Impressionistische Darstellung von Kiew, der Straße von Hormus, Raketen, Drohnen und Rauch als Symbol für die Kriege in der Ukraine und im Iranraum 2026.

Kriegsbericht vom 28. Juni bis 7. Juli 2026

Zwischen Kiew und Hormus

In den Tagen vom 28. Juni bis zum Morgen des 7. Juli 2026 hat sich die Weltlage in einer Weise verdichtet, wie man sie seit den gefährlichsten Jahren des Kalten Krieges nur selten gesehen hat. Zwei Kriegsräume, die Ukraine und der Iranraum, überlagern sich politisch, wirtschaftlich und propagandistisch. In Kiew schlagen russische Raketen und Drohnen ein. Im Persischen Golf kreuzen Kriegsschiffe, Tanker und Drohnen unter dem Schatten eines brüchigen Waffenstillstandes. Über dem Schwarzen Meer begegnen sich Flugzeuge der NATO und Russlands in gefährlicher Nähe. In Monaco explodiert ein Sprengsatz in der Nähe eines ukrainischen Oligarchen. Jede dieser Meldungen wäre für sich genommen ein Warnzeichen. Zusammen ergeben sie das Bild einer Epoche, in der der Krieg nicht mehr an der Front endet, sondern in Finanzzentren, Häfen, Nachrichtensendern und diplomatischen Hinterzimmern fortgeführt wird.

In Europa und Nordamerika wird diese Lage überwiegend durch das Raster eines russischen Angriffskrieges und einer iranischen Bedrohung gelesen. Die Ukraine erscheint dabei als Staat, der um sein Überleben kämpft, während der Westen moralisch und militärisch verpflichtet sei, ihr beizustehen. In China, Russland, Indien, Brasilien und großen Teilen der arabischen Welt ist der Ton ein anderer.

Dort wird zwar ebenfalls über Tod, Zerstörung und Eskalation berichtet, doch stehen andere Begriffe im Vordergrund. Man spricht von strategischer Stabilität, von multipolarer Ordnung, von westlicher Doppelmoral, von den Folgen der NATO Ausdehnung, von Sanktionen, Energiepreisen und vom Versuch Washingtons, seine Vorherrschaft auch in einer sich wandelnden Welt zu bewahren.

Dieser Bericht versucht, jene andere Sichtweise sichtbar zu machen, die in den Leitmedien der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten nur am Rand vorkommt oder als feindliche Propaganda abgetan wird. Er übernimmt sie nicht unkritisch, stellt sie aber dar. Denn wer den Krieg verstehen will, muß auch die Sprache kennen, in der ihn die andere Hälfte der Welt beschreibt.

Die russischen Angriffe auf die Ukraine

Ende Juni und Anfang Juli setzte Russland seine massiven Luftangriffe auf ukrainische Städte und Infrastruktur fort. Besonders betroffen waren Kiew, Dnipro, Charkiw, Tschernihiw, Saporischschja und Kramatorsk. Nach ukrainischen Angaben wurden dabei in mehreren Wellen Raketen, Marschflugkörper, ballistische Geschosse und eine große Zahl von Angriffsdrohnen eingesetzt. Die ukrainische Luftverteidigung meldete zahlreiche Abschüsse, konnte aber nicht verhindern, daß Raketen und Drohnen Wohnhäuser, Energieanlagen, Lager, Verkehrsknoten und Einrichtungen des öffentlichen Lebens trafen.

Die schwersten Angriffe richteten sich in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli gegen Kiew. Ukrainische Stellen sprachen von einem der größten kombinierten Luftangriffe seit Monaten. Hunderte Drohnen und zahlreiche Raketen verschiedener Systeme seien eingesetzt worden. Ein Teil wurde abgefangen, doch viele Geschosse erreichten ihre Ziele oder stürzten als Trümmer in bewohnte Viertel. In Kiew wurden Wohngebäude, ein Hotel, ein wissenschaftliches Institut, Lagerhäuser und Einrichtungen des Rettungswesens beschädigt. Bilder zerstörter Treppenhäuser, ausgebrannter Wohnungen und verschütteter Bewohner bestimmten die westliche Berichterstattung.

