Die Widerstandsgruppe versammelt sich in einer verlassenen unterirdischen Bahnstation. Auf einem Tisch liegen Werbeprospekte und Packungen eines Nahrungsergänzungsmittels, daneben handschriftliche Listen und ungeöffnete Briefe. Die Gesichter der Figuren zeigen zugleich Erleichterung und stille Beunruhigung. Warmes Licht fällt auf die Szene, während der dunkle Bahnhof und seine feuchten Steinwände die Bedrohung andeuten.

Eine endlose Geschichte. Der 12. Teil erschien am 25.09.2026. Link zum 11. Teil

Von Biedermännern und Brandstiftern

Teil 12: Das leichte Leben

Der Anfang ist leicht

Als Sophie die Treppe zur stillgelegten Nordbahnstation hinunterging, summte sie eine Melodie, deren Herkunft ihr erst auf dem letzten Absatz einfiel. Drei helle Töne, eine kleine Pause, dann eine Frauenstimme: Heute fängt dein Leben an.

Sie blieb stehen. Hinter ihr tropfte Wasser von einem Rohr. Unter der Tür am Ende des Ganges lag der vertraute gelbe Lichtstreifen.

Oben, an der Straßenbahnhaltestelle, hatte die Melodie aus einer Werbesäule geklungen. Davor im Radio des Gemüsehändlers. Und am Morgen aus dem Fernseher einer Nachbarin, so laut, dass Sophie jedes Wort im Treppenhaus verstanden hatte.

Sie öffnete die Tür.

„Bitte nicht auch noch hier“, sagte Jonas.

Er saß über einem Stapel Papier und hatte den Kopf nicht gehoben.

„Was?“

Jetzt sah er sie an. „Das Lied.“

Sophie lächelte entschuldigend. Selbst seine Gereiztheit erschien ihr heute beinahe liebenswert.

Mira stand am hinteren Tisch. Neben ihr sortierte Lukas Kabel in eine Holzkiste. Er hatte die beschädigten Stecker mit kleinen Papierfähnchen markiert. Die Kiste war seit Wochen ein Ärgernis gewesen; nun sah sie aus, als könne man sie einem Besucher vorführen.

„Nadja kommt gleich“, sagte Mira. „Lena ist schon unterwegs.“

Sophie stellte ihre Tasche ab. „Seit wann räumen wir vor Besprechungen auf?“

„Seit ich endlich dazu komme“, sagte Lukas.

Er küsste sie auf die Wange, ganz selbstverständlich, ohne vorher zum Eingang zu sehen. Sophie spürte eine Wärme in der Brust. In den vergangenen Monaten waren selbst solche Berührungen oft nur hastige Versicherungen gewesen: Ich bin noch da. Heute blieb seine Hand einen Augenblick auf ihrem Rücken.

Sie wünschte, dieser Abend möge lange dauern.

Auf dem Tisch lag die Liste der Menschen, deren Ausschlussdaten sie aus Lukas’ Archiv rekonstruiert hatten. Namen, behördliche Begründungen, Widersprüche. Der Umschlag für den Kurier lag daneben, noch offen.

Sophie sah beides. Dann fragte sie, ob jemand Tee wolle.

Das Versprechen

Nadja brachte keinen Tee mit, sondern einen Speicherstick, zwei Prospekte und eine kleine weiße Schachtel.

„Das läuft seit heute auch vor den Nachrichten“, sagte sie.

Sie schob den Stick in den Rechner. Die Aufnahmen hatte sie außerhalb ihres Verstecks gesammelt; der Laptop blieb vom Netz getrennt.

Auf dem Bildschirm erschien eine Küche im Morgenlicht. Eine Frau stand zwischen ungeöffneten Briefen und schmutzigen Tellern. Dann ein Schnitt: dieselbe Frau, dieselbe Küche, offene Fenster. Sie lachte, während sie einen Brief aufriss.

HEUTE, stand darunter. Nahrungsergänzung für deinen aktiven Alltag.

