Eine endlose Geschichte. Der 1. Teil erschien am 24.08.2026
Von Biedermännern und Brandstiftern
Prolog: Der Chor warnt
Es gibt Orte, die sich der Zeit entziehen, so wie es Menschen gibt, die sich der Wahrheit entziehen, indem sie einfach wegsehen. Dieser Ort war ein Hinterhof in einer großen Stadt, deren Name hier nicht wichtig ist, denn es hätte jede Stadt sein können, in jedem Land, das einmal frei gewesen war und nun begann, seine eigene Freiheit zu vergessen wie ein altes Lied, dessen Melodie man noch kennt, dessen Text einem aber nicht mehr einfallen will.
Wer diesen Hinterhof betrat, musste durch einen schmalen Torbogen gehen, an dem der Putz in großen Schollen abblätterte wie die Haut eines Tieres, das sich häutet, um zu überleben. Und wer hindurchging, spürte sofort, dass die Zeit hier anders verging – nicht schneller, nicht langsamer, sondern gewissermaßen zögernd, so als überlege sie es sich noch einmal, ob es sich überhaupt lohnte, weiterzugehen.
Am Ende dieses Hofes lag eine Tür aus Eisen, rostig und schwer, und dahinter verbarg sich ein Raum, den die meisten Menschen der Stadt vergessen hatten, weil er einst zu einem stillgelegten Rechenzentrum gehört hatte, lange bevor die großen Konzerne ihre glänzenden neuen Türme gebaut hatten, in denen die Maschinen nun wohnten wie Götter in gläsernen Tempeln.
Dieser alte Raum aber war geblieben, so wie manchmal ein einzelner Baum stehen bleibt, wenn ringsum der Wald gerodet wird, nicht weil man ihn vergessen hätte, sondern weil er zu unbedeutend schien, um sich die Mühe zu machen, ihn zu fällen.
Es roch nach Staub und kaltem Metall, nach vergessenen Sommern und nach dem eigentümlichen Duft alter Elektronik, der ein wenig an verbranntes Papier erinnerte, wenn man lange genug daran roch. Die Kabel hingen von der Decke wie erstarrte Schlangen, die man einst gebändigt hatte und die nun, leblos geworden, doch noch immer ein wenig bedrohlich wirkten, so als könnten sie im nächsten Moment wieder zum Leben erwachen.
In der Mitte des Raumes stand ein einzelner Server, ein Relikt aus vergangenen Tagen, das man aus irgendeinem Grund nicht abtransportiert hatte. Sein Lüfter drehte sich noch immer, langsam und unregelmäßig, und klang wie das Atmen eines alten Mannes im Schlaf, der von Dingen träumt, die es nicht mehr gibt, und der doch nicht aufhören kann, von ihnen zu träumen, weil die Erinnerung das Einzige ist, was ihm geblieben ist.
Drei Menschen saßen in diesem Raum, im Kreis, so wie man sich vielleicht um ein Lagerfeuer setzt, wenn draußen die Nacht besonders kalt und besonders dunkel ist. Um sie herum lagen leere Tassen, aus denen der Kaffee längst verdunstet war, und Papiere, übersät mit roten Linien und Kreisen, als hätte jemand verzweifelt versucht, ein Muster in das Chaos der Welt zu zeichnen.
Ein Laptop lag aufgeklappt auf dem Boden zwischen ihnen, und sein bläuliches Licht warf lange, zitternde Schatten an die Wände. Die Schatten bewegten sich, obwohl sich niemand bewegte, so als hätten sie ein Eigenleben, das nichts mit den Menschen zu tun hatte, die sie warfen.
Es war ein Donnerstagabend im späten Sommer, ein Jahr, nachdem die ersten Notstandsgesetze in Kraft getreten waren. Noch war die Welt nicht ganz dunkel, aber das Licht wurde jeden Tag ein wenig schwächer, und wer aufmerksam hinsah, konnte die Schatten schon wachsen sehen, langsam, wie Efeu an einer Mauer.