Die russische Darstellung unterscheidet sich grundlegend. Moskau erklärte, es habe sich um Vergeltungsschläge und militärisch notwendige Angriffe auf die ukrainische Kriegswirtschaft gehandelt. Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte eine Liste der Ziele. Genannt wurden Konstruktionsbüros der Rüstungsindustrie, Betriebe zur Herstellung und Reparatur von Waffen, Munitionslager, Treibstoffanlagen, Energieinfrastruktur sowie Einrichtungen, die nach russischer Lesart unmittelbar der ukrainischen Kriegsführung dienten. Diese Liste wurde in russischen Medien, aber auch in chinesischen und einigen nichtwestlichen Kanälen ausführlich wiedergegeben.

Der Unterschied liegt nicht nur in der Bewertung, sondern bereits in der Auswahl der Bilder. Westliche Sender zeigen die zerstörten Wohnungen und die verletzten Zivilisten. Russische Medien zeigen Karten, Ziellisten und Aufnahmen von Explosionen an Industrieanlagen. Chinesische Berichte erwähnen zivile Opfer meist knapper, stellen aber zugleich die Frage nach der militärischen Nutzung städtischer Räume durch die Ukraine. In arabischen Kommentaren wird häufig darauf hingewiesen, daß westliche Staaten in früheren Kriegen ebenfalls Luftangriffe auf Infrastruktur mit militärischer Notwendigkeit begründet hätten.

So entsteht ein doppeltes Bild. Für Kiew und seine westlichen Unterstützer sind die Angriffe ein weiterer Beweis für russische Brutalität und für die Notwendigkeit zusätzlicher westlicher Luftabwehr. Für Moskau sind sie ein Versuch, die militärische Handlungsfähigkeit der Ukraine zu schwächen und den Druck auf eine Regierung zu erhöhen, die nach russischer Darstellung ohne westliche Waffenlieferungen nicht mehr kampffähig wäre. Für Peking, Neu Delhi, Brasilia und viele arabische Hauptstädte sind sie vor allem ein Zeichen dafür, daß der Krieg in eine Phase eingetreten ist, in der keine Seite mehr rasch siegen kann und jede weitere Eskalation die Weltwirtschaft bedroht.

Selenskyj zwischen Verteidigung, Eskalation und Geldsuche

Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte die Angriffe auf Kiew, um seine Forderungen an die NATO und die Europäische Union zu erneuern. Er verlangte zusätzliche Patriot Systeme, mehr Munition, schnellere Finanzhilfen und eine stärkere Beteiligung westlicher Staaten an der ukrainischen Luftverteidigung. Vor dem NATO Gipfel in Ankara wurde die Zerstörung in Kiew zu einem zentralen Argument ukrainischer Diplomatie. Die Botschaft war einfach. Ohne mehr westliche Waffen werde die Ukraine weitere Städte verlieren und ihre Zivilbevölkerung könne nicht geschützt werden.

In westlichen Medien erscheint diese Linie überwiegend als verständliche Bitte eines angegriffenen Staates. In russischen, chinesischen und vielen nichtwestlichen Medien wird sie anders gelesen. Dort gilt Selenskyj weniger als Verteidiger Europas, sondern als Politiker, der den Westen immer tiefer in einen Krieg hineinziehe, dessen Kosten längst nicht mehr nur von der Ukraine getragen würden. Besonders chinesische Kommentatoren warnen, daß immer neue Waffenpakete die Grenze zwischen indirekter Unterstützung und direkter Kriegsbeteiligung verwischen. Russische Stimmen sprechen von einer Politik der Verlängerung des Krieges. Indische und brasilianische Analysen fragen, ob die westliche Finanzierung der Ukraine nicht längst zu einem Ersatz für eine ernsthafte Friedensdiplomatie geworden sei.