„Schluss mit dem Aufschieben“, sagte die Stimme. „Finde zurück zu deinem eigenen Antrieb.“

Das grüne Zeichen von Fliegel erschien. Die Kette bewarb das Produkt in ihren Discountern ebenso wie in ihren größeren Supermärkten. Nadja zeigte den nächsten Ausschnitt. Diesmal war die Küche ein Arbeitszimmer und die Frau ein junger Mann. Am Ende leuchtete das goldene Emblem von Kaufparadies auf.

„Gleicher Name, andere Verpackungsgestaltung“, sagte Nadja. „Bei Fliegel heißt es Alltagspaket. Bei Kaufparadies Balance-Edition.“

Jonas zog einen Prospekt zu sich. „Balance kostet offenbar drei Euro mehr.“

Niemand lachte richtig. Sophie hatte die billigere Schachtel von Fliegel in ihrer Tasche.

Die Aufnahmen wechselten. Eine Moderatorin im Frühstücksfernsehen hielt das Produkt neben ihre Kaffeetasse. Ein Radiogast sprach von einer neuen Kultur des Anfangens. Auf einer Videoplattform filmte ein Student seinen aufgeräumten Schreibtisch. Darunter liefen Kommentare so schnell vorbei, dass Nadja das Bild anhalten musste.

Endlich die Steuer gemacht.

Zum ersten Mal seit Monaten kein schlechtes Gewissen.

Mein Mann sagt, ich bin wieder ich selbst.

Ein Mann mit müden Augen erzählte, er habe seine Mutter angerufen, nach fast einem Jahr. Er weinte dabei. Sophie glaubte ihm sofort.

„Das ist nicht alles gekauft“, sagte sie.

„Nein“, erwiderte Nadja. „Gerade deshalb verbreitet es sich so schnell.“

Zwischen den Anzeigen lagen Erfahrungsberichte, zwischen den Erfahrungsberichten Rabattcodes. Menschen öffneten Pakete vor laufenden Kameras. Eine bekannte Sängerin erzählte von ihrer inneren Blockade. Ein Wirtschaftssender meldete Rekordnachfrage. Fliegel stellte zusätzliche Aufsteller an die Kassen, Kaufparadies kündigte Nachlieferungen an. Wer keine Packung bekam, veröffentlichte enttäuschte Bilder leerer Regale.

„Vor drei Wochen gab es das praktisch noch nicht“, sagte Mira.

Nadja nickte. „Und jetzt klingt jede zweite Sendung, als habe die Menschheit endlich herausgefunden, warum sie ihre Fenster nicht putzt.“

Lukas betrachtete die Frau in der hellen Küche.

„Es funktioniert“, sagte er.

Die Schachteln

Eine Weile hörte man nur den Lüfter.

Dann griff Sophie in ihre Tasche und legte ihre Schachtel neben Nadjas. Die Kanten der waren bereits weich geworden.

„Bei mir auch.“

Mira setzte sich langsam.

„Seit wann?“

„Seit vier Tagen“, sagte Sophie. „An der Kasse lagen Probepackungen. Ich wollte eigentlich nur Brot holen.“

„Du hast mir eine mitgebracht“, sagte Lukas.

Es klang nicht wie ein Vorwurf. Er wollte lediglich die Reihenfolge festhalten.

Sophie nickte. „Auf der Packung standen Vitamine und Pflanzenextrakte. Und dieser Name für den Wirkstoffkomplex. Ich dachte, im schlimmsten Fall ist es teuer und nutzlos.“

Jonas zog die unterste Schublade auf. Seine Packung war von Kaufparadies.

„Dann haben wenigstens nicht alle zu viel bezahlt“, sagte er.

Mira strich mit dem Daumen über den Stein in ihrer Manteltasche.

„Meine liegt oben in meinem Zimmer.“

Sophie schaute sie an. Ausgerechnet Mira, die jede neue Verbindung prüfte, jeden Treffpunkt zweimal absicherte.

„Ich war müde“, sagte Mira. „Das ist die ganze Erklärung.“

Niemand fragte weiter. Sie kannten diese Müdigkeit. Das Erwachen vor dem Wecker, weil irgendwo eine Tür zufiel. Die Minuten im Treppenhaus, in denen man lauschte, ob Schritte vor der eigenen Wohnung stehen blieben. Die Unfähigkeit, einen einfachen Brief zu beantworten, nachdem man die halbe Nacht an einer Liste verschwundener Menschen gearbeitet hatte.