Mira Hoffmann saß mit angezogenen Knien da und strich sich immer wieder eine dunkle Strähne hinter das Ohr, eine Geste, die sie schon als Kind gezeigt hatte, wenn sie nachdachte oder Angst hatte. Manchmal, so schien es, wusste sie selbst nicht mehr genau, was von beidem gerade zutraf.
In ihrer Hand lag ein kleiner, glatter Stein, den sie schon seit Jahren mit sich trug, ein Fundstück von einem Strand, an den sie sich kaum noch erinnern konnte. Wenn sie nachdachte, drehte sie ihn zwischen den Fingern, immer wieder, als könnte die Bewegung ihr helfen, die Gedanken zu ordnen, die sich in ihrem Kopf wie aufgescheuchte Vögel gegenseitig ins Gehege kamen.
Mira war Bloggerin gewesen, bevor die Worte zu gefährlich wurden, um sie unter dem eigenen Namen auszusprechen. Ihr Podcast „Die stille Glut“ hatte Zehntausende regelmäßige Hörer erreicht, die ihr in ihren Autos, ihren Küchen und ihren stillen Zimmern lauschten, wenn sie über die Mechanismen des Sozialpunktesystems sprach, über die Datenströme, die zwischen den Konzernen und den Sicherheitsbehörden flossen, und über die Algorithmen, die, wie sie in einer ihrer letzten Folgen behauptete, gezielt manipuliert wurden, um bestimmte Bevölkerungsgruppen als „Risikofälle“ einzustufen.
Seit Wochen aber hatte sie nicht mehr gepodcastet. Die Plattformen hatten ihre Inhalte entfernt, nacheinander, wie ein im Wasser stehendes Haus, das die Flut Stück für Stück verschlingt. Ihr Name stand inzwischen in mindestens drei Datenbanken, von denen sie wusste, und vermutlich in weiteren, von denen sie nichts wusste. Sie war noch frei, aber die Freiheit schrumpfte wie ein Raum, dessen Wände sich langsam zusammenschieben, so unmerklich, dass man es erst bemerkt, wenn man sich nicht mehr umdrehen kann.
„Sie haben den Algorithmus der Angst erschaffen“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme klang, als käme sie von sehr weit her, aus einer Zeit, in der solche Sätze noch niemand hätte aussprechen müssen, weil es solche Dinge noch nicht gab.
„Nicht mehr Menschen entscheiden, wer gefährlich ist. Das übernimmt jetzt eine Maschine. Eine kalte, geduldige Maschine, die niemals müde wird, die niemals zweifelt, die niemals in der Nacht wach liegt und sich fragt, ob sie vielleicht einen Fehler gemacht hat.“
Sie legte den Stein zwischen ihnen auf den Boden, so als wollte sie ihn der Runde zum Geschenk machen, und schob ihn mit der Fingerspitze langsam hin und her, ein kleines, graues Ding, das im Licht des Laptops schwach schimmerte.
„Und das Schlimmste daran ist nicht einmal die Maschine selbst. Das Schlimmste ist, dass die Menschen sie wollen. Sie beten sie an wie einen neuen Gott, freundlich und gütig, der sie beschützt, während er ihnen in Wahrheit die Augen verbindet.“
Sie lachte kurz auf, aber es war ein Lachen, das keine Freude in sich trug, eher das Echo eines Lachens, das irgendwo verloren gegangen war.
„Fortschritt, sagen sie. Als könnte man Fortschritt kaufen wie ein Brot beim Bäcker. Als läge die Freiheit irgendwo in einem Kaufhausregal und man müsste sie nur noch in den Einkaufswagen legen.“
Der Mann, der dort saß, hieß Tarek, und seinen Namen nannte er nur selten laut, so wie man ein Streichholz nicht unnötig an der Schachtel reibt. Sein Haar war ungekämmt und wild, als hätte der Wind selbst es geformt, und auf seinem Unterarm, dort, wo der Ärmel seines Pullovers hochgerutscht war, konnte man ein Tattoo erkennen: ein feines, verästeltes Muster, das aussah wie ein Spinnennetz oder vielleicht wie die Verzweigungen eines Flusses, den man von oben betrachtet, aus großer Höhe, wo alles klein und geordnet erscheint, obwohl es das in Wirklichkeit nie gewesen ist.