Auch die Frage der Finanzierung gewinnt an Schärfe. Die Ukraine ist militärisch, wirtschaftlich und administrativ in hohem Maß von westlicher Hilfe abhängig. In Brüssel und Washington wird diese Hilfe als Investition in die europäische Sicherheit dargestellt. In Moskau und Peking wird sie als Versuch gedeutet, Russland durch einen langen Abnutzungskrieg zu schwächen. In Indien und Brasilien sieht man die Sache nüchterner. Dort interessiert weniger die moralische Erzählung als die Frage, wer am Ende die Rechnung zahlt, wie lange die Finanzmärkte, die Steuerzahler und die Energiepreise diese Last tragen können und ob der globale Süden erneut die Nebenfolgen eines Krieges tragen muß, den er nicht begonnen hat.

Monaco und der Schattenkrieg

Besondere Aufmerksamkeit erregte Anfang Juli die Explosion in Monaco. Ein Sprengsatz detonierte in der Nähe des ukrainisch geborenen Oligarchen Vadym Yermolajew, seiner Partnerin und seines dreizehnjährigen Sohnes. Nach den vorliegenden Berichten wurden Yermolajew und der Jugendliche schwer verletzt. Die Partnerin erlitt schwere Beinverletzungen. Weitere Personen wurden leichter verletzt. Die Ermittler gingen zunächst von einem gezielten Anschlag aus, sprachen aber nicht von Terrorismus im klassischen Sinn, sondern eher von einem kriminellen oder persönlichen Hintergrund.

In der politischen Deutung wurde der Fall sofort Teil des Ukrainekrieges. Yermolajew ist eine Figur aus jenem Grenzbereich von Wirtschaft, Macht, Sanktionen und ukrainischer Innenpolitik, der seit Kriegsbeginn immer stärker internationalisiert wurde. In westlichen Berichten wurde vor allem die kriminelle Dimension betont. In russischen und manchen nichtwestlichen Kommentaren wurde dagegen gefragt, ob sich hier die innerukrainischen Machtkämpfe und Geldflüsse der Kriegszeit nach Westeuropa verlagern.

Der Vorwurf, es handle sich um Selenskyjs Terror in Monaco, ist eine schwere politische Deutung, die in dieser Form von den offiziellen Ermittlungen nicht bestätigt ist. Gerade deshalb muß man sie als Teil eines Informationskrieges behandeln. In russischen und kremlnahen Deutungen wird der Anschlag genutzt, um das Bild einer ukrainischen Führung zu zeichnen, die sich nicht nur an der Front, sondern auch im Ausland rücksichtslos ihrer Gegner und unbequemer Geldfiguren entledige. Westliche Medien weisen solche Lesarten zurück oder erwähnen sie gar nicht. Nichtwestliche Beobachter registrieren jedoch, daß die Grenzen zwischen Krieg, Oligarchenvermögen, Sanktionen, Geheimdiensten und privater Abrechnung immer undeutlicher werden.

Monaco steht damit symbolisch für eine neue Phase des Krieges. Die Ukrainekrise ist nicht mehr nur ein Kampf um Bachmut, Charkiw oder Kiew. Sie berührt Bankkonten, Villen, Häfen, Firmengeflechte und Sicherheitsdienste in ganz Europa. Wer vom Krieg spricht, muß daher auch von Geld sprechen. Und wer vom Geld spricht, muß die Frage stellen, welche Gruppen in Kiew, Moskau, London, Brüssel und an der Riviera am Fortgang oder am Ende dieses Krieges interessiert sind.

Der Zwischenfall über dem Schwarzen Meer

Ein weiterer gefährlicher Vorgang spielte sich über dem Schwarzen Meer ab. Nach britischer Darstellung wurde ein unbewaffnetes Aufklärungsflugzeug der Royal Air Force im internationalen Luftraum von russischen Kampfflugzeugen gefährlich bedrängt. London sprach von aggressiven Manövern und einem Verhalten, das beinahe zu einem Unfall geführt hätte. In britischen Medien entstand daraus das Bild russischer Piloten, die einen Zusammenstoß mit einem NATO Flugzeug riskiert hätten.

