Impressionistisches Kriegsbild im Stil von Monet das die gleichzeitigen Konflikte in der Ukraine und im Irak zeigt mit zerstörter Stadt im Hintergrund rauchverhangenen Himmel und reflektierendem Fluss als Symbol für die drohende atomare Eskalation und die fragile Hoffnung auf Frieden

Kriegsbericht vom 28 Juni 2026

Das gegenwärtige Kriegsgeschehen in Europa und im Nahen Osten ist von einer außergewöhnlichen Verdichtung politischer und militärischer Risiken geprägt. Im Osten des Kontinents ringt die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit der russischen Armee und deren auf Kriegswirtschaft umgestelltem Land. Gleichzeitig verschieben sich im Irak die innenpolitischen Machtverhältnisse und damit die außenpolitische Orientierung des Landes in Richtung Iran und der Staatengruppe um Russland und China. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie groß die Gefahr eines regionalen Einsatzes von Atomwaffen ist, wenn sich Russland wirtschaftlich und politisch immer stärker in die Ecke gedrängt sieht und seine Nukleardoktrin sichtbar verändert.

Der Krieg in der Ukraine und die neue russische Nukleardoktrin

Der Krieg in der Ukraine hat sich nach den ersten dramatischen Jahren zu einem zermürbenden Stellungskrieg entwickelt. Russische Truppen konnten die ursprünglichen Ziele eines raschen Durchmarsches nicht erreichen und stützten sich in den folgenden Jahren auf schrittweise Geländegewinne und den massiven Einsatz von Artillerie und Raketen.

Die ukrainische Seite wiederum bemüht sich mit westlicher Unterstützung um die Stabilisierung der Front und gezielte Angriffe auf russische logistische und industrielle Ziele.[5][12] Während die Linien am Boden über weite Strecken kaum mehr vor und zurück weichen, hat sich im Hintergrund eine Entwicklung vollzogen, die die Gefahrenlage erheblich verändert. Diese Entwicklung betrifft die russische Nuklearpolitik.

Der Kreml hat im November 2024 eine überarbeitete Fassung seiner offiziellen Grundsätze zur möglichen Verwendung von Atomwaffen veröffentlicht. Dieses Dokument, das den Titel Grundlagen der Staatspolitik der Russischen Föderation im Bereich der nuklearen Abschreckung trägt, weitet die Bedingungen aus, unter denen Moskau den Einsatz von Atomwaffen als gerechtfertigt ansieht. Während die bisherige Fassung im Kern davon ausging, dass Atomwaffen nur dann eingesetzt werden können, wenn die Existenz des Staates akut bedroht ist, spricht die neue Doktrin von kritischen Gefährdungen der Souveränität und territorialen Integrität Russlands oder seines Verbündeten Belarus. Damit verschiebt sich die Schwelle der möglichen Anwendung von einem existenziellen auf einen deutlich breiteren Bereich militärischer Konflikte.

Besonders brisant ist die Formulierung, dass Russland sich das Recht vorbehält, Atomwaffen auch als Antwort auf konventionelle Angriffe einzusetzen, sofern diese als kritisch für die eigene staatliche Souveränität oder die territorialen Interessen bewertet werden. Hinzu kommt die explizite Nennung bestimmter Szenarien. Die neue Richtlinie nennt etwa die zuverlässige Information über einen massiven Start von Luft und Raumfahrtangriffsmitteln, zu denen strategische und taktische Flugzeuge sowie Marschflugkörper und unbemannte Systeme zählen, als möglichen Auslöser für einen Nuklearschlag. Die Sprache der Doktrin zeigt deutlich, dass der Kreml das Zusammenspiel von modernen Präzisionswaffen und eigener nuklearer Abschreckung neu denkt.

Die Analyse des nuklearen Aspekts des Ukrainekriegs in der sicherheitspolitischen Forschung weist darauf hin, dass unser Wissen über die Logik der Abschreckung und des tatsächlichen Einsatzes solcher Waffen nach wie vor begrenzt ist.[2] Die klassischen Modelle, die aus der Zeit des Kalten Krieges stammen, setzen stabile Kommunikationswege und ein hohes Maß an gegenseitiger Rationalität voraus.[2] Der Krieg in der Ukraine aber ist geprägt von asymmetrischen Wahrnehmungen, starker innenpolitischer Symbolik und einer Vielzahl externer Akteure. Dies führt zu einer Lage, in der auch Missverständnisse und Fehleinschätzungen eine Rolle spielen können. Die Tatsache, dass Russland seine Doktrin nun auf Bedrohungen der territorialen Integrität und auf bestimmte Muster konventioneller Angriffe ausweitet, erhöht in dieser Hinsicht die Gefahr, dass ein Vorgang, den westliche Staaten als militärische Unterstützung für die Ukraine verstehen, in Moskau als Vorstufe eines existentiellen Angriffs gewertet wird.

