Impressionistische Weltkarte mit Frontlinien und Menschen in Diskussion um einen Globus, im Monet-Stil mit Lichtreflexen und Kriegsymbolen.

Kriegsbericht vom 17. bis 24. August 2026

Die Welt sieht anders hin

Zwischen Kiew und Teheran ringen die Großmächte um Land, Öl und Deutungshoheit. Doch was in Brüssel als Kampf des Guten gegen das Böse gilt, erscheint in Peking, Delhi und Caracas als etwas ganz anderes: als Geschäft.

In den westlichen Hauptstädten wird mit gewohnter Schärfe über Waffenlieferungen und Sanktionen beraten. Der Blick auf das Geschehen an den Fronten aber bleibt häufig verstellt. Was berichten die Medien jenseits des Atlantiks, jenseits des neuen Eisernen Vorhangs über Europa und den Nahen Osten? Für Milliarden Menschen ist das die maßgebliche Informationsquelle. In Brüssel gilt es allenfalls als Fußnote.

In den ersten Augustwochen verdichteten sich die Anzeichen

Der Ukraine-Konflikt ist in eine neue, gefährlichere Phase eingetreten. Nach monatelangem Stellungskrieg im Osten hat die russische Generalität eine Sommeroffensive begonnen — Artillerie in Masse, dazu neu aufgestellte Drohnenverbände. Zugleich mehren sich Berichte über Gespräche zwischen Moskau und Teheran, die auf engere militärische Abstimmung im Schwarzen Meer und im Kaspischen Becken hindeuten. Im Nahen Osten eskaliert die Lage zwischen Israel und der Hisbollah, der Iran als wichtigster Waffenlieferant der libanesischen Miliz mittendrin.

Die Welt scheint sich an Raketenangriffe und Abwehrsysteme gewöhnt zu haben. Die humanitären Folgen kommen in den internationalen Medien nur noch am Rande vor.
Der folgende Bericht beleuchtet die vergangene Woche aus einer Perspektive, die in europäischen und nordamerikanischen Nachrichtensendern kaum Beachtung findet. Er stützt sich auf Kommentare und Analysen von Medien in China, Rußland, Indien, Pakistan, Südamerika sowie der arabischen Welt.

Eine Vorbemerkung ist nötig. Ein erheblicher Teil der hier referierten Blätter — die russischen Staatsorgane, die chinesischen Parteizeitungen, die iranische Presse — unterliegt der Zensur. Was dort steht, ist nicht Journalismus, sondern Politik in Zeitungsform. Es gibt Auskunft über die Absichten von Regierungen, nicht über die Stimmung von Völkern. Der Leser sei gewarnt.
Gleichwohl zeigt sich: Der Krieg wird in weiten Teilen der Welt nicht als eindeutiger Kampf zwischen Gut und Böse wahrgenommen, sondern als Geflecht geopolitischer Interessen, historischer Konflikte und wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Und die Frage nach einer Kapitulation der Ukraine, in westlichen Debatten meist als unvorstellbar geltend, wird andernorts durchaus erörtert — mit sehr verschiedenen Begründungen.

MOSKAU: Notwehr und geschichtlicher Auftrag

In Moskau gelten die jüngsten Geländegewinne als Beleg für Rußlands historischen Auftrag: die Ukraine vor dem Zugriff des dekadenten Westens zu bewahren.
Die staatlichen Medienorgane verbreiten Siegesmeldungen über die Einnahme weiterer Ortschaften in den Gebieten Donezk und Lugansk. Die Opfer unter der Zivilbevölkerung werden geflissentlich verschwiegen. Präsident Putin, vor dem Föderationsrat, heißt in dieser Sprachregelung der Retter der russischen Welt, die nunmehr auch die Krim und die Hafenstadt Mariupol „endgültig dem Mutterland zurückgeführt" habe.

Die Formel ist verräterisch. Mariupol war zu keiner Zeit russisches Staatsgebiet. Von einer Rückführung kann keine Rede sein; die Stadt wurde nach wochenlanger Belagerung im Frühjahr 2022 in Trümmer geschossen. Auch die Krim gehörte seit 1954 zur ukrainischen Sowjetrepublik und seit 1991 zum ukrainischen Staat, dessen Grenzen Moskau 1994 im Budapester Memorandum ausdrücklich garantiert hatte.

Die westlichen Sanktionen werden als lächerliche Versuche abgetan, die Widerstandskraft der russischen Wirtschaft zu brechen. Gleichzeitig gibt man neue Handelsabkommen mit China und dem Iran bekannt.