Die russische Lesart ist anders. Dort wird die zunehmende Präsenz britischer und amerikanischer Aufklärungsflugzeuge am Rand des Kriegsgebietes als Teil der westlichen Kriegsführung betrachtet. Aus russischer Sicht sammeln diese Maschinen Daten, die später für ukrainische Angriffe auf russische Schiffe, Flugplätze, Radarstellungen und Energieanlagen genutzt werden können. Der Vorfall wird daher nicht als russische Provokation, sondern als Reaktion auf eine britische Annäherung an den Kriegsschauplatz dargestellt.

In manchen russischen Kommentaren wurde sogar von einem britischen Angriff oder zumindest von einer britischen Kampfhandlung im weiteren Sinn gesprochen, weil Aufklärung im modernen Krieg nicht mehr neutral sei. Ein Flugzeug, das Zielinformationen sammelt, gilt in dieser Sicht nicht als bloßer Beobachter, sondern als Teil der Zielkette. Chinesische und arabische Analysen greifen diesen Gedanken auf. Sie verweisen darauf, daß die technische Unterstützung der NATO für die Ukraine längst über klassische Waffenlieferungen hinausgeht. Satelliten, Aufklärungsflugzeuge, elektronische Kampfführung und Echtzeitdaten verändern den Charakter des Krieges, ohne daß die beteiligten westlichen Staaten ihn offiziell Krieg nennen.

Gerade darin liegt die Gefahr. Ein Zusammenstoß über dem Schwarzen Meer, ein abgeschossenes Flugzeug oder eine falsch verstandene Radarbewegung könnten genügen, um aus dem Stellvertreterkrieg eine offene Krise zwischen Russland und der NATO zu machen. In den Redaktionen westlicher Hauptstädte wird dieser Punkt oft mit dem Hinweis abgewehrt, Russland dürfe keine Einflußzonen beanspruchen. In großen Teilen der nichtwestlichen Welt wird dagegen gefragt, ob die NATO ihrerseits akzeptieren würde, wenn russische oder chinesische Aufklärungsflugzeuge in vergleichbarer Weise an ihren Kriegsgrenzen operierten.

Der Iranraum und die Straße von Hormus

Parallel zur Ukraine verschärfte sich die Lage im Iranraum. Seit Ende Februar hatte sich eine militärische Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und der Islamischen Republik Iran entwickelt. Nach schweren Angriffen auf iranische Stellungen, Raketenanlagen, Hafeninfrastruktur und nuklearrelevante Einrichtungen entstand ein brüchiger Waffenstillstand, der jedoch mehr einer Atempause als einem Frieden glich. Der Tod Ali Khameneis und der Aufstieg Mojtaba Khameneis veränderten zusätzlich die innere Machtstruktur Irans. Die Revolutionsgarden traten noch stärker als bestimmende Kraft hervor.

Die Straße von Hormus wurde erneut zum Nadelöhr der Weltwirtschaft. Iranische Kräfte kontrollierten Schiffe, stoppten Tanker und begründeten dies mit Sicherheitsfragen, Sanktionen und angeblichen Verstößen gegen maritime Regeln. Die Vereinigten Staaten antworteten Ende Juni mit Luftschlägen gegen iranische Ziele, unter anderem im Raum Qeschm. Washington sprach von Selbstverteidigung. Teheran sprach von einem Bruch des Waffenstillstands. Israel betrachtete die Operationen als Beleg dafür, daß Iran trotz schwerer Verluste weiter handlungsfähig sei.

In Europa und Amerika steht bei der Iran Berichterstattung meist die Bedrohung Israels und der freien Schiffahrt im Vordergrund. Chinesische Medien betonen dagegen die Gefahr für Energiepreise, Lieferketten und globale Stabilität. Für Peking ist der freie Fluß von Öl und Gas durch Hormus von strategischer Bedeutung. Jeder Angriff, jede Blockade und jeder amerikanische Luftschlag berührt daher nicht nur den Nahen Osten, sondern auch die chinesische Industrie und die Versorgung Asiens.