Tarek hatte als externer Sicherheitsberater für Securitas Global gearbeitet, dieselbe Firma, in der auch Lukas Meier seine Algorithmen schrieb – nur dass Tarek früher als die meisten erkannt hatte, wie das, was die Firma offiziell tat, mit den Folgen ihres Codes zusammenhing. Eines Tages war er nicht mehr zur Arbeit erschienen, ohne Abschied, ohne Erklärung. Später hieß es nur, er habe „die Zusammenarbeit beendet“, was in der Sprache der Firma bedeutete, dass man besser nicht nachfragte.
Seitdem arbeitete Tarek im Stillen – als unabhängiger Sicherheitsberater, der wusste, wie die Maschinen funktionierten, als jemand, der die Hintertüren kannte, die die Entwickler in ihre Systeme eingebaut hatten, manchmal bewusst, meist unbewusst, so wie ein Architekt, der einen Fluchtplan zeichnet, den er selbst niemals benutzen wird, weil er glaubt, dass die Maschine, die er gebaut hat, nie brennen wird.
„Fortschritt“, wiederholte er leise, fast wie zu sich selbst, „ist ein Wort, das sich die Mächtigen ausgeliehen haben, so wie man sich ein Gewand ausleiht, das einem nicht gehört, nur um darin schöner auszusehen, als man in Wirklichkeit ist. Sie benutzen es, damit wir stillhalten. Damit wir uns anpassen. Damit wir glücklich sind, wenn wir nur brav genug schweigen.“
Er beugte sich vor und legte die Hand über den Stein, der noch immer zwischen ihnen auf dem Boden lag, so als wollte er ihn vor etwas beschützen, das keiner von ihnen genau benennen konnte.
„Diese Maschine, von der Mira spricht, hat einen Namen. Sie heißt Loyalitäts-KI, und das ist schon insofern eine Lüge, als Loyalität einst ein Wort war, das zwischen Menschen galt, zwischen Freunden, zwischen Liebenden, und nicht zwischen einem Menschen und einem Programm, das ihn Tag und Nacht beobachtet.“
Er schwieg einen Moment. Das Schweigen lag schwer zwischen ihnen.
„Sie bewertet jeden Schritt. Jeden Kontakt. Jeden Blick, den du einer fremden Person auf der Straße zuwirfst. Sie weiß, wann du nachts wach liegst, welche Seiten du aufrufst und mit wem du sprichst. Was du denkst, weiß sie nicht. Aber das hindert sie nicht daran, darüber zu urteilen.“
Er seufzte tief und lang, wie jemand, der eine Last trug, die zu schwer geworden war, um sie noch länger allein zu tragen.
„Und wenn dein Wert zu niedrig wird? Wenn die Maschine eines Tages entscheidet, dass du nicht mehr loyal genug bist? Dann verlierst du zuerst dein Zuhause. Dann deine Arbeit. Dann deine Stimme. Und irgendwann, ganz zuletzt, verlierst du sogar das Recht, einfach nur zu atmen, ohne dass jemand – oder etwas – dir dazu die Erlaubnis geben muss.“
Lena Bolte war die Älteste der drei, wenngleich das Alter in diesen Zeiten wenig bedeutete, denn es gab junge Menschen, die alt geworden waren vor lauter Angst, und alte Menschen, die jung geblieben waren vor lauter Trotz. Sie trug ihr braunes Haar zu einem einfachen Zopf gebunden, und ihr Hemd, einst weiß, hatte mittlerweile die Farbe von vergilbtem Papier angenommen, wie ein altes Buch, das zu oft gelesen und zu selten gepflegt worden war.
An ihrem Handgelenk trug sie eine Uhr, deren Zeiger schon seit Jahren stillstanden, und wenn man sie danach fragte, warum sie eine kaputte Uhr trage, antwortete sie stets nur, dass manche Dinge aufhören zu funktionieren, ohne dass man sie deshalb gleich wegwerfen müsse.