In den russischsprachigen sozialen Netzwerken läuft eine massive Kampagne gegen die Regierung in Kiew, die dort durchweg als Marionette der NATO erscheint. Friedensinitiativen aus Stockholm oder Genf werden als gegenstandslos abgetan. In Moskau, so die Sprachregelung, könne nur die vollständige Entmilitarisierung der Ukraine zu einer dauerhaften Lösung führen.
Der Gedanke einer Teilkapitulation Kiews erscheint in russischen Zeitungskommentaren als logische Konsequenz der militärischen Lage. Der Tenor: Die Ukraine sei nach Jahren des Krieges und wirtschaftlicher Ausblutung ohnehin nur noch ein gescheiterter Staat, dessen Führung den Kontakt zur eigenen Bevölkerung längst verloren habe. Moskau erkläre sich zu einem Waffenstillstand bereit, sofern dieser die neuen Verhältnisse an den Fronten widerspiegele. Im Klartext: Abtretung weiterer Gebiete im Osten und Süden.

Die Berichterstattung über den Iran folgt demselben Muster: Solidarität gegen den gemeinsamen Feind. Die Nachrichtenagentur Tass betont die geschichtliche Verbundenheit zwischen Moskau und Teheran, die sich in gemeinsamen Manövern von Schwarzmeerflotte und iranischer Revolutionsgarde zeige. Russische Kommentatoren stellen fest, der Westen offenbare mit seiner Sanktionspolitik gegen beide Länder nur die eigene Schwäche. Das Bündnis gegen die „amerikanische Hegemonie" erscheint dabei nicht bloß als militärische, sondern gleich als zivilisatorische Notwendigkeit.

PEKING: Neutralität mit Vorzeichen

In Peking verfolgt man die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits sieht man in der Schwächung der Vereinigten Staaten durch den Konflikt in Europa eine geschichtliche Chance, die eigene weltpolitische Stellung auszubauen. Andererseits fürchtet man die Eskalation eines Stellvertreterkrieges mit nicht absehbaren Folgen.

Die Nachrichtenagentur Xinhua betont in ihren Leitartikeln stets die Notwendigkeit einer diplomatischen Lösung und warnt zugleich vor weiterer Aufrüstung des Westens, die nur das Leiden verlängere. China bringt sich als Vermittler ins Gespräch. Die eigenen Interessen an stabilen Energieimporten aus Rußland und dem Iran sind dabei unschwer zu erkennen.

In der Parteipresse erscheint die Ukraine als Opfer geopolitischer Machtspiele, der Westen als Verlängerer des Konflikts. Waffenlieferungen aus Washington und Europa gelten als gefährliche Zuspitzung, die nur zu mehr Opfern führe. Gleichzeitig betont Peking seine Bereitschaft zu humanitärer Hilfe. In Kiew betrachtet man solche Angebote mit Skepsis: Man fürchtet, daß Peking letzten Endes doch die russischen Positionen stützt.

Beim Thema Iran gibt sich China pragmatisch. Die offiziellen Medien stellen die Führung in Teheran als wichtigen Partner im Kampf gegen den westlichen Imperialismus dar. Unabhängige Beobachter in Hongkong warnen vor den Risiken einer zu engen Bindung. Ihr Argument: China habe trotz aller ideologischen Solidarität ein handfestes Interesse an stabilen Beziehungen zum Westen, namentlich beim Technologietransfer.

Bemerkenswert: Von einer Kapitulation der Ukraine ist in chinesischen Medien kaum die Rede. Statt dessen betont man die Notwendigkeit eines „tragfähigen Ausgleichs", der die legitimen Sicherheitsinteressen Rußlands berücksichtige. Der Tenor der Parteipresse: Die Ukraine besitze nach Jahren des Krieges ohnehin keine echte Souveränität mehr; eine friedliche Lösung sei nur durch Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew zu erreichen, notfalls unter internationaler Vermittlung, aber ohne direkte Einmischung des Westens.

DELHI: Geschäft vor Gesinnung

Neu-Delhi verfolgt das Geschehen mit einer Mischung aus pragmatischer Distanz und wirtschaftlichem Interesse.

Die indischen Medien berichten durchaus über die humanitäre Katastrophe. Doch die Berichterstattung bleibt weitgehend neutral und richtet ihr Augenmerk auf die Folgen des Krieges für die globale Nahrungsmittel- und Energieversorgung. Ministerpräsident Modi hat sich in einer seltenen öffentlichen Erklärung für eine friedliche Lösung ausgesprochen — und zugleich betont, Indien werde seine nationalen Interessen wahren.