In der arabischen Welt ist die Sicht besonders gespalten. Einige Golfstaaten sehen Iran als gefährlichen Akteur, der Milizen unterstützt und die Region destabilisiert. Andere Stimmen erinnern daran, daß auch amerikanische und israelische Interventionen die Ordnung des Nahen Ostens wiederholt erschüttert haben. In vielen Kommentaren erscheint der Iran Krieg nicht als isolierte Auseinandersetzung, sondern als Fortsetzung jener Konfliktlinie, die von Irak über Syrien bis Jemen reicht. Der Westen spricht von Sicherheit. Die Region erinnert sich an Besatzung, Drohnenkrieg und zerfallene Staaten.

Die Sicht Chinas, Russlands, Indiens, Pakistans, Brasiliens und der arabischen Welt

China stellt sich in beiden Kriegsräumen als Anwalt von Waffenstillstand, Verhandlungen und strategischer Stabilität dar. Zugleich vermeidet Peking eine offene Verurteilung Russlands und kritisiert die amerikanische Bündnispolitik. Die chinesische Presse sieht im Ukrainekrieg ein Symptom einer überdehnten westlichen Ordnung, die ihre Dominanz nicht freiwillig aufgeben will. Im Iranraum warnt China vor einer amerikanisch israelischen Eskalationslogik, die den Handel, die Energieversorgung und die Sicherheit Asiens gefährdet. Für Peking ist die Straße von Hormus nicht nur ein ferner Schauplatz nahöstlicher Machtpolitik, sondern eine Lebensader der eigenen Industrie. Jede Rakete auf Tanker, jede Sperrung von Seewegen und jeder amerikanische Luftschlag gegen iranische Anlagen wird deshalb weniger moralisch als strategisch gelesen. China fragt nicht zuerst, wer in den westlichen Hauptstädten als Bösewicht gilt, sondern welche Ordnung aus der Krise hervorgeht und ob diese Ordnung noch von Washington allein bestimmt werden kann.

Russland beschreibt den Ukrainekrieg als existentiellen Abwehrkampf gegen NATO Expansion und westliche Einmischung. Die Angriffe auf ukrainische Infrastruktur werden als militärisch notwendig dargestellt. Zivile Opfer werden entweder bestritten, relativiert oder der ukrainischen Luftabwehr und der Stationierung militärischer Einrichtungen in Städten zugeschrieben. Der Westen gilt in dieser Darstellung nicht als Helfer eines angegriffenen Staates, sondern als eigentlicher Dirigent des Krieges. Moskau verweist auf Aufklärungsdaten, Waffenlieferungen, Finanzhilfen und politische Vorgaben aus Washington, London und Brüssel. In dieser Lesart ist Kiew nicht mehr der alleinige Gegner, sondern die vorderste Linie eines westlichen Systems, das Russland militärisch, wirtschaftlich und kulturell zurückdrängen wolle.

Indien nimmt eine Zwischenposition ein. Neu Delhi vermeidet es, sich vollständig auf die westliche Linie festzulegen. Man erkennt die humanitären Kosten des Krieges an, verweist aber zugleich auf Sicherheitsinteressen Russlands, die Rolle der NATO und die Notwendigkeit eines Ausgleichs. Hinzu kommen nüchterne Interessen. Indien braucht Energie, stabile Preise und außenpolitische Bewegungsfreiheit. Eine Welt, in der Washington entscheidet, mit wem gehandelt werden darf, entspricht nicht dem indischen Selbstverständnis einer aufsteigenden Macht. Im Iranraum verfolgt Indien die Lage mit besonderer Sorge, weil jede Erschütterung der Golfregion unmittelbar auf Ölpreise, Seewege und die Versorgung der eigenen Wirtschaft durchschlägt. Die indische Presse spricht daher häufiger von Interessen, Gleichgewicht und strategischer Autonomie als von moralischer Lagerbildung.