Lena war Lehrerin, eine von denen, die noch glaubten, dass Bildung mehr sei als die Vorbereitung auf einen Arbeitsmarkt, der nicht mehr existierte. Sie unterrichtete seit über dreißig Jahren, erst an einer Grundschule, dann an einer Volkshochschule und schließlich – als die Schulen umstrukturiert und die Klassen zu „Lernateliers“ zusammengefasst wurden, in denen die Schüler selbstständig an Laptops arbeiteten, während eine KI ihre Fortschritte maß – in einem sogenannten Haus der Tätigkeit, einer staatlichen Einrichtung für Menschen, deren Berufe automatisiert worden waren. Dort brachte sie Erwachsenen bei, was die Maschinen nicht für sie tun konnten: miteinander zu sprechen.
In den vergangenen Monaten hatte Lena eine Beobachtung gemacht, die sie nicht mehr losließ: Immer weniger ihrer Schüler kamen zu den Kursen. Nicht, weil sie keine Zeit hatten – die meisten hatten nichts als Zeit –, sondern weil sie keinen Sinn mehr darin sahen. „Wozu?“, lautete die Antwort, die sie immer häufiger hörte, leise, fast höflich, wie eine Frage, die gar keine Frage war, sondern eine Kapitulationserklärung, die man in einen Satz gepackt hatte.
„Und die Menschen?“, fragte sie in die Runde, obwohl sie die Antwort längst kannte.
„Die Menschen jubeln. Sie sagen: Endlich wissen wir, wer gut ist und wer böse. Endlich müssen wir nicht mehr selbst denken, nicht mehr selbst entscheiden, nicht mehr selbst die Last tragen, ein eigenes Urteil zu fällen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Als ließe sich die Welt in zwei Schubladen ordnen: loyal und verdächtig.“
Sie stand auf, ihre Gelenke knackten leise, und sie ging zu einer alten Schultafel, die schräg an der Wand lehnte, mit Kreide bedeckt von den Spuren früherer Gespräche. Sie nahm ein Stück Kreide und zeichnete mit ruhiger, geübter Hand eine Pyramide, deren Spitze sich weit nach oben verjüngte, während die Basis breit und schwer auf dem Boden zu lasten schien.
„Seht ihr das?“, fragte sie und deutete mit der Kreide auf ihre Zeichnung. „Hier unten stehen die Daten: eure Käufe, eure Wege, eure Kontakte und eure Worte. Daraus entstehen Teilwerte für Zuverlässigkeit, Anpassung und Loyalität. Und ganz oben steht die eine Zahl, die über alles entscheidet: der Vertrauensscore.“
Sie strich mit dem Finger über die Linien, als könnte sie damit die Pyramide zum Einsturz bringen, wenn sie es nur fest genug wollte.
„Wer zu oft gegen die ungeschriebenen Regeln verstößt, wer zu laut lacht, zu hart denkt oder zu sehr zweifelt, der verliert Punkte, unmerklich, wie Sand, der einem durch die Finger rinnt. Und wer zu viele verloren hat, dem wird die Krankenversicherung gestrichen, dem wird die Wohnung gekündigt, dessen Kinder werden aus der Schule genommen, ohne dass jemand ein böses Wort dabei sagen müsste.“
Sie drehte sich zu den anderen um, und ihre Augen waren dunkel wie ein Wald bei Nacht, in dem man den Weg verloren hat.
„Das ist kein Staat mehr. Das ist ein Geschäft. Und wir, jeder Einzelne von uns, sind die Kunden – oder die Ware, je nachdem, an welchem Tag man uns fragt.“
Mira nahm den Stein wieder auf und betrachtete ihn einen Moment lang. Dann legte sie ihn zurück zwischen sie auf den Boden. Sie schloss für einen Moment die Augen, und man konnte sehen, wie ihre Lider leicht zitterten, als kämpfe sie gegen Bilder an, die sich immer wieder in ihren Kopf drängten.