Gleichzeitig bemüht sich Präsident Putin öffentlich darum, den Eindruck eines unmittelbar bevorstehenden Nukleareinsatzes zu zerstreuen. In einem viel beachteten Fernsehinterview erklärte er, in der Ukraine sei bisher keine Notwendigkeit entstanden, Atomwaffen zu verwenden, und er hoffe, dies werde auch nicht der Fall sein. Im selben Gespräch betonte er allerdings, Russland verfüge über genügend Stärke und Mittel, um den begonnenen Feldzug zu einem für Moskau logischen Schluss zu bringen. Diese Mischung aus beschwichtigenden und zugleich selbstbewussten Aussagen ist kennzeichnend für die aktuelle russische Kommunikation. Sie soll einerseits das Bild eines verantwortungsvollen Nuklearakteurs wahren und andererseits die Gegenseite daran erinnern, dass die Möglichkeit eines Einsatzes im Hintergrund stets gegenwärtig bleibt.

Taktische Atomwaffen und regionale Einsatzszenarien

Wenn von der Gefahr eines regionalen Atomwaffeneinsatzes die Rede ist, denken viele Menschen zunächst an strategische Sprengköpfe, die Ballungszentren oder wichtige Industriegebiete betreffen. Die sicherheitspolitische Debatte verweist jedoch darauf, dass im Falle einer Eskalation mit Russland eher mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen zu rechnen wäre. Diese nicht strategischen Waffen sind auf den Einsatz im Gefechtsfeld oder gegen militärische Ziele eingerichtet. Sie haben in der Regel eine geringere Sprengkraft und werden mit kürzerer Reichweite eingesetzt. Russland verfügt nach Kenntnis westlicher Experten über einen umfangreichen Bestand solcher Systeme, von denen mehr als eintausend in Reserve vermutet werden.

Taktische Atomwaffen können in unterschiedlichen Formen auftreten. Sie reichen von Sprengköpfen für Kurzstreckenraketen über Artilleriegranaten bis hin zu Bomben für Kampfflugzeuge.[9] Auch nuklear bestückbare Marschflugkörper fallen in diese Kategorie. Die neuere russische Strategie nutzt zudem konventionell bestückte, aber nuklearfähige Systeme wie den Oreschnik, eine ballistische Mittelstreckenrakete, die im November 2024 erstmals gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt wurde. Dieser Einsatz erfolgte zwar konventionell, doch allein die Einführung eines neuen nuklearfähigen Systems mitten im Krieg wird als eskalierendes Signal verstanden. Die Verbindung von konventionellen und nuklearen Fähigkeiten erschwert zudem die Einschätzung für die Gegenseite. Jeder Start einer solchen Waffe kann im Zweifel als potenzieller Nuklearschlag interpretiert werden.

Die Gefahr eines begrenzten Atomwaffeneinsatzes liegt darin, dass ein solcher Schlag lokal bleiben und sich gegen militärische Ziele richten könnte, gleichzeitig aber die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas erschüttern würde. Fachleute vom Londoner Institut Chatham House weisen darauf hin, dass bisher die Annahme gegolten habe, Russland werde kein Nato Territorium mit Atomwaffen angreifen, da dies eine unmittelbare Antwort des Bündnisses auslösen würde. Sollte es zu einem Einsatz kommen, wäre dieser eher auf ukrainischem Gebiet zu erwarten, mit einem kurzfristig begrenzten militärischen Ziel. Doch die neuere russische Rhetorik richtet sich zunehmend auch direkt gegen Nato Staaten. Damit rückt die Möglichkeit eines Einsatzes in Grenzgebieten oder in Situationen, in denen russische Führung allzu enge Verflechtungen zwischen Nato Aktivitäten und ukrainischer Kriegsführung sieht, zumindest in den Bereich des Denkbaren.