Pakistan tritt in der Iran Krise noch deutlicher hervor als Indien. Islamabad hat im Verlauf des Krieges versucht, sich als Vermittler zwischen Washington und Teheran zu positionieren. Pakistanische Diplomatie wirkte an der Herbeiführung von Waffenstillstandsinitiativen mit. Im April 2026 war es der pakistanische Ministerpräsident Shehbaz Sharif, der öffentlich auf eine Feuerpause drängte, kurz bevor eine weitere amerikanische Eskalation drohte. Die spätere Verständigung zwischen den Vereinigten Staaten und Iran wurde ebenfalls mit pakistanischer Vermittlung in Verbindung gebracht. Dabei standen die Öffnung der Straße von Hormus, die Unterbrechung der Kampfhandlungen und der Versuch einer weiterführenden Vereinbarung im Mittelpunkt. ([axios.com](https://www.axios.com/2026/04/07/iran-us-ceasefire-pakistan-two-weeks?utm_source=openai))

Pakistans Haltung ist von einer doppelten Zwangslage geprägt. Das Land teilt eine lange Grenze mit Iran, besitzt enge religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verbindungen in die islamische Welt und muß zugleich Rücksicht auf Saudi Arabien, die Golfstaaten und die Vereinigten Staaten nehmen. Islamabad kann sich daher weder einen offenen Bruch mit Teheran noch eine offene Frontstellung gegen Washington leisten. Pakistan verurteilte Angriffe auf Golfstaaten und bekundete Solidarität mit Bahrain und Kuwait, während es zugleich versuchte, den Krieg nicht in eine umfassende sunnitisch schiitische oder amerikanisch iranische Konfrontation ausweiten zu lassen. Vor den Vereinten Nationen stellte Pakistan Anfang Juli die Gefahr eines größeren Nahostkrieges in den Mittelpunkt und betonte die Notwendigkeit diplomatischer Eindämmung. ([pakistantoday.com.pk](https://www.pakistantoday.com.pk/2026/07/04/pakistan-steps-up-diplomacy-to-avert-wider-middle-east-war-unsc-told?utm_source=openai))

Aus pakistanischer Sicht ist der Iran Krieg auch eine Frage innerer Stabilität. Ein Flächenbrand am Golf kann Energiepreise treiben, Flüchtlingsbewegungen auslösen, religiöse Spannungen verschärfen und die fragile pakistanische Wirtschaft zusätzlich belasten. Zugleich sieht Pakistan in der Vermittlerrolle eine Gelegenheit, internationales Gewicht zurückzugewinnen. Während Europa und Amerika vor allem über Sanktionen, Luftschläge und Bündnistreue sprechen, versucht Islamabad, sich als islamische Atommacht mit Gesprächskanälen nach Teheran, Riad, Doha und Washington zu präsentieren. Gerade darin liegt ein Unterschied zur europäischen Wahrnehmung. Was im Westen oft als Randdiplomatie erscheint, wird in der Region als Versuch verstanden, einen Krieg zu begrenzen, dessen Folgen Pakistan unmittelbar treffen würden.

Brasilien denkt den Krieg vor allem aus der Perspektive des globalen Südens. Dort sieht man in der Ukraine einen tragischen Krieg, aber zugleich auch ein Beispiel dafür, wie europäische Konflikte weltweite Folgen erzeugen. Steigende Energiepreise, Getreidekrisen, Sanktionen und Finanzspannungen treffen Staaten, die weder in Moskau noch in Kiew mitentscheiden. Brasilianische Stimmen betonen daher die Notwendigkeit eines Kompromissfriedens und einer Vermittlung durch Staaten, die nicht unmittelbar dem westlichen Bündnissystem angehören. Brasilien will nicht als Anhängsel Washingtons auftreten. Es sieht sich als Stimme einer Welt, die zwar Völkerrechtsbrüche nicht rechtfertigen muß, aber auch nicht bereit ist, jede westliche Eskalationslogik als Naturgesetz hinzunehmen.

In der arabischen Welt schließlich werden Ukraine und Iran häufig durch die Erinnerung an westliche Interventionen gelesen. Viele Kommentatoren sehen in der Empörung über russische Angriffe eine Doppelmoral, solange die Zerstörungen in Irak, Libyen, Syrien, Gaza oder Jemen anders bewertet wurden. Das bedeutet nicht, daß Russland oder Iran überall geliebt würden. Aber die moralische Autorität des Westens ist in vielen arabischen Öffentlichkeiten beschädigt. Wenn Washington und Brüssel vom Völkerrecht sprechen, erinnern sich viele an jene Fälle, in denen dieses Recht nach ihrer Auffassung beiseitegeschoben wurde.