„Ich habe am ersten Abend gekocht“, sagte Sophie. „Nicht bloß etwas warm gemacht. Ich habe Zwiebeln geschnitten und mich auf das Essen gefreut. Und als Lukas kam, habe ich nicht sofort gedacht: Was ist passiert?“

Er sah auf ihre Hände.

„Ich weiß.“

„Nein. Du weißt nicht, wie es war. Ich habe dich angesehen und gedacht, dass ich froh bin, dass du da bist. Ohne alles andere dahinter. Ohne die Petition, ohne unsere Streitereien, ohne die Angst, dass wir uns längst verloren haben.“

Sie verstummte. Es kostete sie Überwindung, etwas so Schönes vor den anderen verdächtig zu machen.

Lukas setzte sich neben sie.

„Bei mir war es die Stille“, sagte er. „Im Kopf. Sonst fange ich eine Sache an und höre schon die nächsten zehn. Was ich bei Securitas getan habe. Was ich hätte erkennen müssen. Wen die Software getroffen hat. Plötzlich konnte ich einfach den Wasserhahn reparieren.“

„Und danach?“ fragte Nadja.

„Danach war ich zufrieden.“

Er sprach das Wort vorsichtig aus. Zufriedenheit war ihm inzwischen beinahe fremder als Angst.

Das fehlende Gewicht

Lena kam mit einem nassen Mantel und einem Leinenbeutel voller Hefte. Sie stellte beides auf einen Stuhl, sah die Schachteln und seufzte.

„Ihr auch.“

In ihrem Kurs, erzählte sie, hatte eine Teilnehmerin das Mittel empfohlen. Eine andere hatte es bereits gekauft. Am Ende der Woche sprachen sie länger darüber als über den Unterricht.

„Eine Frau hat seit Monaten ihre Rechnungen nicht geöffnet. Jetzt hat sie alles geordnet. Sie war so erleichtert, dass ich mich für sie gefreut habe.“

„Und du?“ fragte Mira.

Lena zog ihren Stuhl näher an den Tisch.

„Ich habe die Hefte korrigiert, die seit zwei Wochen bei mir lagen. Danach habe ich Musik gehört. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nicht nebenbei Nachrichten gesucht.“

„Das klingt vernünftig“, sagte Jonas.

„Ja“, sagte Lena. „So hat es sich auch angefühlt.“

Sie nahm ihre stehen gebliebene Armbanduhr ab und legte sie neben die Hefte. Eine alte Gewohnheit, wenn sie länger bleiben wollte.

„Gestern fehlte ein Teilnehmer. Er hatte mir erzählt, dass sein Badge herabgesetzt worden war. Früher hätte ich nach dem Unterricht jemanden zu seiner Wohnung geschickt. Gestern dachte ich: Vielleicht braucht er einfach Ruhe.“

„Weißt du inzwischen etwas?“ fragte Sophie.

„Seine Schwester hat ihn erreicht. Er durfte nicht aus dem Haus.“

Lena sah auf die Uhr.

„Ich hatte seinen Namen nicht vergessen. Auch nicht, was er mir erzählt hatte. Es kam mir nur nicht mehr so dringlich vor.“

Jonas lehnte sich zurück.

„Ich habe den Artikel fertig“, sagte er.

Mira blickte zu seinem Papierstapel. „Über die Ausschlüsse?“

Er nickte.

„Seit wann?“

„Vorgestern.“

„Warum liegt er dann noch hier?“Eine endlose Geschichte. Der 12. Teil erschien am 25.09.2026. Link zum 11. Teil

Jonas öffnete den Mund. Sophie erwartete eine Erklärung über Quellen, über einen Fehler in den Tabellen oder eine unsichere Verbindung.