Ein zusätzliches Element in diesem Bild ist die Stationierung russischer taktischer Atomwaffen in Belarus. Seit 2023 hat Moskau damit begonnen, entsprechende Sprengköpfe auf dem Territorium des Verbündeten zu lagern und einsatzbereit zu halten. Die belarussische Führung ließ keine Zweifel daran, dass sie diese Waffen auf ihrem Gebiet als Rückversicherung gegen äußere Bedrohungen betrachtet. Sie erklärte öffentlich, bereit zu sein, sie im Falle einer Aggression gegen das eigene Land einzusetzen. Faktisch bleibt die Kontrolle über die Sprengköpfe in russischer Hand, doch die militärische Lage in Osteuropa hat sich dadurch weiter verschärft. Reichweite und Einsatzmöglichkeiten der in Belarus befindlichen Systeme erlauben Schläge gegen Ziele in der Ukraine und in Nato Grenzstaaten innerhalb weniger Minuten. Die belarussische Gesellschaft wiederum befindet sich in der paradoxen Lage, dass ihr Land einerseits als Gastgeber fremder Atomwaffen fungiert und andererseits dadurch selbst zum möglichen Ziel gegnerischer Präventivschläge wird.

Russland unter Sanktionsdruck und die Angst vor der Ecke

Zur Einschätzung der Atomwaffengefahr gehört auch der Blick auf die innenpolitische und wirtschaftliche Lage Russlands. Seit Beginn der umfassenden Invasion im Jahr 2022 ist das Land mit einer beispiellosen Welle von Sanktionen konfrontiert. Politische und wirtschaftliche Maßnahmen einer Koalition westlicher Staaten haben mehr als sechzehntausend einzelne Restriktionen gegen russische Personen und Unternehmen zur Folge gehabt.[14] Etwa siebzig Prozent der Aktiva im russischen Bankensystem unterliegen inzwischen Sanktionen. Wichtige Finanzinstitute wurden aus internationalen Netzwerken herausgelöst. Ein Preisdeckel für russische Ölexporte und das Einfrieren von Auslandsvermögen haben dem Land geschätzt mehr als fünfhundert Milliarden US Dollar entzogen, die für Investitionen oder den Krieg hätten genutzt werden können.

Russland reagierte auf diesen Druck mit einer umfassenden Umstellung seiner Wirtschaft auf Kriegsproduktion. Die heimische Industrie produziert heute in großem Umfang Waffen, Munition und militärische Ausrüstung, während die zivile Entwicklung nachrangige Bedeutung erhielt. Ein neues Lager von Profiteuren der Kriegswirtschaft ist entstanden, das an einem Fortbestehen hoher Militärausgaben interessiert ist. Damit hat sich die ökonomische Leistungsfähigkeit des Landes zwar partiell stabilisiert, doch die Spielräume für langfristige Modernisierung sind geschrumpft. Schätzungen gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt ohne die militärische Eskalation seit 2014 um bis zu zwanzig Prozent höher liegen könnte.

Gleichzeitig orientierte sich Russland wegen der westlichen Isolation stärker in Richtung China. Der Handel zwischen beiden Staaten erreichte in den vergangenen Jahren neue Rekordwerte. Peking liefert nicht nur Konsumgüter, sondern in erheblichem Maße auch elektronische Bauteile wie Halbleiter, die in russischen Rüstungsprogrammen verwendet werden.[14] China fungiert zudem als Umschlagplatz für Waren westlicher Herkunft, die unter Umgehung von Sanktionen ihren Weg nach Russland finden.] Diese Verschiebung bedeutet, dass Moskau zwar wirtschaftliche Alternativen zum Westen gefunden hat, zugleich aber seine Abhängigkeit von einzelnen Partnern erhöht. Die Vorstellung eines in die Ecke gedrängten Russlands speist sich aus dieser Mischung von wirtschaftlichem Druck und politischer Isolation.

In der Debatte über die Gefahr eines Nukleareinsatzes wird häufig darauf verwiesen, dass eine Großmacht, die sich akut bedroht sieht und keine Aussicht mehr auf konventionellen Erfolg erkennt, versucht sein könnte, mit taktischen Atomwaffen Druck aufzubauen. Der überarbeitete russische Doktrintext scheint dieser Logik nicht zu widersprechen. Die Betonung einer kritischen Gefährdung der Souveränität anstelle eines existenzbedrohenden Szenarios deutet darauf hin, dass Moskau mehr Flexibilität beim Einsatz solcher Mittel beansprucht. Zugleich bemüht sich die Führung, den Eindruck zu vermitteln, sie wolle die nukleare Schwelle nicht leichtfertig überschreiten. Der Verweis darauf, Atomwaffen seien ein Mittel der Abschreckung, dessen Verwendung eine extreme und notwendige Maßnahme bleibe, gehört zur offiziellen Darstellung. In der Praxis hängt vieles davon ab, wie die russische Führung ihre Lage im inneren Kreis bewertet. Der außenpolitische Beobachter sieht nur die publizierten Texte und die sichtbaren militärischen Bewegungen.