Die indische Rüstungsindustrie zeigt sich erfreut über die steigende Nachfrage nach kostengünstigen Waffen und Ersatzteilen. Indien pflegt enge Beziehungen zu Rußland wie zum Iran und versucht, beide als Handelspartner zu behalten. In liberalen indischen Blättern wird die westliche Ukraine-Politik als kurzsichtig kritisiert: Sie ignoriere die komplexen historischen und ethnischen Konflikte der Region. Offen unterstützt wird eine Kapitulation nicht. Doch in einem Waffenstillstand sieht man die einzige Möglichkeit, die festgefahrene Lage zu durchbrechen. Die Ukraine, so das wiederkehrende Argument, verfüge kaum noch über die Ressourcen für einen Sieg; ein Verhandlungsfrieden sei die einzige realistische Option.

Beim Iran dieselbe Nüchternheit. Offiziell neutral, betonen viele Medien die Bedeutung Teherans als Energieversorger und regionaler Akteur. Wirtschaftsblätter analysieren die Chancen einer engeren Zusammenarbeit — insbesondere beim Hafen Tschahbahar, Indiens Tor nach Zentralasien unter Umgehung Pakistans.

Auffällig: In einigen indischen Kommentaren wird die Kapitulation durchaus als mögliche Lösung erörtert, nicht aus moralischen, sondern aus strategischen Gründen. Der Gedankengang: Eine Kapitulation möge schmerzhaft sein, sei aber immer noch besser als endloses Blutvergießen.

ISLAMABAD: Solidarität und Vorbehalte

In Islamabad betrachtet man den Konflikt mit einer Mischung aus Unverständnis und verhaltener Sympathie für die russische Position. Die großen englischsprachigen Zeitungen greifen dabei ein Motiv auf, das sich durch die gesamte islamische Publizistik zieht: die Verbundenheit mit der muslimischen Bevölkerung der Ukraine. Der Anschluss der Krim an Russland erscheint in dieser Lesart als berechtigte Korrektur historischen Unrechts.

Hier ist Widerspruch geboten. Die muslimische Minderheit der Ukraine sind vor allem die Krimtataren und sie leben nicht in der Ostukraine, sondern auf der Krim. Stalin ließ sie 1944 geschlossen nach Zentralasien deportieren. Zehntausende starben. Erst in den letzten Sowjetjahren durften sie zurückkehren. Auch von dem Referendum 2014 profitierten sie nicht: Ihr Selbstverwaltungsorgan, der Medschlis, wurde von Rußland verboten, Aktivisten verschwanden, wurden verurteilt oder verließen die Halbinsel. Wer die russische Krim-Politik als Schutz der Krimtataren darstellt, kehrt den Sachverhalt um.

Die Regierung unter Premierminister Shehbaz Sharif hat sich offiziell neutral erklärt. In den diplomatischen Hinterzimmern indes wird die russische Position durchaus verstanden.

SÜDAMERIKA: Die Heuchelei des Nordens

Von Caracas bis Buenos Aires gilt der Krieg als weiterer Beweis für die Doppelmoral des Westens: Er predige die Souveränität kleiner Staaten und habe doch in Lateinamerika selbst eine lange Geschichte der Einmischung und Intervention vorzuweisen.

Die großen Tageszeitungen, die argentinische Clarín, die brasilianische Folha de S. Paulo, berichten über die humanitäre Krise. Doch die Kommentare sind durchzogen von grundsätzlicher Zurückhaltung gegenüber der NATO und den Vereinigten Staaten.

In Venezuela sieht man im Krieg eine Chance, die eigene Position im globalen Machtgefüge zu stärken. Der frühere Präsident Nicolás Maduro hatte Rußland wiederholt als natürlichen Verbündeten im Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus bezeichnet. Über die Vorgänge in Caracas seit Jahresbeginn liegen widersprüchliche Angaben vor; gesicherte Erkenntnisse über die derzeitige Führung des Landes fehlen. Fest steht nur: Der außenpolitische Kurs steht unter erheblichem innen- wie außenpolitischem Druck.

Beim Iran dieselbe antiwestliche Grundhaltung. Die Medien betonen Teherans Bedeutung als unabhängiger Akteur und kritisieren die amerikanischen Sanktionen als unmoralisch und kontraproduktiv. Venezolanische Regierungsblätter rechnen vor, welche Chancen sich für Lateinamerika aus engerer Zusammenarbeit ergeben könnten, beim Ölhandel, bei der Technologiekooperation.

Auch hier wird die Kapitulation der Ukraine in manchen Kommentaren als mögliche Lösung erörtert, nicht aus moralischen, sondern aus politischen Gründen. Das Argument: Eine Kapitulation möge schmerzhaft sein, sei aber immer noch besser als ein endloses Blutvergießen, das nur den Interessen des Westens diene.