„Vor einem Jahr haben sie die Notstandsgesetze durchgesetzt“, sagte sie schließlich, die Augen noch immer geschlossen. „Nach dem großen Schrecken. Nach dem Anschlag, den bis heute niemand wirklich versteht, den vielleicht auch niemand wirklich verstehen soll. Ein einzelner Mann, ein verlorener Geist, der etwas tat, das die Welt für immer veränderte.“
Sie öffnete die Augen wieder, und in ihnen lag etwas, das älter wirkte als sie selbst.
„Und plötzlich war alles erlaubt. Die Überwachung. Die Zensur. Die Lügen, die man uns auftischte wie ein Festmahl, von dem wir nicht wissen konnten, dass es vergiftet war. Alles im Namen der Sicherheit, jenes Wortes, das so warm und schützend klingt und das doch, wenn man es lange genug wiederholt, seine Bedeutung völlig verliert.“
Tarek lächelte, aber es war das Lächeln eines Menschen, der längst aufgehört hatte, an das Gute im Lächeln zu glauben.
„Und die Menschen applaudierten“, sagte er. „Weil sie dachten, es würde sie niemals selbst treffen. Sie dachten, das Feuer würde immer nur bei den anderen brennen, bei den Fremden, bei den Andersdenkenden, niemals aber im eigenen Haus.“
In diesem Moment, als hätte die Stadt selbst auf diese Worte gewartet, begann irgendwo draußen eine Glocke zu läuten – doch es war nicht der warme, vertraute Klang einer Kirchenglocke, die zur Andacht ruft, sondern ein schrilles, mechanisches Signal, kalt und unbarmherzig, das durch die stillen Gassen hallte wie ein Schrei, den niemand hören wollte.
Alle drei zuckten zusammen, so als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt, obwohl sie doch nur die Wahrheit ausgesprochen hatten.
Lena stand auf und ging zum einzigen Fenster des Raumes, das mit einem schweren, staubigen Vorhang verhängt war. Vorsichtig, als könnte jede hastige Bewegung Aufmerksamkeit erregen, schob sie den Stoff ein wenig zur Seite und blickte in den Hinterhof hinaus.
Dort, auf der gegenüberliegenden Seite unter dem Torbogen, stand ein Mann in einem dunklen Mantel, reglos wie eine Statue, die man mitten in der Nacht dort aufgestellt hatte. In seiner Hand hielt er ein kleines, flaches Gerät, dessen Licht sein Gesicht von unten beleuchtete, sodass seine Züge seltsam verzerrt wirkten, wie eine Maske aus Licht und Schatten.
Als hätte er gespürt, dass er beobachtet wurde, hob er langsam die freie Hand – eine Geste, die man als Warnung deuten konnte, aber ebenso gut als eine Art Gruß, so als kenne er die drei im Inneren des Raumes, ohne dass sie ihn jemals gesehen hätten.
Lena ließ den Vorhang so schnell zufallen, dass der Staub in kleinen Wolken aufstieg und im bläulichen Licht des Laptops für einen Augenblick wie winzige, tanzende Sterne aussah.
„Er beobachtet uns“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig. „Man kann ihnen nirgendwo mehr entkommen, nicht einmal hier, in diesem vergessenen Winkel der Stadt, von dem wir dachten, er sei sicher.“
Tarek klappte den Laptop zu.
„Dann müssen wir weg“, sagte er. „Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt.“
Mira erhob sich und trat zu dem alten Server, der in einer Ecke des Raumes stand wie ein treuer, alter Hund, der schon zu müde geworden war, um noch zu bellen. Sie klopfte sanft mit den Knöcheln gegen das kühle Metall, als wüsste sie bereits, dass diese Nacht die letzte sein würde, die sie an diesem Ort verbringen durften.
„Wir haben drei Wege vor uns“, sagte sie, und jedes Wort schien schwer zu wiegen, so als müsste sie es erst aus einer großen Tiefe heraufholen, bevor sie es aussprechen konnte.