Irak zwischen Iran USA und BRICS

Während sich in Europa die Fragen der nuklearen Eskalation stellen, vollzieht sich im Nahen Osten ein leiser, aber bedeutender Wandel. Der Irak, seit Jahrzehnten Schauplatz innerer Spannungen und äußerer Interventionen, versucht sich außenpolitisch neu zu orientieren. Die Forschungsarbeiten zu Bagdads Außenpolitik sprechen von einer Politik der guten Nachbarschaft, die seit 2024 erkennbar wurde. Diese Politik versucht, Beziehungen zu Iran, zur Türkei und zu arabischen Staaten auszubalancieren. Zugleich bemüht sich die Regierung in Bagdad darum, das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten neu zu ordnen.

Die amerikanische Militärpräsenz im Irak, die einst vor allem der Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staates diente, wird derzeit schrittweise reduziert. Ein gemeinsam erarbeitetes Konzept sieht vor, den Auftrag der internationalen Koalition zu beenden und die Beziehung zu einer langfristigen sicherheitspolitischen Partnerschaft umzubauen. Bis 2026 sollen die meisten amerikanischen Truppen aus zentralirakischen Stützpunkten abgezogen werden. Lediglich im kurdischen Norden bleibt vorübergehend eine Anwesenheit bestehen, um die Bekämpfung verbliebener Extremistenzellen zu gewährleisten. Diese Verlagerung zeigt, dass sowohl Washington als auch Bagdad die unmittelbare Bedrohung durch dschihadistische Gruppen als beherrschbar ansehen. Gleichzeitig spiegelt sie den Wunsch des Irak wider, die eigene Souveränität zurückzuerlangen und nicht als bloßes Werkzeug fremder Strategien zu erscheinen.

Doch die irakische Politik ist weiterhin geprägt von einem komplizierten Machtgleichgewicht. Schiitische Parteien und mit ihnen verbundene Milizen verfügen über starken Einfluss. Sie pflegen enge Beziehungen zu Teheran und fungieren teilweise als verlängerter Arm iranischer Sicherheitsorgane. Gleichzeitig existieren sunnitische und kurdische Kräfte, die eher zu arabischen Golfstaaten oder zur Türkei tendieren. Die innenpolitische Auseinandersetzung um Korruption, Zugang zu Ressourcen und die Kontrolle über den Sicherheitsapparat bestimmt die tägliche Politik. Ereignisse, die in der Öffentlichkeit als Putsch oder Säuberung erscheinen, sind vor diesem Hintergrund häufig Ausdruck innerer Machtkämpfe. Sie können jedoch die außenpolitische Ausrichtung des Landes nachhaltig verändern, wenn bestimmte Lager geschwächt oder gestärkt werden.

Ein wichtiges Element in der neuen Ausrichtung ist das Verhältnis zu Iran. Teheran betrachtet den Irak seit langem als Schlüsselstaat seiner regionalen Strategie. Über Milizen, wirtschaftliche Verflechtungen und religiöse Bande übt es erheblichen Einfluss aus. Für den Irak bedeutet dies den ständigen Balanceakt zwischen einer Nachbarschaft, die ökonomisch und energetisch wichtig ist, und einem Druck, bestimmte Entscheidungen im Sinne des iranischen Sicherheitsinteresses zu treffen. Die Vereinigten Staaten wiederum versuchen, die irakische Regierung dazu zu bewegen, die Abhängigkeit von iranischem Gas und Strom zu verringern und die Macht iranisch gestützter Milizen zu begrenzen. Der Irak bewegt sich damit auf einem engen Grat zwischen den beiden größeren Mächten.

Zusätzlich zu diesem Spannungsfeld tritt eine Öffnung in Richtung jener Staaten, die unter dem Namen BRICS eine alternative wirtschaftliche und politische Plattform bilden. Russland, China, Indien, Brasilien und Südafrika bilden den Kern dieser Gruppe, die in den vergangenen Jahren erweitert wurde. Die russische Seite berichtet, dass im Irak ein wachsendes Interesse an dieser Staatengruppe sichtbar wird. Der russische Botschafter in Bagdad schildert, dass viele Iraker Russland als neuen Partner betrachten. Reisen, wirtschaftliche Delegationen und Gespräche über künftige Zusammenarbeit hätten deutlich zugenommen. Der Irak erkenne die Bedeutung Russlands in der BRICS Gruppe und denke darüber nach, sich langfristig stärker in diese Richtung auszurichten.