ARABISCHE WELT: Zwischen den Stühlen

In der arabischen Publizistik werden die historischen Verbindungen zur Ukraine erörtert. Die Schlußfolgerung mancher Kommentatoren: Die Ukraine sei trotz westlicher Unterstützung keine echte Heimat für ihre muslimische Minderheit; die russische Politik gegenüber der Krim schütze die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung.

Auch hier gilt der oben angeführte Einwand. Die Berufung auf den Schutz russischsprachiger Bevölkerungsteile gehört zum Standardrepertoire Moskauer Rechtfertigungspolitik — von Moldau über Georgien bis zum Donbass. Sie ersetzt kein Mandat und begründet kein Recht auf Grenzverschiebung. Zugleich warnen arabische Kommentatoren davor, daß eine zu enge Bindung an Moskau die Beziehungen zum Westen belasten könnte.

Was den Iran angeht, herrscht in der arabischen Welt eine ausgeprägt anti-iranische Haltung vor, besonders in den Golfstaaten. Die Medien betonen die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm und die Unterstützung für Gruppen wie die Huthi-Rebellen im Jemen. Saudische Blätter argumentieren, Teheran verfolge mit seiner aggressiven Außenpolitik eine expansionistische Agenda; die internationale Gemeinschaft müsse endlich handeln.

AFRIKA: Die alte Rechnung

In westafrikanischen Zeitungen findet sich die Feststellung, der Westen offenbare mit seiner Sanktionspolitik gegen Rußland und den Iran nur die eigene Doppelmoral.
Von Kapitulation ist dabei kaum die Rede: Die territoriale Integrität von Staaten wird auf einem Kontinent, dessen Grenzen von europäischen Lineal gezogen wurden, grundsätzlich hochgehalten. Sympathie für die russische Position gibt es gleichwohl, gespeist aus der Kritik an einem Westen, der die Souveränität der Ukraine betont und in Afrika selbst eine Geschichte der Ausbeutung vorzuweisen hat.

KIEW: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Während die internationale Debatte weitergeht, leidet die ukrainische Bevölkerung.

In Kiew und anderen Städten versucht man trotz ständiger Raketenangriffe, den Alltag aufrechtzuerhalten. Die Stimmung aber ist zunehmend von Verzweiflung geprägt. Die russischen Geländegewinne im Osten haben die Moral weiter gedrückt, die Hoffnung auf westliche Wunderwaffen schwindet. Präsident Selenskyj hat in einer Fernsehansprache betont, die Ukraine werde den Kampf fortsetzen. Über Erwägungen in den diplomatischen Hinterzimmern liegen belastbare Erkenntnisse nicht vor.

TEHERAN: Souveränität um jeden Preis

Die iranische Führung hat sich offiziell neutral erklärt. In den diplomatischen Hinterzimmern indes wird die russische Position durchaus verstanden.
Gleichzeitig eskaliert der Konflikt mit Israel. Die Hisbollah im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen agieren als Stellvertreterkräfte. Die Berichterstattung über die Ukraine bleibt weitgehend beschreibend und vermeidet klare Positionierung; die iranischen Medien kritisieren die westliche Unterstützung für Kiew als Heuchelei, von denselben Mächten, die im Nahen Osten eine aggressive Politik betrieben.

Iranische Kommentatoren analysieren die strategische Lage des Landes und kommen zu dem Schluß, Teheran müsse trotz aller Widrigkeiten seine Souveränität verteidigen. Von einer Kapitulation der Ukraine ist auch hier kaum die Rede: Die territoriale Integrität von Staaten wird grundsätzlich unterstützt. Sympathie für Moskau speist sich aus der Kritik an westlicher Doppelmoral.

Beim eigenen Konflikt mit Israel und den Vereinigten Staaten herrscht scharfe antiwestliche Tonlage. Die Medien feiern die Erfolge der Hisbollah und stellen den Iran als einzigen wahren Beschützer der muslimischen Welt dar. Die konservative Presse in Teheran argumentiert, der Westen offenbare mit Sanktionen und militärischen Drohgebärden nur die eigene Schwäche; der Iran werde seinen Weg der Unabhängigkeit weiterverfolgen.

BORYSPIL: Der Krieg der Lastwagen

Eine Entwicklung der vergangenen Woche unterstreicht die wachsende Bedeutung des Drohnenkriegs.