„Ich wollte ihn noch einmal in Ruhe lesen.“

„Das hast du gestern gesagt.“

„Ich weiß.“

Er nahm die oberste Seite. Am Rand standen sorgfältige Korrekturen. Drei Absätze waren umgestellt, ein Komma ergänzt, eine Überschrift ersetzt worden. Die Aussagen waren deutlicher geworden. Die Veröffentlichung war nicht näher gerückt.

„Ich kann arbeiten“, sagte er. „Ich arbeite sogar besser. Aber wenn ich mir vorstelle, dass niemand den Text liest …“

Er suchte nach dem Ende des Satzes.

„Dann hältst du es aus“, sagte Sophie.

Jonas nickte, und das Entsetzen, das zu dieser Erkenntnis gehört hätte, stellte sich nicht ein.

Eine Stimme aus der Ferne

Nadjas Gerät blinkte. Die Nachricht war über den vereinbarten verschlüsselten Zugang eingegangen, von einem Kontakt außerhalb der Stadt weitergereicht. Tarek hatte eine Sprachaufnahme geschickt. Eine direkte Verbindung aus seinem Exil war ihm zurzeit zu riskant.

Im Hintergrund seiner Stimme klapperte Geschirr.

„Hier verkaufen sie das Zeug auch. Anderer Werbespruch, dieselbe aufgehende Sonne auf dem Karton. Mein Vermieter hat es mir empfohlen. Er sagt, ich sähe aus, als müsste ich endlich mal abschalten.“

Eine kurze Pause.

„Ich habe es ausprobiert. Bevor jemand einen Vortrag hält: Spart ihn euch.“

Zum ersten Mal an diesem Abend lachte Mira.

„Ich saß gestern in einem Café“, fuhr Tarek fort. „Eine Stunde lang. Habe draußen die Leute angesehen. Ich wusste, wo die Ausgänge waren, natürlich. Aber ich musste nicht ständig hinschauen. Es war, als hätte jemand diese Hand von meinem Nacken genommen.“

Das Geschirr klapperte wieder.

„Ich war glücklich. Nicht benommen. Nicht lustig. Einfach glücklich. Mit einem schlechten Kaffee in einer Stadt, in der ich niemandem meinen richtigen Namen sagen kann.“

Dann änderte sich seine Stimme.

„Abends habe ich eure letzte Nachricht noch einmal gelesen. Die mit den neuen Festnahmen. Ich habe gedacht: Gut, dass Mira sich darum kümmert. Danach bin ich schlafen gegangen.“

Die Aufnahme endete.

Mira ließ den Stein aus ihrer Tasche auf den Tisch gleiten. Er rollte ein kleines Stück und blieb an Jonas’ Manuskript liegen.

„Ich habe gestern dasselbe gedacht“, sagte sie. „Gut, dass Jonas schreibt.“

Lukas blickte zur Kabelkiste.

Niemand musste ihn fragen.

Was Nadja wusste

„In Brüssel haben sie über ein Mittel gesprochen“, sagte Nadja.

Mira hob den Kopf. „Das Präparat aus deinen Notizen?“

„Ja. Pfisler nannte seine Wirkung Gelöstheit. Er sprach davon, Angst und Zorn zu nehmen. Klarfeld wollte eine Erprobung in drei Ländern.“

Sie schlug ihr Notizbuch auf. Wochen waren seit der Sitzung vergangen. 

„Ihr kennt meinen Bericht. Aber darin steht kein Produktname. Kein Hersteller für den Handel. Kein Hinweis auf Fliegel oder Kaufparadies.“

„Und trotzdem hast du es genommen?“ fragte Lukas.

Nadja hielt seinem Blick stand.

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich bei einem geheimen Präparat nicht an eine Packung neben Brausetabletten gedacht habe. Weil ich gehofft habe, einmal schlafen zu können, ohne den Saal wieder vor mir zu sehen. Und weil auf dieser Packung genau das stand, was ich lesen wollte.“

Sie schob die Schachtel von sich weg.

„Ich habe erst die Erleichterung bemerkt. Dann, dass ich meine Notizen nicht mehr anfassen wollte. Nicht aus Angst. Ich fand, ich hätte mich lange genug damit beschäftigt.“

Mira betrachtete die dicht beschriebenen Seiten.