Ein formeller Beitritt des Irak zu BRICS wäre nach Einschätzung des russischen Diplomaten allerdings mit erheblichen Widerständen seitens der Vereinigten Staaten verbunden. Washington würde einen solchen Schritt als eindeutige Hinwendung zu einem alternativen Block verstehen. Der Irak kann sich eine offene Konfrontation mit den Vereinigten Staaten kaum leisten. Seine Wirtschaft hängt noch immer von westlichen Märkten und von Sicherheitszusagen ab. Dennoch deutet die Interessenlage darauf hin, dass Bagdad mittelfristig versucht, die eigene Außenpolitik zu diversifizieren. Die Beziehung zu China, das im Irak vor allem als Energiepartner auftritt, hat sich bereits deutlich vertieft. Chinesische Unternehmen investieren in die Erschließung irakischer Ölreserven und in die Infrastruktur. Peking verfolgt damit eine langfristige Strategie, die Irak als Teil seines globalen Energie und Handelsnetzes positioniert.

Verknüpfung der Schauplätze und Ausblick

Die hier skizzierten Entwicklungen in der Ukraine und im Irak bilden zwei unterschiedliche, aber miteinander verknüpfte Ebenen der gegenwärtigen Weltlage. In Europa steht die Frage, ob Russland als in die Ecke gedrängte, sanktionierte und militärisch gebundene Macht einen begrenzten Nukleareinsatz als Option sieht, im Raum. Die überarbeitete Doktrin, die Stationierung taktischer Atomwaffen in Belarus und der fortgesetzte Einsatz nuklearfähiger Systeme in der Ukraine deuten darauf hin, dass diese Option aus russischer Perspektive bewusst offen gehalten wird. Die westliche Politik versucht dem mit verstärkter Abschreckung und mit wirtschaftlichem Druck zu begegnen. Die Kunst besteht darin, die ukrainische Verteidigung zu stützen, ohne Moskau in eine Lage zu bringen, in der es den Einsatz von Atomwaffen als einzigen Ausweg betrachtet.

Im Irak dagegen geht es weniger um Atomwaffen als um die Frage, wie sich ein Staat zwischen Iran, den Vereinigten Staaten, China und Russland positioniert. Die innenpolitischen Machtverschiebungen, die banden zwischen Milizen und politischen Parteien und die vorsichtige Annäherung an BRICS deuten darauf hin, dass Bagdad langfristig eine eigenständigere Rolle anstrebt.[6][7][15] Diese Rolle könnte darin bestehen, als Vermittler aufzutreten, der mit Teheran kooperiert und zugleich die Tür nach Washington offen hält. Sie könnte aber auch darin enden, dass der Irak sich stärker an Iran und an das neue Geflecht um Russland und China bindet. In diesem Fall würde er indirekt dazu beitragen, dass der Iran Krieg und die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen eine breitere regionale Basis erhalten.

Für den Leser in Europa bleibt die Aufgabe, diese Vorgänge nicht isoliert zu betrachten. Die Frage nach der möglichen Kapitulation der Ukraine oder nach einer verhandelten Lösung muss auch die Angst vor einer nuklearen Eskalation berücksichtigen. Je näher russische Truppen an Nato Grenzen operieren und je stärker Moskau den Einsatz moderner konventioneller Waffen als potenziell existenzgefährdend interpretiert, desto größer ist die Bedeutung kluger Diplomatie. Gleiches gilt für den Nahen Osten. Die Art, wie der Irak seine Beziehungen zu Iran und zu den BRICS Staaten gestaltet, wirkt unmittelbar auf die Stabilität der Region und auf die Handlungsmöglichkeiten westlicher Staaten. In einer Welt, die zunehmend von Blockbildung und von neuen Formen der Abschreckung geprägt ist, sind die Ereignisse in Kiew und Bagdad keine voneinander getrennten Geschichten. Sie sind Kapitel einer gemeinsamen Geschichte, in der die Frage nach Krieg und Frieden erneut mit der Schattenlinie der Atomwaffen verbunden ist.

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