„Erstens: Wir verschwinden. Wir gehen in den Untergrund, tiefer, als wir es je zuvor getan haben, und hoffen, dass man uns dort vergisst.“
„Zweitens: Wir kämpfen. Offen, sichtbar, mit allem, was wir haben – und riskieren dabei, dass uns das System verschlingt, so wie es schon so viele vor uns verschlungen hat.“
Sie machte eine Pause.
„Oder drittens: Wir tun so, als wäre alles in Ordnung. Wir lächeln. Wir nicken. Wir passen uns an, so wie sich Wasser der Form eines Gefäßes anpasst, egal wie eng oder wie hässlich dieses Gefäß auch sein mag.“
Sie blickte die beiden anderen an, und in ihrem Blick lagen Trauer und zugleich eine Art von Trotz.
„Und das ist der langsamste Tod von allen. Ein Tod, den man nicht einmal bemerkt, während er geschieht, weil man zu beschäftigt ist mit Lächeln und Nicken, um zu merken, dass man längst aufgehört hat zu leben.“
Tarek nahm den Stein, der noch immer auf dem Boden lag, und steckte ihn in seine Tasche, so als würde er damit ein stilles Versprechen besiegeln, das keiner von ihnen laut aussprechen musste.
„Dann bleibt uns nur der erste oder der zweite Weg“, sagte er. „Aber der zweite Weg endet allzu oft damit, dass man selbst zu dem wird, was man einst bekämpfen wollte. Zu einem stillen Brandstifter, der nicht einmal mehr merkt, dass seine eigenen Hände nach Rauch riechen.“
Er machte eine Pause.
„Und der erste Weg – der führt ins Ausland. Ich kenne die Routen. Ich habe sie vorbereitet, für den Fall, dass …“
Er brach ab, und für einen Moment sah man etwas in seinem Blick, das wie Reue aussah oder vielleicht wie die Angst davor, etwas auszusprechen, das dann nicht mehr zurückzunehmen war.
Lena setzte sich wieder auf ihren Platz und strich sich mit beiden Händen über die Schläfen, als könnte sie damit ihre aufgewühlten Gedanken glätten.
„Ich habe heute Morgen einen Jungen gefragt, warum er nicht mehr zu unseren Versammlungen kommt“, sagte sie leise. „Ein kluger Junge, wisst ihr, einer von denen, die noch vor wenigen Jahren Fragen gestellt hätten, viele Fragen, unbequeme Fragen. Wisst ihr, was er mir geantwortet hat?“
Sie blickte auf, und ihr Gesicht war in diesem Moment das Gesicht einer Frau, die etwas verloren hatte, ohne genau sagen zu können, wann und wie.
„Er sagte: Frau Lehrerin, wozu denn? Die entscheiden sowieso alles für uns. Da kann ich auch gleich zu Hause bleiben und spielen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Da stand ein Junge vor mir, dem man beigebracht hatte, seine eigenen Fragen für nutzlos zu halten. Ein Junge, der nur noch darauf wartete, dass andere ihm sagten, was er denken und tun sollte.“
Sie schwieg einen Moment.
„Und das ist der eigentliche Preis, den wir zahlen. Nicht die Überwachung, nicht die Punkte, nicht einmal die Lügen. Sondern die Kinder, die aufhören zu fragen.“
Für eine Weile herrschte Stille im Raum. Das Summen des Servers erfüllte die Leere, während Tarek die Papiere zusammenraffte und Mira nach ihrer Tasche griff.
Dann, kaum lauter als ein Atemzug, sagte Mira die Worte, die noch lange in diesem Raum nachhallen sollten, auch als längst niemand mehr da war, um sie zu hören:
„Wir rufen Feuer. Aber niemand hört mehr hin.“
Draußen, irgendwo in der schlafenden Stadt, läutete die Glocke weiter, unaufhörlich, als hätte sie sich vorgenommen, niemals mehr zu verstummen. In einer fernen Straße begann ein Hund zu heulen, lang und klagend.
Fortsetzung hier auf der Website: Link zum 2. Teil
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