zog er unwillkürlich sein TrustBadge unter dem Ärmel hervor und betrachtete die Zahl, die dort in ruhigem Grün leuchtete. Vierundneunzig. Ein guter Wert. Ein sicherer Wert.

Am selben Abend, während Lukas zu Hause auf dem Sofa saß und durch die Nachrichten auf seinem Tablet scrollte, stieß er auf eine Meldung aus einer anderen Stadt, mehrere hundert Kilometer entfernt: Eine Demonstration gegen die neuen Sicherheitsgesetze war von der Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst worden, und mehrere Dutzend Menschen waren festgenommen worden. Die Schlagzeile, die über dem Artikel prangte, lautete schlicht: „Chaoten zündeten Barrikaden – Polizei handelte im Sinne der öffentlichen Sicherheit.“

Es gab keine Bilder von friedlichen Demonstranten, keine Stimmen der Betroffenen, keine Fragen danach, warum Menschen überhaupt auf die Straße gegangen waren. Nur diese eine Formulierung, glatt und beruhigend, die alles erklärte, ohne irgendetwas zu erklären. Lukas las den Artikel zweimal, spürte erneut jenes kurze, unbehagliche Ziehen in der Brust – und wischte dann, wie schon so oft in den letzten Wochen, mit einer einzigen Bewegung seines Fingers zur nächsten Meldung weiter, einem Bericht über die neuesten Entwicklungen im Fußball, froh über die Ablenkung, die ihm die Möglichkeit gab, nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, was er da eigentlich gerade gelesen hatte.

Draußen vor seinem Fenster blinkte in regelmäßigen Abständen das kleine rote Licht einer öffentlichen Überwachungskamera, ein stiller, geduldiger Wächter, der alles sah und nichts vergaß – und Lukas, der sich in diesem Moment so sicher fühlte wie schon lange nicht mehr, ahnte nicht, dass er längst begonnen hatte, sich selbst in genau jenes System einzufügen, vor dem sein Freund ihn gerade erst gewarnt hatte.

Fortsetzung hier auf der Website: Link zum 3. Teil

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