Besonders kompliziert ist die Lage der mit den Vereinigten Staaten verbundenen arabischen Golfstaaten. Kuwait, Bahrain, Saudi Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sind sicherheitspolitisch eng an Washington gebunden, zugleich aber wirtschaftlich mit Asien verflochten und geographisch der iranischen Reichweite ausgesetzt. In der Iran Krise wurden mehrere Golfstaaten selbst zum Ziel iranischer oder iranisch zugeschriebener Angriffe. Berichte nannten vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Saudi Arabien und Kuwait als Staaten, die Drohnen, Raketen oder Folgewirkungen des Krieges abwehren mußten. Die Golfstaaten forderten daher einerseits Schutz vor Iran, andererseits aber auch Deeskalation, weil ein langer Krieg ihre Häfen, Energieanlagen, Fluglinien, Versicherungen und Finanzmärkte bedroht. ([commonslibrary.parliament.uk](https://commonslibrary.parliament.uk/research-briefings/CBP-10637/?utm_source=openai))

Kuwait verkörpert diese Zwangslage besonders deutlich. Das Emirat ist traditionell auf amerikanische Sicherheitsgarantien angewiesen und sieht iranische Raketen und Milizen mit Sorge. Zugleich weiß Kuwait, daß es im Fall einer offenen amerikanisch iranischen Konfrontation nicht Zuschauer, sondern Schlachtfeld werden könnte. Deshalb verbindet seine Linie Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten mit dem Wunsch nach schneller Eindämmung. Ähnliches gilt für Bahrain, wo die amerikanische Marinepräsenz das Land fest in die strategische Architektur Washingtons einbindet und zugleich zu einem möglichen Ziel iranischer Vergeltung macht.

Die Vereinigten Arabischen Emirate, darunter Dubai und Abu Dhabi, handeln noch stärker aus der Perspektive eines Handels und Finanzzentrums. Dubai lebt von Flugverkehr, Kapital, Häfen, Immobilien, Tourismus und dem Vertrauen internationaler Märkte. Ein Krieg im Golf ist für Dubai deshalb nicht nur eine militärische Gefahr, sondern eine Bedrohung seines Geschäftsmodells. Abu Dhabi wiederum besitzt hochgerüstete Luftabwehr und enge militärische Beziehungen zu den USA, möchte aber zugleich die seit Jahren gepflegte wirtschaftliche Öffnung gegenüber China, Indien und anderen asiatischen Mächten nicht gefährden. Die emiratische Politik wirkt daher nach außen kühl und technisch. Man verurteilt Angriffe, stärkt die Luftabwehr, hält die Verbindung zu Washington offen und sucht zugleich Wege, Iran nicht in eine Lage zu treiben, in der Teheran die Golfmetropolen als bevorzugte Ziele betrachtet.

Saudi Arabien steht zwischen Führungsanspruch und Verwundbarkeit. Riad sieht Iran als Rivalen um die Ordnung des Nahen Ostens, möchte aber nicht wieder in eine regionale Dauerkrise hineingezogen werden. Die Erinnerung an Angriffe auf saudische Energieanlagen ist gegenwärtig. Deshalb unterstützt Saudi Arabien einerseits eine harte Linie gegen iranische Expansion und andererseits diplomatische Initiativen, sobald der Ölmarkt, die Infrastruktur und die eigene Vision wirtschaftlicher Modernisierung bedroht sind. Katar wiederum nutzt seine Kontakte und seine Rolle als Gesprächskanal, um zwischen Lagern zu vermitteln. Doha ist eng mit den USA verbunden, hält aber zugleich Kommunikationswege offen, die in Krisenzeiten wertvoll sind.