Am 22. August trafen russische ballistische Raketen im Raum Boryspil nördlich von Kiew ein Areal mit zahlreichen Lastzügen. Ukrainische Stellen bestätigten Explosionen, Brände, Tote und Verletzte. Das russische Verteidigungsministerium legte Bilder ausgebrannter Auflieger vor und erklärte, es habe sich um Lastzüge gehandelt, umgebaut für Transport und Start weitreichender Drohnen. Bis zu 40 mobile Startanlagen seien zerstört worden.

Diese Darstellung ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Sie stammt von einer Kriegspartei. Der Vorfall zeigt gleichwohl, wie sehr die Grenzen zwischen ziviler Logistik und militärischer Infrastruktur verschwimmen. Lastwagen und Auflieger lassen sich binnen weniger Stunden zu mobilen Drohnenplattformen umrüsten: schwer aufzuklären, doch hochgradig verwundbar, sobald ihr Standort bekannt ist.

Der Angriff dürfte nicht nur materielle Verluste verursacht, sondern auch die ukrainische Strategie des verteilten, mobilen Drohneneinsatzes unter Druck gesetzt haben. Kiew hat seine Rüstungsproduktion seit Kriegsbeginn konsequent dezentralisiert — weg von den großen Werkshallen sowjetischer Bauart, hin zu Hunderten kleiner Fertigungsstätten, vielfach in Wohngegenden.
Moskau macht daraus einen Vorwurf: Die Ukraine verstecke ihre Waffenschmieden bewußt zwischen Wohnhäusern und nehme zivile Opfer in Kauf, um sie propagandistisch auszuschlachten. Belege für eine solche Absicht hat die russische Seite bislang nicht vorgelegt; unabhängige Beobachter verweisen auf den militärischen Zweck der Dezentralisierung. Unstrittig bleibt allein das Ergebnis: Wo Fertigung und Wohnviertel ineinandergreifen, wird jeder Treffer zum Streitfall und jede Opferzahl zur Waffe im Informationskrieg.

Die Kapitulation als Akt der Vernunft?

Bleibt eine bittere Erkenntnis: Während die Mächtigen um die Deutungshoheit ringen, leiden die einfachen Menschen in der Ukraine und im Nahen Osten unter den Folgen. Ob eine Kapitulation der Ukraine wirklich der Akt der Vernunft ist, den einige in ihr sehen, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist: Jeder neue Angriff, auf Wohngebiete, Verkehrswege, Lagerhallen oder mutmaßliche Drohnenstützpunkte, erhöht die Gefahr weiterer Eskalation.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die internationale Gemeinschaft den Mut aufbringt, diese Frage zu stellen und nach einer Lösung zu suchen, die das Leid beendet, ohne die staatliche Souveränität der Ukraine und ihre Würde vollständig zu zerstören. Boryspil macht deutlich: Der Krieg wird längst nicht mehr allein an den klassischen Frontlinien entschieden. Weitreichende Drohnen, mobile Startanlagen, die Verwundbarkeit logistischer Netze prägen ihn zunehmend.

Die Welt braucht dringend eine Lösung, die das Blutvergießen beendet, bevor noch mehr Menschen zu Opfern eines Konflikts werden, dessen Folgen weit über die Ukraine hinausreichen. Während in den westlichen Hauptstädten über weitere Waffenlieferungen mit gewohnter Inbrunst gestritten wird, mehren sich weltweit die Stimmen, die eine andere Lösung fordern. In Moskau und Peking wird über einen Waffenstillstand nachgedacht, der die Abtretung weiterer ukrainischer Gebiete vorsehen könnte. In Neu-Delhi und Islamabad sieht man darin die einzige Möglichkeit, die festgefahrene Lage zu durchbrechen. Selbst in einigen europäischen Ländern werden kritische Stimmen lauter.

Auf der Website brunhuber.com vertritt ein Kommentar die These, eine Kapitulation der Ukraine sei unter bestimmten Bedingungen nicht nur vertretbar, sondern notwendig, um weiteres Leid zu verhindern. Der Autor argumentiert, die westliche Strategie, die Ukraine zum Sieg zu führen, sei unrealistisch und fordere nur weitere Opfer. Statt dessen solle man die Realität anerkennen und einen Waffenstillstand aushandeln.

Die Reaktionen sind entsprechend geteilt. In Rußland und China begrüßen manche Kommentatoren die Idee, andere sehen darin Verrat. In der Ukraine selbst stößt sie auf von vehemente Ablehnung, aus Furcht, eine Kapitulation führe zur vollständigen Besetzung des Landes bis zur Zustimmung, um weitere Tote zu verhindern.


Unabhängig von der Bewertung zeigt der globale Diskurs: Die Frage ist längst nicht mehr tabu. Ob sie deshalb schon richtig gestellt ist, steht auf einem anderen Blatt.

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