„Wir wissen also, dass sie etwas planen. Und wir wissen, dass dieses Zeug uns verändert.“

„Aber noch nicht, ob es dieselbe Substanz ist“, sagte Nadja. „Wir haben keine Analyse. Die Wirkung ist ein Hinweis, kein Nachweis.“

„Auf beiden Packungen steht derselbe Abfüller“, sagte Jonas.

„Das lässt sich überprüfen. Ebenso die Vertriebswege und der Beginn der Kampagne. Mehr können wir im Augenblick nicht behaupten.“

Sophie drehte ihre Schachtel um. Die kleine Schrift auf der Rückseite war vollkommen unverändert. Sie hatte dieselben Wörter gelesen, bevor sie die erste Kapsel genommen hatte. Nichts daran verriet, dass sie einmal hier sitzen und versuchen würde, ihrer eigenen Erleichterung zu misstrauen.

„Sie verkaufen es gegen Prokrastination“, sagte sie. „Und wir schieben ausgerechnet das auf, wofür wir hier sind.“

„Die kleinen Aufgaben gehen leichter“, sagte Lukas. „Man kann sofort sehen, dass man etwas geschafft hat. Der Wasserhahn tropft nicht mehr. Die Kabel sind sortiert.“

Er sah zu den Namen auf dem Tisch.

„Das hier wird nicht gut, nur weil wir heute Abend daran arbeiten. Es wird vielleicht erst schlimmer.“

Lena strich über einen ihrer Hefte.

„In Huxleys Schöner Neuer Welt gab es Soma“, sagte sie. „Wenn das Leben wehtat, musste man sich nicht lange damit aufhalten.“

„Wir wissen aber noch, was geschieht“, erwiderte Jonas.

„Ja“, sagte Lena. „Du hast deinen Artikel sogar verbessert.“

Sie sagte es ohne Spott. Das machte es schwerer.

Das gute Gefühl

Sophie stand auf, um Wasser nachzufüllen. Der Kessel war längst kalt. Sie hatte vergessen, ihn anzuschalten.

Für einen Augenblick ärgerte sie sich. Dann löste sich der Ärger, bevor er richtig begonnen hatte. Wieder diese weiche Wärme. Sie stellte den Kessel zurück.

„Ich will nicht, dass ihr so tut, als wäre alles daran schlecht.“

Die anderen sahen sie an.

„Ich habe seit Monaten darauf gewartet, mich einmal nicht schuldig zu fühlen, wenn ich lache. Gestern habe ich gelacht. Richtig. Und ich will nicht hören, dass ich damit schon jemanden verraten habe.“

Lukas rückte seinen Stuhl zur Seite, damit sie sich neben ihn setzen konnte. Sie blieb stehen.

„Niemand sagt das“, erwiderte Mira.

„Noch nicht.“

Lena nickte langsam. „Wir dürfen den Leuten nicht ihre Erleichterung vorwerfen. Sonst werden sie uns nicht zuhören. Und sie hätten recht damit.“

„Was sagen wir ihnen dann?“ fragte Jonas. „Dass sie sich wieder fürchten sollen?“

„Dass sie wissen sollen, was sie nehmen“, sagte Nadja. „Und was es außer dem versprochenen Nutzen mit ihnen macht.“

Sophie setzte sich. Lukas nahm ihre Hand. Sie war froh darüber, auch jetzt. Sie wusste nicht, welcher Anteil dieser Freude ihr gehörte, und die Frage erschöpfte sie sofort.

Mira zog die Liste zu sich. Ihr Finger blieb bei Max Weber stehen.

„Ich kann seinen Namen lesen“, sagte sie. „Ich weiß, weshalb wir nach ihm suchen. Und gleichzeitig denke ich, wir könnten uns erst etwas zu essen machen.“

„Wir müssen trotzdem essen“, sagte Lena.

„Ja. Aber vor einer Stunde wollte ich erst aufräumen. Danach Tee. Dann Nadjas Aufnahmen. Es gibt immer etwas Vernünftiges, das vorher erledigt werden kann.“

Jonas sah zum Umschlag.

„Wann kommt der Kurier?“

Mira blickte auf die kleine Uhr neben dem Rechner.