So zeigt sich im arabischen Raum keine einheitliche Front, sondern ein Geflecht aus Angst, Kalkül und Erinnerung. Die mit Washington verbündeten Golfstaaten wollen amerikanischen Schutz, aber keinen Krieg, der ihre Städte und Anlagen trifft. Sie mißtrauen Iran, aber sie wissen, daß eine totale Niederlage oder Demütigung Teherans neue Unruhe erzeugen könnte. Sie brauchen die USA, verkaufen Energie nach Asien, reden mit China, beschäftigen Millionen Arbeitskräfte aus Indien und Pakistan und beobachten genau, ob die alte amerikanische Schutzmacht noch jene Berechenbarkeit besitzt, die sie einst versprach.

Gerade diese Vielstimmigkeit unterscheidet die nichtwestliche Wahrnehmung von der oft geschlossenen Sprache der europäischen und amerikanischen Leitmedien. China spricht von Stabilität. Russland von Abwehr. Indien von Autonomie. Pakistan von Vermittlung und Eindämmung. Brasilien von globaler Gerechtigkeit und Verhandlung. Die Golfstaaten sprechen die Sprache der Sicherheit, aber auch die Sprache der Märkte. Die arabischen Öffentlichkeiten erinnern an westliche Kriege und stellen die Frage, warum manche Opfer weltweit betrauert werden und andere nur als Begleiterscheinung der Geschichte gelten.

Die Frage der Kapitulation

Am Ende steht die härteste Frage, die in Europa kaum öffentlich gestellt werden darf. Kann die Kapitulation der Ukraine, ganz oder teilweise, ein Akt politischer Vernunft sein, wenn die Alternative in der fortgesetzten Zerstörung des Landes besteht. Für Kiew ist diese Frage unannehmbar, weil sie nach Verrat klingt. Für viele Ukrainer wäre sie eine moralische Zumutung. Für die westlichen Regierungen wäre sie das Eingeständnis, daß Jahre der Waffenhilfe und Milliardenprogramme keinen Sieg gebracht haben. Und doch taucht sie in nichtwestlichen Debatten immer wieder auf, nicht als Triumph Russlands, sondern als Ausdruck einer bitteren Kostenrechnung.

Was bleibt von einem Staat, wenn seine Städte weiter bombardiert werden, seine Jugend an der Front fällt, seine Wirtschaft nur noch durch fremde Kredite lebt und seine politische Führung jeden Monat neue Waffen und neues Geld verlangen muß. Was bedeutet Souveränität, wenn sie nur unter dem Schutz fremder Raketenabwehr und fremder Haushalte aufrechterhalten werden kann. Und was ist ein Sieg wert, wenn er vielleicht erst nach der inneren Erschöpfung des Landes möglich wäre.

Der Kommentar „Kapitulation als Akt der Vernunft“ auf brunhuber.com stellt genau diese unbequeme Frage. Er fordert nicht den Untergang der Ukraine. Er fragt, ob politisches Denken manchmal dort beginnen muß, wo moralische Parolen enden. Eine Kapitulation wäre erstmal kein gerechter Frieden. Sie wäre ein erster Schritt, die die Grundlage zu Gesprächen zwischen den Kriegsparteien ermöglicht. Die Geschichte kennt Situationen, in denen die Anerkennung einer Niederlage weniger Opfer fordert als ihre endlose Verdrängung.

Ob die Ukraine diesen Weg gehen wird, ob sie weiterkämpft oder ob doch noch ein Verhandlungsfrieden gefunden wird, der ihre staatliche Existenz bewahrt, ist offen. Sicher ist nur, daß jeder weitere Angriff auf Kiew, jeder Zwischenfall über dem Schwarzen Meer und jede neue Krise in Hormus die Welt näher an eine Ordnung bringt, in der Kriege nicht mehr beendet, sondern nur noch verwaltet werden. Der Krieg um die Ukraine und der Krieg im Iranraum sind deshalb mehr als regionale Konflikte. Sie sind Prüfsteine einer Welt, die sich von der alten westlichen Vorherrschaft löst, ohne schon eine neue stabile Ordnung gefunden zu haben.

 Inhaltlich behandelter Zeitraum vom 28. Juni bis zum 7. Juli 2026 um 9 Uhr EET.

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