Ihr Gesicht veränderte sich kaum.

„Er war für halb acht bestellt.“

Es war kurz nach acht.

Die Frist

Lukas ging zur Tür und lauschte. Aus dem Gang kam kein Laut.

Der Kurier wartete nicht unten. Er hatte ein kurzes Zeitfenster an einem Zeitungskasten zwei Straßen weiter. Wenn niemand kam, ging er. Niemand nahm Verbindung auf, um nach dem Grund zu fragen.

„Vielleicht morgen“, sagte Sophie.

Sie hörte sich selbst.

Lena schlug eines ihrer Hefte zu.

„Nein. Das schreiben wir jetzt auf.“

Sie riss ein Blatt aus der hinteren Hälfte, legte es auf den Tisch und schrieb: Übergabe verpasst. Unterlagen fertig. Kein äußerer Hinderungsgrund.

„Das ist streng“, sagte Jonas.

„Es ist eine Beobachtung.“

Mira nahm den Stift. Darunter schrieb sie die Uhrzeit.

Sie vereinbarten, ihre Einnahme und ihre Beobachtungen getrennt festzuhalten, bevor sie weiter darüber diskutierten. Nadja wollte ungeöffnete Packungen sichern und über ihre Kontakte eine unabhängige Untersuchung suchen. Niemand konnte ihnen an diesem Abend sagen, wie lange die Wirkung anhalten würde. Die angebliche Harmlosigkeit auf dem Karton beantwortete diese Frage nicht.

Aber die Liste konnte nicht darauf warten.

Lukas erinnerte an die Ersatzroute: Ein alter Buchbinder nahm verschlossene Umschläge entgegen, solange Licht in seiner Werkstatt brannte. Von dort gingen Kopien am nächsten Morgen mit einer frühen Lieferung weiter.

„Ich gehe“, sagte er.

Sophie sah auf seinen roten Badge. „Du kommst nicht durch die Kontrolle am Ring.“

Früher hätte er widersprochen, schon aus Scham darüber, wieder auf Hilfe angewiesen zu sein. Jetzt fiel es ihm leicht, ihr recht zu geben. Auch das war angenehm. Auch das machte ihn misstrauisch.

„Ich gehe mit Lena“, sagte Sophie. „Unsere Strecke führt nicht über den Ring.“

Jonas legte seinen Artikel zu den Listen. Nadja prüfte, ob die Namen ihrer Kontaktpersonen aus den Unterlagen entfernt waren. Mira zählte die Seiten und verschloss den Umschlag.

Niemand hielt eine Rede. Zweimal schweiften sie ab. Einmal begann Lukas, den defekten Verschluss von Lenas Beutel zu untersuchen, bis sie ihm wortlos den Umschlag hinhielt.

Als Sophie ihren Mantel anzog, wünschte sie noch immer, bleiben zu dürfen. Der Raum war warm geworden. Lukas stand so nahe, dass sie ihn nur hätte berühren müssen. Draußen warteten Regen und Kameras, und der Weg zum Buchbinder erschien ihr unverhältnismäßig mühsam.

Mira gab ihr die Papiere.

„Wenn ihr zurück seid, essen wir“, sagte sie.

Auf der Treppe nahm Lena Sophies Arm. Oben empfing sie die beleuchtete Werbesäule. Eine Frau lächelte ihnen entgegen, hinter ihr öffnete sich ein Fenster auf einen makellos blauen Himmel.

Heute fängt dein Leben an.

Sophie spürte den Umschlag unter ihrem Mantel. Sie dachte an Max Weber, an seine Wohnung und die Bücher, an den unbeantworteten Antrag auf Auskunft. Die Gedanken waren deutlich. Der Schmerz blieb fern.

„Ich habe immer noch das Gefühl, dass alles gut wird“, sagte sie leise.

Lena sah nach beiden Seiten, bevor sie die Straße betraten.

„Dann müssen wir uns heute an das halten, was wir wissen.“

Sie gingen zum Buchbinder. Es fühlte sich nicht dringend an.

Fortsetzung hier auf der Website zu: Link zu Teil 13

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